Die Handwerkertage

14. September 2015 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Bevor wir auf das Memminger Weinfest gehen, machen wir einen Abstecher zu den alten Handwerken im Bauernhofmuseum Illerbeuren.

Gleich am Eingang sehen wir zwei erstaunlich junge Schindelmacher, und freuen uns, dass altes Handwerk ausgebildeten Nachwuchs heranzieht. Hier sehen wir Schindeln aus Zedernholz, und Lärche, das besonders geeignet ist durch ihren hohen Harzgehalt und ihrer Härte. Weiter im Inneren des Geländes sind die Zimmermannsleut in der traditionellen Tracht

Handwerkertage Illerbeuren 2015
Handwerkertage Illerbeuren 2015

an einem langen Baumstamm zu Gange, der bereits quer geteilt wurde, und jetzt zum Weiterverarbeiten mit altem Handwerkszeug präpariert wird. Einen wichtigen Teil dieses Handwerkes können wir allerdings nicht sehen, und das ist die Kunst, abzuschätzen, ob ein Stamm die erforderliche Länge abgeben wird, und die ausreichende Dicke hat, denn so wenig wie möglich soll davon verlorengehen, und so viel wie möglich davon verwendet werden.

Ich gehe in eines der Gebäude und sehe einem Drechsler bei der Arbeit zu. Die Tätigkeit wird im Drechslerhandwerk Drehen genannt. Die wichtigste Maschine ist die Drehbank und die wichtigsten Handwerkzeuge die Dreheisen. Unser Drechsler hier stellt sehr schöne gedrehte Einzelelemente her, vor allem Schalen, Vasen, Dosen, Behälter und Schüsseln aus Holz. In diesem Handwerk können jedoch auch komplexe Artikel hergestellt werden, wie beispielsweise Treppengeländer, Tische, Schemel, Garderobenständer, u.ä., die sich aus vielen Einzelteilen zusammensetzen können. Neben Holz gibt es andere Materialien, die gedrechselt werden können: Bernstein, Horn, und Elfenbein. Und, auch der Reifendreher gehört zu den Drechslern.

Und weiter geht es zum Kesselflicker. Der übt eine flickhandwerkliche Tätigkeit aus, indem er zum Kochen bestimmte Kessel repariert und entstandene Löcher flickt. Er ist eine Art von Kupferschmied, die früher mit altem Kupfer und ihrem Handwerkszeug auf dem Lande herumzogen, und ihre Arbeit „ausschriehen“, vor allem an Orten, wo es keine Kupferschmiede gab.

In der Mitte des Geländes auf einem großen Platz lockt Bewirtung, es steht ein Zelt, jedoch sitzen alle draußen und genießen den Spätsommer. Eine Musikkapelle macht gerade eine Pause, und ich widerstehe der Versuchung.

Handwerkertage Illerbeuren 2015
Handwerkertage Illerbeuren 2015

Stattdessen gehen wir rein in die gute Stube, und sehen dem geschickten Korbmacher bei der Arbeit zu, den bereits Dutzende kunstvoll gefertigte und wunderschöne Körbe umgeben. Wir sehen Wäschekörbe, Einkaufskörbe, Tabletts, Brotkörbe und Tragekörbe in vielerlei Formen, mit einem oder zwei Griffen. Auch wenn die neue Berufsbezeichnung „Flechtwerkgestalter“ ist, der, der gerade vor mir sitzt ist ein Korbmacher, und zwar einer wie aus dem Bilderbuch: mit einer Brille, die ihm auf der Nasenspitze sitzt und einer großen Schürze sitzt er vertieft in seine Arbeit, bei der gerade der Griff für einen neuen Korb entsteht.

Um feinste Präzision geht es dann beim Büchsenmacher, wo gefeilt wird, gereinigt und geölt. Der Büchsenmacher stellt Handschusswaffen her oder repariert diese. Während der Ausbildung lernt er die Techniken der Metallbearbeitung und den Umgang mit Holz- und Kunststoffen, weitere Fächer sind Waffentechnik, Ballistik, Optik und die rechtlichen Grundlagen des Waffengesetzes.

Auch beim Model-Macher geht es um feinste Präzision: der Kunstschnitzer macht kleinste Förmchen aus Holz, mit denen um die Weihnachtszeit die schönen Springerle-Plätzle vielerlei Gesichter und Formen annehmen: von Engeln und Glöckchen, Schaukelpferdchen und Lämmchen.

