„Stolpersteine“

14. September 2015 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Es ist ein sonniger Tag, und man könnte annehmen, Trauer und Schmerz stünde im Kontrast zu solch einem Tag. Erst gegen Ende der Veranstaltung wird mir klar, dass es ganz anders ist.

Eine Gruppe Menschen trifft sich in der Kalchstrasse 19, um den ersten Gedenkstein, einen „Stolperstein“ zu verlegen. Gunter Demnig, ein deutscher Künstler, der Kunstpädagogik und Kunst studiert hat, wurde bundesweit bekannt durch sein Projekt „Stolpersteine“, das an die Opfer des NS-Regimes erinnern soll. “Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein  Name vergessen ist“.

Die Stolpersteine sind Betonwürfel mit einer darauf verankerten Messingplatte, auf denen eingehämmert wurde: HIER WOHNTE … Hier wohnte ein Mensch wie Du und ich. Im Gegensatz zu uns jedoch ein Mensch, der ethnischer Verfolgung, rassistischem Fanatismus, Intoleranz und Brutalität zum Opfer fiel.

Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger ist bereits anwesend, wie auch der Künstler Gunter Demnig, Mitglieder des Vereins „Stolpersteine in Memmingen“ und einige Angehörige der Menschen, deren wir heute gedenken wollen. Wie mir zu Beginn der sonnige, schöne Tag unpassend erscheint, stört mich auch – noch – die Kulisse des ersten Verlegungsortes: wir stehen vor einem Supermarkt, vor dem Eingang ist bereits ein Loch in den Pflasterstein gearbeitet, der Gedenkstein liegt bereit, und daneben stehen Kisten mit Tomaten, auf der anderen Seite Kartons mit Wassermelonen.

Stolpersteine Memmingen
Stolpersteine Memmingen

Dr. Holzinger begrüsst uns nun, und erklärt uns, warum wir uns heute versammelt haben, begrüsst die Anwesenden des Vereins, den Vorsitzenden Helmut Wolfseher und die angereisten Gäste. Ich versuche die knallroten Tomaten zu ignorieren, und versuche mir anstatt dessen Josef Diefenthaler vorzustellen, zu dessen Gedenken hier nun der erste Stein verlegt wird. Es wird ein Gebet in Hebräisch verlesen, das ich leider nicht verstehe, und wir ziehen weiter.

In der Ulmer Straße 28 gedenken wir Karolina Laupheimer, die hier einst wohnte, und vor diesem baufälligen alten Haus gelingt es mir das erste Mal, mir die Geschichte vorzustellen. Es schaudert mich, und bei allen Beteiligten herrscht Stille und Trauer. Der Weg führt uns weiter in die Herrenstraße 7, in der die Familie Guggenheimer einst wohnte. Ein Stein ist bereits vorhanden, für Alfred Guggenheimer, und heute setzen wir weitere 5 für Anna Maria, Ursula, Oskar, Wally und Klaus Wolfgang Guggenheimer. Eine ganze Familie! Die Guggenheimers waren eine in Memmingen seit 1866 ansässige, gutsituierte Familie. Alfred führte zusammen mit seinem älteren Bruder Max eine Pferdegroßhandlung, war ein begehrter Single, und heiratete die 20 Jahre jüngere Anna Maria…Mein Gott, eine ganze Familie ausgelöscht! Es ist die Nähe dieser Einzelschicksale, die so unter die Haut gehen. Es ist nicht mehr die allgemeine Geschichte, die wir so oft seit der Schulzeit gehört haben, und zu der wir eine gewisse Distanz gebildet haben. Heute nehmen wir Teil am Leben einer Person, einer Familie, Menschen, die die Nachbarn unserer Großväter oder Urgroßväter waren. Deportiert, interniert, ermordet…

Unsere erschütternde Reise geht weiter an den Schweizer Berg 17, wo wir direkt vor dem Eingang zum Barfüßer 3 Steine verlegen: für Emil, Irma und Lothar Liffgens. Gunter Demnig sägt den Teer vor dass es nebelt, und mit dem Presslufthammer macht er den Rest. Als die Steine verankert sind hören wir ein weiteres Gebet, und unser junger Gast aus Israel erklärt, was es mit den kleinen Steinen auf sich hat, die sie und andere aus der Gruppe auf die frischen Gedenksteine legen: Diese Geste bedeutet „Mögen sie in Frieden ruhen“. Ich habe einen Kloß im Hals.

