Der Arbeitsmarktbericht von August für Memmingens Wirtschaftsraum

3. September 2015 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Zu Beginn der Haupturlaubszeit nahm die Arbeitslosigkeit im Wirtschaftsraum Memmingen zu. Horst Holas, stellvertretender Leiter  der Agentur für Arbeit Kempten-Memmingen, begründet das damit, dass sich junge Menschen in den Monaten Juli und August nach Abschluss ihrer betrieblichen Ausbildung melden, weil sie entweder vom bisherigen Betrieb nicht übernommen wurden oder eigene Pläne für ihre berufliche Zukunft haben. Aufgrund ihrer aktuellen Kenntnisse haben sie jedoch gute Chancen auf eine neue Beschäftigung, und so Mancher strebt hingegen

den Besuch einer weiterführenden Schule oder ein Studium an.

In Zahlen ausgedrückt heißt das, dass die Arbeitslosenquote im August bei 2,8% lag, also etwas höher als noch im Juli. 1.754 Menschen waren bei der Arbeitsagentur und in den Jobcentern arbeitslos gemeldet (130 mehr als im Juli). Davon 286 Neumeldungen, die zuletzt eine Erwerbstätigkeit ausgeübt hatten. In der Altersgruppe der unter 25 Jährigen waren gut 100 Kräfte mehr arbeitslos als noch im Vormonat. Gleichzeitig beendeten 220 Personen ihre Arbeitslosigkeit und begannen eine neue Beschäftigung. Dass es mit einer neuen Beschäftigung schnell gehen kann, zeigen die Beispiele eines Bürokaufmanns, eines Speditionskaufmanns und einer Industriekauffrau, die aufgrund frühzeitiger Kontaktaufnahme mit der Arbeitsagentur nahtlos in eine neue Beschäftigung vermittelt werden konnten, ohne dass Arbeitslosigkeit überhaupt eintrat.

Was sagt uns das?
Zum Beispiel sagt uns das, dass ca. ein Sechstel der 1.754 arbeitslos gemeldeten Neumeldungen sind, dass das „Sommerloch“ vermehrt junge Arbeitskräfte betroffen hat, und dass es etwas mehr neue Arbeitslose gab als die, die neue Anstellungen fanden. Es sagt uns aber auch, dass es sich immer lohnt, zumindest parallel zur Direktbewerbung auf den Firmenwebseiten oder über andere Vermittlungseinrichtungen, sich frühzeitig an die örtliche Agentur für Arbeit und ihre Jobcenter zu wenden.

Weiter mit den Fakten:
Den 1.754 arbeitslos gemeldeten gegenüber stellten Arbeitgeber insgesamt 1.092 Stellenangebote zur Verfügung (46 mehr als im Juli). Die Nachfrage nach Arbeitskräften blieb weiter lebhaft: Betriebe stellten 326 Beschäftigungsmöglichkeiten neu zur Verfügung, elf mehr als im Juli. Der Produktionssektor war darin gut vertreten, und allein in der Metall- und Elektrobranche gaben Arbeitgeber 60 zusätzliche Stellenangebote zur Besetzung auf. Daneben blieben Fachkräfte für Tätigkeiten im Logistiksektor gefragt, sei es als Berufskraftfahrer oder Fachlagerist. Für qualifizierte Tätigkeiten gestaltet es sich zunehmend schwierig, aus dem Kreis der arbeitslos gemeldeten Menschen geeignetes Personal für  Betriebe zu gewinnen.

Diagramm Arbeitsmarkt Memmingen August 2015
Diagramm Arbeitsmarkt Memmingen August 2015

Vor allem die Gegenüberstellung von arbeitslos gemeldeten und angebotenen Stellen, und der Tatsache, dass trotz eines doch großen Angebotes an offenen Stellen wenige eine neue Anstellung fanden, wirft ein paar Fragen auf, die sich sicher auch die Betroffenen selbst oft stellen, wie zum Beispiel:

Haben wir die „falsche“ Ausbildung gemacht für unsere Region? Oder sind wir wählerischer geworden? Wenn ja, können wir uns das leisten? Wenn auch diese Frage mit ja beantwortet werden kann, wäre es da nicht eine Überlegung wert, andere Wege zu finden, als zu warten, bis uns der „richtige“ Job über den Weg läuft? Und: muss ich eigentlich das Gleiche suchen, was ich vorher gemacht habe? Wenn nein, wie kann ich meine Ausbildung und gewonnene Erfahrung besser nutzen und sogar dazugewinnen, jetzt, wo ich wieder vor der Entscheidung stehe?

