Ein interessanter Film- u. Diskussionsabend bei Rapunzel

22. Oktober 2015 von Christine Hassler - Keine Kommentare

„Can´t be silent“ ist ein Film über den deutschen Liedermacher Heinz Ratz, der 80 Asylbewerberheime in Deutschland besucht hat, und dort Musiker von großem Format fand: Sänger, Musiker, Rapper, und doch Ausgeschlossene und Abgeschobene… Im Anschluss an den Film hat Rapunzel am vergangenen Dienstag einen Gesprächsabend organisiert, wozu sie Asylbewerber aus Markt Legau und Klaus Hackenberg, Sozialberater von der Diakonie Kempten eingeladen haben. Es verspricht, ein interessanter Abend zu werden.

Die Story des Filmes: Liedermacher Heinz Ratz hatte es sich zur Aufgabe gemacht, in Asylbewerberheimen Musiker zu finden, um ihnen mit Musik aus ihrer Isolation zu verhelfen. Er besuchte dabei 80 Asylbewerberheime in Deutschland und fand Sänger, Musiker und einen Rapper, begann mit ihnen Musik zu machen, und machte zusammen mit den „Künstlern auf der Flucht“ eine Konzerttour in Deutschland.

Der Film ist im Jahr 2013 entstanden, als viele Gesetze noch anders waren, und die Verhältnisse in vielen Asylbewerberheimen drastisch. 2013 war zum Beispiel Asylbewerbern nicht erlaubt zu arbeiten, bis das Antragsverfahren zu einem positiven Ergebnis fand, und die Verfahren dauerten 1 Jahr und länger. Stellen Sie sich einmal vor, 1 Jahr lang und länger in Ungewissheit zu leben, nichts Sinnvolles tun zu können, und zudem sozial isoliert zu sein. Was würden Sie tun? Wie würden Sie fühlen? Wie überlebt man das, ohne seelische Schäden davonzutragen?

Diese Fragen muss sich Liedermacher Heinz Ratz gestellt haben, als er beschloss, sich auf diese abenteuerliche Reise zu machen. Nicht nur motivierte er talentierte Musiker aus Asylbewerberheimen, er musste Stunden um Stunden in Ämtern verbringen, um Genehmigungen zu erhalten, denn 2013 existierte noch die Residenzpflicht ebenfalls für die gesamte Dauer des Zulassungsverfahrens. Residenzpflicht bedeutet, dass Asylbewerber sich nur in dem von der zuständigen Behörde festgelegten Bereich aufhalten dürfen, was je nach Bundesland auch bedeuten kann, dass sie die Gemeinde nicht verlassen dürfen, nicht einmal, um in das nächste Dorf zu fahren.

Seit dem 1. Januar 2015 ist die Residenzpflicht für Asylbewerber grundsätzlich auf drei Monate begrenzt worden, wie auch das Arbeitsverbot, das nun nur noch für die ersten 3 Monate gilt.

Verständlich also, was einer der Musiker auf der Flucht 2013 im Film über die Aktion von Heinz Ratz sagte: Er weiß nicht, was aus ihm geworden wäre, wenn Heinz ihn nicht aus dieser Isolation geholt hätte, und seinem Leben durch die gemeinsame Musik einen positiven Sinn gegeben hätte. „Ich war vorher sehr traurig, und mein Leben war so leer. Das einzige was da war, war die Ungewissheit.“

Es war ein spannender Dokumentarfilm, der von der Gratwanderung zwischen Rampenlicht und Isolation erzählte, und so viele Fragen aufwarf, dass ich es eine großartige Idee vom Rapunzel-Team fand, eine Diskussionsrunde zu organisieren mit einem „Eingeweihten“ über die neuen Gesetzgebungen und Möglichkeiten für Asylbewerber, als auch über Integrationsmaßnahmen.

