„Es ist keine Kunst mit viel Energie wenig zu erreichen – vielmehr ist es eine Kunst, mit wenig Energie viel zu erreichen“

24. Februar 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Ein Bilderbuchbeispiel hierfür aus unserer unmittelbaren Umgebung ist die Dinkelmühle Graf in Tannheim, die wir gestern besucht haben.

Als ich das kleine Bächlein namens Tannenschorrenbach ansehe, denke ich mir, dass es als Kind sicher nett ist, darauf ein paar Schiffchen schwimmen zu lassen, aber als ich dann das riesige, im Durchmesser fast 7 Meter messende, immens schwere metallene Wasserrad sehe, das dieses kleine Bächlein antreibt, verschlägt es mir die Sprache.

„1884 wurde dieses Wasserrad eingebaut, und läuft nun brav seit 132 Jahren“, erklärt Herr Graf stolz.

Dinkelmühle Graf, Tannheim, Feb. 2016

Das Bächlein treibt nicht nur das enorme Wasserrad an, sondern liefert die Energie für sämtliche Verarbeitungsschritte vom rohen Dinkelkorn bis zum sauber verpackten Mehl in der Papiertüte! Und das sind 1,5 kW-Stunden im Schnitt. – Im Vergleich: Ein Haarföhn hat eine Leistung von bis zu 2000 Watt, lasse ich einen Haarföhn mit 2000 Watt 1 Stunde lang laufen, habe ich 2kW-Stunden verbraucht. Unser kleines Bächlein hier erzeugt also gerade einmal so viel Strom, um einen Haarföhn anzutreiben, wie kann man damit eine Getreidemühle antreiben??? – frage ich mich, und offensichtlich habe ich laut gedacht, denn Herr Graf, der diese Mühle bereits in der 5. Generation betreibt beantwortet sie mir: „Das Geheimnis steckt in der Schwungmasse des Mühlrades“ sagt er, „und den Rädern, die die Energie mechanisch weiterleiten“.

Nun geht es vom Wasserrad als dem Herz der Mühle in die vielen Adern und Organe im Inneren der Mühle, die den Dinkel verarbeiten. Im Inneren der Mühle geht mir das Herz auf, und während Herr Graf sich um einen Kunden kümmert, werde ich wieder Kind und gehe auf Erforschungsreise: Holzgebälk bis wohin das Auge reicht, überall rattert und brummt es, hier Riemen, die über Räder laufen, dort eine Holztreppe, die vielleicht zum Dachgeschoß führt? – Sehen wir nach: Halt, nein, das war noch nicht das Dachgeschoß, es geht hier noch einmal eine Holztreppe hinauf – und noch eine! Ich realisiere, dass diese Mühle aus 4 Stockwerken besteht und jeder Winkel genutzt ist.

Dinkelmühle Graf, Tannheim, Feb. 2016

Doch jetzt ruft mich Herr Graf erst einmal wieder nach unten, schließlich geht alles der Reihe nach. Ich lerne, dass der Dinkel zuerst entspelzt wird, dann gereinigt von Staub, Unkrautsämereinen und Kümmerkorn (also verkümmert gewachsenes Korn), und dann die Spelzreste entfernt werden. Diese 3 groben Arbeitsschritte beinhalten jedoch bereits 15 Arbeitsgänge, einige verschiedene Vorrichtungen und kleine, stufenförmige Aufzüge, in denen z.B. das entspelzte Korn ins obere Stockwerk transportiert wird, um von dort als gereinigtes Korn im unteren Stockwerk wieder irgendwo ausgespuckt und in große Säcke gefüllt zu werden. Wenn man daraus dann Mehl machen möchte, verschwindet der Inhalt der Säcke wieder in einem Schacht, um von dort mit einem der kleinen Aufzüge wieder nach oben transportiert zu werden.

