Kunst im Geschäft 2015

9. Oktober 2015 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Bevor ich auf meine Kunstreise in den Geschäften der Memminger Altstadt mache, stelle ich mir die Frage, ob wohl die Wahl des Umfeldes, d.h. des jeweiligen Geschäftes, bei dieser Aktion geplant war, oder ob sich die jeweiligen Besitzer der Geschäfte die Werke ausgesucht haben? Natürlich könnte ich jetzt jemanden anrufen, und es herausfinden, jedoch ziehe ich heute vor, neugierig und offen mir selbst ein Bild zu machen, und ziehe gespannt los.

Mein erstes Ziel: Die Buchhandlung Javurek – Wilhelm Holderied: Malerei. Das dort ausgestellte Bild heißt „Gleichzeitigkeit“. Leider spiegelt die Schaufensterscheibe, hinter der das Werk ausgestellt ist, das Fotografieren ist also schwierig. Ich gebe auf und sehe mir an, was dahinter steckt. Darunter ist ein Buch ausgestellt, und darin der Künstler, daneben riesenhafte Zeichen und Symbole auf Sand.

Darunter lese ich, dass sich Wilhelm Holderied mit Zeichen und Spuren beschäftigt. Zeichen und Symbole haben die Menschen in ihrer Geschichte begleitet und eine große Wirkung auf sie ausgeübt: Mit ihnen und ihrer Kraft, Dinge zu erklären und begreifbar zu machen, beschäftigt sich sein Werk. Ich erinnere mich an eine Skulptur, an der ich am Münchner Flughafen ein paar Mal vorbeigeflitzt bin, jetzt erfahre ich endlich dass sie „Eine Insel für die Zeit“ heißt, und vom Maler und Bildhauer Wilhelm Holderied stammt.

Nicht ganz nach Plan ist mein nächstes Ziel Drexel´s Parkhotel – die Künstlerin: Julia Ursula Zuchtriegel, Malerei, wo das Treppenhaus durch ein Werk ohne Titel, jedoch sehr energiereichen Rottönen einen unausweichlichen Blickfang erhält.

Willi Siber, „Genagelte Wandobjekte“
Willi Siber, „Genagelte Wandobjekte“

Bei den Börner + Graf Architekten – Willi Siber: Malerei, stoße ich auf „Genagelte Wandobjekte“, unter Verwendung von sehr vielen eingeschlagenen Nägeln und Autolack: Erst von der Nähe betrachtet, sieht man hunderte von Nägeln, die auf einen farbigen Holzuntergrund genagelt sind, und an deren Oberfäche sie Autolack unregelmäßig abgedeckt.
Durch Nägel entsteht Räumlichkeit, wie passend zum Architekturbüro, in dem die Werke ausgestellt sind. Die Erzeugung von Räumlichkeit, der Schritt vom Zweidimensionalen zum Räumlichen ist wohl eine der grundlegenden Bestandteile von Architektur, und genau mit diesem Schritt scheint Willi Siber zu spielen. Daneben sehen wir eine doppelte Anreihung von an der Oberfläche lackierten Blöcken. Ich werde aufgeklärt, dass es sich hierbei um Holzbriketts zum Heizen handelt, die der Künstler zu etwas völlig Neuen gemacht hat. Unwillkürlich muss ich daran denken, wie oft ein Architekt vor der Aufgabe steht, aus etwas Existierendem etwas völlig Neues zu schaffen.

Die Volkshochschule hingegen birgt mehrere Werke von Josephena Wallrath: Malerei. Besonders ins Auge fallen mir „Generationen“, und zwei Akte: „Tag“ und „Nacht“.

In der Elefanten-Apotheke stehe ich vor zwei Holzskulpturen von Stefanie Tzschirner. Liegt es an der Umgebung der Elefanten-Apotheke, daß eine der beiden Holzskulpturen an eine Molekülkette erinnert, die andere an etwas Organisches?

Auf eine weitere Holzskulptur treffen wir im Sanitätshaus Zelt, diesmal von Cornelia Brader. Die Holzskulptur der üppigen Damen in ihrer (fast-) Nacktheit und dem erschreckten, doch offenen, fast kindlichen Gesicht steht auf würdige Weise in Kontrast zu den lächelnden Grazien des Werbeplakates im Hintergrund des Geschäftes, und ich muss schmunzeln.

Cornelia Brader, Holzskulptuern
Cornelia Brader, Holzskulptuern

Weiter geht die Reise zu Hubert Nusko Hörwelt, stehe vor einem Werk und sehe in Perspektive durch ein Fenster. In diesem Falle kann es sogar sein, dass es kein Zufall ist, dass die Farbe der rechten Wand im Bild „Aussichten“ genau die gleiche ist, wie die des Geschäftes „Hubert Nusko Hörwelt“, ist doch der Künstler Hubert Nusko selbst: hauptberuflich Hörgeräteakustiker, sein Hobby die Malerei.

