Priml! – Ein paar Stunden mit Kommissar Kluftinger & Co

11. November 2015 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Die Stadthalle ist kaum wiederzuerkennen: auf dem Vorplatz, Pardon, dem Platz der Deutschen Einheit, steht ein riesiger Catering Wagen für das Kluftinger Filmteam, daneben ein riesiger Filmequipmentwagen, und ich frage mich gerade, ob die Polizisten am Eingang echt sind oder bereits zum Set gehören.
Drinnen herrscht reges Treiben: Ein Teil des Foyers im Erdgeschoss wurde zu einem Kommissariat, und ein Dutzend Filmassistenten bis zu den Zähnen bewaffnet mit technischen Hilfsmitteln geht zielstrebig von A nach B,

baut Schirme auf und ab, trägt Filmequipment von rechts nach links, und obwohl es auf den ersten Blick wirkt wie ein heilloses Durcheinander scheinen sie genau zu wissen, was, und wann es zu tun ist.

Es ist kurz vor 11:00 Uhr und noch vor der Begrüßung wird uns der genaue Zeitplan vermittelt, denn hier auf dem Set gibt es für alles einen minutiösen Taktplan: nach der Begrüßung werden wir Gelegenheit haben, den neuen Regisseur Lars Montag zu interviewen, der somit Rainer Kaufmann ablöst, und die Schauspieler Herbert Knaup und Jockel Tschiersch. Wir werden den Produzenten Alban Rehnitz kennenlernen und im Anschluss werden wir 15 Minuten Zeit haben, die Dreharbeiten zu beobachten und fotografisch zu dokumentieren, wir dürfen uns also freuen auf ein paar schöne Fotos von den Dreharbeiten!

Pünktlich um 11:00 werden wir begrüßt von Stephanie Heckner vom Bayrischen Rundfunk (Koproduktion) und Alban Rehnitz, dem Produzenten von H&V Entertainment, dessen Produktionen „Schutzpatron“ und „Herzblut“ sind, im Auftrag der ARD Degeto.

Stephanie Heckner, sehr freundlich und frei von Allüren, klärt uns auch gleich auf, dass Schutzpatron und Herzblut parallel und nicht chronologisch verfilmt werden, was einen enormen Effizienzvorteil hat, da zum Beispiel der Drehort und die Räumlichkeiten des Kommissariats zeitnah mehrfach genutzt werden können.

Der Hauptcast ist zu unserer Freude der alte geblieben: Herbert Knaup erneut in der Rolle vom schrullig-sympathischen Kommissar Kluftinger, Jockel Tschiersch als sein Kollege Roland Hefele, Johannes Allmayer (Richard Maier), Hubert Mulzer (Lodenbacher) und Katharina Spiering (Sandy Henske). Die Rolle des Dr. Langhammer übernimmt Bernhard Schütz. Kluftingers Familie bilden Margret Gilgenreiner als seine Frau Erika, Frederic Linkemann als Sohn Markus, Tilo Prückner als Kluftinger senior und Maria Kammel als Kluftingers Mutter. Zur Ergänzung des Hauptcastes wurden auch diesmal wieder viele Schauspieler direkt im Allgäu gecastet, sicher erinnert Ihr Euch an die lange Schlange Anfang Oktober vor dem alten Gebäude der Realschule, dem Casting Termin in Memmingen.

Der Allgäuer Dialekt wird natürlich beibehalten, und zwar so, dass Menschen in Niedersachsen oder Schleswig-Holstein „etwas dazu lernen“, wie es Stephanie Heckner diplomatisch ausdrückt. Die Szene, die uns heute erwartet ist die Vorbereitung für die Ausstellung im Museum in Altusried, d.h. eine Szene von „Schutzpatron“, wo die Monstranz dem Publikum gezeigt wird.

Johanna Klüpfel macht das Casting der kleinen Rollen vor Ort, und hat gleich einmal ihren eigenen Mann umbesetzt: er hatte den Georg Böhm (den Rechtsmediziner) gespielt, ist jedoch so eingebunden in all den Kluftinger Projekten, dass Volker Klüpfl und Michael Kobr sich vom Casting zurückgezogen haben, um sich ihren Projekten zu widmen, und das Schauspielern anderen überlassen. Christopher Nell wird nun den Rechtsmediziner verkörpern, der auf Theaterbühnen im Allgaäu begonnen hat, und mittlerweile als Schauspieler beim Berliner Ensemble spielt.
Zudem haben sie eine Allgäuer Inderin gefunden (Sushila Saramai), die mit 3 Jahren ins Allgäu kam, den Allgäuer Dialekt beherrscht, und in einem der beiden Neuverfilmungen die Rolle einer Prostituierten spielt.

