Burnout & Erschöpfungsdepression

7. Oktober 2015 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Im Vortrag von Martin Uhl im Dietrich Bonhoefferhaus sitzen um mich herum fast ausschließlich Menschen mittleren Alters, zwei davon liegen deutlich darunter, ein Teilnehmer leicht darüber. Das Thema, das heute besprochen wird sollte jedoch die Jüngeren unter uns ebenso interessieren, wie die, die Mitten im Leben stehen, aus ein paar einfachen Gründen: es ist kein Spaß einen Burnout zu erleiden. Es kann vermieden werden, wenn die Anzeichen rechtzeitig erkannt und Ernst genommen werden. Es bringt meist große Veränderungen mit sich, die nicht alle gewollt sind.

Der Erholungsprozess nach einem Burnout ist sehr lang, und meistens zieht er große Veränderungen in unserem Leben nach sich. Wie es dazu kommt, wie der Verlauf ist, wie man das Ruder noch einmal herumreißen kann bevor es dazu kommt, und was man tun kann, wenn man das nicht mehr geschafft hat, hören wir heute von Martin Uhl, einem Psychologischen Therapeuten einer in Deutschland weit verbreiteten Psychologischen Beratungseinrichtung mit Beratungsstelle in Memmingen.

Die Grenzen der Begriffe Burnout und Erschöpfungsdepression sind fließend, jedoch merke ich auch im folgenden Vortrag, dass die, die es betroffen hat, sich eher und leichter tun mit dem Begriff Burnout, da er weniger dramatisch klingt und weniger behaftet ist von negativen Assoziationen. Auf dem medizinischen Befund jedoch werden wir den Begriff Burnout nicht finden, sondern Depression bzw. Erschöpfungsdepression. Sagen wir, Burnout ist ein Kosename.

Der Begriff wurde durch den in Deutschland geborenen, nun amerikanischen Psychologen Herbert J. Freudenberger geprägt.

Martin Uhl, Psychologischer Psychotherapeut, Memmingen
Martin Uhl, Psychologischer Psychotherapeut, Memmingen

Martin Uhl beginnt mit einem Beispiel, das die Symptome deutlich machen soll:

Herrn A wird eine Beförderung angeboten, er ist sich nicht sicher, fühlt sich jedoch geschmeichelt und sagt zu. Die plötzlich übergeordnete Stelle und damit verbundene Verantwortung führt zu Spannungen, es entgleitet ihm, er bekommt das Gefühl, es niemandem mehr Recht machen zu können. Verunsichert, kommt es auch zu Vertrauensverlust ihm gegenüber, oder vielleicht empfindet er es auch nur so. Um das zu kompensieren, arbeitet er mehr, er setzt sich sehr ein, hat jedoch das Gefühl es „nicht im Griff“ zu haben. Es spitzt sich zu, sein Körper meldet sich, er bekommt Magenschmerzen, Schlafstörungen, eine innere Unruhe, und eine Art „inneres Zittern“. An einem bestimmten Punkt läuft das Leben für ihn wie in einem Film: nach außen hin sehr aktiv, macht er alles wir gewöhnlich, innerlich jedoch bekommt er das Gefühl, alles läuft in Zeitlupe, es ist, als sehe er sich von außen dabei zu.

Er setzt die Hoffnung auf den Urlaub. Im Urlaub jedoch verfolgt ihn die innere Unruhe, er schläft nach wie vor schlecht, und schafft es nicht abzuschalten. Er erhält ein sms von der Firma, er solle zurückrufen, es sei etwas Dringendes. Dieser kleine Zwischenfall ist der berühmte Tropfen, und Herr A bekommt einen Nervenzusammenbruch, bricht in Tränen aus, ist nicht zu beruhigen, zittert am ganzen Leib.

Sie brechen den Urlaub ab, und Herr A schreibt sich krank. Er hat einen Burnout erlitten, eine Erschöpfungsdepression.

WIE sieht es also aus, wenn die Ampel auf „Gelb“ schaltet? Welches sind die Symptome, auf die wir achten sollten?

Zusammengefasst: Sich erhöhende Spannung, psychisch, und in der Folge auch körperlich, bis hin zur  Dauerspannung – Steigerung der Arbeit, um das Gefühl des „Ungenügens“ auszugleichen – Gefühl des „Kontrollverlustes“ – Innere Unruhe, inneres Zittern – Schlafstörungen – Reizbarkeit und Zynismus, vor allem, wenn der Betreffende meint, Veränderung sei nicht möglich – Körperliche Beschwerden (z.B. Magen-, Darm-, Herzbeschwerden, Rücken- oder Kopfschmerzen). – Häufige Auffälligkeit: man wird im Urlaub krank.

