In Erinnerung an den verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt

11. November 2015 von Christine Hassler - Keine Kommentare

„Ein großer Staatsmann mit praktischer Vernunft“ – Unser Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger erinnert sich an Begegnungen mit dem verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt:
Zum ersten Mal begegnete Dr. Ivo Holzinger den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt drei Monate vor dem Wahltermin im Oktober 1980. Dr. Holzinger arbeitete im Bundesfinanzministerium und wurde zu einem Termin des Kanzlers mit Abgeordneten eingeladen. „Ach, der Herr Bürgermeister aus Bayern kommt“,

habe ihn Kanzler Schmidt herzlich begrüßt, „er hat mich damals im Wahlkampf unterstützt“, erinnert sich Dr. Holzinger. Zeitgleich mit der Bundestagswahl am 5. Oktober 1980 fand in Memmingen die Oberbürgermeisterwahl. Schmidt behielt Recht mit seiner lockeren Begrüßung, denn Dr. Ivo Holzinger wurde Oberbürgermeister in Memmingen, und Helmut Schmidt wurde als Bundeskanzler wiedergewählt.

Helmut Schmid und Dr. Ivo Holzinger, Juli 1980
Helmut Schmid und Dr. Ivo Holzinger, Juli 1980

„Solange er Bundeskanzler war, habe ich von ihm jedes Jahr am 4. April ein Glückwunschtelegramm zum Geburtstag bekommen“, erzählt unser Stadtoberhaupt. Die Telegramme habe er zwar heute nicht mehr, aber prägende Erinnerungen an den großen Staatsmann seien geblieben. Dr. Holzinger und Helmut Schmidt sind sich immer wieder begegnet. „Im persönlichen Gespräch hat er noch stärker gewirkt als im Fernsehen deutlich wird“, beschreibt ihn Dr. Holzinger. „Er war ein kluger Mann mit der außergewöhnlichen Fähigkeit druckreif zu formulieren. Das hat mich sehr beeindruckt. Er war humorvoll, freundlich und immer direkt.“

„Auch politisch wirken Entscheidungen von Altkanzler Schmidt bis heute“, stellt unser Stadtoberhaupt fest. „Gleich nach seiner Wahl zum Bundeskanzler 1974 hat Schmidt das Städtebauförderungsprogramm gegründet, das für uns in Memmingen äußerst wichtig ist.“ Rund 50 Millionen Euro (DM-Beträge umgerechnet mit eingeschlossen) an Zuschüssen habe die Stadt seit 1974 aus diesem Förderprogramm erhalten, die wiederum 100 bis 120 Millionen Euro an Investitionen nach sich gezogen hätten, so der OB.

Die Haltung Helmut Schmidts zum Nato-Doppelbeschluss 1979 über atomare Aufrüstung in Westeuropa bei gleichzeitiger Rüstungskontrolle sei der entscheidende erste Schritt gewesen zur späteren Wiedervereinigung Deutschlands, sagt Dr.Holzinger. „Seine Zustimmung war gegen den Zeitgeist der Friedensbewegung und auch innerhalb der Partei umstritten. Schmidt ist hart geblieben, und es war die richtige Entscheidung.“ Als Sozialdemokrat sei Helmut Schmidt ein Vorbild für ihn gewesen, und fügt hinzu „Ich weiß, das sagen im Moment alle. Aber es ist so. Er hat eine sozialdemokratische Politik für die kleinen Leute betrieben, die an der praktischen Vernunft und nicht an der Ideologie orientiert war. Solche Politiker brauchen wir auch in Zukunft.“

Damit wollen wir heute einem einzigartigen Staatsmann gedenken, der gestern im Alter von stattlichen 96 Jahren in seinem Privathaus in seiner Heimatstadt Hamburg verstorben ist.
Helmut Schmidt trug durch seine konsequente Linie Entscheidendes zur Bekämpfung der terroristischen Bewegung „Roten Armee Fraktion“ (RAF) bei. Zudem war seine Kanzlerschaft geprägt von der Ölkrise in den 1970er Jahren und der Auseinandersetzung um den Nato-Doppelbeschluss. Im westlichen Ausland wurde Helmut Schmidt als ausgebildeter Diplomvolkswirt vor allem wegen seiner Wirtschaftskompetenz geschätzt.

Gestärkt durch seine guten Kontakte zum damaligen französischen Präsidenten Giscard d’Estaing begründete er den Weltwirtschaftsgipfel, und das Europäische Währungssystem (EWS), das als Vorläufer der Währungsunion gilt, geht auf Schmidts Initiative zurück.

Geistig und politisch wurde der fünfte Kanzler der Bundesrepublik auch mehr als 30 Jahre nach seinem Sturz als respektierter „Elder Statesman“ weiterhin sehr geschätzt, und wegen seiner Kenntnis globaler wirtschaftspolitischer Zusammenhänge gern als „Weltökonom“ bezeichnet.

Und: er hatte einen Spitznamen: „Schmidt-Schnauze“, denn vor allem am Anfang seiner Karriere im Bundestag als Militärexperte der SPD, lieferte er sich heftige Wortgefechte mit dem damaligen Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß und anderen politischen Gegnern.

Meist mehr geachtet als geliebt, im Amt als Kanzler, sowie danach, war er doch ein Jahrhundertpolitiker, ein Politiker aus Leidenschaft, von Vernunft geprägt und von großer Weitsicht beseelt.

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