Die Ausstrahlung beider Verfilmungen Herzblut und Schutzpatron erwartet uns aller Voraussicht nach 2016 im Ersten.

Alban Rehnitz, der Produzent fügt dem noch hinzu, dass sie bereits bei über 40 Drehtagen sind, die zu 70% in Memmingen stattfanden und einem Umkreis von ca. 20 km. Sie finden in Memmingen eine wunderbare und sehr konzentrierte Motivlage, haben bereits am Flughafen gedreht, in der alten Sebastian Lotzer Realschule, an der Stadtmauer und in der Stadthalle. Das ermöglicht dem Team alles sehr kompakt zu halten, kurze Anfahrtszeiten zu haben, die Übernachtungsorte nicht immer wechseln müssen, und, natürlich haben sie so mehr Zeit zum Drehen.

Alban Rehnitz erzählt uns auch, dass sie in Memmingen sehr freundlich aufgenommen wurden, durften auf dem Jahrmarkt drehen, in der Stadthalle, und es sind ca. 800 lokale Komparsen, die sie hier gefunden haben. Sie (das Team) hatten bisher schon 3200 Übernachtungen in Memmingen gemacht, arbeiten wunderbar mit dem DLRG, dem Deutschen Roten Kreuz und Memminger Gerüstbauern zusammen. Es sei großartig, wie das hier alles auf kurzem Wege zusammen funktioniert und sie fühlen sich hier sehr willkommen.

Kluftinger Dreharbeiten, Memmingen November 2015
Kluftinger Dreharbeiten, Memmingen November 2015

Und ab geht es zu den Interviews:

Regisseur Lars Montag begrüßt uns freundlich und sieht genau so aus, wie ich mir einen jungen Regisseur vorstelle: praktische sportliche Kleidung, Steppweste, Turnschuhe, eine rote Schildmütze, und einen kurz geschorenen Bart.

Frage: Was hat Sie an dem Angebot gereizt die Regie für die neuen Kluftinger Verflimungen zu übernehmen?
Lars Montag: „Mir gefiel die Idee, dass diese Filme in einer Art geschlossenen Welt spielen. Ich bin gut, wenn die Menschen in einer sehr authentischen Welt verankert sind“. Er war vorher noch nie im Allgäu, und es reizte ihn. Er nahm sich 6 Wochen Vorbereitungszeit, bereiste das Allgäu, bewanderte er die Hörnerkette, ging hier auf Erkundungstour und es hat ihm sehr viel Spaß gemacht.

Frage: Ist es für Sie als Berliner, also als Großstadtmensch schwierig, einen ländlichen Stoff zu filmen, der sehr viel vom Lokalkolorit lebt?
Lars Montag: Das ländliche Leben ist mir nicht unbekannt, ich komme aus Kirchlängern mit nur 1000 Einwohnern. Als Regisseur insziniert man ja Filme, die im Millieu von Lebensmitteldiscounter, Kassensturz und Tatort leben, und nur da spielt, man fuchst sich ja immer in Welten ein, die man sich dann zu eigen macht. Es ist ja nie das eigene Lebensfeld, das man insziniert, sondern es sind ja Welten, die man schafft. Und oft ist es ja so, dass Nicht-Fußballer bessere Fußballfilme machen, und Nicht-Köche bessere Kochfilme, weil man mit einem anderen Blick kuckt. Oft befruchtet sich das, wenn man von außen kommt. – „Auweh! Jetz hast Di verrannt“, würde der Kluftinger jetzt wohl sagen, „bist jetz drin oda draußn?“

Frage: Haben Sie die bisherigen Kluftinger Filme gesehen? Was sagen Sie? Wollen Sie gleichfahren? Was wollen Sie anders machen? Welche Schlüsse haben Sie daraus gezogen?
Lars Montag: Ja, da hat ja jeder so seine eigene Handschrift, und das wird man dann dem fertigen Film auch anmerken. – Das waren wohl zu viele Fragen auf einmal.

