Ein Ausflug auf einen Biobauernhof

28. Dezember 2015 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Passend zum vorhergehenden Vorbericht eines Dokumentarfilmes über Permakultur, möchten wir heute über einen kleinen Bio-Bauern unserer Gegend berichten, welche in unserer näheren Memminger Umgebung eher selten sind.

Als ich auf dem Hof ankomme, sehe ich weit und breit niemanden, und die Kuhglocke an der Eingangstür ist zwar laut, aber trotzdem erzeugt sie keinerlei Reaktion…

Als ich es auf dem Handy versuche, sagt mir der junge Biobauer Horst, dass er gerade dem Nachbarn hilft, die Schafe einzufangen, die ihm davongelaufen sind. Es dauert jedoch nicht lange, bis ich dem freundlichen jungen Landwirt die Hand drücke.

Was erzeugt unser Bio-Bauer? Er überlegt kurz. Milch, Eier, Kartoffeln, Getreide, Fleisch, und etwas Wurst. Warum er da überlegen muss? Die Antwort auf diese Frage ist bei einem kleinen Bio-Landwirt nicht immer die gleiche, denn im Gegensatz zum Supermarkt, wo es immer alles gibt, gibt es bei einer kleinen Produktion dieser Art manchmal mehr von dem, vom anderen weniger, und es hängt von sehr vielen Faktoren ab, was, wann und wieviel es wovon gibt.

Ausflug auf einen Biobauernhof Memmingen 2015
Ausflug auf einen Biobauernhof Memmingen 2015

Aber ist nicht zumindest die Milchproduktion gleichbleibend? frage ich. Bei einer spezialisierten Milchwirtschaft ja, aber nicht bei ihm sagt er, denn er hält seine Tiere in der „Mutterkuhhaltung“. Mein fragender Blick erzeugt ein Lächeln bei ihm, und ich bin froh, dass er mir alles mit sehr einfachen Worten erklärt: Mutterkuhhaltung heißt, dass die Tiere in einer natürlichen Herde leben, im Sommer Tag und Nacht draußen sind, auf natürliche Weise Nachwuchs zeugen und diesen auch aufziehen, mit allem was dazu gehört: Mama, Papa Kind und Kind stillen.
Hier wird also nur die Milch verarbeitet bzw. verkauft, die überschüssig ist, nachdem die Kälbchen gesättigt sind, und das ist manchmal mehr, manchmal weniger. Zudem sind die Kühe seiner Herde eine Mischherde, und sie werden nicht nur mit Nahrung gefüttert, die viel Milch erzeugt, sondern fressen im Sommer Gras auf den Weiden, und im Winter Silage oder Heu.

Horst liest die Fragezeichen auf meiner Stirn und erklärt: es gibt Kuhrassen, die gezüchtet sind, um viel Fleisch zu erzeugen und Kuhrassen, die gezüchtet sind, um viel Milch zu geben. Natürlich ist das jedoch nicht unbedingt, daher hält er eine Mischherde, und diese in Mutterkuhhaltung. Auch bei der Silage hake ich nach: leicht angegohrenes Gras als Futter für den Winter nennt man immer noch „Silage“, obwohl zumindest die Gras-Silage heute nicht mehr in großen Silos erzeugt wird, sondern durch eine andere Technik. Das Gras wird direkt auf der Wiese nach dem Mähen in handlichere Rollen zusammengerollt, in denen es ebenso wie in den großen Silos früher leicht angährt. Das erzeugt einen süßlichen Geschmack, den die Kühe gerne mögen, und daher mehr fressen, also auch mehr Milch geben, zudem kräftigt es sie, da Gras-Silage im Gegensatz zum trockenen Heu mehr Nährstoffe enthält.

Ausflug auf einen Biobauernhof Memmingen 2015
Ausflug auf einen Biobauernhof Memmingen 2015

Mittlerweile sind wir auf dem Weg zu den Wiesen, auf denen die Kühe den Sommer verbringen, und da sind sie die glücklichen Großfamilien: Kälbchen, Kühe und ein paar Stiere, braun, schwarz gefleckt, in allen Farben. Unterwegs erzählt mir Horst, dass ein paar seiner Kühe schon ein paarmal im Sommerurlaub waren: in Missen auf der Alm. Das sei jedoch ein „Mordsaufwand“, denn man muss sie im Laster dorthin fahren, und nach dem Abtrieb wieder abholen, deshalb ist das schon ein paar Jahre her, als er das zuletzt gemacht hat.

Und geschlachtet wird eben auch nicht regelmäßig sondern wenn die Herde zu groß wird, es zu viele männliche Tiere gibt oder ähnliches, daher gibt es Fleisch und Wurst nur hin und wieder.
Dann werden wir vom Tierarzt zurück zum Hof gerufen, der ein paar Untersuchungen machen muss. Die Auflagen sind nicht einfacher geworden, sagt mir Horst, und das nicht nur für die Viehhaltung, auch beim Getreide- und Gemüseanbau ist es vor allem für Bio-Bauern mit sehr viel Bürokratie verbunden.

