Der Dokumentarfilm „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“

4. November 2015 von Christine Hassler - Keine Kommentare

am gestrigen Dienstag in der Dampfsäg in Sontheim setzte sich mit genau dieser Frage auseinander: Wie werden wir ab spätestens der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts eine Weltbevölkerung von ca. 10 Milliarden Menschen ernähren können, und welche Schritte müssen heute eingeleitet werden, um das zu bewältigen?
Eine spannende Frage, die sich Regisseur und Bestseller-Autor Valentin Thurn in „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ stellt, und weltweit nach Lösungen sucht.

Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie wir verhindern können, dass die Menschheit durch die hemmungslose Ausbeutung knapper Ressourcen die Grundlage für ihre Ernährung zerstört, erkundet er die wichtigsten Grundlagen der Lebensmittelproduktion. Er spricht mit Machern aus den gegnerischen Lagern der industriellen und der bäuerlichen Landwirtschaft, trifft Biobauern und Nahrungsmittelspekulanten, besucht Laborgärten und Fleischfabriken, beleuchtet dabei eine Vielzahl bereits angewandter als auch neuer Techniken, und deren Folgen.

Ohne Anklage, mit Fakten und mit Gespür für Verantwortung und Handlungsbedarf macht der Film klar, dass es nicht weitergehen kann wie bisher.
Aber wir können etwas verändern.

Valentin Thurn stößt in der Auseinandersetzung auf spannende Lösungsansätze, und zieht am Ende einen ebenso genialen wie erstaunlich einfachen Fazit.

„10 Milliarden - Wie werden wir alle satt?“-Dampfsäg Sontheim 2015
„10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“-Dampfsäg Sontheim 2015

Es beginnt mit der industriellen Landwirtschaft. Großkonzerne wie Bayer, als einer von den 3 Ernährungs-Großkonzernen der Welt, sieht darin die Lösung. Die Vorteile: mehr Produktivität. Die Nachteile: eine lange Liste. Gentechnisch manipulierte Nahrung, deren Auswirkungen auf unseren Organismus noch nicht ausreichend erforscht ist. Hybrides Saatgut, das kleine wie große Bauern abhängig macht, weil sie daraus kein weiteres Saatgut mehr herstellen können, und daher immer wieder neues Saatgut kaufen müssen. Hybrides Saatgut ist nicht oder nicht ausreichend an veränderbare Lebensräume angepasst, und: es müssen hierbei vermehrt Pestizide und noch mehr Kunstdünger verwendet werden, die im Grundwasser landen oder als Treibhausgas in der Athmosphäre.

Ein konkretes Beispiel: in Indien kaufen Bauern hybrides Reissaatgut von Großkonzernen, weil dieses 20% mehr Erträge bringen soll. Nun ist jedoch das ganze Gebiet entlang der 7000 km langen Küste, die Indien umgibt, jährlich sich wiederholenden Überschwemmungen ausgesetzt, die Meerwasser mit auf die Felder spülen. Folge: die hybriden Pflanzen sind daran nicht angepasst und sterben, die Ernte entfällt komplett. Mit ihrem natürlichen Saatgut hatten sie 20% weniger Ernte, aber sie hatten eine Ernte, und sie hatten Saatgut, das sie selbst erneuern konnten und das an die Umweltverhältnisse angepasst ist.
Komplette Ernteausfälle, die Notwendigkeit, bei hybridem Saatgut Pestizide und vermehrt Kunstdünger einzusetzen, sowie neues Saatgut kaufen zu müssen hat vielen Bauern in Indien und anderen asiatischen Ländern nachhaltig das Genick gebrochen.