Frage: Der letzte Film hat ja ziemlich viel Kritik geerntet, vor allem von den Allgäuer Kluftinger Fans, die sagen, dass der Kommissar zu trottelig dargestellt wurde, und die Allgäuer etwas zu „doof“ gemacht wurden.
Lars Montag: Diese Kritik kann ich nachvollziehen, und das ist sicher etwas, was wir versuchen zu optimieren.

Frage: Das heißt nicht so zu machen, sondern anders zu machen. Was ist Ihr Grundgedanke bei den neuen Filmen, sollen sie…ruhiger werden?
Lars Montag: Es sind ja zwei getrennte Filme: Herzblut ist ja durch diese Serientäter, durch diese entnommenen Herzen eine eher düstere Geschichte, in der Kluftinger selber auch Herzprobleme hat, und selber mit dem Tod konfrontiert wird, was für ihn eine große Herausforderung mit sich bringt. Schutzpatron ist eher eine raffinierte Diebesgeschichte im Stile von Ocean´s Eleven, wie diese Monstranz von hier nach da ausgetauscht wird. Da habe ich mir ein paar Anleihen vom Western genommen, weil die Geschichte mit dem Rößler und dem Meisterdieb duellartige Situationen ergeben, wie zwischen Sheriff und Gauner. Da gibt es also hier und da kleine Western Anleihen, wie von dem Wiener Kommissar, der mit seinen Cowboyboots auftritt, oder rollendes Gebüsch, wenn Kluftinger über einen Allgäuer Bergkamm marschiert. Es sind also zwei sehr unterschiedliche Filme, und da lege ich viel Wert darauf, denn wir machen keine Reihe, und die beiden Filme haben sehr unterschiedliche Akzente.

Frage: Haben Sie die Romane auch gelesen?
Lars Montag: Die Romane habe ich nicht gelesen. Ich habe mich mit den Romanautoren über die Geschichten unterhalten, und meine Grundlagen sind die Drehbücher. Die sind zum Teil sehr ähnlich, zum Teil weichen sie etwas ab. Um da gar nicht durcheinanderzukommen habe ich mich auf die Drehbücher konzentriert und freue mich auf die Romanlektüre nach den Dreharbeiten.

Frage: Was sich ja viele wünschen ist, dass die Verfilmungen genau den Spirit haben wie die Bücher, was sagen Sie, treffen die Drehbücher diesen Charakter des Kluftinger? Oder ist das Konzept ein anderes für die Person Kluftinger?
Lars Montag: Das Konzept ist erst einmal maximal ähnlich. Bei einer Romanverfilmung ist es ja immer so, dass man etwas liest und seine eigenen Bilder dazu entwickelt. Ich selbst bin tendenziell von den meisten Romanverfilmungen enttäuscht. Romane sind an diesem Punkt ja erst einmal herrlich unkonkret, und bei einer Romanverfilmung gibt es immer eine Abweichung bei den Vorstellungen von Millionen von Lesern, die alle ihre eigenen Interpretationen mitbringen. Wir machen eine Interpretation der Geschichte. Bei einem Film ohne Buchvorlage liegt nur das Drehbuch zugrunde, dann ist die Welt so, wie sie im Drehbuch beschrieben ist, dass es bei einer zusätzlichen Romanvorlage Abweichungen gibt, liegt in der Natur der Sache.

Frage: Wenn Sie sagen, jeder Regisseur hat eine eigene Handschrift, inwiefern entfernen Sie sich von der des vorherigen Regisseurs Rainer Kaufmann? Welche Spielräume haben sie da? Würden Sie sagen, Sie haben freie Hand?
Lars Montag: Ja, ich mache meine Interpretation der Geschichte.

Frage: Ist es ein Problem für Sie, dass vor Ihnen jemand anders die Regie für die Kluftinger Verfilmungen hatte?
Lars Montag: Nein, auch vorher wurde interpretiert und es ist ja auch keine Serie, sondern eine lose Reihe. Auch die drei Filme vorher haben sich unterschieden. Da hat wohl auch jeder seine Favoriten, mein persönlicher Favorit war Erntedank.

Frage: Oft hat ja der Regisseur auch Einfluss auf das Set, hier kommen Sie in ein bereits bestehendes Set. Wie ist das für Sie?
Lars Montag: Nachdem das Hauptensemble fest ist und zudem ein tolles Ensemble mit hochgradigen Leuten, ist das erst einmal ein großes Geschenk, das ich dankbar annehme. Und für die ganzen Episodenrollen hatte ich natürlich die Möglichkeit, Leute mit reinzubringen und damit Akzente zu setzen.

