Ich fahre, ich weiß nicht wohin? Mich wundert, dass ich so fröhlich bin.

21. Dezember 2015 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Ende November dieses Jahres startete ein besonderes Projekt in Kooperation mit dem BBZ Jakob Küner und dem Landestheater Schwaben im Auftrag der Agentur für Arbeit und unter Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger.
Unter dem Titel „Ich fahre, ich weiß nicht wohin? Mich wundert, dass ich so fröhlich bin“ fand dieser offene Workshop mit 23 jungen Menschen im Alter von 17 bis 21 Jahren einen ebenso erfreulich schönen

wie berührenden Abschluss in einer öffentlichen Präsentation am vergangenen Freitagabend am Landestheater Schwaben.

Die 23 Teilnehmer des Workshops stammen aus dem Irak, Nigeria, Eritrea, Somalia, Afghanistan, Äthiopien, Pakistan, dem Senegal, Sierra Leone und Syrien. Diese jungen Menschen, die sich genötigt sahen, aus ihren Heimatländern zu fliehen, und es schafften, lebend in der Sicherheit anzukommen, werden derzeit am BBZ Jakob Küner unterrichtet, und verbrachten nun vier Wochen lang täglich sechs Stunden am Theater.

Ich fahre ich weiß nicht wohin. Mich wundert, dass ich so fröhliche bin-Landestheater Schwaben, Dez.2015
Ich fahre ich weiß nicht wohin. Mich wundert, dass ich so fröhliche bin-Landestheater Schwaben, Dez.2015

Seit vielen Jahren engagiert sich das Landestheater Schwaben zusammen mit der Agentur für Arbeit Kempten-Memmingen erfolgreich mit besonderen Projekten im Bereich der Inklusion und sozialen Integration von Randgruppen. Projekte mit psychisch kranken Menschen, mit behinderten Menschen, Demenzkranken, Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Arbeitslosen, sowie Häftlingen fanden bereits in der Vergangenheit statt.

Ziel dieser Projekte war und ist es, den Kontakt zwischen diesen Randgruppen und der Gesellschaft in beidseitiger Hinsicht zu verbessern, und eine fruchtbarere Anbindung an die Gesellschaft zu unterstützen.

Teil der Projektarbeit war und ist, mit den Beteiligten in Workshops, Gesprächen, Training und Spielen die individuelle Biografie aufzuarbeiten, sich mit dem „Besonderen“ im eigenen Leben auseinanderzusetzen, und Strategien im Umgang mit sich selbst zu erarbeiten, um den Kontakt mit der Umwelt zu verbessern und fruchtbar zu gestalten.
„Ich fahre, ich weiß nicht wohin? Mich wundert, dass ich so fröhlich bin“, war nun Fortsetzung dieser Projektreihe, die den Teilnehmern helfen sollte, besser in der Fremde anzukommen und eine Brücke zu schlagen zwischen Integration und der Bewahrung der persönlichen Identität der Einzelnen.

Ich fahre ich weiß nicht wohin. Mich wundert, dass ich so fröhliche bin-Landestheater Schwaben, Dez.2015
Ich fahre ich weiß nicht wohin. Mich wundert, dass ich so fröhliche bin-Landestheater Schwaben, Dez.2015

Die 23 jugendlichen Flüchtlinge sind unter der Obhut des Jugendamtes und erhalten im BBZ Deutschunterricht, erklärt uns Schulleiter Günther Schuster vom Berufsbildungszentrum. Sie werden sozialpädagogisch betreut und erhalten berufliche Orientierung. In der Arbeit mit dem Landestheater Schwaben hatten sie nun die Möglichkeit, sich auszudrücken, ihre Identität zu definieren, Talente zu finden und Erfahrungen mitzuteilen.

An diesem Abend im Landestheater kann man die Aufregung der 23 Jugendlichen förmlich spüren, und manchmal muss Regisseur des Projektes Holger Seitz mit den schwierigen deutschen Textpassagen aushelfen, doch lässt Humor, die Freude an dieser Arbeit und das Engagement der Beteiligten schon bald die Aufregung verblassen.

Die Teilnehmer stellen sich der Reihe nach kurz vor unter dem Bogen einer Tür, und schon ist das Eis gebrochen, denn einige unter ihnen bringen uns zum Lachen, andere lassen uns allein durch die Art wie sie sprechen und uns ansehen an den Torturen teilhaben, denen sie in ihren jungen Jahren ausgesetzt waren, wieder andere sind sichtbar schüchtern, einige wenige tun sich etwas leichter und posieren bereits mutig.