Wenn man bedenkt, dass nicht nur in jedem Land, sondern bereits in den verschiedenen kleinen Regionen innerhalb eines Landes sehr verschiedene Böden existieren und so unheimlich viele verschiedene Faktoren zusammenspielen (chemische Zusammensetzung der Böden, viel Regen, wenig Regen, viel Wind, wenig Wind, Wind, Stürme vorwiegend aus einer Richtung, viel Sonne, wenig Sonne, langer Winter, kurzer Winter, Frost, kein Frost…), dann müssen wir uns klar eingestehen, dass unsere Gentechnik heute in keiner Weise auch nur annähernd an die regionale Anpassung der Natur herankommt, und unter dem Strich weniger ertragreich ist, weil wenig verlässlich, zudem nicht nachhaltig ist, und unsere Umwelt noch mehr mit Schadstoffen aus Pestiziden und Kunstdünger belastet.

Zur industriellen Landwirtschaft gehört auch die Massenviehhaltung, die wirklich mit dem Leben eines Tieres nichts mehr gemein hat, sondern Massenproduktion von Tieren darstellt: gezüchtet um Eier zu legen, die, die keine legen können werden nach dem Schlüpfen umgebracht, oder gezüchtet um Fleisch zu produzieren, und die die keines produzieren weil Legehühner werden umgebracht. Kühe die gezüchtet sind, um entweder Milch oder Fleisch abzugeben, usw.

Das entscheidende Problem hinter der Massentierhaltung ist jedoch, dass heute mehr als 1/3 der weltweiten Getreideernte als Tierfutter in die Tierzucht geht, weil der Fleischkonsum vor allem in der westlichen Welt exzessiv ist. Man halte sich vor Augen, dass wir 3 Erden bräuchten, um genug Tierfutter zu erzeugen, wenn alle Menschen dieser Welt so viel Fleisch essen würden wie wir in der westlichen Welt!

„10 Milliarden - Wie werden wir alle satt?“-Dampfsäg Sontheim 2015
„10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“-Dampfsäg Sontheim 2015

Eine weitere Konsequenz unseres exzessiven Fleischkonsums ist das Ausweichen für die Futterproduktion ins Ausland, weil wir selbst nicht mehr genug Getreide anbauen können. Folge: z.B. in einigen afrikanischen Ländern, in denen Soja für die Tierfutterproduktion für Hühnerfarmen großflächig und in Monokultur hergestellt wird, wird auf Ländereien hergestellt, die kleinen Bauern geraubt wurden, weil sie keine Grundbucheintragungen haben, und sich gegen die mächtigeren Konzerne nicht wehren konnten. Heute sind diese Bauern besitzlose Tagelöhner auf Monokulturen, ihrer Identität und ihres Besitzes beraubt.

Es kommt dazu, dass dieses Futter noch zu uns transportiert werden muss, was einen großen Energieaufwand bedeutet, welcher auf See sowie auf Land immer noch mit fossilen Treibstoffen bewältigt wird, und daher an sich alles andere als nachhaltig ist.

Exzessiver Fleischkonsum und Massenviehhaltung zieht also ebenfalls eine Litanei an Folgen nach sich, die man zu verantworten hat, und die weitreichende und weltweite Konsequenzen haben.
Es drängt sich also die Frage auf, wie in der Landwirtschaft für eine steigende Weltbevölkerung, Ressourcen besser genutzt werden können, die mit mehr Nachhaltigkeit, weniger Umweltbelastung und mit verantwortbaren Folgen zum Erfolg führen können.

Wir hören tolle Ergebnisse von Biobauern, die das ihnen zur Verfügung stehende Land bis in den letzten Winkel intensiv nutzen, dabei den Boden erneuern anstatt ihn auszulaugen, und einer symbiotischen Tierhaltung, selbst erzeugter Energie und Naturdünger, der von den Pflanzen im Gegensatz zum Kunstdünger auch annähernd komplett absorbiert wird, also keine Rückstände und keine Umweltbelastung. Alles, wirklich alles prima, nur: leider teuer. Außer: man reduziert drastisch den Fleischkonsum, was das teuerste biologischer Produkte ist, und/oder reduziert Ausgaben an anderer Stelle, sofern möglich.
Jedoch ist es nicht DIE Lösung für 10 Milliarden Menschen, worunter ein großer Prozentsatz schon heute nicht genug Mittel hat für auch nur eine Lebensgrundlage zu sorgen.
Valentin Thurn sucht also weiter nach Lösungen.

