Zwischen Hoffnung, Angst, Freude und Erschöpfung

8. September 2015 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Sicher geht es Ihnen wie mir, es brennen mir so viele Fragen auf der Leber, wie: wie sind die Flüchtlinge in Memmingen aufgenommen worden, wie geht es ihnen, wie werden sie versorgt, wer versorgt sie und womit, was fehlt, wie ist die medizinische Versorgung, welche Sprache sprechen sie, wie wird mit ihnen kommuniziert, und wie geht es weiter? So viele, dass ich nicht weiß, an wen ich mich zuerst wenden soll. Im Ausländeramt erfahre ich zufällig von einem Presse-Ortstermin heute um 11:00 Uhr und mache mich gleich auf

zur Johann-Bierwirth-Schule. Als ich am Parkplatz des BBZ ankomme, erwarte ich Kameras, ein Filmteam und wartende Presseleute, aber ich sehe niemanden. Also laufe ich mit Kamera und Presseausweis weiter Richtung Eingang der Turnhalle. Unterwegs sehe ich ein paar spielende Kinder und ein paar vereinzelte Flüchtlinge. Auf dem kleinen Fußballfeld neben der Turnhalle sind dann schon mehrere zu Gange: ein paar Jungs spielen Fußball, und ich höre Rufe in einer arabisch klingenden Sprache, Worte in Französisch und in gebrochenem Englisch. Toll, denke ich mir, dass sie das Fußballfeld geöffnet haben, so können sie sich aufwärmen, oder austoben, oder einfach spielerisch Kontakt zu anderen aufnehmen. Fotos mache ich noch keine, denn der Herr Neß vom Ausländeramt wird uns zuerst einweisen, wovon wir Fotos machen können, und wovon nicht. Es kommen mir Zweifel, aber ich schiebe sie beiseite, denn grundsätzlich glaube ich an diesen Staat, an dieses Land, denn auch wenn es Dinge gibt, die Verbesserung bedürfen, ist es doch ein Land, das im Vergleich zu sehr vielen anderen vorbildlich und freiheitlich und funktioniert. Nicht umsonst suchen so viele gerade bei uns Zuflucht.
Also beobachte ich, und laufe Richtung Turnhalle. Nun kommen mir auch junge und ältere Frauen mit Kindern entgegen, und ich bemerke, dass sie dankbar jedes freundliche Lächeln meinerseits mit einem scheuen Lächeln beantworten.

Flüchtlings-Notfallerstaufnahme in Memmingen
Flüchtlings-Notfallerstaufnahme in Memmingen

Auch am Eingang der Turnhalle sehe ich nur die freundlichen Helfer des Bayrischen Roten Kreuzes und beginne ein Gespräch mit dem gleichen sympathischen Herrn, der mir am Donnerstag letzter Woche (siehe Bericht vom 04.09.) das überfüllte Sachspendenlager und den schon bereitstehenden LKW gezeigt hatte. Ich erfahre, dass der Pressetermin auf 11:30 Uhr angesetzt wurde, und kann meine Fragen einfach nicht mehr zurückhalten.

Es ist das erste Mal in der nahen Vergangenheit, dass Memmingen eine größere Menge an Flüchtlingen nicht-europäischen Ursprungs erstaufnimmt, und meine erste Frage ist, wie denn die Organisation funktioniert hat. Ich bin froh zu erfahren, dass soweit für alles gesorgt ist, und dass es trotz des vorgezogenen Termins toll geklappt hat. Die ersten Busse mit Flüchtlingen wurden erst am Sonntag erwartet, und nur sehr kurzfristig wurden am Freitag alle Beteiligten informiert, dass es auf Grund der sich zuspitzenden Asylsituation und der Ankunft vieler in München, eine vorgezogene Zuweisung an Flüchtlingen bereits am Samstag erfolgen wird. Trotzdem standen am Samstag Früh die Helfer aller Hilfsdienste, der Stadt Memmingen und alle eingeteilten Ärzte bereit, sowie alle wichtigen Hilfsmittel. Nur Kinderbetten und Kinderunterwäsche musste nachgekauft werden.

Für die 2 Ankunftstage wurden Teams gebildet, und es wurden mehr Dolmetscher angeheuert und gefunden als letztlich gebraucht wurden, da einige erwartete Sprachen nicht vertreten waren. Dennoch: die Neuankömmlinge in Memmingen kommen aus 18 verschiedenen Nationen, und es stehen uns eine Menge Dolmetscher zur Verfügung, um die Flüchtlinge optimal einzuweisen in technische Abläufe, wie zur Verfügung stehende Gerätschaften und Einrichtungen zu handhaben sind, und sie ausreichend informieren zu können, welche Prozeduren wozu nötig sind, und wie es nun für sie weitergeht. Die meist gesprochenen Sprachen sind kurdisch und arabisch, die wohl im Moment am meist gebeutelten Kriegsschauplätze.

