Von der Landkommune zur erfolgreichen Naturkostmarke

7. Oktober 2015 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Betriebsbesichtigung bei Rapunzel, 02.10.2015
Auf dem Rapunzel Gelände treffen wir Rapunzel mit ihrem langen Zopf überall: beim Rapunzel-Shop, auf den Hinweisschildern, auf dem hohen Turm zwischen den beiden Hauptgebäuden, und im Garten neben dem Kino.
Meine erste Frage ist: Woher kam der Name Rapunzel? – Es waren 2 Dinge, die sie dazu bewegt hatten: sie hatten das gleiche Begehren nach Naturkost wie Rapunzel oben auf ihrem Turm nach dem frischen Salat im Garten der Zauberin, auf den sie täglich herabblickte. Und:

in dieser Gegend heißt Feldsalat auch Rapunzel-Salat, und der hat eine große Widerstandskraft.

Doch bevor es Rapunzel Naturkost hieß, gab es einmal einen Selbstversorgerhof 20 km südlich von Augsburg, wo zwei, die sich in Belgien kennengerlernt hatten, begannen Holzofenbrot zu backen und einen dreiviertel Hektar Gemüse anzubauen: Joseph Wilhelm und Jennifer Vermeulen. Die beiden Grundnahrungsmittel Brot und Gemüse waren die soliden Eckpfeiler des etwas später in der Augsburger Katharinengasse eröffneten „Rapunzel-Ladens“. Der Laden wuchs, und die Gründer, mittlerweile mit allerlei Zuwachs, waren voller Freude und Begeisterung dabei.

Rapunzel Betriebsbesichtigung 2015
Rapunzel Betriebsbesichtigung 2015

Im Rapunzel Kino erfahren wir mehr über die Anfangsgeschichte: Neben gesunder Ernährung, und dem dabei entstandenen Hochgefühl, das sie mit ihren Mitmenschen teilen wollten, war ihre Motivation allumfassend: sie wollten einen Meilenstein setzen für eine gesündere und gerechtere Welt, von der vor allem ihre Mitmenschen und unsere Umwelt profitieren.

„Seit Beginn und bis heute ist es uns ein Anliegen, unsere Lebens- und Arbeitswelt nach ethischen und ökologischen Vorstellungen für alle Beteiligten so zu gestalten, dass wir ein gutes Gewissen dabei haben können. Und dass wir gleichzeitig einen Beitrag dazu leisten, unsere Erde auch für unsere Nachkommen als lebenswert zu erhalten – ganz nach unserer stetig weiterentwickelten Firmenphilosophie, die heute aktueller ist denn je“, hören wir Joseph Wilhelm sagen.

Bio-Lebensmittel nehmen gerade einmal 4% Marktanteil des gesamten Lebensmittelumsatzes über die verschiedenen Vertriebswege ein. In Deutschland beträgt der Anteil des Bio-Anbaus an der gesamten landwirtschaftlichen Anbaufläche rund 6%, weltweit nur 1%.

Mit ihren Ergebnissen im ökologischen und sozialen Bereich hat die Branche viele Innovationen geschaffen. „Daher halte ich die Rolle der Bio-Bewegung als Ideen- und Innovationsgeber für die konventionelle Land- und Lebensmittelwirtschaft für wichtiger als den aktuellen Umsatz“.

„In gleichem Maße, wie der „Gegenwind“ der Agrarchemielobby und Gentechnikkonzerne zunimmt, steigt auch der Anteil derjenigen, die Inhalte und Werte der Bio-Bewegung für die sinnvolle und nachhaltige Gestaltung der Zukunft als notwendig erachten. Statt als Branche oder Unternehmen gegen die Anfechtungen zu kämpfen, was ich für Energieverschwendung halte, konzentrieren wir uns lieber bescheiden auf unsere eigene Arbeit. Und versuchen, diese so gut wie möglich zu erfüllen“.

Sorglos, und geradezu blauäugig stürzten sie sich anfangs ohne Krankenkasse, Sozialversicherung, ohne Businessplan und ohne festes Einkommen in dieses Abenteuer der Bio-Bewegung.

Wir verlassen das Kino und unsere Führung erzählt weiter: Dann wollten Joseph Wilhelm und Jennifer Vermeulen ans Mittelmeer ziehen, schafften es aber nur bis Kimratshofen. 1997 übernehmen sie dort einen 300 Jahre alten Bauernhof, und gestalteten ihn um. Das Original Müsli, das erste Produkt von Rapunzel, wurde dort in einer eigens dafür angeschafften Badewanne sorgfältig von Hand gemischt. Im gleichen Jahr noch zieht das junge Unternehmen von Kimratshofen in das stillgelegte Milchwerk nach Legau. Dieses Land muss sehr fruchtbar sein, denke ich im Stillen, denn seither ist Rapunzel gewachsen und gewachsen und gewachsen wie das Haar von Rapunzel!