Can´t be silent-Film-und Diskussionsabend bei Rapunzel, Oktober 2015
Can´t be silent-Film-und Diskussionsabend bei Rapunzel, Oktober 2015

Zudem konnten wir endlich einmal direkt Asylbewerbern die Fragen stellen, die so vielen auf der Seele brennen, und die die Asylanten selbst wohl am besten beantworten können. Bevor wir jedoch loslegen können, klärt uns Klaus Hackenberg auf, dass die anwesenden Asylbewerber zum größten Teil aus Syrien, Afghanistan und dem Iran kommen, ein paar weinige von der Elfenbeinküste und anderen afrikanischen Ländern (letztere befanden sich im Zuschauerraum). Insgesamt seien in Legau derzeit 30 Flüchtlinge untergebracht.

Zur Frage, was sie denn gerade am Anfang am meisten brauchen, fand ich die Antwort eines Asylbewerbers sehr aufschlussreich, die er stellvertretend für viele seiner anwesenden Weggefährten gab, die zum Teil wenig Englisch und noch weniger Deutsch sprachen: er sagte, am Anfang, endlich in München angekommen, waren sie total erschöpft, ja, und hungrig auch, ja, aber dem wurde nach dem Screening schnell Abhilfe geschaffen.
Was sie hingegen vor allem quälte, war der innere Stress, der nicht verarbeitet war: all die Erlebnisse zusammengesetzt aus dem Abschied in ihren Heimatländern, der Flucht, den skrupellosen Schleppern, den traumatischen Überfahrten auf See, bei denen Menschen auf der Flucht starben, ohne dass sie etwas hätten tun zu können, den Fußmärschen und all dem, was völlig unverarbeitet in ihnen wütete.

Er sagte, in einem solchen Moment sehnt man sich vor allem nach Liebe und Respekt. In meinen Augen bilden sich Tränen des Verständnisses, und ich bin froh, mich an die schönen Bilder über das Willkommen in München erinnern zu können, die durch die Presse gingen, was jedoch nicht immer und vor allem nicht überall so ist. Er fügte hinzu: Und, man braucht Information. – Wie geht es weiter? Wohin gehe ich jetzt? Was muss ich kann ich darf ich soll ich?

Haben wir das alle gehört? Liebe, Respekt und Information! Das sind die Zauberwörter! Und – brauchen wir das nicht alle?

Ein weiterer aus der Gruppe der Asylbewerber ergänzt dazu: Wir brauchen nur das Nötigste, denn arbeiten können wir ja selbst. – Ich hoffe, dass auch dies alle gehört haben!

Die nächsten Fragen drehen sich um die aktuelle Situation des Arbeitsverbotes und des Residenzgesetzes, denn viele wollten wissen, ob das denn noch so sei wie in dem Film. Klaus Hackenberg antwortet darauf mit den oben bereits erwähnten Änderungen in der Gesetzgebung seit Beginn diesen Jahres, die in beiden Fällen auf 3 Monate reduziert wurden. Zudem gäbe es jetzt die Möglichkeit, nach den ersten 3 Monaten an Ausbildungsprogrammen teilzunehmen, da die Agentur für Arbeit das Potential erkannt habe, und nun Ausbildungen für Asylbewerber anbiete, auch in Berufen, die für viele Deutsche nicht mehr attraktiv zu sein scheinen, und bei denen es einen großen Bedarf an Arbeitskräften gibt. Zudem können Asylbewerber im Anschluss an solch eine Berufsausbildung direkt das Bleiberecht erlangen.

Währenddessen sind die beiden Mitarbeiterinnen von Rapunzel sehr beschäftigt, ins Deutsche und wieder zurück ins Englische zu übersetzen, und machen das ganz prima.

Eine Dame aus Memmingen wirft ein, ja es stimmt schon, dass es diese Ausbildungsprogramme gäbe, nur viel zu wenig, und nennt eine angebotene Ausbildung in Memmingen, die 18 Stellen zur Verfügung gestellt habe, es jedoch 200 Bewerber dafür gab. Fazit: Wir sind auf einem guten Weg, jedoch noch am Anfang.

