Michael Wollny

2. November 2015 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Der Saal des Maximilian Kolbehaus ist ausverkauft an diesem Abend, und über 300 Zuschauer warten gespannt auf Michael Wollny und seine beiden musikalischen Gefährten.
Währenddessen mustere ich fasziniert die aufgebaute Schlagzeugnische, mit allem drin und außenherum hängend, was perkussionistisch Klänge erzeugen kann.
Als uns Michael Wollny dann begrüßt zu diesem Halloweenabend hier in Memmingen lachen die Zuschauer, jedoch muss ich später wieder an diese humorvolle Randbemerkung denken.

Michael Wollny in Memmingen 2015
Michael Wollny in Memmingen 2015

Zudem passt der Titel seines neuen Albums „Nachtfahrten“ zur Thematik, obgleich sein früheres Album „Hexentanz“ ebenso gepasst hätte, heute jedoch wollen wir seine neuesten Kompositionen erleben.

Michael Wollnys erstes Stück spielt er Solo auf seinem Piano. Und wir bekommen eine erste Kostprobe von seiner ganz eigenen Beziehung zum Jazz als ein Land, ein Kosmos der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem Klänge auf dem Piano nicht nur mit Tasten erzeugt werden, und ein Stück nicht nur aus einer Melodie besteht. Es ist vielmehr wie der kraftvolle Versuch eines Stummen (der er zum Glück nicht ist), durch sein Piano Teile seines Lebens, Erlebnisse, Gesprächsfetzen und Gedanken, ebenso harmonisch wie ungeordnet spontan wiederzugeben, und das mit einer unglaublichen Leidenschaft!
Absolut vertieft in seine Klangwelt, steht er plötzlich auf, und zupft oder rupft an den Saiten in seinem offenen Flügel, oder dämmt darauf mit seiner Hand die Klänge seiner Tasten, um im nächsten Moment in eine gefühlvolle Welle sanfter Harmonien zu versinken.

Michael Wollny in Memmingen 2015
Michael Wollny in Memmingen 2015

Sein zweites Stück wird zum Duo, indem er uns den besten Komponisten und Schlaginstrument-Virtuosen vorstellt, den er seiner Aussage nach kennt, und wir erhalten einen ersten Vorgeschmack der Perkussionsklangwelten, in die uns Eric Schaefer entführt, Weggefährte von Michael Wollny schon seit den legendären Tagen mit [em]. Sie scheinen sich gesucht und gefunden zu haben, denn wie Michael Wollny auf dem Piano, hat er die Fähigkeit von den leisesten, sanftesten Klängen ohne Vorwarnung in ein enthusiastisches Feuerwerk überzuleiten, Harmonien ebenso meisterhaft zu beherrschen, um sich von ihnen wieder zu entfernen in andere Galaxien.

Dabei ist es weniger ein Zwiegespräch, das sich daraus ergibt, als mehr eine Synthese zweier Individuen, die beide ihren Platz komplett einnehmen, und sich noch zu unterstreichen scheinen.

Michael Wollny in Memmingen 2015
Michael Wollny in Memmingen 2015

Im dritten Stück lernen wir den schweizer Bassisten Christian Weber kennen, der einst für ein Konzert von Michael Wollny einsprang, und seitdem viel und oft mit ihm spielt. Auch er hat bereits eine äußerst interessante Geschichte geschrieben und mit einer nicht enden wollenden Liste von hochkarätigen Musikern zusammengearbeitet.
Wir sind also beim Trio angelangt, und jetzt geht es in die Vollen: ein drittes Individuum hat sich dazugesellt, der uns zeigt, welche Töne, Klänge, Klangfolgen und Geräusche auf einem Kontrabass neben Harmonien erzeugt werden können und die Zuhörer sind magnetisiert.

Michael Wollny in Memmingen 2015
Michael Wollny in Memmingen 2015

Die meisten. Denn wer auf einen entspannenden Jazzabend mit Melodien zum mitsummen und nachvollziehbarer Rhythmik gehofft hat, wer gerne einordnet und zuordnet, der erfährt heute Abend ein absolut höllisches Grusel-Halloween! Ich muss grinsen bei dem Gedanken, und bin absolut fasziniert von einem rebellischen Punk in Jazzgewand, einem Expeditionsleiter in unbekannte Musikwelten, der mich zwingt, jeden Moment dieses Abends voll und ganz anwesend zu sein.

Nichts scheint zu klingen wie je gehört. Modern, emotional, intelligent, virtuos und offen nach allen Richtungen werden wir Zuhörer Teil seiner Expedition „Nachtfahrten“. Und gerade am Ende eines besonders exzessiven und ausdrucksstarken Stückes, in dem Moment als sie die letzte Taste schlagen, den letzten Schlag, und den letzten Ton des Kontrabasses setzen, geht draußen die Sirene eines Polizei- oder Notfallwagens an und passt wie der Punkt auf das i! Viele Zuschauer empfinden es wohl ebenso und lachen über diesen Einsatz von außen, der fast geplant so passend schien.

Wie konkurrenzlos Wollny momentan im deutschen wie auch internationalen Jazz dasteht, bewies schon sein Trio [em] 2012 mit dem zweiten, gewonnenen ECHO für das Album „Wasted & Wanted‘‘.
Die Welt bezeichnete ihn als „der derzeit aufregendste, deutsche Jazzpianist‘‘, das Hamburger Abendblatt beschrieb ihn als „die stärkste Musiker-Persönlichkeit, die Deutschland seit Albert Mangelsdorff hervorgebracht hat.“ – Dem ist wenig und doch so viel hinzuzufügen, jedoch begnügen wir uns damit, Michael Wollny weiterhin viel Freude und Erfolg zu wünschen, und das nicht nur auf seinen „Nachtfahrten“. 😉

Michael Wollny in Memmingen 2015
Michael Wollny in Memmingen 2015

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