Frage: Sind die beiden Autoren am Set zugegen?
Lars Montag: Ich habe mich gerade vorhin mit ihnen unterhalten, sie sind gerade auf Lesetour, werden uns aber irgendwann besuchen kommen. Sie erhalten auch laufend alle Dispos und Infos, was wir am Set gerade tun.

Frage: Bei dem Gespräch vorhin, haben Sie da etwas mitnehmen können?
Lars Montag: Ja, unbedingt, wir haben wieder über die Figur des Kluftinger geredet und über die bisherigen Dreharbeiten. Ich wollte mir praktisch die Betriebstemperatur von Kluftinger direkt an der Quelle noch einmal abholen.

Frage: Sie kommen ja aus Nordrhein-Westfalen, wie kommen Sie zurecht mit dem Allgäuer Dialekt und dem Allgäuer Charakter? Obwohl die beiden Autoren Klüpfel und Kobr zwar sagen, sie glauben nicht an den Allgäuer Charakter, dennoch scheint es ja mit Kluftinger eine gewisse Identifikation mit einer Allgäuer Wesensart zu geben.
Lars Montag: Das ist ja ein Weg, den man da beschreitet, und es ist für mich sehr interessant, ich habe ja die ersten Kluftinger Verfilmungen gesehen, und eigentlich ziemlich oft zurückspulen müssen. Dann hört man sich ein, und ich bin ja jetzt auch schon seit 3 Monaten hier. Am Anfang habe ich öfter gesagt, das und das müssen wir etwas deutlicher haben, aber wir wollen ja den Dialekt pflegen, und jetzt fällt es mir manchmal selbst gar nicht mehr auf, weil am Set eben viel Allgäuerisch gesprochen wird.

Frage: Dazu gehört ja auch die Gestik und die Körpersprache. Ist die für Sie neu, oder bringen da auch die Akteure viel mit?
Lars Montag: Wir haben viele Schauspieler aus dem Allgäu aber nicht alle aus Altusried, z.B. Herbert kommt gebürtig aus Sonthofen, andere kommen aus Ottobeuren, aus Klosterbeuren usw., und da bringt jeder ein bisschen seines mit, und wir haben am Set öfters die Diskussion, „ja aber bei uns sagt man das so…“ und da sind wir schon am Set bemüht, im Dialekt so nah wie möglich an den zu kommen, wie er in Altusried gesprochen wird.

Frage: Und wer leitet das am Set, wenn es um die Sprache geht?
Lars Montag: Die Frau von Volker Klüpfl, Johanna Klüpfel, hat ja im Vorfeld beim Casting der kleinen Rollen vor Ort ausgewählt, und die haben alle Sprachproben abgegeben und sind sozusagen einmal durchgefiltert.

Frage: Es wird also Dialekt im gemäßigten gedreht, oder wie würden Sie das sagen?
Lars Montag: Ich würde sagen, wir drehen im Dialekt. Es wird Passagen geben, die man in anderen Bundesländern nicht versteht, das finde ich aber auch in Ordnung, denn so fühlt es sich authentischer an.

Frage: Noch ganz kurz: Wie haben Sie und die Autoren sich kennengelernt, bzw., wie sind Sie ausgewählt worden?
Lars Montag: Das Angebot kam von Seiten der Produktion und der Redaktion, die Autoren habe ich erst später kennengelernt. Mit ihnen habe ich mich dann auch gleich gut verstanden.
Vielen Dank Lars Montag!

Kluftinger Dreharbeiten, Memmingen November 2015
Kluftinger Dreharbeiten, Memmingen November 2015

Und jetzt wird es noch einmal sehr spannend: Herbert Knaup begrüßt uns mit einem freundlichen Händedruck, und wirkt trotz seines Auftretens, das einen aufblicken lässt, natürlich und fast bescheiden. Ein Mann mit innerer Größe, denke ich.

Wie bereits im vorigen Interview beginnt der Journalist der Allgäuer Zeitung, und mir ist es nur Recht, denn bereits beim vorhergehenden merkte ich, dass sich viele unserer Fragen ähneln, also lehne ich mich zurück und beobachte diesen interessanten Menschen und hervorragenden Schauspieler, der eine endlose Liste von sehr unterschiedlichen Filmen zu verzeichnen hat. Seine Augen funkeln hintergründig und ich denke daran, was sie schon alles gesehen und erlebt haben. Aber wir sind jetzt hier, und ich versuche mich auf das Gesprochene zu konzentrieren.