In mir formt sich hingegen eine andere Frage: wissen die Asylbewerber von diesen Möglichkeiten? Werden sie genügend über diese Dinge aufgeklärt und, wer klärt sie eigentlich auf? Ich richte diese Fragen an Herrn Hackenberg, der mir antwortet, dass dafür verschiedene Instanzen zuständig sind: das können die Migrationsdienste der Caritas sein, oder die Diakonie, das hänge von der Region ab. In Kempten, seinem Herkunftsort, sei er mitverantwortlich als Mitglied der Diakonie, in Memmingen sei es jedoch die Caritas bzw. der Migrationsdienst der Caritas. Bei Gemeinschaftsunterkünften, wie z.B. der neuen Gemeinschaftsunterkunft in der Memminger Kühlhausstraße sei hingegen die Regierung von Schwaben zuständig.

Eine weitere Frage aus den Teilnehmerreihen an die anwesenden Asylanten bezieht sich auf die Zeit, in der sie ausharren müssen, bis sie arbeiten und sich etwas freier bewegen können. „Zum Glück“, sagt einer der Asylbewerber, „müssen wir nicht ein Jahr oder mehr warten wie in dem Film, ich finde 3 Monate schon sehr lang. Man fühlt sich nicht gut, wenn man nichts tun kann“.

Toll! Denke ich insgeheim, sie haben ihren Stolz nicht verloren, und wollen keine Almosen sondern etwas Nützliches tun. Ich sage jedoch, „es ist toll zu sehen, dass die Motivation zu arbeiten groß ist, und die Gesetzgebung, ok, das ist nun einmal die momentane Gesetzgebung, vielleicht gibt es dafür gute Gründe, vielleicht ist sie auch, obgleich noch relativ neu, bereits überholungsbedürftig. Aber die Frage, die sich bei mir bildet ist: wie könnte man diese Zeit des „Ausharrens“ sinnvoll nutzen? Im Moment sind es 3 Monate, wir hier und heute können daran nichts ändern, aber man kann sich überlegen, wie man diese Zeit besser nutzen kann. Ist vor allem die soziale Isolation dabei nicht ein großes Problem? Und: Wie steht es mit Sprachkursen? Denn die Sprache ist ja ein wichtiges Mittel mit uns hier zu interagieren, also ein Mittel aus der Isolation herauszufinden, die Sprache ist für eine spätere Arbeit sehr wichtig und zudem ein erster Schritt zur Integration…“

Darauf antwortet ein Asylbewerber von der Elfenbeinküste. Er sagt, „Aber ich weiss doch noch gar nicht, ob ich überhaupt bleiben kann, wozu also intensiv die Sprache lernen und an Integration denken?“ – Es entfaltet sich eine angeregte Diskussion, ob es sich nicht unabhängig davon lohnt, schon einmal die Sprache zu lernen und zu interagieren, denn egal wie es ausgeht, ist man erstens nicht sozial isoliert und frustriert, zum zweiten ist eine zusätzliche Sprache zu sprechen immer von Vorteil, auch wenn das Gesuch abgelehnt wird, denn viele afrikanische Firmen arbeiten mit Deutschen Firmen zusammen, man würde demnach mit etwas mehr zurückgehen, als mit dem, mit dem man hier ankam, und wenn es positiv ausgeht, dann hat man bereits einen Vorsprung…

Nachdem dieses Thema abebbt, merke ich, dass ich betreffend meiner vorhergehenden Frage noch nicht genug befriedigende Antworten erhalten habe, und hake nach: Ok, Sprachkurse ist gut, was kann noch getan werden, um diese Zeit des Wartens sinnvoll zu füllen? Wenn ich mich an den Film erinnere, dann ist wohl Musik auch ein tolles Mittel sich sinnvoll zu beschäftigen: man trifft andere Menschen, bringt sich ein und macht etwas, was manchen großen Spaß bereitet. Im Allgäu TV habe ich ebenfalls bereits Berichte gesehen, dass Aktionen dieser Art, vor allem auf kommunaler Ebene bereits existieren, wie ein Trommelkurs in den Sommerferien, gemeinsames Singen u.ä.“ – Spontan kommt mir der Gedanke, komisch eigentlich, dass ich von solchen Ansätzen in Memmingen noch gar nichts gehört habe.

