Energieversorgung der Zukunft

16. Oktober 2015 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Wir waren bei einem sehr interessanten Vortrag dabei, in dem das Thema war: „Energieversorgung der Zukunft“ – Wie schaffen wir die Energiewende vor Ort? Chancen & Hindernisse.
Referent war Dipl.-Betriebswirt, Politologe und Solarunternehmer Thomas Prudlo aus München, und fand am 12.10. in der Stadthalle statt.
In seinem Vortrag ging es um 5 Hauptpunkte:

• Warum ist die Energiewende essentiell?
• Wo stehen wir? Fakten und Mythen
• Die 10 größten Hindernisse und Ärgernisse
• Die 10 wesentlichen Lösungsansätze
• Die Möglichkeiten der Energiewende vor Ort

Vortrag Energieversorgung der Zukunft, Memmingen Oktober 2015
Vortrag Energieversorgung der Zukunft, Memmingen Oktober 2015

Hierbei möchten wir uns heute konzentrieren auf die Möglichkeiten der Energiewende vor Ort, werden jedoch die wichtigsten Inhalte der vorausgehenden Punkte kurz zusammenfassen, um die Zusammenhänge verständlich zu machen.

• Warum ist die Energiewende essentiell? – Die wichtigsten Stichworte sind hier: das Weltklimakrise und globale Erwärmung, die Erschöpfungs- und Abhängigkeitskrise von Rohstoffen, die Armut der Entwicklungsländer, das Atomstromproblem mit ihrer Folgenproblematik, die Landwirtschaft, die Gesundheit der Menschen und Tiere und der wackelnde Weltfrieden.

• Wo stehen wir mit der Energiewende in der Bundesrepublik?
Im Jahr 2014 sind wir in Deutschland noch immer bei ca. 75% der Stromversorgung durch fossile Energieträger. (Quelle: B.Burger, Fraunhofer ISE, Daten: DESTATIS und Leipziger Strombörse EEX). Der Stromverbrauch wird noch immer von 87% fossiler Energie gedeckt.

• Fakten und Mythen

Aussage: Die erneuerbaren Energien verteuern den Strom. – Stimmt bedingt, denn es gibt laut unserem Referenten Thomas Prudlo zahlreiche andere Preistreiber: Die massive Preiserhöhung (v.a. für Unternehmen) erfolgte an den Strombörsen. Und: der Anstieg der Umlagen, ausgehend vom Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hat sich negativ ausgewirkt. Bei den Ausgaben der privaten Haushalte waren die Kosten für Strombezug gering (2012 nur 2,4%).

Aussage: Der notwendige Netzausbau ist teuer und kaum machbar. – Falsch. Geplant sind 2.500 km, und zwischen 1970 und 1993 (im Atomzeitalter) wurden problemlos 34.000 km an Vernetzung ausgebaut. Kalkulierte Zusatzkosten für diese geplanten 2.500 beliefen sich auf 0,5 – 1,3 Cent/kWh…

Aussage: Industrie wandert aufgrund hoher Stromkosten ins Ausland ab. – Falsch. Die Industrie profitiert nach Herrn Prudlo von erneuerbaren Energien und den günstigen Strompreisen, die für industrielle Verbraucher im Jahr 2013 bei 15 Cent/kWh lag.

Aussage: Aufgrund der Erneuerbaren Energien müssen wir Strom verschenken oder zahlen noch drauf. – Falsch. Die Ursache für dieses Szenario liegt laut unserem Referenten Thomas Prudlo an unflexiblen Großkraftwerken, die Stunden brauchen um hoch- oder runterzufahren, was bei Atomkraftwerken im Besonderen nahezu unmöglich ist. Windanlagen und andere Anlagen erneuerbarer Energien sind hingegen sehr flexibel, schnell und einfach regulierbar. – Speicher? Dazu kommen wir später.

Aussage: Elektro-Mobilität löst das Speicherproblem. Falsch. Die E-Mobilität ist ein Schlüssel für nachhaltige Mobilität, jedoch keine kurz- oder mittelfristige Lösung für die Speicherproblematik.

Aussage: Deutschland ist Vorreiter im Bereich der erneuerbaren Energien. – Falsch. Was den prozentualen Anteil erneuerbarer Energien im Vergleich zur Gesamtenergiegewinnung angeht, steht Schweden 2013 mit ca. 49% an der Spitze, gefolgt von Finnland mit ca. 33%, dann Lettland mit etwas mehr als 32%, danach Österreich mit ca. 30%, Dänemark und Portugal mit etwas mehr als 24%. Deutschland liegt nur auf Platz 14 mit ca. 11%, hinter dem EU-Durchschnitt von 12,7%, hinter dem „Atomland“ Frankreich, sowie hinter Spanien, Dänemark, Litauen, Bulgarien, Rumänien und Slowenien…

Aussage: Wind und Solar lassen sich im Gegensatz zu den Konventionellen nicht prognostizieren. – Falsch. Die Abweichungen bei den Prognosen bei Solarenergie liegt bei ca. 10%, die Abweichungen bei den Konventionellen liegen ebenfalls bei 10%, bei Wind liegen sie bei ca. 12%, also nur geringfügig höher.