Ich fahre ich weiß nicht wohin. Mich wundert, dass ich so fröhliche bin-Landestheater Schwaben, Dez.2015
Ich fahre ich weiß nicht wohin. Mich wundert, dass ich so fröhliche bin-Landestheater Schwaben, Dez.2015

Doch alle haben sie den Mut aufgebracht, sich der Situation und der Herausforderung zu stellen, sich mit ihren Gefühlen und ihrer Vergangenheit zu konfrontieren, auch innere Frontieren zu überschreiten, um sich selbst und Erlebtes auszudrücken. Sie stehen mutig vor uns und scheinen uns den ganzen Abend vor allem eines zu sagen: Hier bin ich, der ich fliehen musste vor Tod, Leid und Elend, und nun bin ich hier bei Euch, in Sicherheit, lerne Eure Sprache zu sprechen und Eure Kultur kennen, lerne mich so zu verhalten, dass ich nicht missverstanden werde und Ihr wisst, dass ich Euch nichts Böses will, sondern einfach nur leben, aber ich bin ich und ich reiche Euch die Hand.

Sie machen Zahlen- und Wortspiele in Deutsch, und einige expressive Parts, die keiner Worte bedürfen. Im Kreis setzen sie sich mit der Herausforderung auseinander, wie man wohl hier respektvoll eine Frau anspricht, doch auch dort bricht Humor ein wenig die Ernsthaftigkeit, als einer der Jungs singt „Schöne Meid, hast Du heut für mich Zeit…“ und die Zuschauer herzhaft lachen.
Dann sehen wir tänzerische Parts, die ihnen sichtbar leicht fallen, machen mit uns „heiteres Beruferaten“, und zuletzt singen sie sogar noch „O Tannenbaum“ für uns.

Wenn man bedenkt, dass einige unter ihnen erst seit 8 Monaten hier sind, noch damit beschäftigt sind Traumas des Erlebten aufzuarbeiten, und aus sehr anderen Kulturen kommen, ist es höchst erstaunlich, was diese 23 Jungs hier heute auf die Bühne gebracht haben. Hut ab kann ich da nur sagen, und empfinde es als einen tollen Schritt, Berührungsängsten und Vorurteilen unsererseits mit Kreativität und Feingefühl entgegenzuwirken.

Die musikalische Leitung des Projektes hatte übrigens Boris Stannek, die Choreografie wurde geleitet von Annette Taubmann, und die Projektleitung führte Joséphine Weyers.

Ich fahre ich weiß nicht wohin. Mich wundert, dass ich so fröhliche bin-Landestheater Schwaben, Dez.2015
Ich fahre ich weiß nicht wohin. Mich wundert, dass ich so fröhliche bin-Landestheater Schwaben, Dez.2015

Im Anschluss an die berührende Vorstellung hatten die Zuschauer dann die Möglichkeit, die geladenen Gäste Ingo Werth, aktiv bei Sea Watch, Claudia Korenke, Vizepräsidentin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Horst Holas, operativer Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Kempten Memmingen, und Josefine Steiger, Leiterin des Fachbereiches Ausbildung bei der IHK Schwaben kennenzulernen und Fragen zu stellen.

Unter der Moderation von Walter Weyers, Intendant des Landestheater Schwaben, stellt uns Horst Holas verschiedene Projekte der Agentur für Arbeit vor, die eine erfolgreiche Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt fördern sollen. Er begrüßt, dass sich der gesetzliche Rahmen hierfür leicht verbessert habe und betont die Tatsache des Fachkräftemangels in unserer Region, als auch im Gastgewerbe. Er treffe dabei allgemein auf die Bereitschaft vieler Unternehmen, durch Berufspraktika und Ausbildungsplätze auch Flüchtlinge dabei miteinzubeziehen.

Doch stellt er noch einmal hervor, dass ein angemessenes Sprachniveau dazu essentiell sei, vor allem wenn es um Ausbildung, Berufsschule und erfolgreiche Abschlüsse ginge. Schnelle Lösungen seien hierbei schwierig. Dieses Theaterprojekt sei ein schöner und kreativer, jedoch einer von vielen Mosaiksteinen, wie auch die Neuheit, dass die Agentur für Arbeit Sprachkurse anbiete für die Nationalitäten, die eine hohe Anerkennungsquote beim Asylverfahren haben.

Im Berufsbildungszentrum unter der Leitung von Günther Schuster würden Jugendliche sprachlich unterrichtet, die zum Teil als Minderjährige und alleine die gefährliche Flucht aus ihren Heimatländern angetreten hatten. Er betonte, wie wichtig es sei, frühzeitig die Anbahnung für Ausbildung und Arbeit zu unterstützen, und diese Theaterarbeit sei ein hilfreiches Mittel, die erlernten Sprachkenntnisse zu vertiefen und anzuwenden.