All diese Verarbeitungsstationen sind über Riemen und Räder miteinander und indirekt mit dem Wasserrad verbunden, die Energie wird also mechanisch quer durch 4 Stockwerke weitergeleitet. – Und jetzt geht es ans Mahlen: Bis 1914 waren dafür die Mahlsteine im oberen Stockwerk verantwortlich, heute machen diese Arbeit Walzenstühle. Das gereinigte Korn fällt also wieder von oben durch den Mahltrichter in die großen rot-braunen Walzenstühle im Erdgeschoß, wo sie zerkleinert, also geschrotet werden, und das ganze 6 Mal. Die Feinriffelwalze macht es dann noch feiner, und die Porzellanwalze sorgt schließlich für das feine, fertige Mehl, nach insgesamt 11 Mahlvorgängen.

Dinkelmühle Graf, Tannheim, Feb. 2016

Früher haben hier 12 Menschen gearbeitet, erzählt mir der flinke Herr Graf, der das hier jetzt alles alleine macht, und während er mir alles zeigt mehrere Kunden bediente, die Maschinen bestückte, das Produkt kontrollierte, Säcke herumtrug, fegte, und mehrere Male mit mir im Schlepptau die steilen Treppen rauf-und runterwetzte, die er im Gegensatz zu mir wohl im Schlaf kannte.

Im Moment stehen wir wieder direkt unter dem Dach, und Herr Graf erzählt mir, dass die Mühle erstmals bereits um das Jahr 1100 erwähnt wurde. Seit 900 Jahren also treibt das kleine Bächlein die Wasserrad-betriebene Getreidemühle an! Das heutige Mühlengebäude wurde vor ca. 400 Jahren von Mönchen des Klosters Ochsenhausen erbaut.

Dinkelmühle Graf, Tannheim, Feb. 2016

Einen weiteren Grund, warum wir nun ganz oben unter den mehr als 400 Jahre alten Dachbalken stehen erfahre ich jetzt, denn hier befindet sich der „Plansichter“ – ein gigantisches, geschlossenes Schüttelsieb das das gemahlene Mehl in 17 verschiedene Größen sortiert, und wiederum einen Stock tiefer in große Säcke gefüllt wird.

Übrig bleibt nach all dem nur die Schale des Dinkels, also die Kleie, aber auch die findet eine sinnvolle Verwendung: Nachdem sich auch in der Schale Vitamine befinden außer Ballaststoffen, findet die Kleie Verwendung als Kuh- oder Schweinefutter. Die wiederum erzeugen Naturdünger, und nur der landet auf den Feldern von Herrn Graf, denn er selbst baut zudem den Dinkel auch noch an, den er verarbeitet.

Dinkelmühle Graf, Tannheim, Feb. 2016

In ihrer ebenfalls selbst betriebenen kleinen Landwirtschaft arbeiten Herr Graf und seine Frau mit der 7-Frucht-Folge, einem gesunden Wechselspiel von 7 verschiedenen Feldfrüchten, was die Böden anstatt auszulaugen auf natürliche Weise bereichert.

Verkauft werden ihre Erzeugnisse im eigenen kleinen Laden, der in die Mühle integriert ist, oder auf Abholung an kleine Betriebe. – Und mit extrem kurzen Transportwegen scheint sich alles in einem ökologischen Kreislauf zu schließen – mit einem minimalen Energieaufwand und der Kraft eines kleinen Bächleins.

Ein paar mehr Bilder zum Besuch in der Dinkelmühle Graf auf unserer Facebookseite.

Übrigens kann die Mühle nach vorheriger Anmeldung und Absprache besichtigt werden. Anmelden können Sie sich per E-Mail: info(at)dinkelmuehle-graf.de, oder Telefon: 08395-1209.
Die Öffnungszeiten der Mühle und des Ladens sind: Mo – Sa 8:30 – 12:00 Uhr und 13:30 -17:30 Uhr.

Weitere Infos zur Dinkelmühle Graf auf www.dinkelmuehle-graf.de

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