Frage: Fühlen Sie sich diesmal anders am Set als Kluftinger? Ich spiele dabei auf die Kritik an, die nach dem letzten Film, und vor allem auch an der Person des Kluftingers gab?
Herbert Knaup: Sie meinen Seegrund? Jeder hat eine andere Vorstellung von Kluftinger. Zudem haben wir bei Seegrund bewusst auch mit anderen Kameraeinstellungen gearbeitet, Weitwinkel, usw., weil die Thematik sich dafür anbot, und vielleicht hat auch das dem in oder anderen nicht gefallen. Seegrund ist aber auch ein schwieriges Buch, mit dem Nazi-Hintergrund, und dabei Humor mit Ernsthaftigkeit zu vermengen, das war schwierig. Man wollte damit auch dem Kluftinger ein bisschen auf den Grund gehen, was geht in ihm vor. Der Seegrund assoziiert ja auch auf den Grund der Seele…das war der Versuch, und ich denke das wollten auch manche nicht sehen. Anfangs fing es etwas oberflächlich an, dann wird es ein bisschen folkloristisch und geht dann direkt ans Eingemachte.

Fasziniert von diesem in fortgeschrittene-rem Alter noch immer sehr attraktiven Mann mit seiner feinfühligen, tiefen Art und anziehenden Ausstrahlung ertappe ich mich dabei, dass ich ihn anstarre. Niemand scheint es zu bemerken, aber um mich abzulenken stehe ich auf und mache ein paar Fotos. Zudem macht es der Journalist der Allgäuer Zeitung super, Menschen zum Plaudern zu bringen, und den Rest macht mein Diktiergerät.
Es ist schwierig, den Menschen Herbert Knaup in diesem Interview auf der Kamera festzuhalten, erschwert noch durch das Gegenlicht, und erst bei den Drehbeobachtungen gelingt mir von der Ferne ein Portrait, mit dem ich zufrieden bin. Aber das weiß ich jetzt noch nicht, also setze ich mich unbefriedigt wieder und lausche.

Frage: Was wohl viele gestört hat ist, dass dieser Kluftinger so ganz anders war, als man ihn aus den Büchern gewohnt war, und den viele so lieben: ein grantelnder Typ, der nicht kompliziert ist, und sich nicht hetzen lässt, aber bei Seegrund hat er immer ein bisschen gehetzt gewirkt.
Herbert Knaup: Ja, bei uns heißt das anders, wir sagen, er war im Stress, und wir wollten die Sicht bewusst verändern: Kluftinger ist schließlich ein Mensch. Dazu kommt der Dialekt: im Buch spricht er nicht Dialekt, hier spricht er Dialekt, da kommt ja auch etwas rüber. Es gibt Situationen, wie jetzt auch in Herzblut, da wurde Menschen das Herz herausgeschnitten, da ist Tragik und Tiefe und da kommt man auch einmal in Stress. Wir versuchen ja eine realistische Situation zu schaffen, nicht: ja, dem hams des Herz rausgrissen und jetzt eß ich meinen Leberkässemmel, sondern wir versuchen auch den Zustand von Kluftinger zu erzählen, der bei so etwas auch mal in Stress kommt. Er hat Ängste, kann keine Leichen sehen usw., aber wie gesagt, jeder hat eine andere Vorstellung von ihm, vor allem als Romanleser. Ob ich der richtige Kluftinger Darsteller bin weiß ich nicht, wir haben uns hier zusammengefunden, es läuft gut, zudem spreche ich die Sprache. – Obwohl hier ist man ja alle 7 km so wie so im Ausland, da fängt man sich schon an abzugrenzen und fragt, wo kommsch jetz Du her? Und so friedlich ist es nicht, das Allgäu ist nicht nur Idylle, und der Kluftinger igelt sich ein, wenn es ihm zu viel wird.