Rapunzel Betriebsbesichtigung 2015
Rapunzel Betriebsbesichtigung 2015

Heute erstreckt sich das Sortiment von Rapunzel über ca. 550 Produkte. Artikel wie Samba (die „Bio-Nutella), Original Müsli oder das Rapunzel Leinöl sind die wohl bekanntesten Artikel.
Nach über 40 Jahren Unternehmensgeschichte ist Rapunzel ein international tätiges Unternehmen mit 350 festangestellten Mitarbeitenden in Legau und Bad Grönenbach sowie mehreren tausend Bauern und Mitarbeitenden von Zulieferfirmen in über 40 Ländern dieser Erde, innerhalb und außerhalb Europas. Die Ideale und Ziele sind jedoch die gleichen geblieben: Kontrolliert biologische, naturbelassene und vegetarische Lebensmittel herzustellen. Lediglich die Dimensionen haben sich ein wenig vergrößert…

In der Produktionshalle starre ich auf zwei enorme silberfarbene, zylinderförmige Tanks, aus denen mehrere Tonnen jeden Tag allein an Samba fließen, soviel zu „ein wenig vergrößert“. Es duftet in der ganzen Anlage nach frisch gerösteten Haselnüssen, und es ist super-sauber.

Die Verarbeitung ist mit modernster Technik ausgerüstet, die die hohe Produktqualität garantieren soll. Das verbesserte Röstverfahren ermöglicht eine besonders schonende Röstung, die das charakteristische Aroma von Nüssen, Mandeln und Saaten optimal entfaltet. Das Röstgut wird etwa eine halbe Stunde durch einen heißen Luftstrom bei nur 120 – 140 °C geröstet.
Dieser Wirbelstrom bewirkt eine gleichmäßige Röstung, das Aroma der Nuss entfaltet sich optimal und die Nüsse werden besonders knackig. In der anschließenden Kühlzone werden die Nüsse bei Raumtemperatur abgekühlt. Das trägt zusätzlich zum Werterhalt der Produkte bei. Dabei ist die Röstung besonders umweltschonend. Die Energie für die Grundtemperatur – dies ist der größte Teil des Gesamtenergiebedarfs – stammt aus der hauseigenen Holzhackschnitzelanlage.

Die Spitzenenergie wird über eine besonders effiziente und emissionsarme Gasheizung gewonnen. Über ein Rezirkulationssystem wird die Abluftwärme wieder dem Energiekreislauf zugeführt. Diese ressourcenschonende Technologie spart CO2-Emissionen und erfüllt modernste Umweltschutzanforderungen in vollem Umfang. So werden Rohstoffe und die Ressourcen unserer Erde geschont.
Alle Rohstoffe kommen zu 100 % aus kontrolliert biologischem Anbau, von zuverlässigen Partnern oder aus eigenen Rapunzel Projekten. Sie beziehen Haselnüsse auch aus dem Rapunzel Türkei-Projekt, verschiedene andere Zutaten stammen aus den HAND IN HAND-Projekten, auf die wir später zurückkomen werden.

Rapunzel Betriebsbesichtigung 2015
Rapunzel Betriebsbesichtigung 2015

Ein Teilnehmer an der Betriebsführung fragt gerade, ob sie in den Produktionsmengen abhängig sind von der Nachfrage. Die Antwort unserer Führung: sie sind weniger von der Nachfrage, als viel mehr von den Lieferungen abhängig: Ernten fallen nicht immer gleich aus, manchmal sind sie durch Wetterfaktoren verspätet. Ein derart modern geführter Betrieb ist natürlich auf eine Produktions- und Lieferplanung angewiesen, die in solchen Fällen wieder neu erstellt werden müssen. Manchmal fällt eine Ernte wegen des Wetters komplett aus, und all diese Faktoren stellen einen hohen Anspruch auf Flexibilität und Ausweichmöglichkeiten an ein Unternehmen, das eine stetig wachsende Nachfrage biologischer Produkte zu decken versucht.