Flüchtlings-Notfallerstaufnahme in Memmingen
Flüchtlings-Notfallerstaufnahme in Memmingen

Der erste Bus rollte am Samstag um 09:15 Uhr an, der zweite um 12:00 Uhr. Am Sonntag weitere. Die Malteser kümmerten sich um die Registrierung, die Johanniter um die Verköstigung, das Bayrische Rote Kreuz um die sanitätsdienstliche Absicherung (z.B. Duschen und Hygiene) und die Bekleidung, die so reichhaltig und großzügig von Memminger Mitbürgern gespendet wurde.
Ca. 70 Helfer insgesamt sind vor Ort oder im Hintergrund zu Gange, ca. 40 vom DRK, weitere 30 vom Malteser Hilfsdienst, den Johannitern und der Stadt Memmingen. Alle Flüchtlinge wurden bei ihrer Ankunft in München bereits durch Screening medizinisch untersucht, behandelt werden sie jedoch seit Samstag hier von unseren Ärzten in der Eingangssprechstunde. Es besteht jedoch kein Grund zur Sorge, es sind keine schweren Fälle darunter, es waren demnach keine größeren Behandlungen notwendig und ein Großteil wurde bereits am ersten Tag behandelt.

Was sind ihre Eindrücke? Die Flüchtlinge waren anfangs sehr verängstigt. Sie wussten nicht, will man ihnen Gutes oder Böses. Angesichts der Sprachbarriere, denn die Dolmetscher können nicht immer überall sein, griffen er und seine Kollegen des BRK auch zu bildhaften Mitteln, um ihnen ihren guten Willen zu zeigen: zum Beispiel erinnerten sie sich, dass Kollegen gerade in einem arabischen Land sind, und zeigten ihnen Videos auf dem Handy und Fotos, was sie erwärmen ließ…Die meisten sind wohl Schlimmes gewöhnt.

Mittlerweile ist Herr Neß vom Ausländeramt angekommen, und wir bewegen uns ins Innere der Turnhalle in den langen Gang, von dem aus man freie Sicht hinunter zur Turnhalle hat. Die Halle ist mit einer provisorischen Wand getrennt: auf einer Seite ist der Schlafbereich, auf der anderen der Verköstigungsbereich mit Biertischen und Bierbänken. Als erstes erfahren wir hier nun den Grund, warum nicht alles fotografiert werden soll: die Privatsphäre der Flüchtlinge soll gewahrt werden. Die Schlafstädten sollen also ausgespart werden, denn wer will schon Fotografen in seinem Schlafzimmer? Vielleicht hier vorn, die paar Betten, die leer sind, sonst den Verköstigungsbereich ja, besser jedoch Fotos von der Ferne, denn eventuell Verfolgte sollen geschützt werden. Das verstehen wir!

Flüchtlings-Notfallerstaufnahme in Memmingen
Flüchtlings-Notfallerstaufnahme in Memmingen

Und wir erfahren von ihm weiteres: am Ankunftstag wurde ein Bereich im Freien eingerichtet, in dem die Flüchtlinge erst einmal verköstigt wurden. Sie froren vor Hunger und Erschöpfung, und so wurde zusätzlich ein Zelt aufgestellt, das beheizt wurde. Sie wurden von dem städtischen Team abgeholt, registriert und eingewiesen, verköstigt, Duschen wurden zur Verfügung gestellt und der lang ersehnte Schlafplatz zugewiesen. Einige von ihnen hatten 50 km lange Fußmärsche hinter sich, mussten dann in München durch das medizinische Screening und wurden schon einmal dokumentarisch aufgenommen, was den Registrierungsprozess in Memmingen stark vereinfacht hat. Bayern kann jedoch nicht für die ganze Bundesrepublik registrieren, und so wurden viele Busse aus München direkt in andere Bundesländer geleitet.

Gab es Streit oder Probleme? Nein, die Familien wurden zusammengefügt, und es waren ausreichend Dolmetscher vor Ort, die eventuelle Konfliktpotentiale im Ansatz nicht haben aufkommen lassen, denn vieles sind ja Kommunikationsprobleme. Am Sonntag gab es einen mißgeleiteten Bus, aber auch der konnte umdirigiert werden.
Wie lange werden die am Wochenende angekommenen Flüchtlinge bei uns bleiben? Voraussichtlich bis Freitag, organisiert wird das von der Regierung Schwaben.
Wie geht es weiter? Die Regierung von Schwaben wird Listen an die Städte und Gemeinden ausgeben, wie und wohin die Flüchtlinge im Weiteren verteilt werden. Dabei versucht man die Wünsche der Flüchtlinge wegen Verwandtschaft oder Bekanntschaften in bestimmten Bundesländern oder Orten zu berücksichtigen, 100% erfüllen wird man sie jedoch nicht können. Herr Neß betont dabei, dass sie sehr hoffen, dass keiner der Flüchtlinge Aktionen auf eigene Faust versucht, weil sie dann nicht mehr in das Asylverfahren aufgenommen werden können, und sie ihre Aufnahme dadurch verspielen.
Wird es eine Verschnaufpause geben für die Memminger Helfer? Verschnaufpause ja, aber es hat früher eine Nachbelegung gegeben als erwartet, sicher wird es eine Verschnaufpause geben, dass jedoch mehr kommen ist wahrscheinlich. Soweit Herr Neß.
Tja, so lange es Länder gibt, in denen Kriege und Verfolgung herrschen, wird es Flüchtlinge geben.