Frau Marlene Preißinger, die Landrat Hans-Joachim Weirather wegen einer Verhinderung vertrat, stellte heraus, dass im Landkreis Unterallgäu im Moment 1600 Asylbewerber in 5 staatlichen und 100 dezentralen Unterkünften untergebracht seien. Dem Landkreis Unterallgäu läge es am Herzen, asylsuchenden Menschen eine menschenwürdige Behandlung, angemessene Unterkunft und Schutz zu gewähren, was auch die Solidarität unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger fördere und zum Gelingen von Integration beitrage.

Der Landkreis Unterallgäu sei stolz, auf die Mitarbeiter von fast 40 Helferkreisen zurückgreifen zu können, die zu einer gelungenen Integration beitragen. Dieses Ziel verfolge auch das Theaterprojekt des Landestheater Schwaben, das mit Spaß, jedoch auch viel Arbeit zur Sprachförderung und sozialem Austausch beitrage. Sie dankte damit dem Landestheater Schwaben, der Agentur für Arbeit, und auch den Flüchtlingen, die sich auf diese Herausforderung eingelassen haben. „Solche Projekte dürfen gerne Schule machen“, so Marlene Preißinger.

Ich fahre ich weiß nicht wohin. Mich wundert, dass ich so fröhliche bin-Landestheater Schwaben, Dez.2015
Ich fahre ich weiß nicht wohin. Mich wundert, dass ich so fröhliche bin-Landestheater Schwaben, Dez.2015

In der Gesprächsrunde geht das Mikrofon an Ingo Werth. Ingo Werth ist als aktives Mitglied bei Sea Watch jeden Tag auf See Zeuge von den unzähligen menschlichen Tragödien, die dort, der letzten Etappe auf dem Weg in die Sicherheit, für Tausende von Menschen ein trauriges Ende nehmen.

Doch seine Entscheidung, in zunächst privater Initiative und mit privatem Kapital, sowie Spenden einen Fischkutter zu kaufen, und im Mittelmeer bei Wind und Wetter aktiv zu sein, war, eben dies zu verhindern, und vor Krieg, Hunger und Verfolgung flüchtenden Menschen dabei zu helfen, diese letzte Odyssee in Richtung Sicherheit überhaupt zu überleben.
Er ist sehr gerührt und bezeichnet es als eine Ehre, dabei sein zu dürfen bei dieser Theaterpräsentation von jungen Menschen, die zum Teil als Kinder und ohne Begleitung es überhaupt bis hierher geschafft haben.

Das Mikrofon wandert wieder zu Horst Holas der Agentur für Arbeit, der herausstellt, dass sich bei der Vorführung neben der Sprachbildung auch andere wichtige Eigenschaften herauskristallisiert haben, wie Kompetenzen, Werte, Tugenden, Teamgeist und Kommunikation, die die jungen Menschen hier mitbringen, und die für unsere Unternehmen wichtig sind.

Josefine Steiger der IHK Schwaben lobt die positive Sichtweise dieses Projektes, in dem allen Mitveranstaltern gelungen ist, nicht die Schwächen, wie mangelnde Sprachkenntnisse der mitwirkenden Jugendlichen hervorzuheben, sondern eben vor allem ihre Stärken zu betrachten und zu fördern.

Seit September letzten Jahres sei die IHK Schwaben aktiv geworden zum Thema Flüchtlinge und Ausbildung. Die Basis dazu legen die Berufsschullehrer und Betreuer, die vorab Deutsch Kenntnisse vermitteln, sodass sie auch eine Ausbildung durchlaufen und die Abschlussprüfungen schaffen können.

Dazu seien in die Integrationsklassen gegangen, und dabei konnte sie, so Josefine Steiger, 180 wunderbare junge Menschen kennengelernt, haben für sie ein Profil angelegt, und haben versucht sie über Berufspraktika in Betriebe zu vermitteln. Ein Drittel davon konnten sie in Ausbildungsvorprogramme vermitteln und für zwei Drittel haben sie einen Ausbildungsplatz gefunden. Alle 60 davon, also 100%, seien in den Ausbildungsstellen geblieben, sind sehr glücklich, über die Ausbildung integriert worden zu sein, und sich damit eine finanzielle Unabhängigkeit aufbauen können, wo sie den Staat nicht mehr brauchen.

