Vernetzung in der Flüchtlingsarbeit

28. Januar 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Unter diesem Motto fand am vergangenen Montag, den 25. Januar in der Stadthalle Memmingen ein aktueller Austausch leitender Instanzen statt, in dem es neben der dringenden Frage der Unterbringung vor allem um eine nachhaltige Integration der Menschen in die Gesellschaft und insbesondere in den Arbeitsmarkt ging.
Teil dieser umfangreichen Veranstaltung waren die Agentur für Arbeit Memmingen-Kempten, das Jobcenter, die Stadt Memmingen, vertreten durch Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger,

dem Ausländeramt und dem Stadtjugendamt, des Weiteren der EVJ Jugendmigrationsdienst Kempten, die IHK Schwaben und die HwK Schwaben, sowie Berufsschulrepräsentanten und ehrenamtlich mit Flüchtlingen engagierte Menschen und Institutionen.

All diese Instanzen leisten Hervorragendes in Sachen Flüchtlingsarbeit und Integration – Ziel dieser Veranstaltung war es nun, all diese Akteure besser zu vernetzen und anzubinden, den Wissensstand anzugleichen, aktuelle Projekte vorzustellen, Problematiken aufzuzeigen, sowie Schwachstellen als Ansatzpunkte für Verbesserungsmaßnahmen zu lokalisieren.

Konferenz zur Vernetzung in der Flüchtlingsarbeit, Memmingen, 25.01.2016
Konferenz zur Vernetzung in der Flüchtlingsarbeit, Memmingen, 25.01.2016

Ein großes Unterfangen, denn wenn man bedenkt, wie viel innerhalb nicht einmal einen Jahres seit der Zuspitzung der Situation in Deutschland an Maßnahmen und Projekten aus dem Boden gestampft wurden, die sich mittlerweile vielfach verzweigt und weiterentwickelt haben, wird umso deutlicher, wie wichtig dieser Austausch ist. Denn am Ende sollen all diese an einem Strang ziehen, sich ergänzen und sinnvoll kooperieren.

Unverzichtbare Voraussetzung für das Gelingen von Integrationsarbeit seien ausreichende Deutschkenntnisse, in diesem Punkt sind sich alle anwesenden Fachleute einig, die in Behörden, der Arbeitsagentur, Schulen oder anderen Einrichtungen mit Flüchtlingen arbeiten.

Oberbürgermeister Dr. Holzinger erläutert uns in seiner Begrüßung auch gleich die aktuelle Situation in Memmingen: Knapp 600 Flüchtlinge leben derzeit in unserer Stadt und das erste Problem sei die Unterbringung, vor allem deren langfristige Unterbringung. „In der Stadt haben wir von jeher einen begrenzten Wohnungsmarkt. Jetzt geht es darum, bezahlbare Wohnungen für die anerkannten Flüchtlinge bereitzustellen.“

Die eigentliche Herausforderung beginne jedoch jetzt mit der organisierten Integrationsarbeit. Es sei eine große Herausforderung, auch im Bereich der Kindertagesstätten und Schulen, die die Kinder und Jugendlichen aufnehmen, so Dr. Holzinger. Zudem sei eine vernünftige Integration dieser Menschen in den Arbeitsmarkt wichtig, daher sein nun vermehrt auch das Gespräch mit den Vertretern aus der Wirtschaft und dem Bildungswesen gefragt.

Leiter des Ausländeramtes Walter Neß klärt uns weiter auf, dass von den 575 Flüchtlingen in der Stadt 110 Asylbewerber bislang anerkannt wurden, wobei „105 von den 110 anerkannten Flüchtlingen aus Syrien kommen“, erklärte Neß weiter. Das erste anzugreifende Problem sei die Unterbringung, da diese nicht in den Gemeinschaftsunterkünften bleiben dürfen. Diese 110 anerkannten Personen können nun grundsätzlich die ersten Schritte in Richtung Arbeitsmarkt vollziehen.

All die, die aus sicheren Herkunftsländern kommen, werden im Verfahren nicht anerkannt und haben somit kein Bleiberecht und kein Recht auf Arbeit. Ab dem 01.02.2016 werden bundesweit spezielle Ausweise für Flüchtlinge eingeführt, in denen der Fingerabdruck integriert wird und auch der Agentur für Arbeit zur Einsicht freigegeben sind, sodass Leistungsmissbrauch ausgeschlossen werden kann. Noch in diesem Jahr würde in Memmingen noch eine weitere Gemeinschaftsunterkunft errichtet werden.