Flüchtlings-Noterstaufnahme in Memmingen
Flüchtlings-Noterstaufnahme in Memmingen

Es gibt eine kleine Pause, bevor unser OB Dr. Ivo Holzinger zu uns trifft, und ich unterhalte mich kurz mit einem Mann der Security, der im ersten Moment etwas angsteinflößend aussieht. Ich frage ihn, ob es Probleme gegeben hat seit der Ankunft, und der gleiche, äußerlich etwas ruppig wirkende Security Mann sagt, nein, es sei alles sehr ruhig, ich respektiere sie, sie respektieren mich, so einfach ist das. Haben wir das alle gehört? Respekt ist das Zauberwort, und den gibt es nur beidseitig: wenn ich respektiert werden möchte, muss ich respektieren können. Und wenn ich das nicht kann, muss ich es lernen, denn Respekt nur zu erwarten funktioniert nicht. Danke für die Erinnerung Mr. Security! Und er fügt hinzu, dass es immer Ausnahmen geben wird, die ausfällig werden, aber das seinen eben Ausnahmen, und genau als solche müssen sie behandelt werden. Ich glaub ich mag Mr. Security!

Dr. Ivo Holzinger begrüßt uns jetzt, und spricht sofort darauf mit den Hilfsdiensten. Es wird ihm vorgeschlagen, ihn im Verköstigungsraum zu filmen, aber er lehnt ab, er möchte sich hier nicht in Szene setzen, er hält das für unpassend. Es gehe hier nicht um Profilierung, sondern um Notlinderung. Er war mir schon immer sympathisch, der Herr Dr. Holzinger. Lieber spricht er mit seinen Hilfsdiensten, fragt nach Problemen, bedankt sich für die tolle Zusammenarbeit und lässt gemeinsam mit ihnen die letzten Tage Revue passieren. Es werden gemeinsam Engpässe oder Verbesserungen besprochen und aktuelle Informationen ausgetauscht.

Wir erfahren weiterhin, dass die Turnhalle der Johann-Bierwirth-Schule für die Notfall-Erstaufnahme voraussichtlich nur im Sommer genutzt wird. Es muss auch deutlich unterschieden werden zwischen Notfall-Erstaufnahme und regulären Asylantenwohnheimen, leider wird das zu oft vermischt. Erst erfolgt die Erstaufnahme, und die Verteilung in andere Bundesländer, dann kommen sie in das reguläre Asylverfahren, und wohnen in Unterkünften, die Städte und Gemeinden zur Verfügung stellen. Wird entschieden, dass sie ein Recht auf Asyl haben, werden sie weiter integriert.

Insgesamt ist Dr. Holzinger sehr zufrieden mit dem reibungslosen Ablauf, trotz unvorhersehbarer und daher kurzfristig angekündigter beschleunigter Vertaktung des Notfallplans für die Stadt Memmingen. Er bedankt sich nochmals bei all den Helfern, die bereits am Samstag bereit standen, obwohl Sonntag geplant war, und bei den Bürgern für ihre Sachspendenbereitschaft und die allgemein wohlwollende Hilfs- und Aufnahmebereitschaft.

Als ich zurück zum Parkplatz laufe, weiche ich den kleinen Kunstwerken aus, die mittlerweile auf dem Boden des Vorplatzes der Turnhalle entstanden sind: ein Kinderbetreuer der Stadt Memmingen malt zusammen mit den Flüchtlingskindern mit Asphaltkreide Blumen, Schmetterlinge, Herzchen, und Sonnen auf den Boden. Symbole für Hoffnung und Leben, die jeder versteht, egal welche Sprache er spricht.

Flüchtlings-Notfallerstaufnahme in Memmingen
Flüchtlings-Notfallerstaufnahme in Memmingen

Mehr Bilder dazu auf unserer Facebookseite.
Die Sendung hierzu vom Allgäu TV könnt ihr am Donnerstag Abend um 19:45, 20:45 und 22:30 ansehen.

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