Auch aus dem Grund kooperiert Rapunzel mit mehreren tausend Bauern in über 40 Ländern, und haben eine Tochterfirma in der Türkei, wo allein 600 Bauern heute für sie produzieren. Um das zu gewährleisten, musste natürlich viel Vorarbeit geleistet werden, um die hohen Standards zu erfüllen, die Rapunzel als rein biologischer Anbieter stellt…

Weiter geht es mit Samba: Die produzierten Nussmusse und –Cremes sind ohne Zusätze wie Stabilisatoren und Emulgatoren.
Qualitätsprüfung und –garantie: Nach Anlieferung der Nüsse und Saaten in Legau werden diese von der Qualitätssicherung geprobt und auf ihre sensorische und physikalische Qualität geprüft. Jede Charge ihrer Rohwaren wird zusätzlich durch ein unabhängiges Labor auf Rückstände (z.B. Pestizide, Aflatoxin) analysiert und nur nach Freigabe verwendet. Zusätzlich wird pro Ernte eine Absicherung auf Schwermetalle durchgeführt und jede Produktion nach dem Abfüllen noch einmal auf Aflatoxin analysiert.

Gerade sehen wir, wie unser Samba in Gläsern in einem Kühlturm rotiert, und anschließend verdeckelt und etikettiert wird.
Wir gehen weiter in die Verpackungsabteilung. Irgendwo muss ein Abluftstrom sein von der Rösterei, und der Duft wird so stark, dass ich Hunger bekomme. Wir sehen hier eine vollautomatische Verpackungseinheit mit Robotern, die je nach Auftrag die Pakete Kundengerecht zusammenstellen, verpacken, und die Palletten bestücken.

Rapunzel Betriebsbesichtigung 2015
Rapunzel Betriebsbesichtigung 2015

Die nächste Station ist das Rapunzel Museum, wo ein alter Brotofen, die erste kleine Mahlmaschine, ein Mini-Ladenmodell und die Badewanne aufgestellt sind, in der alles anfing.

Rapunzel produziert nicht selbst, sondern kooperiert mit Biobauern. 1992 entstand ein Programm, das 100 % Bio und Fairen Handel verbinden sollte:
Innerhalb des entwickelten HAND-IN-HAND Programmes (HIH) garantieren direkte und langfristige Lieferbeziehungen den HIH-Partnern neue Zukunftschancen, und den Verbrauchern eine hohe Bio-Qualität. Das firmeneigene HIH-Siegel findet sich auf allen Rapunzel Produkten, deren Rohstoffe zu mehr als 50 % von HIH-Partnern stammen, also fair gehandelt werden. Etwa 100 Rapunzel Produkte tragen das HIH-Siegel. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit über viele Jahre hinweg, der ständige Austausch sowie persönliche Besuche garantieren die hohe Produktqualität und den fairen Handel. Zusätzlich sichern dies unabhängige Inspektoren ab.

Die für Rapunzel und die HIH-Partner festgelegten Kriterien basieren auf den Leitlinien internationaler Organisationen für soziale Gerechtigkeit und Arbeitsorganisation wie zum Beispiel der International Labour Organization (ILO).

Die HAND IN HAND Garantie an die Kunden:
Qualitätsprodukte in hochwertiger Bio-Qualität, Einhaltung aller nationalen gesetzlichen Regelungen, soziale Absicherung der Mitarbeitenden, Menschenwürdige und sichere Arbeitsbedingungen, Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit, Durchgängige Transparenz.

RAPUNZEL garantiert seinen HIH-Partnern hingegen:
Langfristige Handelsbeziehungen, Abnahmegarantien, Faire Produktpreise zuzüglich HIH-Prämie Förderung öko-sozialer Projekte über die HIH-Prämie, Unterstützung und Beratung, Kostenübernahme für die HIH-Inspektion und –Zertifizierung, Vorfinanzierungen und Kredite auf Anfrage, Labelling und Kennzeichnung der Produkte, 1% des Einkaufswertes aller HIH-Rohstoffe fließen in den HIH-Fonds.

Sie ermöglichen ihren Partnern damit neben oben genanntem eine große Planungssicherheit. Die HIH-Projekte brachten z.B. soziale Einrichtungen hervor, wie eine Schule für Mädchen in Tanzania, die sich zusätzlich mittlerweile selbst versorgen durch Anbau auf einem Stück Land, und sich durch Solarenergie auch den Strom selbst erzeugen, damit also völlig autonom sind.

Rapunzel Betriebsbesichtigung 2015
Rapunzel Betriebsbesichtigung 2015

„Sie alle bauen ihre Existenz auf diesem großen „Energiefluss“ auf, den wir alle gemeinsam ermöglichen.“ (Zitat von Joseph Wilhelm, Firmengründer und Mit-Geschäftsführer von RAPUNZEL).

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