Und trifft auf einen sehr bekannten Nahrungsmittelspekulanten an der Chicago Board of Trade, bzw. Chicago Mercantile Exchange, der Rohstoff- und Agrarprodukt-Börse in Chicago, USA. Dieser vertritt die einfache, jedoch wenig überzeugende Ansicht, dass die Preise für Agrarprodukte steigen müssen, sodass wieder ein Anreiz geschaffen würde, in der Landwirtschaft tätig zu werden. Zweimal, 2008 und 2011 stieg sie mit seiner und seinesgleichen Hilfe. Die Folge waren verdreifachte Preise von Getreide und Brot, bürgerkriegsähnliche Zustände und Tote auf den Straßen der ärmeren Länder dieser Erde, und zu Instabilität im Rest der Welt. Eine Lösung? Wohl kaum.

Wir ziehen mit Valentin Thurn weiter nach Japan, und sehen uns dort Pflanzenfabriken an. Eintreten dürfen wir jedoch nicht, denn das darf nicht einmal das in weiß gekleidete, steril gehaltene und mit Mundschutz und Hauben bewaffnete Personal: alles wird komplett automatisiert betrieben, bakterienfrei und steril. Die Pflanzen wachsen schneller, und in mehreren Etagen wird 2-3 Mal pro Jahr geerntet und die Salate sehen perfekt aus. In Japan gibt es bereits viele solcher Fabriken, für den Rest der Welt sind die Produkte jedoch zu teuer. Und ganz nebenbei muss man sich die Frage stellen, wie unser Immunsystem auf ein derart steriles Essen reagiert, wie es sich auf die Resistenz gegen Krankheitserreger auswirkt.

Dann besuchen wir eine Lachsfarm. Als Fleischalternative soll hier genmanipulierter Fisch 5-6 Mal so schnell wachsen wie in der Natur, und wir sehen gleichaltrige Fische im Vergleich: doppelt so groß sind die genmanipulierten, und das in sehr viel kürzerer Zeit. Neben Problemen mit Antibiotika und Pestiziden gibt es hier aber noch ein anderes Problem: Lachse sind Fleischfresser. Woher also soll man aus so wie so bereits überfischten Meeren genug Nahrung für die Fleischfresser bekommen?

Die nächste Station ist England: Valentin Thurn spricht mit einem Gründer eines „Transition Towns“. Die Frage, die hier zugrunde lag war, wie man sich von den Marktzwängen und Nahrungsmittelbörsen und -spekulationen befreien kann, und zugleich den eigenen, lokalen Markt stärkt. Seiner Ansicht nach sind der Zugang zu Wasser und Nahrung Menschenrechte, die nicht auf der Börse gehandelt werden sollten. Sie führten eine lokale Währung ein, sodass das Geld lokal verbleibt, und dort weiterinvestiert werden kann und zirkuliert. Den Schlüssel zur Sicherung der Ernährung sieht er in der lokalen Unabhängigkeit, wo Preise sich nicht nach Börsen richten, in vielfältiger und optimierter Verwendung des zur Verfügung stehenden Landes, des saisonalen Einkaufen wie auch Verzehr.

Nun lernen wir „Urban Farming“ kennen: Urban Farming ist Anbau innerhalb einer Stadt, und kann nur Pflanzen beinhalten, als auch Pflanzen und Tiere. Dabei gibt es verschiedene Varianten: den „Urbanen Gartenbau“, offiziell und positiv sanktioniert wird in günstig erworbenen, meist leerstehenden Gebäuden Gartenbau betrieben. Die „Vertikale Landwirtschaft“ bezeichnet den Anbau in und an städtische Hochbauten, die als Erweiterung der herkömmlichen Gewächshäuser angesehen werden können. Auch die „Solidarische Landwirtschaft“ wird teilweise diesem Oberbegriff zugeordnet, wenn Betriebe sich in räumlicher Nähe zu ihren städtischen Kunden (Foodcoop) ansiedeln. Und zuletzt zählt das „Guerilla Gardening“ dazu, auf das wir später zurückkommen werden.

