Ein Harfenbauer in unserer Region

15. Februar 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Seit Jugend an spielte er Harfe, und Holzbearbeitung war seine zweite Passion. Die Idee beide Leidenschaften zu verbinden brachte ihn auf den Weg. Es gab dabei nur ein Problem: es gibt in der gesamten Bundesrepublik nur wenige Harfenbauer, und keinen Einzigen, der es als Lehrberuf anbietet. So musste Jonathan Corbinian Dentler einen Umweg wählen, um an sein Ziel zu kommen.

Mit 30 Jahren ist Jonathan ein sehr junger Harfenbauer, doch vor eineinhalb Jahren machte er sich bereits selbständig

und betreibt nun eine kleine, doch sehr gut ausgerüstete, vollklimatisierte Werkstatt mit Ausstellungsraum in Egelsee.

Harfenbauer Jonathan Dentler, Egelsee, 2016
Harfenbauer Jonathan Dentler, Egelsee, 2016

In Kisslegg geboren, machte er zunächst eine dreijährige Berufsausbildung zum Zupfinstrumentenmacher in Konstanz (Lehrstelle) und Klingenthal (Berufsschule), gefolgt von einem Bachelor Studium in der Fachrichtung Zupfinstrumentenbau am Studiengang für Musikinstrumentenbau Markneukirchen (FH Zwickau).

Vor und während des Studiums nutzte Jonathan jede Gelegenheit, in der Werkstatt des Harfenbauers Bernhard Schmidt in Kißlegg und später in Lauterbach mitzuarbeiten. Um es weiter zu vertiefen, machte er ein ganzes Praxissemester bei Harfenbauer Bernhard Schmidt, dessen Harfen das Ergebnis einer 40-jährigen Berufserfahrung sind.

„Bernhard verdanke ich sehr viel praktisches Wissen im Bau und im Umgang mit Harfen“ sagt Jonathan mit einem tiefen und ehrlichen Lächeln und nicht zu übersehender Anerkennung in seinem Blick. Nach einer Pause, die die Wichtigkeit dieser Tatsache für Jonathan noch unterstreicht, erklärt er weiter, dass beim Ausbildungsberuf Zupfinstrumentenbau der Schwerpunkt bei Gitarren liegt, und die haben zwar vieles gemeinsam mit der Harfe, aber eben bei weitem nicht alles.

Meine Frage, worauf es denn dann bei Harfen ankommt, beantwortet Jonathan mit einem amüsierten Lächeln, verschiebt einen Großteil meiner Antwort auf den anschließenden Werkstattbesuch und führt mich stattdessen erst einmal in die grundsätzlichen Unterscheidungsmerkmale von Harfen und in ein paar geschichtliche Hintergründe ein.

Die Harfe ist eines der ältesten Musikinstrumente der Menschheit, wurde von den Ägyptern als Tempelinstrument verwendet und war bereits um 3000 v.Chr. in Mesopotamien und Ägypten verbreitet. Die ersten Harfen waren Bogenharfen, die später von den Winkelharfen abgelöst wurden. Nachdem die Winkelharfe nicht sehr stabil und zudem schlecht stimmbar war, wurde um 800 n.Chr. die dreiseitig geschlossene Rahmenharfe erfunden, von der alle modernen Harfenformen abgeleitet sind.

Harfenbauer Jonathan Dentler, Egelsee, 2016

Die Wiege der Harfen mit diesen Charakteristika (dreiseitig geschlossener Rahmen, geschwungener Hals, abgeschrägte Saitenanordnung) findet sich um 800 n.Chr. auf den britischen Inseln und stellt damit den Grundtypus aller heute weltweit gebräuchlichen Harfen dar.

Die Pedalharfe mit am Harfenfuß angebrachten Pedalen wurde erst im Jahr 1720 erfunden.

Was kann die Pedalharfe, was die normale Harfe nicht kann? frage ich, und erkenne an seinem erneut amüsierten Lächeln, dass meine Frage die eines kompletten Dilettanten ist. Doch Jonathan ist geduldig, und erklärt mir erst einmal, dass es keine „normalen“ Harfen gibt.

Er rückt sich auf seinem Stuhl zurecht, sieht nach oben, und fragt sich wohl gerade, wo er bei einer kompletten Harfen-Unwissenden wohl ansetzen soll. Daher steht er auf und zeigt mir anhand der ausgestellten Harfen zuerst den einfachsten Harfentyp:

„Bei diesem Typ kann jede Saite nur einen Ton erzeugen“, sagt er und schnappt sich gleich eine weitere. „Und sieht Du bei dieser Harfe die Kläppchen hier oben? Mit den Kläppchen kann man je nach Bedarf jeden Ton um einen Halbton höher spielen. Die ursprüngliche Technik war mittels Haken, so wie“ – und hob eine andere Harfe hervor, „bei dieser hier. Man legt den Haken um, verkürzt dadurch die Saite, und gewinnt dadurch einen Halbton. Das gleiche machen die Kläppchen, nur präziser.“

Nun geht er auf die andere Seite des Raumes zu einer Pedalharfe. „Bei der Pedalharfe kann man mit Hilfe der Pedale alle Töne des Instrumentes um einen Halbton erhöhen, ohne die Hände von den Saiten zu nehmen. Die Doppelpedalharfe ist die Weiterentwicklung der Einfachpedalharfe, da kann man jeden Ton um einen halben Ton erhöhen und um einen halben Ton tiefer spielen.“

Ich klappe mein Kinn wieder nach oben und frage: „Und baust Du dann auch Pedalharfen?“ – „Nein“, sagt er, aber ich repariere sie.“ Als ich erfahre, dass bei der Pedalharfe die Saitenverkürzung durch eine aufwendige Mechanik mit bis zu 2500 Bauteilen erfolgt, weiß ich auch warum.

