Ein Recht auf Hoffnung – Ausstellung Asyl ist Menschenrecht

27. Oktober 2015 von Christine Hassler - 1 Kommentar

Wir haben zweifellos ein Problem, doch sind Ängste keine Antwort darauf, sondern ein Hindernis in der Überwindung von Problemen. Die Antwort auf das Problem ist unsere gemeinsame Stärke, der Glaube an Menschlichkeit und die Kraft von Kreativität und Produktivität in einem Rahmen, der uns die Entfaltung dieser menschlichen Potentiale ermöglicht, wie es der unsere ist – und das Verständnis, dass diese Welt allen gehört, dass jeder Mensch das Recht hat sich gegen Not, Gewalt, Elend und Krieg aufzulehnen, und wenn auch das nicht mehr hilft, davor zu fliehen

in der Hoffnung, einen Platz in dieser Welt zu finden, in dem Leben möglich ist. Einen Platz, an dem nicht alles zerstört ist, an dem man in Sicherheit und Ordnung leben kann, einen Platz, in dem man sich kreativ und produktiv einbringen kann, und am Gedeihen teilhaben und mitarbeiten kann, ein Platz in dem das Leben eines Menschen einen Sinn und einen Wert hat.
Vielleicht müssen wir den Gürtel etwas enger schnallen, was nebenbei gesagt vielen unter uns guttun würde, aber vor allem müssen wir uns besinnen, dass andere Menschen auf diesem Planeten das gleiche Recht haben wie wir selbst, die gleichen Bedürfnisse haben wie wir selbst, und sich aufmachen von Gebieten, die es ihnen nicht erlauben menschenwürdig oder überhaupt zu leben, in andere Gebiete, in denen Leben möglich ist.

Und genau darüber soll die Ausstellung „Asyl ist Menschenrecht“ in der Stadtbibliothek Memmingen gehen, deren Initiator die ATTAC ist, und die Schirmherr Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger gestern eröffnet hat, gemeinsam mit Rupert Reisinger, Vorsitzender der attac Gruppe Memmingen / Illerwinkel und Annemarie Möhring vom Migrationsdienst der Caritas Memmingen / Mindelheim.

Eröffnungsveranstaltung Asyl ist Menschenrecht, Memmingen 2015
Eröffnungsveranstaltung Asyl ist Menschenrecht, Memmingen 2015

„Migrationen gibt es auf dieser Welt, seit wir Menschen existieren“, sagt Rupert Reisinger. Er bringt geschichtliche Beispiele, wie sich unser heutiges Bayern durch Migration geformt hat, wie sich unser Land durch Migration geformt hat, und ich würde einmal sogar weiter gehen und ganz von vorne anfangen, um die wirkliche Dimension von Migration und konstanter Wandlung deutlich zu machen: wir Deutsche Bleichgesichter sind entstanden, weil unsere ersten Vorfahren der Spezie Homo Sapiens sich einst aus Australien dunkelgesichtig ausdehnten und aufmachten in neue Gefilde… Und unsere Hautfarbe ist entstanden in Jahrtausenden durch Anpassung an kältere Lebensräume.

Die Weltgeschichte lebt von Migrationen, sie sind nichts Neues, und waren schon immer Teil der menschlichen Entwicklung, wir wären nicht dort, wo wir heute stehen ohne sie, und wer sagt, dass diese Menschen uns etwas wegnehmen wollen? Sie wollen im Gegenteil etwas hinzufügen: sich selbst, die sie an die gleichen Werte glauben wie wir, denn sonst kämen sie nicht den langen und lebensgefährlichen Weg aus einer Heimat, die ihnen Leben nicht mehr ermöglicht, sondern würden uns bekämpfen, oder lieber sterben als einem sinnbildlichen „Feind“ in die Hände zu fallen.
Unsere Bevölkerung wird damit steigen, zugegeben sehr schnell und fast ruckartig, aber mit den gleichen Grundbedürfnissen und Wünschen, mit dem gleichen Verhältnis derer, die arbeits- und beitragswillig sind gegenüber den paar Drückebergern, die es bei uns in gleichem Maße gibt. Es ist also einfach ein zahlenmäßiger Ruck nach oben, Zuwanderer werden lediglich unser produktives Land vergrößern, als Arbeitskräfte hinzukommen und Steuern zahlen.