Frage: Macht es Ihnen Spaß? Ich meine, es ist jetzt das vierte und fünfte Buch, und am Anfang wusste man ja nicht, wird es ein Erfolg oder nicht, wir testen das mal, und dann hat es eingeschlagen.
Herbert Knaup: „Natürlich macht es Spaß und der Erfolg war schon in der ersten Resonanz unglaublich, die Bücher sind bereits – wenn ich richtig liege – 4,5 Millionen Mal verkauft worden, die Zuschauerzahlen bei den ersten Ausstrahlungen unerwartet riesig, das ist toll. Und es gibt sehr viele, die sagen, sie finden mich gut in der Rolle als Kluftinger“ (Ich zum Beispiel!  ), „und dann gibt es andere, die sagen, den stelle ich mir anders vor, und das dürfen die aber, jeder hat ein Recht auf seine Vorstellung“.

Frage: Wie weit sind Sie bei den Dreharbeiten? Und: Können Sie Ihre Vorstellungen einbringen?
Herbert Knaup: Das szenische entscheidet natürlich hauptsächlich der Regisseur, ich bringe mich mit der Sprache ein, die auch schon von den Autoren vorgearbeitet wurde. Wir überlegen uns manchmal gemeinsam zum Beispiel Aggregatszustände von Szenen, wie Emotionen gespielt und vermittelt werden sollen, das muss in das richtige Lot gebracht werden. In Herzblut zum Beispiel besucht Kluftinger seinen Vater im Krankenhaus und fühlt selbst Schmerzen am Herz, und hat einen großen Teil der Geschichte Angst zu sterben, obwohl sich am Ende herausstellt, dass nur ein Wirbel eingeklemmt ist…

Frage: Können Sie das abends abschütteln? Träumen Sie da Nachts manchmal davon?
Herbert Knaup: So wie Sie Ihre Geräte an- und ausschalten, kann ich meine Rollen abschalten. Nein, das wäre ja Wahnsinn, dann wäre ich kein Schauspieler. Vielleicht passiert einem das als Anfänger, da kann es passieren, dass die Rolle noch etwas mit einem macht, aber das wäre ja langfristig ganz gefährlich.

Frage: Wie bereiten Sie sich auf die Rolle vor? Fahren Sie ein paar Wochen vorher nach Altusried oder…?
Herbert Knaup: Nein, die Sprache springt einfach rein, ich bin hier aufgewachsen. In Berlin spreche ich ein geschliffenes Hochdeutsch, aber ich merke jetzt, dass ich schon eine leicht südliche Einfärbung bekommen habe.

Frage: Haben Sie eigentlich noch Freunde hier?
Herbert Knaup: Ja, einer arbeitet hier im Baugeschäft, Klaus Wieland, und das ist ganz witzig, denn wir kennen uns schon als 6-7-jährige, also seit über 50 Jahren.

Frage: War das, als Sie die Schule geschwänzt haben? Nein, aber das war später…
Herbert Knaup: lacht, „Ja, das war später“.

Frage: Und einmal haben Sie den Rektor angerufen – Der Rektor hat bei uns angerufen, unterbricht Herbert Knaup – und haben gesagt, den Sohn, den bring ich um, wenn der so etwas macht. – Ja genau, sagt Herbert Knaup, das war meine erste Vorstellung als Schauspieler.
Es entfacht sich eine kurze Diskussion von Ober- und Unterland aus der Sicht von Kempten, Altusried und Memmingen.
Herbert Knaup: Aber was den Standort angeht: man muss sich vorstellen, dass die Strecke zwischen Kempten und Altusried 14 km sind, und der Kluftinger macht das jeden Morgen mit dem Fahrrad…
E-Bike? Wirft eine Journalistin ein. Herbert Knaup: lacht, „Ja, das wäre lustig, Kluftinger auf dem E-Bike“.

Frage: Was für eine Herausforderung ist es für Sie, dass die beiden Filme verschränkt gedreht werden?
Herbert Knaup: Das hat enorme Vorteile, ist super organisiert, und es ist auch so, dass wir an einem Tag Szenen aus nur einem Film drehen. Ganz selten gibt es hier direkte Verschränkungen an einem Tag von beiden Filmen. Wir haben schon 3-4 Tage eingespart, weil wir die Polizeirevieraufnahmen gebündelt haben, brauchen weniger Zeit zum Umbauen und sind schneller am Drehen.