Aussage: Abschalten der AKW führt zu teuren Energieimporten. – Falsch. Noch nie gab es ganz im Gegenteil so hohe Energie-Exporte aus Deutschland und so geringe Energieimporte nach Deutschland wie im vorliegenden Mess-Jahr 2012.

Aussage: Offshore ist grundlastfähig. – Falsch. (Definition: Die niedrigste Tagesbelastung eines Stromnetzes wird als Grundlast verstanden, „grundlastfähig“ sind somit die Technologien, die die niedrigste Tagesbelastung eines Stromnetzes liefern können.) Mit 4.000 – 5.000 Vollaststunden kann die Offshore-Erzeugung nicht die niedrigste Tagesbelastung eines Stromnetzes liefern, so Herr Prudo, zudem seien sie eher schlechter als besser prognostizierbar, und die Wartung sehr schwierig wegen der widrigen Bedingungen.

Nach all dem Aufräumen und trockenen Fakten, die sehr interessant sind! und definitiv wichtig zu wissen, beginne ich jedoch in meinem Stuhl hin- und her zu rücken, und bin sehr gespannt auf den nächsten Punkt: die Lösungsansätze!
Leider merke ich schon bald, dass sich diese mehr an die Politik richten, als an mich, Erdbewohner, Bürgerin Memmingens, also schreibe ich geduldig mit und hoffe insgeheim, als Otto-Normal-Sterblicher am Ende vielleicht ein paar Hinweise zu bekommen, was hier auf Planet Erde, Planquadrat Memmingen und Umgebung als Bürger, als Arbeitgeber wie auch als Arbeitnehmer praktisch getan werden kann:

• Die 10 wesentlichen Lösungsansätze, die Herr Prudlo vorschlägt sind:

  • Kraftwerkskapazitäten ausschreiben (die Begründung: Gas ist flexibler beim hinauf- und herunterfahren bei der Stromerzeugung.
  • Wind und Photovoltaik als zentrale Bausteine der Energieversorgung fixieren
  • Kostenwahrheit für alle Energieträger einführen
  • Die Energiewende dezentral umsetzen
  • Energiewende europaweit denken und lokal umsetzen (lokale Gegebenheiten nutzen)
  • Lastverschiebungspotentiale nutzen (d.h. Zeiteinteilung anpassen bei hohem bzw. geringen Bedarfsspitzen wie Tag-Nacht)
  • Speicher: dezentral denken
  • Nachfrageseite besser einbinden (Anreize schaffen zum Stromsparen, wie z.B. den „intelligenten Stromzähler“)
  • Wärmemarkt besser einbinden (im Winter brauchen wir viel Wärme, haben wenig Wind, im Sommer haben wir Wind, brauchen aber wenig Wärme…)
  • Subventionen für fossile Energieträger abschaffen und Abwendung von fossilen Energieträgern als hauptverantwortliche für den CO2-Ausstoß.
Vortrag Energieversorgung der Zukunft, Memmingen Oktober 2015
Vortrag Energieversorgung der Zukunft, Memmingen Oktober 2015

• Die Möglichkeiten für eine lokale Energiewende (jetzt wird es interessant für Erdmenschen wie mich!):