Zu verstehen ist dabei, dass unser Körper in dieser Situation auf den Kampf- oder Fluchtmodus schaltet, der Betreffende ist also in permanenter Anspannung. Unser Stresssystem funktioniert dann gut und ausdauernd, wenn wir es einmal hochfahren wenn nötig, und danach auch wieder herunterfahren, wenn wir uns also eine Erholungsphase einräumen. Bis dahin ist Stress ok, und normal, und unser Körper kommt damit gut klar. Ohne Erholungsphasen kann sich unser System jedoch nicht regenerieren, und oben geschilderte Störungen stellen sich ein.

Interessant hierbei ist die Frage, WAS Stress auslöst, welche Mechanismen hier greifen. – Um die Antwort darauf zu finden, sehen wir uns einmal an, wie der positive Ablauf ist: Ich fühle mich meiner Aufgabe gewachsen, was ich nicht kann, lerne ich dazu, ich habe die Kontrolle über mein Handeln, bekomme dafür Lob und Anerkennung, was mich nährt und beruhigt, auch wenn das Stresslevel einmal steigt, und wenn es denn einmal steigt, kann es sich erholen, also alles im Lot.

Anhaltender Stress wird also erzeugt von dem gegenteiligen Ablauf: Ich fühle mich überfordert, bzw. ich überfordere mich, ich habe das Gefühl, es nicht im Griff zu haben, Anerkennung bleibt aus, und an Stelle von Beruhigung wird das Angstsystem aktiviert, der Stress steigt, das System gerät aus dem Lot, die Folge, wenn nicht dagegen gesteuert wird ist der Systemkollaps – der Burnout.

Entstehungsbedingungen für den Burnout können demnach sein:

Beruflich: berufliche Verdichtung, Reizüberflutung, Mangel an Kontrolle, Ungleichgewicht zwischen Anforderungen und Ressourcen, Fehlbelastungen
Menschlich: wenig menschliche Anerkennung, wenig kollegiale oder familiäre Unterstützung
Psychisch: ein zu strenges „Über-ich“, ein zu hohes Leistungsideal, zu strenge Moralvorstellungen, ein zu ausgeprägtes Gewissensempfinden

WAS kann ich also tun, um es zu verhindern? WIE kann ich dem Kollaps entgegenwirken?

Dazu gibt uns Martin Uhl 4 wichtige Ratschläge:

  • PAUSEN. – Dazu sehen wir das Bild einer Hängematte, und eine Mischung aus Raunen und verhaltenem Lachen geht durch den Raum. Vielleicht stellt sich gerade jemand eine Hängematte in einem Betrieb vor, in dem diese so gar nicht hineinpassen will.

WAS bedeutet also Pausen? Lachen Sie nicht, wenn sich ein Mitarbeiter bei der Einstündigen Mittagspause 15 Minuten auf eine Bank unter einen Baum setzt, oder einmal um den Block läuft, wenn ihm das mehr beim Abschalten hilft, denn genau das kann für ihn Pausen bedeuten. In manchen modernen Betrieben gibt es bereits Ruheräume oder einen Fitnessraum, denn auch körperliche Aktivität kann beim Abschalten helfen, so lange wir nicht auch daraus einen Stress machen, nämlich in diesen 15 Minuten genau 100 Liegestützen zu schaffen, und dann noch unzufriedener sind, wenn wir die nicht schaffen. Manche finden in Yoga-Übungen Entspannung, oder Chi Kung (auch Ci Gong genannt), und wenn nicht in der Mittagspause, dann vielleicht am Abend. Oder beim Bügeln, oder einem kurzen Spaziergang am Abend.

Manchmal bedeutet Pausen auch, NICHT den Briefkasten als erstes zu leeren, wenn man nach Hause kommt, UND die sms-Nachrichten zu checken UND noch die Mails UND noch Facebook, UND Twitter usw. Ich fühle mich heute davon überfordert, also checke ich nur meine Mails, alles andere kann warten. Zum Beispiel. Beim Pausen ist also jeder selbst gefordert, das zu finden, was ihm dabei hilft, abzuschalten und herunterzufahren, dem System eine Pause zu ermöglichen.