Das Problem ist also nicht in erster Linie, dass wir uns von außen vermehren, sondern der relativ kurze Zeitraum und alles, was in diesem kurzen Zeitraum an Integrationsmaßnahmen geleistet werden muss.
Das ist sehr vielschichtig und kostet erst einmal Geld, viel Geld, keine Frage. Und es erfordert einen enormen Kraftakt und Flexibilität von Staat, Ländern und Kommunen, sowie von all den Hilfsorganisationen, und ehrenamtlichen Helfern, ohne die es in dieser kurzen Zeit nicht zu stemmen wäre. Es wird viel zu tun geben.

Eröffnungsveranstaltung Asyl ist Menschenrecht, Memmingen 2015
Eröffnungsveranstaltung Asyl ist Menschenrecht, Memmingen 2015

Aber: „Wir werden das schaffen“, sagt unsere Bundeskanzlerin, worauf Rupert Reisinger gerade verweist. Unsere Bundeskanzlerin, die nicht blauäugig ist, sondern ihr Land, und unser Potential kennt und daran glaubt. Und uns Zuversicht vermittelt, weil das Phänomen der Zuwanderung so wie so unabwendbar ist, und wenn, dann nur, indem wir all die Werte vergessen, an die wir glauben, die Demokratie begraben, grausam und unmenschlich werden und Menschenrechte mit Füßen treten. – Aber was dann? Zurück zur Tyrannei? Dahin, woher die meisten der Flüchtlinge heute kommen? Was bleibt uns, wenn wir unsere Werte zurücklassen? Und: wen sehen wir dann, wenn wir in den Spiegel sehen? – Jemanden, auf den wir stolz sein wollen?

Die Antwort liegt also im würdevollen Annehmen des Unabwendbaren, auf der Basis unserer Grundgesetze und gesellschaftlichen Werte, und darin, wieder einmal in die Hände zu spucken und zu zeigen, was in uns steckt. Wozu auch gehört, die Fluchtursachen zu bekämpfen, und damit den Strom abzudämmen.
Wenn denn schon zum Teil unabwendbar, liegt doch der Schlüssel an einem positiven Ausgang für uns alle in einer geordneten und geleiteten Integration. – ein Leitfaden, der sich bei dieser Eröffnungsveranstaltung heute durch alle drei Ansprachen zieht, angefangen von Rupert Reisinger, über unser Stadtoberhaupt Dr. Ivo Holzinger bis zu Annemarie Möhring vom Migrationsdienst der Caritas Memmingen / Mindelheim.

Eröffnungsveranstaltung Asyl ist Menschenrecht, Memmingen 2015
Eröffnungsveranstaltung Asyl ist Menschenrecht, Memmingen 2015

Weiteren Konsens in den drei gehörten Ansprachen heute finden wir neben den Fakten, auf die wir später noch eingehen wollen, in den folgenden Punkten:

  • Unsere Zukunft birgt in diesem Zusammenhang einen Ungewissheitsfaktor, hängt jedoch ganz direkt von unserem Verhalten und dem Umgang mit der Migration ab.
  • Um die Flüchtlingsströme zu begrenzen, müssen vor Ort Fluchtursachen bekämpft werden, und herausgefunden werden, wie in Kriegs- und Hungergebieten vor Ort Abhilfe geschaffen werden kann, um in den Herkunftsländern eine lebenswerte Zukunft ermöglichen zu können.
  • Die Ströme, die nach gerechter Verteilung in den Europäischen Mitgliedsländern zu uns gelangen, müssen best möglich geordnet und geleitet werden, um sie so schnell und so gut wie möglich in unser funktionierendes System zu integrieren.
  • Auch unser Land kann und wird dabei an seine Grenzen stoßen, und genau deshalb ist Solidarität, Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft seitens des Staates, der Länder und der Kommunen ebenso ausschlaggebend wie die der Bevölkerung.
  • Der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum in Memmingen wie auch in Mindelheim war schon groß, bevor wir mit der Zuwanderung konfrontiert waren, und wird mit neuem Zuwachs umso dringlicher. Es wird also an die Städte, Kommunen und die Baufirmen appelliert, bezahlbare Wohnräume zu schaffen, auch um zu gewährleisten, dass Gemeinschaftsunterkünfte von Asylbewerbern wieder frei werden, und die, die sich durch Arbeit in die Position gebracht haben, sich nun selbst versorgen zu können, auch Zugriff auf bezahlbaren Wohnraum haben.
  • Die Überregulierung seitens des Staates ist bereits zurückgefahren worden, und im Ansatz die richtigen Schritte eingeleitet worden. Das nächste ist also die Umsetzung auch seitens der Kommunen, die jedoch auf mehr Unterstützung der Regierung angewiesen sind.
  • Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung ist groß, und erfreulicherweise die Mehrheit.
  • Geordnete Bahnen, geleitet und unterstützt sind ein wichtiger Schlüssel für einen positiven Ausgang.
  • Ein weiterer Schlüssel ist die Integration und alle Integrationsmaßnahmen, allem Voraus die sprachlichen Voraussetzungen zu schaffen.