1. Für die Landwirtschaft: Faulgasanlage: Bis 75 kWp ausreichende Vergütung, sie ist ökologisch höchst sinnvoll. Jedoch sind die Auflagen zu beachten.
2. Wärmepumpen: Sind eine ausgereifte Technik und eine äußerst sinnvolle Verbindung von Strom- und Wärmetechnik, ökologisch optimal in Verbindung mit einem Pufferspeicher, und sie sind kombinierbar mit Solarthermie oder Photovoltaik.
3. Nähwärmenetze: (d.h. die Zentrale Wärmeerzeugung und Verteilung durch Vernetzung nahe gelegener Wohngebiete, wobei mit möglichst kleinen Verlusten innerhalb der angeschlossenen Wohneinheiten die Brauchwasserversorgung gewährleistet werden soll.) Ökologisch ein sehr gutes Verfahren, und ordentliche Förderungen dafür sind möglich, die Rendite jedoch gering. Zudem muss die Abnehmerdichte und –menge beachtet werden, und es ist ein großes Know-how notwendig, also unbedingt Energieplaner und Energiefachleute damit beauftragen! Empfehlenswert seien hier z.B. CALPEX-Systeme.
4. Kleine KWK-Anlagen (Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen): sind eine ausgereifte Technik, Anlagen bis 50 kW sollen bessere Vergütung bekommen. Zu beachten ist hierbei jedoch die Entwicklung der Gaspreise, denn die überschaubare Rendite ist davon abhängig. Zudem muss die Frage beantwortet werden, ob die Wärmeabnahme zu guten Konditionen gesichert ist, wofür die Gesetzgebung abzuwarten ist.
5. Windkraftanlagen: sind wirtschaftlich rentabel, und volkswirtschaftlich sowie ökologisch sinnvoll. Zu beachten ist hierbei jedoch, dass die Erträge meist schwächer ausfallen als die Gutachten (voraussichtlich Auktionsverfahren bis 2017 IBN). Erfahrene Partner sind hier empfehlenswert.
6. Solaranlagen: alle Strukturen sind hierfür da, der Energierücklauf ist kleiner als 1 Jahr, die Risiken sind überschaubar und es verspricht nach wie vor eine ordentliche Rendite von ca. 5%.
7. Energiegenossenschaften gründen: Energiegenossenschaften sind von Auflagen ausgenommen worden, sind höchst demokratisch und bewährt. Jedoch muss ausreichendes Volumen beachtet werden und die Laufzeit bzw. Langfristigkeit bedacht werden.
8. Energie sparen. Ist einfach zu meistern, ist wirksam, ist renditestark, und beinhaltet ein sehr hohes Potential.

Im Anschluss werden Fragen aus Zeitgründen leider etwas kurz behandelt:

Die erste spannende Frage eines Teilnehmers betraf die Brennstoffzelle als Stromerzeuger, die doch in vielen Ländern der Welt bereits zum Einsatz käme. (Kurze Erläuterung: Eine Brennstoffzelle ist eine galvanische Zelle, die die chemische Reaktionsenergie eines kontinuierlich zugeführten Brennstoffes und eines Oxidationsmittels in elektrische Energie umwandelt. Meist sprechen wir hier über die Wasserstoff-Sauerstoff-Brennstoffzelle. Die Brennstoffzelle wandelt also chemische Energie direkt in elektrische Energie um.) Nachdem hier also nicht verbrannt wird zur Stromerzeugung, sondern Strom durch Wandlung erfolgt, sei dies doch äußerst interessant, wegen Null CO2 –Ausstoß, zudem potenziell viel effizienter als die konventionelle Stromerzeugung, die über Verbrennung Energie erst in Wärme, dann in mechanische Kraft umgewandelt, um dann durch einen Generator Strom zu erzeugen. Und es sei als Leistungsklasse unendlich. „Warum also wird diese Technologie nicht vorangetrieben?“ fragt der Teilnehmer, und fügt hinzu: „vor allem wenn man bedenkt, dass Länder wie Indien und Angola diese Technologie bereits erfolgreich einsetzen“. – Antwort unseres Referenten: es sei v.a. eine Kostenfrage.

Wir fanden diese Frage jedoch so spannend, dass wir darüber mehr wissen wollten: Man bedenke dabei v.a., dass die erste Brennstoffzelle bereits 1838 erstellt wurde, und nur in Vergessenheit geriet, weil die „Dynamomaschine“ in Verbindung mit der Dampfmaschine bezüglich Brennstoff und Materialien damals im Vergleich einfacher und unkomplizierter war, die Folgen bezüglich des CO2-Ausstosses noch nicht bekannt oder ignoriert wurden, und daher zu dieser Zeit der komplexen Brennstoffzelle vorgezogen wurde…Zudem ist interessant, dass moderne Brennstoffzellen auch im praktischen Betrieb in einer Studie von 2012 bis zu 60 % Wirkungsgrad erreichen. Im Vergleich: die konventionelle Kraft-Wärme-Kopplung bis 100 kW erreicht nur 34%, bis 1000 kW erreicht sie 41%.
Die ersten Anwendungen von Brennstoffzellen fanden sich in den Bereichen Militär und Raumfahrt, in denen Kosten eine untergeordnete Rolle spielten. Die geringe Geräuschemission und die Möglichkeit, Brennstoffzellen nach sehr langer Inaktivität zuverlässig zu betreiben, trugen v.a. zur militärischen Nutzung sowie dem Einsatz in Notstromversorgungen bei. (Aha! Deshalb der Einsatz in Indien, wo außer in Mumbai nirgends durchgehende Stromversorgung gewährleistet werden kann, und man deshalb auf Notstrom angewiesen ist, was in Angola wohl ebenso der Fall ist.) Zudem vertreten die Hersteller von Brennstoffzellen die Auffassung, dass Brennstoffzellen in Kombination mit dem Elektromotor Bewegungsenergie in verschiedenen Einsatzbereichen effizienter erzeugen können als Verbrennungsmotoren. – Interessant also auch im mobilen Bereich? –