  • DIE INNEREN TREIBER ERKENNEN. – Dabei ist die innere Stimme gemeint, die im Hintergrund vorbetet, wie: „Sei nicht faul“, „Du musst perfekt sein“, „Heute mache ich mehr, dafür morgen weniger“, „Wenn ich Nein sage, werde ich abgelehnt“… Tip unseres Referenten: Schreiben Sie sich die Sätze auf, die ihr Inneres Ihnen vorbetet und STELLEN SIE DIESE IN FRAGE! Werde ich wirklich abgelehnt, wenn ich Nein sage? Treibt es mich nicht zur Überforderung, wenn ich alles heute machen will, gibt es überhaupt ein alles-heute-machen? Und was ist morgen? Das gleiche? Wo ist also Zeit für Entspannung? Was ist perfekt?

Interessant sind hierbei Studien, die gemacht wurden, wenn es um Perfektionismus geht: um 90% von „Perfekt“ zu erreichen, braucht man eine bestimmte Energie und Zeit. 100% gibt es nicht, also geht man aus von max. 99%. Um nach den 90% die angestrebten 9% noch draufzusetzen, brauchen wir aber noch einmal annähernd die gleiche Energie und Zeit, wie auf die 90% zu kommen. Frage also: lohnt sich der Kraftakt, der Aufwand? Vor allem, wenn man 100% sowieso nicht erreichen kann? Birgt das Ringen danach nicht schon den Ansatz von Unzufriedenheit und Überforderung? – Wir sind also angehalten, uns diese Triebfedern einmal genauer anzusehen, und sie in Frage zu stellen.

  • SAG NICHT JA, WENN DU NEIN MEINST. – Es ist Ok, Nein zu sagen. Es ist nicht nur Ok, sondern oft die bessere Antwort, vor allem, wenn man widerwillig Ja sagt, es halbherzig ausführt, es Kraft kostet, die man im Moment nicht hat, oder wenn ein anderer Mitarbeiter darin einfach besser ist, oder es sogar lieber machen würde. Zudem ist es ein Irrglaube, anzunehmen, dass man für ein angebrachtes Nein abgelehnt wird, und wird nur von Angst erzeugt. Angst ist jedoch genau das, was uns in Stress versetzt. Gehen Sie also mit der Angst um, stellen Sie auch die in Frage, und trauen Sie sich, auch einmal Nein zu sagen!
  • BEWEGUNG UND BEGEGNUNG. Freizeitaktivitäten und Sport in Maßen, die also nicht wiederum Druck aufbauen, helfen erkennbar. Wie auch die Begegnung mit anderen Menschen uns Energie spenden kann, oder sie zum Fließen bringt. Wenn Sie anderweitig keine Ruhe finden, raffen Sie sich auf und machen Sie leichten Sport, treffen Sie Menschen, interagieren Sie mit Kollegen oder nehmen Sie an einem Kurs Teil mit ganz neuen Menschen.
  • „SELBSTREGULIERUNG“, lautet ein toller Einwurf eines Teilnehmers hierzu: Sich z.B. eine Wochenstruktur schaffen: Dienstagabend ist mein Ruhetag, oder Mittwochabend ist mein Yoga-Abend, oder meine Tanzgruppe oder mein Schwimmen, mein Chorsingen, oder mein heißes Bad. Und/oder ab 19:00 Uhr keine E-Mails mehr. Oder: der Sonntag gehört mir.
  • „SICH ETWAS GUTES TUN“, kommt prompt ein weiterer Einwurf eines Teilnehmers: Sich fragen, was tut mir heute gut? Die Suche nach dem, was mir persönlich Freude macht, woraus ich Energie schöpfe, was mir hilft, meine ausgepowerten Batterien zu füllen, was mir Hoffnung und Aufschwung gibt.

Zu beiden Einwürfen nickt unser Referent lächelnd, und nimmt sie dankend in unsere Liste auf.

WAS passiert, wenn wir all dies nicht tun, wenn also die Ampel auf „Rot“ schaltet?