Konferenz zur Vernetzung in der Flüchtlingsarbeit, Memmingen, 25.01.2016
Konferenz zur Vernetzung in der Flüchtlingsarbeit, Memmingen, 25.01.2016

Der Leiter des Stadtjugendamtes Jörg Haldenmayr erklärt uns zunächst, was UMF bedeutet, nämlich unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge, die ganz allein unterwegs sind, also keine Eltern, keine Geschwister, keine Verwandten bei sich haben und somit grundsätzlich niemanden, der sich um sie kümmert. Das Erreichen der Volljährigkeit wird hier entsprechend ihren Herkunftsländern gehandhabt, und ein Asylantrag kann nur von Volljährigen gestellt werden. So lange versucht das Stadtjugendamt soweit es geht, den elterlichen Beistand zu ersetzen.

45 unbegleitete Minderjährige zwischen 16 Jahren und der Volljährigkeit leben derzeit in Memmingen, informierte Jörg Haldenmayr weiter. Es sind Jahrgänge zwischen 1997 und 2000, vor allem jedoch Afghanen der Geburtsjahrgänge 1998 und 1999, einige wenige aus Eritrea, Somalia, Äthiopien und Pakistan.

Es werde dabei versucht, in den verschiedenen Unterbringungen ähnliche Kulturgruppen zusammenzuführen, um Konfliktpotentiale zu neutralisieren. „Sie haben völlig verschiedene Fluchtwege und Erfahrungen, unterschiedliche Bildungsniveaus, Erziehung, unterschiedlichen Fleiß und Willen. Aber eines vereint sie alle: sie suchen Schutz und hoffen auf eine gute Zukunft“, betonte Haldenmayr. Wichtig sei hierbei neben der sprachlichen auch die Integration in unser Wertesystem.

Der Vorsitzende Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Memmingen-Kempten Peter Litzka betont: „Erst wenn ein grundlegender Sprachstand erreicht ist, können wir auch an eine berufliche Integration denken“. Doch ist er davon überzeugt, dass der Weg über eine berufliche Ausbildung der richtige Weg sei, um sich in unserer Gesellschaft selbst tragen und finanzieren zu können. Zudem könne hier langfristig gedacht auch Positives zu unserem Fachkräftemangel beigetragen werden.

Rund 2,2 Millionen Euro werde die Arbeitsagentur im Allgäu allein in diesem Jahr zusätzlich bereitstellen für vielfältige Maßnahmen zur Qualifizierung und Ausbildungsbegleitung von Flüchtlingen, informierte Peter Litzka.

Grundsicherungsexperte Klemens Heinz als Vertreter des Jobcenters klärt uns auf, dass 74 anerkannte Flüchtlinge aktuell beim Jobcenter in Memmingen gemeldet seien. Ziel sei es, dass die Flüchtlinge Integrationskurse und Einstiegsqualifikationen möglichst lückenlos durchlaufen können. Ein Drittel von ihnen sei zwischen 15 und 25 Jahre alt. „Wir gehen davon aus, dass wir zehn Prozent in einem Jahr integrieren können.“

Auch Frau Stark des EVJ Jugendmigrationsdienst Kempten weist auf die sehr unterschiedlichen Bildungsniveaus der geflüchteten Jugendlichen hin. Zudem würden viele Jugendliche das komplexe Ausbildungssystem in Deutschland nicht kennen und nur schwer verstehen. Sie appellierte an Betriebe, Praktika zur Verfügung zu stellen und die Jugendlichen in der Arbeit begleitend zu unterstützen.

Konferenz zur Vernetzung in der Flüchtlingsarbeit, Memmingen, 25.01.2016
Konferenz zur Vernetzung in der Flüchtlingsarbeit, Memmingen, 25.01.2016

Rund 1 Mio Euro will auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) im Regierungsbezirk bis 2018 in Integrationsmaßnahmen investieren, so der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK-Schwaben Markus Anselment. Neben Sprachunterricht liege ein Schwerpunkt darauf, Betriebe zu begleiten, die Flüchtlinge integrieren. „Es läuft gut. Auf Seiten der Wirtschaft haben wir einen großen Willen, sich der Herausforderung zu stellen“ berichtet der IHK-Hauptgeschäftsführer. Positiv sei auch das Fazit aus dem Vorjahr 2015: 60 Flüchtlinge konnten in Ausbildungen u./o. Einstiegsqualifizierungen vermittelt werden, wovon bisher keiner das Ausbildungsverhältnis abgebrochen habe. Zudem bieten mittlerweile über 200 Firmen in Schwaben Praktikumsplätze an.

Sait Demir als Vertreter der HwK Schwaben stellt heraus, dass auch die Handwerkskammer (HwK) eine möglichst passgenaue Vermittlung von Flüchtlingen in Ausbildung anstrebt. Es gelte dabei die Talente und Neigungen der Jugendlichen zu erkennen und zu fördern, und somit auch unserer Gesellschaft nutzbar zu machen, betonte Sait Demir, interkultureller Laufbahnberater bei der HwK.