Frage: Wie anders ist für Sie die Arbeit mit dem neuen Regisseur Lars Montag?
Herbert Knaup: Es ist anders, ja, auch weil ich mit Rainer Kaufmann dieses Jahr schon einen anderen Film gedreht habe, bei dem ich Jakob Fugger spielen durfte. Mit Lars Montag war das so eine Liebe auf den ersten Blick, man hat sich auf Anhieb sehr gut verstanden, und gleich mit dem Thema auseinandergesetzt, auch sprachlich hat es ihn noch einmal mitgezogen, und – wir haben ja allgemein ein paar Super Techniker am Set: unter anderem haben wir einen Kameramann, der hat Slumdog Millionaire gefilmt, wir haben internationale Leute an der Schärfe, weil man hier mit einem Team ankommen kann und nicht gebunden ist an München, Hamburg oder Berlin. Das macht das Ganze zusätzlich sehr lebendig, sie bringen sehr viel positive Energie und frischen Wind herein. Rainer Kaufmann konnte es zeitlich nicht machen, und jetzt hat man mit Lars Montag eine sehr gute Alternative gefunden.

Nachdem die Zeit drängte, und ich sah, dass man bereits darauf wartete, dass wir dieses Interview beenden, musste ich eine Frage an Herbert Knaup noch loswerden:

Frage: Mögen Sie Kässpatzen? – allgemeines Gelächter, „Ja, ich mag Kässpatzen“, und es entfacht sich eine kurze Diskussion, wo es wohl die besten in der Gegend gibt.
Einwurf eines Regieassistenten: So, das war jetzt die wichtigste Frage zum Schluss, jetzt können wir ja weitermachen.

Kluftinger Dreharbeiten, Memmingen November 2015
Kluftinger Dreharbeiten, Memmingen November 2015

Der nächste auf unserer Interview Liste ist Jockel Tschiersch.

Auch er begrüßt uns freundlich, und seines ist eher ein Handschlag. Er setzt sich gemütlich in den Sessel und lächelt in freudiger Erwartung, als ob er gerade im Hofbräuhaus eine Schweinshaxn und eine Mass Bier bestellt hätte.

Die erste Frage des engagierten Journalisten von der Allgäuer Zeitung stand etwas anders formuliert, auch auf meiner Liste ganz oben:

Frage: Haben Sie Identifikationsprobleme, nachdem Sie abends den Kluftinger auf der Theaterbühne spielen, und tagsüber den Roland Hefele als Kluftingers Kollegen vor der Kamera?
Jockel Tschiersch: „Sollte ich welche habm? Na, komm, des ghöat doch zum schauspielan dazu“, sagt er und macht eine ausladende Bewegung mit seinem Arm. Wenn es hier einen Tisch gäbe, würde ich schnell alles abräumen. „Ich spiel dann auch gestern, oda am Sonntak war ich in Berlin obn, da hab i en Brandenburga Gwalttäta gspielt, der mit da Axt auf Leute losgeht und dann spiel ich n Berliner Militärausbilder und zur Not spiele ich auch meine Schwiegermutter. Des gheat zum Beruf dazu. Im Gegenteil: ich finds sogar spannend!“

Frage: Was ist denn spannender, auf der Bühne zu spielen oder im Film?
Jockel Tschiersch: Auf der Bühne und vor der Kamera ist schon eine andere Art von Arbeit. Und auf der Bühne – ham Sie´s gsehn? – na es is scho lustig auf da auf da Bühne, mehr Komödie, und des is ja auch die Absprache, und das gelingt mir sehr auf der Bühne. Vor der Kamera könnt ich den net so spielen, es ist eine andere Art zu…arbeiten. Auf der Bühne, das macht mir wahnsinnig Spaß. Die Zuschauer sind auch jedesmal aus dem Häuschen, egal wo wir spielen, ich glaub wir machn den Zuschauern 2 Stund Freud damit. Und hier ist es aber auch wahnsinnig interessant an der Figur des Häfele, den Kontrapunkt zum Kluftinger zu spielen, und ihn ab und zu einzubremsen. Ich finde es auch sehr schön, was der Herr Montag hier macht: dass es auch ein differenziertes Verhältnis zueinander ist und man sich anerkennt, aber er auch sagt, manche Dinge gehen eben nicht, man kann als Kluftinger nicht immer durchmarschieren. Lars Montag hat dann wieder ein ganz anderes Verhältnis zu Richard Maier oder zu Sandy, was eine sehr schöne Rolle ist… Ich werde auch gefragt, Du schreibst doch nebenzu auch, und ja, das ist auch schön, aber ich finde alles hat seine Zeit und seinen Moment.

Jockel Tschiersch wechselt von Schwäbisch zu Hochdeutsch, fühlt sich aber offensichtlich wohler im Schwäbischen, das von mild bis sehr breit variiert.