Ich denke an all die „Start-ups“, die gerade in Deutschland wie Pilze aus dem Boden zu schießen scheinen, wo es eine zündende Idee gab, und jemand, der sich eine Garage gemietet hat oder einen Schuppen, und einfach anfing. Andere, ergänzende Kräfte gesellten sich dazu oder wurden gesucht, und da war es, das neue Unternehmen. Also vielleicht selbständig machen? Und: ist es nicht sogar vielleicht berechtigt, wählerisch zu sein?

Aber ich denke auch an Weiterbildung, an Fernstudium, oder an neue Kombinationen. Wie oft lese ich in Fachmagazinen, dass im Moment gerade die große Chancen haben, die zwei auf den ersten Blick unkombinierbare Ausbildungen oder eine Auslildung + andere Berufserfahrung haben, und ganz neue Wege beschreiten, oder Mr. Social auf Mrs. Business trifft und die zündende Idee für FoodLoop entsteht oder für das Crowdfunding, oder ein gelernter Landwirt auf einer Reise nach Peru die Idee bekommt, Kleinstwasserkraftwerke zu entwickeln, oder der gelernte Bankkaufmann, der seine Leidenschaft für einen nachhaltigen Lebensstil entdeckt, und heute erfolgreich Unternehmen berät, bei der strategisch-nachhaltigen Ausrichtung.

Einzelfälle? Hinter den modernen Erfolgsgeschichten stecken Menschen wie Du und ich, die irgendeinen Beruf gelernt haben und ihn vielleicht auch ausgeführt haben. Was sie unterscheidet ist, dass sie eine Idee, die sie einmal hatten, nicht einfach übergangen und als verrückt erklärt haben, sondern ihr nachgingen, sie vertieft haben, den Mut zum Unkonventionellen und Durchhaltevermögen hatten, und sich verbündeten mit ergänzenden Kräften. Was ist eine bessere Antriebsfeder als eine Leidenschaft, ein Talent, eine Vorliebe oder ein großes Interesse an etwas bestimmten? Es sind unversiegbare Quellen, die uns angeboren sind. Sie nicht zu nutzen grenzt an Verschwendung.

Manche haben Ideen, manche haben Talente. Das muss nicht immer heißen, umzuschulen oder den Beruf zu wechseln, es ist auch nicht jeder dazu gemacht selbständig etwas auf die Beine zu stellen.
Ich denke nur, dass man gerne dazu tendiert, das „Gleiche“ wieder zu suchen, was man gerade vorher gemacht hat, aber ich glaube, dass wir uns gar nicht oft genug fragen können, was eigentlich unsere mehr oder weniger versteckten Talente sind, denn wie oft versucht man sich in Rollen zu pressen, die andere besser bekleiden könnten, und wir hingegen andere Rollen. Und das sind manchmal Nuancen bzw. Ausrichtungen: nehmen wir EDV als Beispiel. Drei studieren an der gleichen Schule, haben also die gleichen Voraussetzungen. Einer davon hat aber auch ein kaufmännisches Talent, um auch das zu nutzen, ohne den Beruf zu wechseln, kann er IT-System-Kaufmann werden, berät das eigene Unternehmen oder Kunden beim Kauf von Computern, Netzwerken und Software. Der Zweite ist eher der „Nerd“, und geht in Richtung Fachinformatiker Anwendungsentwicklung. Der Dritte hat eine kreative Ader und kann sich ausrichten auf Mediengestalter Digital und Print, und erstellt und entwickelt Internetseiten, Plakate oder Zeitschriften, und das besser, als er als Entwickler wäre.