In der VR Bank Memmingen treffen wir Petra Klos: Malerei. Ich betrachte das in Rottönen gehaltene „Feuerlicht“, daneben, klein im Hintergrund, das kleine rote Kästchen des Feuermelders, ein rotes Quadrat, neben einem roten Punkt links im Bild. Auch die anderen Werke fügen sich auf wunderliche Weise ins Ambiente: Die blauen Buchstaben „VR-Bank“ über dem Werk scheinen sich aus meiner Perspektive grafisch aus dem Bild zu formen, das genau dort das gleiche Blau enthält.

Mode Reischmann überrascht gleich am Eingang mit Bernd Walchers „Emotion I“, und „Emotion II“, das Gesicht des einen Portraits zu einem Schrei geformt, das andere, ein Frauenportrait, zeigt ein warmes, einfühlsames, angedeutetes Lächeln, das vor allem aus den Augen scheint.

Bei Eckhofer Moden, erneut im Treppenhaus, hat Irmgard Mrusek ein großes Wert installiert, und schreibt „Kunst im Geschäft“ unmissverständlich an die Wand. Die Malerei, mit Kork umrahmt, erinnert an ethnische Stoffdrucke, die im Moment sehr aktuell sind.

Wir überspringen ein paar Stationen und befinden uns nun beim Juwelier Böckh am Schrannenplatz.

Hier gibt es ein Kontrastprogramm: Cornelia Braders üppige Holzdame scheint sich durch die Perspektive „Trauring Konzepte“ wie eine Krone auf ihr Haupt zu setzen, auf der anderen Seite „Barbed Wire Kisses“ (Stacheldrahtküsse) von Stefan Porkert, eine Mischung aus Druck und Malerei.

Im Landestheater Schwaben treffen wir auf die gleiche Künstlerkombination. Cornelia Brader mit einer weiteren Holzskulptur, diesmal sitzend, und Stefan Porkert mit seiner Mischung aus Grafischem und Malerei.
Scheidet die Holzskulptur eine Welt natürlicher Strukturen von einer modernen grafischen, oder vereint sie die beiden? Die farbliche Struktur der Grafiken im Hintergrund zu ihrer Rechten ähneln sich sehr zu denen der bloßgelegten Ziegelmauer, und durch die Perspektive gleichen sich auch die Formen der beiden Raum-Teile. Manche Werke erfahren durch die Umgebung sogar eine Aufwertung: Die Grafiken von Stefan Porkert scheinen bei näherer Betrachtung ein ineinander übergehendes Bild ohne Anfang und Ende zu sein, jedoch teilen die Garderobenständer das Endlosbild in neue, selbständige Einzelbilder auf, die sich zudem mit der Perspektive des Betrachters verändern und neu bilden. Und wenn ich mir Jacken auf der Garderobe dazu vorstelle, würden diese durch das teilweise Verdecken sogar den Titel „Soziale Ausgrenzung“ auf dynamische Weise unterstreichen.

Stefan Porkert, Druck und Malerei
Stefan Porkert, Druck und Malerei

Die Malerei von Lydia Weiss in der Einhornapotheke wird durch den hell erleuchteten Bogen im Hintergrund fast „sakral“ umrahmt.

Und spannend wird es auch beim Schuhhaus Geiwitz: Ich stehe wieder einmal vor einem Schaufenster, und wieder spiegelt es. Dahinter eine Malerei von Heike Hüttenkofer: eine Tür ohne Griff? Ich sehe durch mein Fotoscreen und versuche, den Spiegelungen auszuweichen. Wie kann man da wohl hineingehen in diese Tür ohne Griff, denke ich mir gerade, als der Schatten einer Person, der sich in der Schaufensterscheibe wiederspiegelt, einfach hindurchzugehen scheint! Ich streiche gedanklich das Wort „Störfaktoren“ aus meinem Vokabular und wandere bereichert weiter.

Heike Hüttenkofer, Malerei
Heike Hüttenkofer, Malerei

In Harry´s GenussBar treffen wir auf weitere Werke von Bernd Walcher, dem wir bereits bei Mode Reischmann begegnet sind. In den engen Räumlichkeiten des Lokals hängen weißliche Lichterkettchen zackig vor einem seiner Portraits, und nach all den vorher gelernten Lektionen, lasse ich sie Teil eines neuen Bildes werden.

Auf dem Rückweg, wieder einige Stationen überspringend, schauen wir noch bei Küchen Mayer rein, und bereuen es nicht: Barbara Hahn hat dort ein paar Fotografien ausgestellt. Fotografien? Auf den ersten Blick wirken sie nicht wie Fotografien. Ich werde zum Glück aufgeklärt: Barbara Hahn lernt als Späteinsteigerin die digitale Fotografie. In diversen Fotoworkshops erlernte sie den Einsatz der Kamera und in Kursen der VHS den Umgang mit PC und Grafikprogramm. Mit erstaunlichen Resultaten! Erwarten Sie keine Fotografie im herkömmlichen Sinne, was wir hier sehen sind experimentelle Werke von großer Originalität!