Frage: Auch an Sie die Frage nach der Sprache: Sie sin ja Oschtallgäuer, Herbert Knaup isch ja Oberallgäuer… “Ja, aber des nimmt si ja it viel“, sagt Jockel Tschiersch, und i bin gebürtig vo Weiler, und des isch, wemma obrhalb vo Oberschtaufa schtoht, dann sieht ma da dunta z´Wila ra – (Hallo Herr Montag, können Sie folgen?) – abr ma schwätzt halt is so breut, aber natürlich tun wir nicht den Dialekt, der der Willimer Bauer schwätzt, den verschtoht da vorn ja keuna. Dewegen tu mas ein bisschen abdämpfen. Aber es is ja auch a Sprachmelodie, es is a Haltung und es ist schön, dass das stattfinden kann. Ich finde, wir haben da auch eine Griffigkeit, und ich finde es schön, dass das auch sein darf.

Frage: Was meinen Sie mit Haltung?
Jockel Tschiersch: wie euna halt denkt, wie euna scho geht, wie euna lauft, wie euna schaut, wie euna die Welt als solches sieht, also, au die Welt des Allgäus: der Allgäuer sagt, es gibt scho a Welt ausserhalb des Allgäus, aber des isch im Grunde perifär. Jetzt mal übertrieben gesagt. Aber man überlegt sich ja, wie denkt ein Kluftinger, wie verhört er einen Mönch? Also, wenn ich sagen würde, Guten Tag mein Name ist Kluftinger von der Kriminalpolizei Kempten, wo waren Sie gestern zwischen 21- und 23:00 Uhr… – „Des goht it“, antwortet unser Journalist für Jockel Tschiersch.

Frage: Sie leben jetzt in Berlin, ist in Ihre Heimat zu kommen eine Sache, die Sie immer wieder freut?
Jockel Tschiersch: Ja, ich komm gern zu meiner Familie, ich war jetzt seit Anfang August auch durchgehend hier, und in den Herbstferien war die ganze Familie unten. Aber ich leb ja auch gern in Berlin und mag die Stadt, finde es die spannendste Stadt. Dann drehe ich auch oft in München, und habe das Glück in dem Beruf an vielen Plätzen zu sein, nur meine Frau ist im Moment a bissl sauer, weil sie gerade alles allein machen muss.

Frage: Lassen Sie sich von Herbert Knaup für Ihre Kluftinger Rolle am Theater auch inspirieren oder sehen Sie das als eine ganz andere Sache?
Jockel Tschiersch: Des is eine ganz andere Geschichte. Am Theater hat man das Skript, und man muss sich an das Skript halten, wir proben manchmal 12 Stunden am Tag und erarbeiten die Bühnenfiguren zusammen… nein, es sind zwei völlig unabhängige Sachen.

Und wieder die wichtigste Frage zuletzt:
Frage: Haben Sie mittlerweile beim Theaterstück das „Priml!“ vermehrt? – Jockel Tschiersch: Das was? – Ich: Priml! Ich glaube, es kam beim Theaterstück nur einmal vor. Es ist so charakteristisch für die Kluftinger Figur, und ich habe es vermisst. – Jockel Tschiersch: Ja, wann kommens wieda mol? – Ich: Ich war schon bei der Premiere. – Jockel Tschiersch: ja wenn´s dann nochmal komma, dann sagnsmers halt, dann mach i no 5 mehr nei!

Vielen Dank auch an Sie Herr Tschiersch! 🙂

Zuletzt warten noch die Drehbeobachtungen einer kleinen Szene von „Schutzpatron“ auf uns: Ein blauer Lieferwagen ist vor der Tür geparkt, die hintere Tür geöffnet. Man sieht einen Polizisten und mehrere Männer, die etwas aus dem Wagen hieven. Mit vollem Mund, weil gerade einen Semmel essend, kommt Kommissar Kluftinger aus der Tür des Museums in Altusried gelaufen mit gezückter Pistole. „Halt, was machen denn Sie da?“ bringt er mit vollem Mund hervor. Einer der Männer antwortet: „Wir wechseln die Monstranz für die Ausstellung mit einer Kopie aus, aus Sicherheitsgründen.“

Kluftinger Dreharbeiten, Memmingen November 2015
Kluftinger Dreharbeiten, Memmingen November 2015

Die Fotos davon findet ihr hier, sehr viel mehr auf unserer Facebookseite.

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