Jeder von uns hat neben seiner beruflichen Ausbildung Talente, und viele davon könnten unsere erlernten Berufe bereichern, unsere berufliche Reichweite erhöhen, oder zu etwas Einzigartigem machen, was nur wir vorzuweisen haben. Eine zusätzliche Sprache, ein Organisationstalent in einem handwerklichen Beruf, ein handwerkliches Talent in einem wissenschaftlichen Beruf. Was oft fehlt sind Nachweise, denn dann heißt das Talent Spezialisierung, und das ist gefragt.

Wir mögen in Memmingen sehr knapp bemessen sein mit Hochschulen, aber oft würde ein  zertifizierter Abendkurs reichen, oder eine der vielen angebotenen Weiterbildungsmöglichkeiten, und wenn das auch nicht reicht, können wir heute ganz bequem von zu Hause aus studieren: es gibt ein reichhaltiges Angebot an Fernstudiengängen deutscher Hochschulen, vom einjährigen Studium (verlängerbar) mit staatlich anerkanntem IHK Zertifikat bis zum Master. Die Studiengänge sind vielfältig und äußerst flexibel, man kann sich die Zeit in einem erweiterbaren Rahmen selbst einteilen, hat jährlich 1-2 Präsenzseminare, und auch die kann man schieben.

Diagramm 2 Arbeitsmarkt Memmingen August 2015
Diagramm 2 Arbeitsmarkt Memmingen August 2015

Für jugendliche Bewerber um Ausbildungsplätze zeigt unser Wirtschaftsraum ein durchaus erfreuliches Bild, denn hiesige Unternehmen haben dem Arbeitgeberservice bis zum August 1.176 Ausbildungsplätze zur Verfügung gestellt. Knapp 800 junge Menschen meldeten sich bei den Berufsberatern als Bewerber um eine Ausbildungsstelle, 271 Ausbildungsplätze sind noch nicht besetzt. Gleichzeitig hatten im August 112 junge Menschen noch keine ihren Wünschen entsprechende Ausbildungsstelle. Also doch wählerisch?

Ob zu Recht oder aus reinem Luxus, weil wir es können, fest steht, dass gerade von der Generation Y (zwischen 1980 und 2000 geboren) gesagt wird, dass sie uns eine anstehende wirtschaftliche und gesellschaftliche Wende einläuten wird. Die beiden Historiker Neil Howe und William Srauss haben diesen Begriff nicht nur geprägt, weil er nach dem X kommt, und die vorige Generation damit bezeichnet wurde, sondern vielmehr weil Y im Englischen wie „Why“ (warum) ausgesprochen wird. Während der Generation X nachgesagt wird, dass viele Erwerbstätige  hart zu sich selbst sind und die Arbeit als das Maß aller Dinge ansehen, brennen der Generation Y Fragen auf der Seele wie „Ist es sinnvoll, beispielsweise in einer Werbeagentur täglich Zwölfstundenschichten zu schieben, bis auch die Werbekampagne für das überflüssigste Videospiel fertig ist?, oder: „Gab es da neben der Arbeit nicht noch ein paar andere Dinge, die wichtig sind, wie Familie, Gesundheit, oder Engagement für die Umwelt?“, oder: „Macht es Sinn, irgend einem Job nachzugehen, oder macht es nicht viel mehr Sinn im Berufsleben etwas zu bewegen, und Freude an der Arbeit zu haben?“, und „Warum soll Arbeit mit flexiblen Arbeitszeiten und teilweise vom Homeoffice weniger verantwortungsbewußt oder weniger effektiv sein?“, oder „Bedeutet ein dauerhaft hohes Überstundenkonto wirklich bessere Arbeitsergebnisse, oder ist ein gesunder und sozial ausgeglichener Mitarbeiter nicht langfristig produktiver?“

Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich bin auf positive Weise gespannt, wie unsere Memminger Generation Y mit all den neuen Herausforderungen umgehen wird.

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