Rupert Reisinger als erster Redner weist zusätzlich darauf hin, dass aus der BRD jährlich ca. 25.000 deutsche Staatsbürger auch auswandern. Fast 4 Millionen deutsche Auswanderer wohnen mittlerweile außerhalb der Bundesrepublik, Hauptziele sind als Nr.1 die Schweiz, Nr.2 die USA, Nr. 3 Österreich. Nicht umsonst hören wir seitens der Agentur für Arbeit, dass in der BRD im September 2015 knapp 600.000 gemeldete Arbeitsstellen offen waren. Die BRD hat also einen reellen Bedarf an Arbeitskräften.

Zudem betont er, dass wir auch unsere Wirtschaftspolitik neu überdenken müssen, die bei Weinigen zu Reichtum führt, jedoch viele andere ins Elend stürze. „Wir sind teilweise durch internationale Einmischung oder unterlassenem Eingriff, durch Waffengeschäfte sowie durch unsere expansive Marktwirtschaft für die heutige Migrationswelle mitverantwortlich“, so Rupert Reisinger. Zudem weist er noch einmal darauf hin, dass bei der aktuellen Flüchtlingswelle die Sicherheit für das eigene Leben im Vordergrund stehe. „Eine andere Welt ist möglich, und eine andere Welt ist nötig“, schließt Rupert Reisinger.

Eröffnungsveranstaltung Asyl ist Menschenrecht, Memmingen 2015
Eröffnungsveranstaltung Asyl ist Menschenrecht, Memmingen 2015

Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger hingegen betont darüber hinaus, dass die Stadt Memmingen sehr um eine menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen bemüht sei, vor allem jetzt im Winter. Der Stadtrat habe bereits vor Zuspitzung der Situation in Bayern für die Errichtung einer Gemeinschaftsunterkunft abgestimmt, die dann auch erbaut wurde.
Zudem würden in Memmingen momentan 40 dezentrale Unterkünfte angeboten. Aktuell seien in Memmingen ca. 450 Asylbewerber, und nächste Woche erwarten wir 120 Neuankömmlinge in der Notfallerstaufnahme in der Turnhalle der Johann-Bierwirth-Schule. Zudem wurden bereits 10 neue Mitarbeiter für diese Zwecke eingestellt, jedoch sei mehr Unterstützung vom Bund gefordert, da auch hier die Hilfskräfte sehr beansprucht seien.

Auch wies unser Stadtoberhaupt darauf hin, dass der Wohnungsbau in Memmingen sensibilisiert worden sei, und sich um Wohnraum im niedrigen Preisniveau bemühen werde. Er wünscht der Ausstellung viel Erfolg und gab das Wort weiter an Annemarie Möhring vom Migrationsdienst der Caritas Memmingen / Mindelheim.