Berufsschulrepräsentanten Meinrad Stöhr als Schulleiter der Staatlichen Berufsschule Johann-Bierwirth-Schule und Günther Schuster, Schulleiter des Staatlichen Kaufmännischen Bildungszentrums Jakob Küner (BBZ) erklärten, dass mehr Lehrkräfte und mehr Räume bei den Schulen für Integrationsklassen gebraucht würden. Derzeit gibt es zwei Klassen an den Memminger Berufsschulen, bis zum Sommer sollen es laut Landesvorgaben fünf Klassen werden.

„Die jungen Leute reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln von außerhalb zu unserem Sprachunterricht an, und sind wissbegierig. Am liebsten würden sie nach dem Unterricht nachmittags noch in Betrieben schnuppern und etwas Geld verdienen“, erzählen Meinrad Stöhr und Günther Schuster. „Die jungen Leute sind nach Deutschland gekommen, um Geld zu verdienen, und ihre Familien zu Hause zu unterstützen. Jetzt kommen sie hier in Kurse, Schulen und Ausbildung und werden sechs bis sieben Jahre brauchen, bis sie vernünftig Geld verdienen.“ Für viele sei dieser Weg zu lang.

Es drängte sich mir die Frage auf, ob es in Deutschland nicht auch einfache Tätigkeiten gibt, für die es reichen würde, eine solide Sprachausbildung zu erfahren, um dann vom Betrieb selbst in weniger komplizierte Abläufe eingewiesen zu werden. Waren das nicht genau die Jobs, für die wir bei uns kaum noch Einheimische finden, die diese ausführen wollen?

Unter den Flüchtlingen sind junge Leute, die eben das suchen, und gar nicht an Titeln interessiert sind. – Gerne hätte ich diese Fragen in der angekündigten anschließenden Podiumsdiskussion gestellt, doch wurde diese abgesagt, da die vorhergehenden Vorträge umfangreicher waren als angenommen.

Konferenz zur Vernetzung in der Flüchtlingsarbeit, Memmingen, 25.01.2016
Konferenz zur Vernetzung in der Flüchtlingsarbeit, Memmingen, 25.01.2016

Als ich mein Stativ abbaue, sinniere ich vor mich hin, und erinnere ich mich daran, dass sich in all den letzten Monatsberichten der Agentur für Arbeit MM-KE regelmäßig Mangel an Arbeitskräften in mehreren Sektoren im Allgäu wiederholt hatten: Im Hotel- und Gastronomiegewerbe, in der Logistik und in dienstleistenden Unternehmen. Auch in der metallverarbeitenden Industrie, da bräuchte man allerdings mehr Fachkräfte. – Wären darunter nicht einige Tätigkeiten für eben diese arbeitswütigen jungen Menschen? Und – würden wir dem Arbeitseifer genau dieser Menschen nicht eher den positiven Druck nehmen, indem wir sie in zu ausgiebige und langwierige Ausbildungsprogramme pressen?

Ich komme ins Gespräch mit Schulleiter Günther Schuster, und der sagte mir, er wolle genau über das Thema kurze Programme mit Peter Litzka von der Agentur für Arbeit sprechen, und weg war er.

So sah ich mir noch kurz die zahlreichen Infostände im Eingangsbereich an: Vertreten waren dort die Schaffenslust (die Freiwilligenagentur Ehrenamtlicher Helfer), die bfz (Die Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft), die Deutsche Angestellten Akademie (DAA), die Volkshochschule Memmingen, die Dekra Ulm, die Kolping Akademie, sowie der Agentur für Arbeit, das Jobcenter, der EVJ Jugendmigrationsdienst und die HwK.

Wie, frage ich mich, als ich die Treppe hinunterlaufe, wie können wir bei all dem Kapital an kompetenten Institutionen, klugen Köpfen und all unseren Möglichkeiten bei bisher gerade einmal 600 Menschen in einer Stadt von 45.000 Einwohnern nicht positiv in die Zukunft blicken? – Vor allem wenn man bedenkt, dass allein Memmingen 1946 Kriegsflüchtlinge von einem Drittel ihrer Einwohnerzahl im Stande war zu absorbieren, und das in einer Zeit, wo Deutschland sich neu erfinden musste.

Wie es mir scheint, ist zumindest unsere Hauptfrage nicht, ob wir es schaffen, sondern eine eher schwäbisch-deutsche Frage: Wie schaffen wir es am besten? – Die Weichen dazu sind gestellt, regelmäßiges Überprüfen und anpassen jedoch weiterhin wichtig, eine Vernetzung ist geschaffen. Auch wenn in Zukunft mehr auf unseren Zug aufspringen, fährt er seine solide Bahn.

Foto 2: Vorsitzender Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Memmingen-Kempten Peter Litzka
Foto 3: Stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK-Schwaben Markus Anselment

Mehr Bilder über Einzelheiten der besprochenen Themen auf unserer Facebookseite.

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