Mehrere Automobilfirmen (u.a. Volkswagen, Toyota, Daimler, Ford, Honda, General Motors/Opel) forschen zum Teil bereits seit 20 Jahren mit staatlicher Förderung an Automobilen, deren Treibstoff Wasserstoff ist. Zur Energieumwandlung werden Brennstoffzellen sowie ein Elektromotor zum Antrieb benutzt. Ein Beispiel sind die Fahrzeuge NECAR 1 bis NECAR 5 sowie Mercedes-Benz F-Cell und das Konzeptfahrzeug F125 von Daimler. In der Schweiz rückte 2004 das Hy-Light-Fahrzeug ins Licht der Öffentlichkeit. Einige MAN-Brennstoffzellen-Stadtbusse gehen dagegen in Berlin für die BVG in Betrieb.
Bei BMW ist die Brennstoffzelle weniger zur Erzeugung elektrischer Antriebsenergie gedacht: Das Konzept sieht weiterhin einen Verbrennungsmotor vor, dessen Kraftstoff dann allerdings Wasserstoff ist, der flüssig bei sehr tiefen Temperaturen gespeichert wird. Das Konzeptfahrzeug hierfür ist ein Typ E68 (7er Baureihe). Der permanent im Tank verdunstende Wasserstoff wird als Gas in einer Brennstoffzelle zur Stromversorgung des Fahrzeuges genutzt. Ansonsten müsste der gasförmige Wasserstoff von Zeit zu Zeit ins Freie abgeblasen werden: zwei Fliegen mit einer Klappe.

Der stationäre Einsatzbereich eines Brennstoffzellensystems erstreckt sich über einen weiten Leistungsbereich, angefangen bei kleinen Systemen mit einer Leistung von zwei bis fünf Kilowatt elektrischer Leistung – z.B. als dezentrale Hausenergieversorgung – bis hin zu Systemen mit mehreren hundert Kilowatt. Größere Systeme können in Krankenhäusern, Schwimmbädern oder für die Versorgung von kleinen Kommunen eingesetzt werden. – Sehr interessant!

Die 2. Frage aus den Reihen unserer Teilnehmern betrifft Nachtspeicheröfen. Zu empfehlen? – Antwort von Thomas Prudlo: Wärmepumpen sind sehr viel effektiver! Und aus oben genannten Gründen sehr viel mehr zu empfehlen!

Frage 3: betrifft die Möglichkeiten der Energiespeicherung. Die sei eine oft erwähnte Problematik, wenn zu Spitzenzeiten zu viel Energie erzeugt wird, und z.B. das Windrad aus dem Wind genommen werden muss, sei doch aber eine Verschwendung, wie also sieht es mit Speichern aus? – Antwort: Im Moment stehen noch keine zufriedenstellenden Technologien zur Verfügung und meist sind die Größen der Anlagen noch völlig überdimensioniert. – Einwurf eines Teilnehmers: BOSCH entwickelt gerade diese Hybrid-Batterien…- „Ja, dann wollen wir hoffen, dass bald eine greifende Technologie daraus hervorkommt“, so Herr Prudlo.

(Veranstalter dieses Vortrages war die ÖDP KV Memmingen-Unterallgäu).

Mein zugegeben etwas „erdiger“ Wissensdurst ist jedoch noch nicht gestillt, deshalb eine große Bitte an Euch alle, die ihr es geschafft habt bis hierher zu lesen:

Wenn ihr für eine Firma arbeitet, die tolle Energiespar-Programme aufgestellt haben, oder Technologien zum Einsatz bringen, die z.B. Abwärme wiederverwenden oder andere tolle und sinnvolle Wärmespeicher- oder Umwandlungssysteme zur Anwendung bringen, schreibt uns! Uns interessiert alles, was in Memmingen und Umgebung bereits zum Einsatz kommt, sei es bei Unternehmen, als auch auf privater Ebene (wie z.B. Nähwärmenetze, KWK-Anlagen) – Erfahrungen oder auch Anregungen sind gefragt!
Schreibt uns auf info@memmingen-sind-wir.de, oder wenn ihr anonym bleiben wollt, schreibt einen Kommentar hier auf dem Portal, oder auf unserer Facebookseite. Wir freuen uns auf jeden kleinen Tip, genauso wie auf Ausführlicheres!

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