Walter Weyers richtet sich wieder an Ingo Werth, mit der Frage, wie denn die Anfänge waren, wie das auf See war und was er auf See erlebt habe.
Das Projekt sei gestartet im November des letzten Jahres, als er, Ingo Werth, und andere das endlose Sterben im Mittelmeer nicht mehr ausgehalten haben. Mit 60.000 Euro aus privatem Kapital und Spenden haben sie in Holland einen Fischkutter gekauft, und mit weiteren 90.000 Euro für den Umbau und den Transport des Schiffes konnten sie im April des letzten Jahres in Richtung Lampedusa auslaufen.

Um dort aus Gummibooten mit 11 Meter 40 Länge, die meist vierfach überladen werden, Überlebende zu fischen. Doch bevor diese Menschen in die Gummiboote steigen, so Ingo Werth, haben sie zum Teil eine Reise von 2 oder 3 Jahren und mehr hinter sich von ihrem Heimatort, zum Beispiel in Afrika, müssen durch die Wüste marschieren, und sind, bis sie in Libyen ankommen, mehrfach ausgeraubt und überfallen worden, waren Gewalt ausgesetzt oder wurden in fremden Ländern inhaftiert.

Auf mehreren Reise-Etappen mussten sie sich verdingen mit hemmungslos unterbezahlten 10-12-Stunden Knochenjobs, um sich davon die nächste Reise-Etappe zu finanzieren, und wenn sie es schaffen bis zur Libyschen Küste, sind sie bereits zum Teil völlig verelendet oder verletzt. Mir schnürt sich bei jedem weiteren Wort von Ingo Werth der Magen zu.

Jedes dieser überladenen Gummiboote, so hören wir weiter, das den Libyschen Strand verlässt, ist per se ein Seenotfall. Wenn sie die Menschen aus diesen Booten abbergen, waren sie 2, 3, manchmal 4 Tage unterwegs, ohne Essen und ohne ausreichend Wasser. Sie müssen die 24-Meilen Zone erreichen, also das erweiterte Hoheitsgebiet vor der syrischen Küste, doch die Boote sind meist beschädigt vom Überladen, oder die Motoren streiken, bevor sie die 24-Meilen Zone erreichen.

Dabei ginge jedes Boot unter, das sie, oder das Schiff der Ärzte ohne Grenzen oder der MOAS nicht finden, denn keines dieser Boote käme dort an, wo die Europäischen Missionsschiffe vor den Europäischen Außengrenzen stehen, nämlich 30 Meilen vor der Italienischen oder Maltesischen Küste. Deshalb hält Ingo Werth offizielle Zahlen von ca. 3.000 Toten in diesem Jahr für haltlos unterestimiert.

Allein Mare Nostrum habe im letzten Jahr bis zu deren Betriebseinstellung mehr als 120.000 Menschen gerettet. Ein Projekt, das Italien allein 14 Monate lang mit 9.5 Mio Euro gestemmt hat, und das sich laut einem Sprecher des EU-Parlamentes Europa nicht leisten könne.
Seitdem sind viele Boote gestartet, und sie haben mit Sea Watch 22 Einsätze gefahren, wobei sie bei bereits mehr als 2.000 Menschen aus dem Wasser geholt haben.

Mir wird schwindelig, und nach diesen Informationen ist bei mir keine Frage übrig. Am allerwenigsten, ob aufnehmen oder nicht aufnehmen. Am ehesten die, wie ich mich trotz meines permanenten Zeitmangels einbringen könnte. Und, ich wünschte mir, dass viele Menschen die 23 Jungs dieses Abends kennen lernen, die es bis zu uns geschafft haben, und sich nach all dem aufrecht vor uns stellen, unsere Sprache lernen und engagiert in die Zukunft blicken. Es werden noch Fragen gestellt seitens der Zuschauer, sogar sehr gute Fragen, doch ich bin unfähig, noch mehr zu verarbeiten.

Beide meiner Wünsche hingegen gingen zum Teil bereits am gleichen Abend in Erfüllung: die Zuschauer wurden eingeladen, sich im Anschluss im ersten Stock zu den Jungs und den Sprechern des Abends zu gesellen. Und als ich im Gespräch war mit zwei Jungs aus Pakistan, von denen einer seinen Bruder und andere Familienmitglieder durch den Taliban verloren hat, kamen zwei Lehrkräfte des BBZ auf mich zu, machten einen großartigen Vorschlag und baten mich darüber zu schreiben. Mehr darüber in Kürze.

Mehr Fotos zum Event auf unserer Facebookseite.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kostenlosen Newsletter abonnieren!

Verpassen Sie keine neuen Termine, Stellenangebote und Kleinanzeigen mehr. Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter-Service noch heute!

Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtfeld)

Bitte beachten Sie die Datenschutzbestimmungen. Sie können den Newsletter in der Newsletter E-Mail abbestellen.