Diese beginnt mit dramatischen Zahlen: 60 Millionen Menschen sind momentan weltweit auf der Flucht, mehr als die Hälfte sind allerdings Binnenvertriebene, d.h. auf der Flucht, jedoch ohne ihre Landesgrenzen zu überschreiten.
300.000 Asylanträge liegen derzeit in der Bundesrepublik vor. Die größte Mehrheit an Flüchtlingen kämen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, Pakistan, jedoch auch aus den Balkanstaaten und einigen afrikanischen Ländern, allen voran Somalia. Die sechs größten Aufnahmeländer von Flüchtlingen sind allen voran die Türkei, dann Pakistan, Libanon, Iran, Äthiopien, und Jordanien. Laut UNO sind die Hälfte aller Flüchtlinge Kinder…

Eröffnungsveranstaltung Asyl ist Menschenrecht, Memmingen 2015
Eröffnungsveranstaltung Asyl ist Menschenrecht, Memmingen 2015

Annemarie Möhring kümmert sich um anerkannte Flüchtlinge, ihre Kollegin Frau Klammert hingegen um Flüchtlinge im Asylverfahren. – Wie kann man das zu zweit schaffen frage ich mich und erhalte die Antwort im Laufe ihrer Ausführungen. Ihre Beratung umfasst alle Probleme, und ihre Tätigkeit beschreibt sie als eine „Vermittlungstätigkeit“: sie vermittelt Informationen, Sprachkurse, Schulen, Fördermöglichkeiten, Unterkünfte…Sie arbeite häufig und eng mit ehrenamtlichen Unterstützerkreisen zusammen und hat in Memmingen den Arbeitskreis Asyl ins Leben gerufen, der mittlerweile 100 Mitglieder hat, Sprachkurse und –anwendung, Freizeittätigkeiten, Begleitdienste u.ä. organisiert. Sie betonte, dass die Hilfsbereitschaft größer sei als je zuvor. Sie vermutet, dass Krieg und Elend die Herzen der Menschen berühre.

Der Staat habe bereits viele Türen geöffnet: Die Agentur für Arbeit bietet Ausbildungsprogramme an, und unterstützt damit die Ausbildungen vor allem in Berufen, in denen ein latenter Mangel an Arbeitskräften herrscht, was in unserer Gegend vor allem im Baugewerbe, dem Handwerk und der Gastronomie der Fall ist. Es gibt berufliche Förderprogramme, Praktika werden angeregt, es gibt bereits Berufsschulklassen in Memmingen, und Basissprachkurse über die Agentur für Arbeit sind zumindest einmal angedacht. Die sprachliche Unterstützung muss also bislang noch organisiert und improvisiert werden, doch sei der Staat in der richtigen Richtung.

In diesem Zusammenhang weist sie auch auf das große Interesse bei Unternehmen hin, sowie deren Bereitschaft zu investieren, da bei vielen Firmen qualifiziertes Personal langfristig mangelt, allen voran wie erwähnt das Baugewerbe, Handwerksberufe und die Gastronomie.
Sie weist auch darauf hin, dass Schulen Übergangsklassen bzw. Eingliederungsklassen eingeführt haben, um den normalen Unterricht nicht zu stören oder zu bremsen.

Ihr Fazit: es wird schon viel getan, aber wir müssen einen langen Atem haben, und schließt mit einem Zitat von Schopenhauer, ergänzt durch Fritz Bauer:
„Der praktisch tätige Mensch hält es mit dem Prinzip Hoffnung, mag er auch selbstkritisch sich mitunter des Gefühls nicht erwehren können, es könnte eine Lebenslüge sein.“ Fritz Bauer hat Schopenhauer wie folgt ergänzt: „Selbst wenn die Hoffnung tatsächlich eine Lebenslüge ist – ohne sie wäre die Unmenschlichkeit in der Welt nicht zu überwinden.“

Eröffnungsveranstaltung Asyl ist Menschenrecht, Memmingen 2015
Eröffnungsveranstaltung Asyl ist Menschenrecht, Memmingen 2015

Die Ausstellung „Asyl ist Menschenrecht“ ist noch bis zum 21.November in der Stadtbibliothek zu besichtigen. Am 29.Oktober wird ein Benefizkonzert für Flüchtlinge stattfinden, Informationen hierzu finden Sie hier.

Mehr Bilder über die Ausstellung auf unserer Facebookseite.

Eine Antwort zu “Ein Recht auf Hoffnung – Ausstellung Asyl ist Menschenrecht”

  1. Vielen Dank für die treffende Zusammenfassung und Berichterstattung über die gestrige Ausstellungseröffnung und die Thematik: Asyl ist Menschenrecht

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