Harfenbauer Jonathan Dentler, Egelsee, 2016

Jonathan hat sich bei seinem Harfenbau auf moderne keltische Harfen (ohne Pedale) und historische Harfen, also den Nachbau von existierenden historischen Instrumenten (ebenfalls ohne Pedale) spezialisiert.

Doch jetzt gibt mir Jonathan erst einmal eine musikalische Kostprobe davon, wie es sich anhören kann, wenn man bewusst die Halbtonklappen beim Spielen verwendet. Es hört sich wunderschön an, und er spielt bewusst etwas Modernes, auf eine Weise, wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte.

Dann nimmt er eine kleine Harfe und es hört sich – keltisch an, dann spielt er auf einer mittleren Größe wieder einen ganz anderen Stil, um am Ende noch mit der großen Harfe jazzige Klänge zu erzeugen unter Einbeziehung von Halbtönen, die er bewusst durch die Kläppchen erzeugt. Ich hätte stundenlang zuhören können, doch da fiel mir ein, dass ich schon einmal eine auf jazzige Weise gespielte Harfe gehört hatte.

Dazu sagt Jonathan: „Mhm, die Harfe ist in den letzten Jahrzehnten immer populärer geworden, dieses Jahr 2016 ist die Harfe sogar als das „Instrument des Jahres“ gewählt worden. Beim Jazz verwendet man jedoch meist die Pedalharfe, besser noch die Doppelpedalharfe, die auch vorwiegend in der Orchestermusik verwendet wird. In der Alpenländischen Musik hört man vor allem Einfachpedalharfen.“

So erfahre ich, dass man nicht auf jeder Harfe alles spielen kann, bzw. man kann schon, doch lädt jede Harfe zu einem spezifischen Gebrauch ein, je nach Klang, Art der Harfe und Klangvolumen. Und nun wird es technisch, denn Jonathan erklärt mir nun, dass es im Musikinstrumentenbau die „Messtechniker“ gibt, die eher analytisch vorgehen und Klangbilder technisch zu verstehen und zu unterlegen versuchen, und die Traditionalisten, die eher mit Bauchgefühl und Sensitivität arbeiten.

Wozu zählst Du Dich? frage ich prompt, und er antwortet, dass er gern intuitiv, also mit Bauchgefühl arbeitet, dennoch bedient er sich gern moderner Technik, um diese Empfindungen durch Daten nachvollziehbar zu machen.

Die moderne Technik versteht er in seinem Beruf also als eine Hilfe, im Harfenbau schneller gleiche Resultate erzielen zu können und zeigt mir ein paar Klangbilder auf seinem Computer. Naja, schön bunt, mehr kann ich dem auf die Schnelle nicht abgewinnen, denn das ist eine Wissenschaft für sich.

Harfenbauer Jonathan Dentler, Egelsee, 2016

Doch nach recht viel Theorie zieht es mich jetzt in die Werkstatt, wo wir zum handwerklichen Teil kommen. Seine Werkstatt ist hell, von Sonnenstrahlen durchflutet und es riecht gut nach Holz. An den Wänden hängt allerlei Werkzeug, auf dem Boden stehen mehrere Maschinen zum sägen, bohren und schleifen. Die Temperatur ist angenehm und er erklärt mir, dass hier ein Luftentfeuchter für die richtige Luftfeuchtigkeit sorgt, sodass die Harfen möglichst spannungsarm hergestellt werden können.

Jonathan schnappt sich ein flaches, langes, konisch zulaufendes Holzteil, das aus mehreren kleineren Abschnitten eines auf bestimmte Weise zugeschnittenen Alpenfichtenholzes zusammengeleimt ist und sagt: „Das ist eine Resonanzdecke.“ Ich sehe das Teil fragend an und überlege kurz, wo es wohl hinpassen könnte und erinnere mich an die Form des Klangkörpers. Es wird also einmal das vordere Teil des Klangkörpers sein, kombiniere ich, und liege damit richtig, nur lerne ich dazu, dass man den Klangkörper auch „Resonanzkorpus“ nennt.

Nun bin ich eher in einem Bereich, in dem ich mich etwas mehr auskenne, denn ich hatte bereits mit Holzverbindungstechnik zu tun. Jonathan erklärt mir viel über die verschiedenen Hölzer und deren Eigenschaften, welche Teile des Holzes wofür gut sind, und zeigt mir andere bereits vorgeformte Holzteile, die einmal Teil einer Harfe sein werden: Der „Hals“ (das obere, meist etwas geschwungene Teil der Harfe), und die „Vorderstange“, d.h. das meist bogenförmige vordere Teil der Harfe.

Harfenbauer Jonathan Dentler, Egelsee, 2016

Auch in der Werkstatt hätte ich gerne noch viel mehr Zeit verbracht, doch mittlerweile ist es spät geworden, so mache ich noch eine Menge Fotos und verabschiede mich von Jonathan, doch nicht bevor er mich noch zu seinem nächsten Werkstattkonzert eingeladen hat: Am 11.März kommt die bekannte Harfenistin Maja Taube mit ihrem Programm „Klanggewebe“ für ein Konzert ein seine Werkstatt nach Egeldee. Wir werden das Event natürlich in unserem Veranstaltungskalender nochmals ankündigen.

Ich freue mich jedenfalls schon darauf, denn was Jonathan mir bereits vorgespielt hat, klang für meine Ohren nach mehr.

Mehr Infos über Jonathan und seinen Harfenbau findet ihr auf seiner Webseite, hier verlinkt.

Mehr Fotos darüber auf unserer Facebookseite.

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