Wer an das Gute im Menschen glaubt, hat es oft schwer

18. August 2015 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Unser heutiger Beitrag ist einem liebenswerten älteren Herrn gewidmet, der vor 17 Jahren begann, für seine Mitbürger etwas zu schaffen, was für alle Altersklassen in seiner Region eine echte Bereicherung darstellt. Und eigentlich kann man ihm nur danken, und froh sein, dass es Menschen wie ihn gibt. Eigentlich.

Es begann vor 17 Jahren, als die Nichte von Herrn L. (der sehr bescheiden ist, also nennen wir ihn Herr L.) zu Besuch kam, und ihm sagte, sie habe etwas entdeckt. Einen Baggersee, der so ein einladend grün-blaues Wasser hat, jedoch fast unbegehbar ist…

mit scharf abfallenden Kanten, rauh, und in seiner dammartigen Umrandung kahl und abweisend. Er kannte diesen Baggerse, war er doch schon lange hier, in der Umgebung von Woringen, nur hatte er, wie auch die meisten anderen, ihm kaum Beachtung geschenkt, eben weil er praktisch unbegehbar war. Nun sah er ihn das erste Mal durch die Augen seiner Nichte und stellte sich vor, wie es wohl sein könnte.

Baggersee bei Memmingen
Baggersee bei Memmingen

Gemütlicher hätte er es auf seinem Sofa zu Hause gehabt, aber unser Herr L. hat sich seither zur Aufgabe gemacht, ehrenamtlich und in Eigeninitiative einen netten Badesee mit Freizeitgelände zu schaffen, von dem alle in der Umgebung profitieren können. Als Rentner hatte er bereits in seinen 2 Jobs Erfahrung gesammelt, Außenanlagen in Stand zu halten. Nur war dies hier ein ganz anderes Kaliber. Hier musste massiv Erde bewegt werden, um begehbares Terrain zu schaffen, und eine Art Rampe zu bilden, durch die man freien Zugang zum See hat. Noch allein, organisierte er genau das, schuf die Grundlage, und bezahlte aus eigener Tasche.

Ein weiteres sympathisches älteres Ehepaar  wird 1 Jahr später aufmerksam, und hilft ihm, bis sie selbst aus Altersgründen nicht mehr konnten. Herr L. baute eine langgezogene Treppe auf der geschaffenen Rampe hinunter zum See, um sie eines Tages völlig zerstört wiederzufinden. Irgend jemand, dem es offensichtlich an Respekt und Wertschätzung mangelt, hatte über Nacht wieder alles zerstört. Andere hätten aus Wut und Enttäuschung geheult und alles stehen und liegenlassen, so nicht Herr L.

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Er baute die Treppe noch einmal, und im Anschluss daran mit eigenen Händen eine Bank, die er eines Tages über einem verglimmten Lagerfeuer völlig verbrannt wiederfand. Aber er gibt nicht auf, und baut 2 Bänke, die er mit viel Aufwand in der Erde verankert, und dazu noch eine weitere Treppe, die vom Damm nach unten ins Gelände führt.

Irgendwann wird eine Person vermisst, und man vermutet, dass sie im See verschwunden sein könnte. Große Wagen fahren an, und hinterlassen tiefe Rillen auf dem Gelände. Die Person wurde nicht gefunden, sondern später an einem anderen Ort. Mit ca. 60 Schubkarren Humus ebnet Herr L. das Terrain wieder, mit Blasen und Schwielen an den Händen. Niemand bezahlt ihn dafür, und das Land gehört ihm nicht, aber mittlerweile wird die Gemeinde auf ihn aufmerksam und unterstützt ihn. Der vorige Bürgermeister Samuel Glatz, jetzt Altbürgermeister der Gemeinde, stellt einen Teil seines privaten Grundstückes als Parkplatz zur Verfügung. Herr L. errichtet 2 chemische Toiletten, die er eines Morgens mitsamt dem Inhalt im See wiederfindet.

Aber auch das stoppt ihn nicht, ein guter Mensch glaubt an das Gute im Menschen, und Herr L. stellt die Toiletten wieder auf, säht Gras und pflanzt Bäume, Flieder und Achelaien. Seit Jahren nun sammelt er jeden Tag auf dem Kalender mindestens 1 große Mülltüte voll Unrat und 1-2 Eimer leerer Flaschen vom Gelände, schneidet die Bäume und pflegt das Gelände. Ich frage ihn, warum er nicht einen Mülleimer aufstellt. Er schüttelt den Kopf und sagt, er habe das versucht, aber dann müsse er jeden Tag 3 Müllsäcke wegtragen, weil alle alles hinterlassen.

Baggersee bei Memmingen
Baggersee bei Memmingen
Baggersee bei Memmingen
Baggersee bei Memmingen

Er stellte ein Gefäß aus Metall auf, wo Besucher ein paar Münzen hineinwerfen können, um einen kleinen Beitrag zu leisten für seine Bemühungen. Als ich ihm sage, dass ich bisher dreimal dort war, und immer eine Münze hinterlassen habe, lächelt er und sagt, „da sind Sie eine der wenigen, die das tut. Ich finde vor allem Zigarettenstummel und Kronkorken darin. Aber ich freue mich über jede Münze, die ich zwischen den Kronkorken finde, weil sie mir sagt, dass es doch Menschen gibt, die es wertschätzen“. Ich bin beschämt über seine Güte und Bescheidenheit, und auf dem Heimweg bewegt mich der Gedanke, wie man einen Menschen wie ihn nicht für das lieben kann, was er tut, einen Mitbürger, der nichts anderes verdient hat als Hochachtung,  Wertschätzung und Respekt.

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