Stolpersteine Memmingen
Stolpersteine Memmingen

In der Moltkestraße 8 gedenken wir Rosalie und Josef Günzburger, und ein paar Schritte weiter, in der Moltkestraßse 1 legen wir 5 Steine: für David, Julius, Jeannette, Salo und Mathilde Laupheimer. Und wieder eine ganze Familie! Ein Angehöriger spricht über die Schicksale dieser Familienmitglieder, und schafft es nicht ganz bis zum Schluss, wo seine Stimme in tiefes Schluchzen übergeht. Auch meine Widerstände sind gebrochen, und ich drehe mich weg, um die Tränen zu verbergen, die nicht länger in meinen Augen bleiben wollen. Es ist so ungerecht! Wie können Menschen sich anmaßen zu urteilen, wer leben und wer sterben soll, und das wegen nichts anderem als deren Glauben?

Der Marsch bringt für einen Moment Ablenkung, vorbei an der Musikvilla, in der gerade geprobt wird, und als eine Hochzeitslimousine durch das Lindauer Tor gefahren kommt, fängt sich an ein Bild in mir zu formen, das ich jedoch noch nicht ganz zu greifen vermag. In der Weberstraße 50 erwarten uns weitere Angehörige derer, denen wir hier gedenken werden: Der Enkel von Fritz und Karoline Bürk gedenkt zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn seinem Großvater und seiner Großmutter. Gott, ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn jemand versucht hätte meinem Großvater wehzutun! Obwohl ich noch klein war, als ich ihn das letzte Mal sah, und erst viel später begriff, wie sehr ich ihn geliebt habe, geht es mir durch Mark und Bein.

Stolpersteine Memmingen 2015
Stolpersteine Memmingen 2015

In der Lindauerstraße 10 legen wir einen Stein für Martin Mayrock, der laut Erzählung inhaftiert wurde, und völlig abgemagert vor das Grab, die vollendete Tatsache seiner mittlerweile verstorbenen Frau gebracht wird. Er war nicht nur abgemagert, sondern zudem mit Arsen vergiftet, und spürte wohl das nahende Ende. Und wissen Sie, was er sagte, bevor er starb? „Ich vergebe meinen Peinigern.“ Meine Knie werden weich, und ich laufe hinter den Lieferwagen, in dem die Geräte des Künstlers von A nach B transportiert werden, aber kein Lieferwagen und keine Sonnenbrille der Welt können meine Tränen mehr verbergen. Zutiefst erschüttert von der Güte, Liebe und Fähigkeit auch den Schlimmsten zu vergeben, laufe ich schon einmal Richtung Stadtbach, und dann durch kleine Gassen wieder Richtung Marktplatz. Ich denke an die Flüchtlinge, die wir erst vor kurzem besucht haben, die vielleicht einem ähnlichen Schicksal entronnen sind, wie die, derer wir heute gedenken.

Die letzte Station wird wieder die Kalchstraße sein, diesmal Nummer 8. Dr. Holzinger erwartet uns hier zum Abschluss, und in Gedanken verloren fokussiere ich mich auf die Arbeit des Künstlers, der die Löcher aushebt für zwei weitere Gedenksteine: für Lotte Lore und Fritz Heinrich Guggenheimer. Das Treiben des Marktes auf dem Marktplatz dringt zu uns und ich hebe den Blick. Hinter unserem Künstler flutet das Leben an uns vorbei: junge Eltern mit Kinderwagen und einem Kleinen auf den Schultern, ein junges Pärchen, das Hände hält, ein paar ausländische Mitbürger, eine Gruppe Jugendlicher, die an einem Eis lecken, andere, die ihren Wochenendeinkauf auf dem Markt in Taschen nach Hause tragen. Und plötzlich schließt sich das Bild in mir: wir gedenken Unrecht und Leid, aber wir gedenken auch, um das Leben zu würdigen, das wir heute hier jeden Tag aufs Neue leben dürfen: in Freiheit, Würde und Toleranz. Ich denke an all die, die nie aufgehört haben, an all das zu glauben und dafür einzustehen, und plötzlich muss ich lächeln. Denn auf einmal fällt mir das einzige Wort in Hebräisch ein, das ich kenne: Lachaim. Bei uns sagt man Prost, aber übersetzt heißt Lachaim: „Auf das Leben“!

Stolpersteine Memmingen 2015
Stolpersteine Memmingen 2015

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