Can´t be silent-Film-und Diskussionsabend bei Rapunzel, Oktober 2015
Can´t be silent-Film-und Diskussionsabend bei Rapunzel, Oktober 2015

Einer der Asylanten nickt lächelnd, flüstert seinem Freund etwas zu, und der übersetzt: „hier, mein Freund spielt Gitarre. Dem würde das Freude machen.“ Ok. „Also Musik. Was noch? Ich meine, um aus der Isolation zu kommen und die Menschen in diesem Land besser kennen- und schätzen zu lernen, was könnte getan werden? Könnte ich mich zum Beispiel ehrenamtlich irgendwo melden und sagen, hier, ich stelle mich pro Woche 2-3 Stunden zur Verfügung als „Begleitung“ für einen gemeinsamen Spaziergang? Ein Instrument spiele ich nicht, und im Singen bin ich auch nicht gut, aber ich kann mich ja als Ansprechpartner zur Verfügung stellen, und eine Runde im Grünen drehen, oder zusammen einkaufen gehen, o.ä.“

Herr Hackenberg und ein Teilnehmer finden die Idee toll, also frage ich, an wen ich mich denn in Memmingen wenden könnte, um herauszufinden, ob es so etwas gibt, und wenn nicht, ob man solche kleinen ehrenamtlichen Netzwerke nicht einrichten könnte: ein Musik-Netzwerk mit Asylbewerbern, ein Spazier- und Begleitungsnetzwerk, ein Fußball-Netzwerk, ein Deutsch-Konversations-Netzwerk, ein Intelligentes-Spiel-Netzwerk (Schach, Back-Gammon…), …

So wären 3 Monate schnell vorbei, man würde die Sprache schon besser sprechen, hat die Menschen schon besser kennengelernt, und das nicht nur auf Ämtern und dann gleich bei der Arbeit, sondern auf etwas spielerische und entspannte Weise. Kann eigentlich nur positiv sein, und eine Dame aus unseren Teilnehmerreihen sagt dazu, sie geht öfters ehrenamtlich in das Legauer Asylheim, und kann uns nur sagen, dass sie selbst dabei sehr viel gelernt hat, und für sich selbst sehr viel positives daraus mitgenommen hat.

Herr Hackenberg gibt mir ein paar Tipps: „Fragen Sie doch einmal beim Migrationsdienst der Caritas nach, wie schon erwähnt, und beim AK Asyl der katholischen Kirche und bei der Regierung von Schwaben“.

Wir von Memmingen sind wir haben uns vorgenommen, diesen Fragen und Anregungen hier in Memmingen nachzugehen. Innerhalb der nächsten Wochen also mehr darüber!

Hier schon einmal ein großes Danke-schön von uns für die äußerst interessante Veranstaltung an Rapunzel!

Und wenn jemand unter Euch ist, der an der Teilnahme an solchen Netzwerken, wie am Ende erwähnt, interessiert wäre, schreibt uns! Jemand der englisch spricht, oder singt, oder ein Musiklehrer ist, oder ein Sportler… Alle, die gerne ein paar Stunden pro Woche aufbringen würden, um diesen Menschen zu helfen, sich bei uns zurechtzufinden, anzukommen und unsere Heimat kennenzulernen. Schreibt einen Kommentar, oder ein Mail an info@memmingen-sind-wir.de!

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