Die Steinmetzkunst ist wohl eine der ältesten Handwerkskünste. Der Steinmetz braucht viel Gefühl für den verwendeten Stein, er muss sein Handwerkszeug nicht nur auf diesen abstimmen, sondern ihn im richtigen Winkel halten, und jeder Schlag muss sitzen, denn sonst gibt es oft irreparablen Schaden. Der Steinmetz, der hier gerade eine strukturierte Oberfläche an einem großen Stein anbringt, lässt sich von den vielen Fragen von ihn umgebenden Kindern jedoch nicht ablenken, und antwortet ihnen, ohne auch nur kurz den Blick von seiner Arbeit abzuwenden. Für einen der sogenannten „Männerberuf“ ist es bemerkenswert, dass in Deutschland heute zwischen 10 und 12 % der Lehrlinge weiblichen Geschlechts sind. Steinmetz-Gesellinnen, die den Beruf jedoch ausüben, gibt es deutlich weniger, da ein Teil nach dem Berufsabschluss andere Wege gehen, wie z.B. ein Studium in Architektur oder Kunst anstreben. Frauen wählen zudem häufiger ab dem 2. Ausbildungsjahr die Fachrichtung Steinbildhauer/in und nicht Steinmetz/in. Im Anschluss finden sie vor allem Arbeit in Betrieben, die sich mit gestalterischen Themen wie Schriftgestaltung oder Ornamenten befassen oder eine kunsthandwerkliche Ausrichtung verfolgen.

Handwerkertage Illerbeuren 2015
Handwerkertage Illerbeuren 2015

Nun kommen wir an der Töpferei vorbei und sind berauscht von den vielen Formen, die hier entstehen, und den vielen bunten Farben, in die sie getaucht sind.  Das Schöne an der Töpferei sind die zwei Komponenten, die sich am Ende zu dem vereinen, was wir dann vor uns sehen: Im ersten Arbeitsgang, dem Formen, geht es gröber zur Sache, und man kann nicht umhin, als sich die Hände „schmutzig“ zu machen, obgleich ich Erde oder Ton nie als schmutzig empfunden habe. Die zweite Komponente nach dem Brennen ist das Bemalen mit Tonfarbe, die ebenso im Anschluss gebrannt wird. Und da sehen wir alles, von einfarbig mit einem andersfarbigen Rand bis zu feinsten Bemalungen oder fantasievollen Mustern. Hierbei muss man vor allem eines können: sich vorstellen, wie die Farben am Ende harmonieren, dann im flüssigen Zustand sehen sie ganz anders aus.

Auch beim Goldschmied müsste man lange zusehen, bis man ein fertiges Schmuckstück in der Hand halten würde. Verarbeitet werden in der Regel Edelmetall-Legierungen wie Gold, Platin, Silber und Palladium. Für die weitere Ausgestaltung kommen vielerlei weitere Materialien zum Einsatz, wie Edelsteine, Perlen, Elfenbein, Emaille und Kautschuk. Auch kommen Edelstahl und gelegentlich Eisen, Buntmetalle sowie Holz oder Kunststoff zum Einsatz. Voraussetzung sind Fantasie, Geduld und ausgeprägte motorische Fähigkeiten.

Und jetzt wird´s richtig zümftig: aus einer weiteren gemütlichen Stube klingt fröhliche Volksmusik, und ich trete ein. Früher entstand beim Örgle-Bau  jedes Instrument in reiner Handarbeit. Der heute anwesende Handzuginstrumentenmacher Rolf Märkli bewahrt diese Tradition, aber heute geht es mehr um das Hören, als um das Sehen, also lausche ich eine Weile andächtig. Für einige Zeit bin ich in ein anderes Jahrhundert transportiert, in die warme Stube einer Alm, wo Großvater, Sohn und Onkel zusammen musizieren, und Alltagsprobleme für kurze Zeit zu verschwinden scheinen.

Richtung Ausgang komme ich an einem weiteren Drechsler vorbei, der sich jedoch auf kleine, kunstvolle, dekorative Produkte spezialisiert hat. Bezaubernde, kleine Kunstwerke aus Holz, die den Christbaum oder auch sonst das Haus schmücken.

Handwerkertage Illerbeuren 2015
Handwerkertage Illerbeuren 2015

Einige dieser Handwerke mögen mittlerweile am Aussterben sein, jedoch ist es schön zu sehen, dass doch viele dieser spannenden Kunsthandwerksberufe nach wie vor ihren Stellenwert haben in unserer heutigen Gesellschaft.

Mehr Fotos dazu auf unserer Facebookseite.

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