Als der Tierarzt fertig ist, frage ich, welches Getreide er anbaut. Antwort: Dinkel, Ur-Roggen (auch Waldstaudenkorn genannt), und Futtergetreide. Letzteres ist ein Mischgetreide, das nur zur Tierfütterung verwendet wird, vor allem für Pferde, Schweine und Hühner. Wieviel er davon jährlich erzeugt? Von allen drei Sorten jeweils ca. 2 – 2,5 Tonnen pro Jahr. Daneben Kartoffeln, mit Heu abgedeckt und in „Permakultur“ angebaut, einer Art Mischkultur: zwischen die Kartoffeln werden „Zwischenfruchtsamen“ oder „Blühsamen“ angebaut, wie beispielsweise Senf, Ölrettich, Sonnenblumen und Malve. Sehr inspiriert hat ihn da der „Krameterhof“ im Lungau, der ganz im Permakulturverfahren anbaut, und trotz seiner Lage in über 1.000 Meter Höhe im Juni schon Kirschen hat und Zitronenbäume gedeihen lässt. Dabei werden die Pflanzen gezielt gemischt und in Nachbarschaft gepflanzt, dass sie sich gegenseitig positiv beeinflussen. Es wird damit versucht, eine in unberührter Natur funktionierende Symbiose nachzuahmen und wiederherzustellen.

Ausflug auf einen Biobauernhof Memmingen 2015
Ausflug auf einen Biobauernhof Memmingen 2015

An wen er verkauft? An Privat auf Abholung, im BioRing, also über Internet, und im Bioland, das ist der Verband. Und gerade, als wir darüber sprechen, stehen wir vor dem Schild an der Hofeinfahrt, auf dem Bioland-Bauer steht.

Machst Du das alles alleine? frage ich. Manchmal hilft mir jemand, meist mache ich es alleine sagt Horst. Ganz schön viel zu tun für eine Person, denke ich mir. Gerade als ich ihn nach seinen Hühnern fragen möchte, kommt ein großer, stolzer schwarz-bunter Hahn mit Doppelkamm an mir vorbeigesaust. Ich versuche ein Foto zu machen, aber er ist zu schnell, und ich erwische ihn erst in seinem Gehege, in das er krähend gesaust ist, und in dem einige Hennen und ein anderer, weißer Hahn auf ihn warten. Letzterer jedoch weniger, denn er ist der ältere, also weist er den jüngeren erst einmal zurecht. Also gibt es hier auch glückliche Hühner.

Dann fragt mich unser Jungbauer, ob ich noch sein Wollschwein sehen möchte. Ich frage ihn, was in Gottes Namen ein „Wollschwein“ ist, da ruft er auch schon laut: „BABE!“ und ein fröhlich grunzendes, wolliges etwas kommt in seinem/ihrem Gehege herangeeilt! Im Gegensatz zum Wildschwein hat das Wollschwein ein Fell wie eine Mischung aus Schaf und Wildschwein, lockiger, länger und feiner als das Wildschwein.

Ausflug auf einen Biobauernhof Memmingen 2015
Ausflug auf einen Biobauernhof Memmingen 2015

Babe sieht genau so aus, wie sie heißt: Babe! Dick und wollig und knuddelig, und grunzt vor Freude, als Horst ihr den Nacken krault. Sie ist jetzt 10 Jahre alt, und mittlerweile allein. Es waren einmal 3, dann waren es 35, und jetzt ist sie ganz allein, und weiß nicht, dass sie zu einer vom Aussterben bedrohten Haustierrasse gehört. Die meisten hat er verkauft, oder geschlachtet, denn ihr Geschmack ist deliziös. Aber wenn ich Babe so ansehe, könnte ich zum Vegetarier werden.

Auf dem Rückweg Richtung Hofeinfahrt sehe ich die Solarzellen auf all seinen Gebäuden und frage ihn, wieviel Strom er selbst verbraucht von dem, den er mit der Solaranlage erzeugt. Bei einem doch recht großen Hofgebäude bin ich erstaunt zu hören, dass er nur ca. 1 Zehntel des Stromes selbst verbraucht, den Rest verkauft er an die LEW. Dieses Zehntel seiner eigenen Erzeugung trägt jedoch nur 35% an seiner eigenen Versorgung bei, den Rest kauft er wiederum von EWS, die nur erneuerbare Energien erzeugen. Auf meine Frage, warum er nicht gleich ganz seinen eigenen Solarstrom verwendet, antwortet er, dass er damit EWS unterstützen will, die ausschließlich erneuerbare Energie erzeugen, und er damit dazu beiträgt, dass weniger Strom von Atomkraftwerken im Netz verwendet werden.

Zusätzlich beherbergt Horst ganz offiziell zwei HAZ-4 Empfänger, die in der anonymen, kleinen Stadtwohnung trist geworden sind, auf das Land wollten, sich nun im Grünen regenerieren und Horst gelegentlich bei seiner Arbeit helfen.
Vieles ist mir klar geworden in diesem inspirierenden Gespräch über Biolandwirtschaft in unserer Gegend, so danke ich Horst und gehe meiner Wege.

(Das Interview entstand im Spätsommer, die Fotos sind also entsprechend).

Mehr Fotos darüber auf unserer Facebookseite.

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