Barbara Hahn, Fotografien
Barbara Hahn, Fotografien

Es ist immer wieder faszinierend, wie sehr sich Werke durch ihre Umgebung verändern können. Und wer davon ausging, dass Einzelhandelsgeschäfte nicht der richtige Rahmen sind für Kunst, der mag durch genauere Betrachtung, durch das Verändern seiner Perspektive und einer offeneren Haltung, über die Aktion „Kunst im Geschäft“ zu einer ganz anderen Auffassung gelangt sein.

Viel mehr Bilder hierzu auf unserer Facebookseite.

Die Aktion Kunst im Geschäft läuft noch bis 18.10.2015. Die komplette Liste der Künstler und der Geschäfte, in denen sie ausstellen haben wir Ihnen hier im Folgenden zusammengestellt, den praktischen Flyer dazu mit ebensolcher Liste plus Stadtplan erhalten Sie in allen aufgelisteten Geschäften.

  1. VHS, Ulmer Straße 19 – Josephena Wallrath: Malerei
  2. Börner + Graf Architekten, Ulmer Straße 8 – Willi Siber: Malerei
  3. Drexel´s Parkhotel, Ulmer Straße 7 – Julia Ursula Zuchtriegel: Malerei
  4. Buchhandlung Javurek, Zangmeisterstraße 2 – Wilhelm Hoderied: Malerei
  5. Papilotta, Schrannenplatz 3 – Tanja Braun: Malerei
  6. Reformhaus Fidas, Zangmeisterstraße 3 – Kerstin Wettlaufer: Skulptur
  7. Elefanten-Apotheke, Kalchstraße 8 – Stefanie Tzschirner: Holzskulpturen
  8. Sanitätshaus Zelt, Kalchstraße 10 – Cornelia Brader: Skulptur
  9. Hubert Nusko Hörwelt, Kalchstraße 39 – Hubert Nusko: Malerei
  10. VR Bank Memmingen eG, Maximilianstraße 24 – Petra Klos: Malerei
  11. Mode Reischmann, maximilianstraße 12 – Bernd Walcher: Malerei
  12. Siebendächer Baugenossenschaft eG, Lindentorstr. 7 – Annemarie Augsten: Grafik
  13. Siebendächer Apotheke, Lindentorstr. 12 – Christian Arnold: Malerei
  14. Julia Böckh, Schrannenplatz 6 – Cornelia Brader: Skulptur, Stefan Porkert: Malerei
  15. Naschhaus Häussler, Schrannenplatz 6 – Christina Dreher-Koslitz: Malerei
  16. Landestheater Schwaben, Theaterplatz 2 – Cornelia Brader: Skulptur, Stefan Porkert: Malerei
  17. Schuhhaus gangart, Kreuzstraße 7 – Kerstin Wettlaufer: Skulpturen
  18. Einhornapotheke, Kramerstraße 33 – Lydia Weiss: Malerei
  19. Backhaus Häussler, Weinmarkt 3 – Christina Dreher-Koslitz: Malerei
  20. Schuhhaus Werdich, Kramerstraße 29 – Heidi Winkler: Malerei
  21. Sparkasse MM-LI-MN, Geschäftsstelle Kramerstr.15 – Viktor Kraus: Malerei
  22. Schuhhaus Geiwitz, Kramerstraße 13 – Heike Hüttenkofer: Malerei
  23. trendOptic, Kramerstraße 5 – Thomas Mücke: Wildholzobjekte
  24. Weltladen, Weinmarkt 12 – Malgorzata Metzeler, Heike Hüttenkofer: Malerei
  25. Harry´s GenussBar, Untere Bachggasse 5 – Bernd Walcher: Malerei
  26. Karstadt, Königsgraben 3 – Beate Tenschert, Malerei
  27. Mendes Augenoptik, Maximilianstraße 24 – Heike Hüttenkofer: Malerei
  28. ARS Vivendi Enterprise KG, Buxacher Straße 5 – Markus Lindinger: Malerei
  29. Küchen Mayer, Eichenstraße 35 – Barbara Hahn: Fotografien
  30. Auric Hörcenter, Schrannenplatz 6 – Heike Hüttenkofer: Malerei
  31. Eckhofer Moden, Maximilianstraße 3 – Irmgard Mrusek: Malerei
  32. Wohprojekt 11, Furtgasse 11 – Lydia Weiss: Malerei
  33. RE/MAX Immobilien 4You, Lindauer Straße 4 – Bernd Walcher: Malerei
  34. Marien-Apotheke, Augsburger Straße 13 – Christian Arnold: Malerei

Die Ausstellungsreihe wurde ermöglicht mit der Unterstützung von:
Galerie Neuendorf, Ulmer Str. 6
Kunstraum Villa Königsgraben, Königsgraben 7
Galerie Seidenlicht, marktplatz 7, 87730 Bad Grönenbach, www.seidenlicht.de

Verantwortlich für Organisation und Durchführung:
Stadtmarketing, Kuttelgasse 22, Memmingen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.