Hans Well und die Wellpappn

20. Oktober 2015 von Christine Hassler - Keine Kommentare

haben eine lange und eine kurze Vorgeschichte: die lange ist der Vorgänger der Wellpappn namens Biermösl Blosn, die sich nach 35 Jahren gemeinsamer Aktivität aufgelöst haben, aus der jedoch durch Hans Well eine neue Formation von Kabarettisten entstand, und, mit einer neuen Generation: um ihn versammelt ist dabei ein Teil seiner zahlreichen Kinder, die allesamt hoch-talentierte Musiker sind, und das gleich hoch-sympatisch unbekümmerte, widerborstige und rotzfreche Mundwerk haben wie ihr Herr Papa.

Hans Well und die Wellpappn, Memmingen, Oktober 2015
Hans Well und die Wellpappn, Memmingen, Oktober 2015

Zum Glück war ihre Vorstellung am vergangenen Samstag im Kaminwerk, denn auf wenigen Bühnen würden all ihre Instrumente Platz finden, als auch all die Zuschauer, die die Vorgeschichte der Biermösl Blosn wohl kannten.

Kabarett ist immer kritisch und Politik ein häufiges Thema sagen Sie? Und Sie haben Recht, jedoch ist der große Unterschied wie so oft das „wie“.

Mit breitem oberbayrischen Dialekt stellen sich die Töchter Tabea, Sarah, der Sohn Jonas und der Vater Hans Well vor uns auf der Bühne erst einmal die Frage: Jo wo samma denn do eigentlich? Memmingen – und schon geht es los: sehr gut vorbereitet auf Memmingens ältere, vor allem aber jüngere Geschichte fassen sie mit spitzer Zunge und zynischer  Reimform zusammen, was unsere Stadt Memmingen ausmacht, inklusive der Allgäu Airport-Problematik und der langen Amtszeit unseres Oberbürgermeisters. Derart aufgetischt, war es ein gelungener Anlass, wieder einmal richtig über sich selbst lachen zu können, was eine äußerst erstrebenswerte Gabe ist.

Im gleich monotonen Sing-Sang in Reimform beantworten sie auch gleich die nächste Frage: Und wohea kimma mia? Sie erzählen uns aus ihrer kleinen Gemeinde in Oberbayern, und so manches kommt uns bekannt vor, anderes steht typisch für ihre Gegend. Niemand wird dabei verschont, und mit wehenden Fahnen geht es sogleich in die Kommunalpolitik, wo kein Geheimnis eines bleibt, und nichts nicht durch pechschwarzen Kakao gezogen wird: angefangen bei den Bürgerversammlungen und den dort zu erwartenden Nörgeleien, wo das ungeliebte Thema Energie und Windparks kurz abgehandelt wird, weil doch eine andere Nachricht sehr viel wichtiger ist: auf dem nächsten Feuerwehrfest gibt es nämlich Leberkas und Schweinshaxn, gesonsert von EON.

Mit Musik verschiedener Instrumente, geht es, zugehörend zum gleichen Bundesstaat Bayern, auch gleich weiter mit Regionalpolitik und deren uns so bekannten Politikern, über Maut, die Stromtrasse, die Zuwanderungsproblematik, um irgendwann im FIFA-Sakandal zu enden.

Hans Well und die Wellpappn, Memmingen, Oktober 2015
Hans Well und die Wellpappn, Memmingen, Oktober 2015

Die hoch-talentierten Musikerkinder wechseln von Violine zu Trompete zur Steirischen, der Mandoline, Gitarre, Bariton oder Alphorn (Tebea!), von der Tuba zum Kontrabaß, der Trompete, der Scherrzither, Ukulele, Bouzouki, Gitarre und dem Alphorn (Jonas!), von der Bratsche zum Akkordeon zum Saxofon, der Ukulele, dem Regenmacher (Sarah) und zurück, nur der Vater konzentriert sich auf zwei Dinge: die Gitarre und das Texten, wobei er des Öfteren an diesem Abend über seine eigenen Textfallen stolpert, sind sie doch hoch-komplex, und zungenbrecherisch spitzzüngig. Aber er kann auch auf der Steirischen spielen, dem Alphorn und der Tuba…

Über Adam, Eva und den Apfel, in dem der Wurm drin ist, wandern wir zum DFB, „wo doch jetzt Martin Winterkorn nach VW für die neue Präsidentschaft kandidieren könnt“, hören ein sarkastisches Lied über den Regen, der sich zu Sturzbächen und Flüssen formt, und den Porsche vom Heindlinger Sepp (erfundener Name) quer durch das Dorf schwemmt, und die Frau Höllengruber (auch erfunden) ihm lächelnd nachwinkt.

Meine Backenmuskeln erholen sich nicht, und erbarmungslos fahren sie fort, bis mir die Tränen aus den Augen rollen, machen weiter mit einem Lied in Benglisch (Bayrisch-Englisch), in dem es wieder über Bayern und den „Bayern als solches“ geht, singen über den Atomstrom, „der sicha gfährlich is, aber wenn´s a Mol den Gabriel verreißt giabts a an Haufn Leichn“.

Natürlich ist es auch was sie sagen, aber vor allem wie: mit traditionellen Instrumenten und Klängen, staubtrocken und unbekümmert, singen sie ein rotzfreches Lied über uns und über Bayern, und schließen mit einem Klagelied: „ich, Winterkorn, ich armer Tropf, der i grod um 117 Millionen (erfundene Zahl) Euro Rente kimma bin“…Als Zugabe hören wir ein instrumentales Stück, und meine Backenmuskeln entspannen sich an diesem Abend erst, als ich im Bett liege.

Hans Well und die Wellpappn, Memmingen, Oktober 2015
Hans Well und die Wellpappn, Memmingen, Oktober 2015

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