In einer Großstadt der USA treffen wir auf einen Mann, der im inneren eines alten Lagerhauses seit Jahren erfolgreich Urban Farming betreibt. Platzsparend, jedoch mit richtiger Erde wird auch hier mehrstöckig angebaut. Das Besondere hierbei ist, dass Kosten- und Ressourcenschonend in einem geschlossenen Nährstoffkreislauf sich die Natur die Natur zunutze macht: er züchtet Fisch, diese erzeugen als Ausscheidungsprodukt Nitrat, das als Nährstoff wiederum den Nutzpflanzen zur Verfügung steht. „Aquaponik“ nennt sich das, in dem meist Fischzucht in großen Behältern mit Hydrokultur verknüpft wird. Alternativ kann die Wurmkompostierung im Pflanzsubstrat praktiziert werden, bei der die Feststoffe zersetzt und im Kreislauf erhalten bleiben.

Und jetzt lernen wir eine ältere, englische Dame kennen, die „Guerilla Gardening“ betreibt: Auf öffentlichen Grünflächen, Grünstreifen in der Stadt, Grünanlagen vor Krankenhäusern und sogar in Pflanzentröge vor der städtischen Polizeiwache säht sie unerlaubt Nutzpflanzensamen, und an Stelle von giftigen oder „unnützen“ Pflanzen wachsen so in der ganzen Stadt Kräuter, Beerensträuche, Obstbäume, und Gemüsepflanzen, zum Nutzen aller. Ihr Gedanke entstand nach dem Ausbruch des gigantischen Vulkans in Island, der für viele Tage hunderte von Flügen verhinderte, und ihre Stadt in die Isolation trieb: sie waren 4 Tage entfernt von einer Ernährungskrise durch den unterbrochenen Transport von Importgütern, und da kam ihr der Gedanke an Unabhängigkeit. Ohne eigenen Grundbesitz schwierig, aber um sie herum war ja alles grün, also… Sicher keine wirkliche Lösung für die Ernährung der Massen, jedoch nützlich und irgendwie sympathisch.

Zurück nach Deutschland lernen wir ein Projekt Solidarischer Landwirtschaft kennen: hier haben sich berufstätige Menschen zusammengetan, die einen finanzieren, die anderen bestellen ein Stück gemeinsamen Landes, und abends oder am Wochenende helfen alle mit. Sie ernähren sich saisonal, verzichten weitgehend auf Fleisch, haben Spaß, wenn sich Bürohengste auf den Wiesen tummeln und Gemüse anbauen, und sind was Nahrung angeht weitgehend autonom.

„10 Milliarden - Wie werden wir alle satt?“-Dampfsäg Sontheim 2015
„10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“-Dampfsäg Sontheim 2015

DIE globale Lösung scheinen wir nicht gefunden zu haben, was sich jedoch als schlüssiger Lösungsansatz und Schlüssel für eine globale Lösung des Problems herauskristallisiert liegt im kleinsten gemeinsamen Nenner: dem lokalen Ansatz. Lokaler Unabhängigkeit. Lokale Lösungen, lokale Nutzung ausgehend von den örtlichen Voraussetzungen. Transporte vermeiden, lokale Ernährungssysteme erarbeiten, Nährstoffkreisläufe nutzen, als auch Produktions- und Verbraucherkreisläufe bilden, die ressourcenschonend sind und das Vorhandene optimal nutzen, sei es in der Großstadt oder auf dem Land. Den Fleischkonsum auf ein global verträgliches Maß herunterfahren, regional einkaufen, und saisonal essen.
Und das kann jeder Einzelne von uns tun.

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