  • Es gibt keine Erholung mehr, nicht einmal im Urlaub oder am Wochenende
  • Chronische Müdigkeit und Schlafstörungen
  • Massive Konzentrationsprobleme, man kann sich wichtige Dinge nicht mehr merken
  • Das Leben läuft ab wie in einem Film und wir, wie ein unbeteiligter Zuschauer
  • Auch wenn man versucht Vollgas zu geben, fährt man im Leerlauf
  • Stellenwechsel oder frühzeitige Berentung
  • Innere Emigration, Destruktivität
  • Freudlosigkeit, Antriebslosigkeit
  • Verschiedenste Krankheiten durch ein geschwächtes Immunsystem als Folge der permanenten Überforderung unseres Systems
  • Es kann zu Suchtproblemen kommen wie Alkohol oder Medikamente
  • Suizidgefährdung – Es kommen Gedanken wie: wenn ich nur einschlafen könnte und nicht mehr aufwachen, o.ä.
  • Depression, oder Kollaps

Wenn es also dazu gekommen ist, gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Diesmal fangen wir mit der schlechten an:

Die Erschöpfungsdepression ist eine schwere Krankheit, die als solches behandelt werden muss, denn sie betrifft den GANZEN MENSCHEN. Die größten Risiken dabei sind Suizid und Rückfall. Sie wird als Erschöpfungsdepression bezeichnet und diagnostiziert, wenn einige wichtigen der unter „Roter Ampel“ aufgeführten Symptome für mindestens 14 Tage andauern.

Die gute Nachricht: Man kann sich davon wieder erholen. REGENERATION unseres kompletten Systems ist hierbei notwendig. Auch unbehandelt vergehen 80% aller Depressionen, die Genehsungszeit liegt bei ca. 6-8 Monaten. Jedoch ist es sehr ratsam, sich professionelle Hilfe zu suchen, auch wenn man sich den Luxus einer solch langen Auszeit erlauben kann.

Und den haben sich schon einige erlauben müssen, wie:

Matthias Platzeck, von 26. Juni 2002 bis 28. August 2013 Ministerpräsident von Brandenburg.

Sven Hannawald, ehemaliger deutscher Skispringer. Er gewann 2002 die Vierschanzentournee mit Siegen in allen vier Wettbewerben sowie vier Medaillen bei nordischen Ski-Weltmeisterschaften und jeweils drei Medaillen bei Olympischen Spielen und Skiflug-Weltmeisterschaften.

Tim Mälze, deutscher Fernsehkoch, Unternehmer und Kochbuchautor. Er erwarb sich den Deutschen Fernsehpreis für die beste tägliche Sendung.

Alexander Huber, Extremkletterer… um nur einige prominente Beispiele aufzuführen. Und wenn ich mich so umsehe heute hier im Vortragsraum, und wie ich es aus den Fragen und Beiträgen der Teilnehmer schließen kann, betrifft oder betraf diese Lebens-einschneidende Problematik nicht nur Prominente, sondern viele aus unseren Reihen.

Die Behandlung der Erschöpfungsdepression:

  • Sprechen Sie mit ihrem Hausarzt. Lassen Sie sich von ihm einen Therapeuten vorschlagen, oder suchen Sie selbst psychologische Beratung, falls es mit Psychotherapeut Nr.1 nicht „klickt“.
  • Wenden Sie sich an Beratungsstellen (z.B. siehe unten)
  • Therapeutische Gespräche
  • Eigentherapie: Bewegung und Begegnung. Sich etwas Gutes tun.
  • Gezielte, streng dosierte Medikamente nach Beratung und Absprache mit dem Therapeuten kann, muss aber nicht sein.
  • REGENERATION !!!

Wir hoffen, dass wir mit diesem Beitrag unsere Leser sensibilisieren konnten, und wenn es nicht Sie selbst betrifft, dann behalten Sie diese Symptome und Ratschläge im Hinterkopf, denn es kann den Freund, die Freundin, oder einen Familienangehörigen betreffen, der auf Sie als Beobachter angewiesen ist, weil er es selbst nicht oder erst zu spät merkt, denn oft ist genau dies der Fall. Und die Folgen sind in jedem Falle einschneidend.

Infos und Beratung:
Psychologische Beratungsstelle für Ehe- Familien- und Lebensfragen
Donaustraße 1
87700 Memmingen
Tel. 08331 855445
www.ehe-familien-lebensberatung-memmingen.de

Fachliteratur: „Das Burnout-Syndrom“

Fachliteratur/Web: Prof. Dr. med. Joachim Bauer (Genforscher, Internist, Psychiater), www.psychotherapie-prof-bauer.de

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