Der diesjährige Memminger Freiheitspreis geht an einen Bischof, der für die Unterdrückten sein Leben riskiert

15. April 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Der katholische Bischof Dr. Erwin Kräutler, der seit über 50 Jahren in Brasilien lebt, soll in diesem Jahr mit dem Memminger Freiheitspreis ausgezeichnet werden. Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger gab dies am gestrigen Donnerstag bei einer Pressekonferenz im Memminger Rathaus bekannt.

Bischof Kräutler wird die mit 15 000 Euro dotierte Auszeichnung am 25. September 2016 in Memmingen entgegennehmen.

Die Laudatio wird Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strom halten.

Als Begründung für die Entscheidung der Jury erklärte der Oberbürgermeister: „Bischof Kräutler hat den Freiheitsgedanken verinnerlicht. Er setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte der einfachen Bevölkerung in Lateinamerika ein.“

In einer kurzen Zusammenfassung Erwin Kräutlers Vita gibt uns Dr. Holzinger einen kurzen Überblick: Erwin Kräutler stammt aus Vorarlberg und ging 1965 als Seelsorger der Kongregation der Missionare vom Heiligen Blut ins Amazonasgebiet. 1980 wurde er zum Bischof der Diözese Xingu berufen, die etwa die Größe Deutschlands hat. Anfang dieses Jahres ist der 76-Jährige Bischof emeritiert.

Bischof Dr. Erwin Kräutler wurde zu einem der wichtigsten Fürsprecher im Ringen um die grundlegenden Rechte der indigenen Bevölkerung in Brasilien und tritt öffentlich gegen politische, soziale und ökologische Missstände auf. Der Bischof drängt zum Bewusstseinswandel sowohl in Lateinamerika, als auch in den westlichen Industrienationen.

Memminger Freiheitspreis 1525 geht 2016 an Bischof Erwin Kräutler, 15.04.2016

Herbert Müller, Stadtrat und Vorsitzender des Kuratoriums „Memminger Freiheitspreis 1525“ beleuchtet diese Auswahl von einer weiteren Seite: „Die 12 Bauernartikel basieren auf einem geistlichen Fundament: dem Evangelium. Die Bauern wollten ein freies, selbstbestimmtes, auf Gott begründetes Leben führen.“ Sie haben in den 12 Artikeln auf der Grundlage des Evangeliums zum ersten Mal grundlegende Freiheitsrechte für die Menschen eingefordert und in einzelnen Forderungen in christlicher Verantwortung konkretisiert. Genau dies lebe auch Bischof Kräutler in Lateinamerika vor.

„Ich freue mich, dass Bischof Kräutler den Preis bekommt“, betonte der frühere Dekan Kurt Kräß, der als Mitglied des Auswahlgremiums die Entscheidung über den Preisträger mitgetragen hat, die bereits im Juli 2015 getroffen wurde. „Bischof Kräutler ist ein Mann der einfachen Worte, lebt mit einfachen Menschen und ein prominenter Vertreter der Befreiungstheologie, die sich wie bei den Freiheitsbestrebungen der Bauern von unten nach oben vollzieht.“

Als Gott das Volk Israels in die Freiheit führte, präsentierte er sich als ein Gott, der die Menschen in Freiheit wolle, nicht in Unterdrückung. Und wenn Christus die Menschen befreit hat, dann alle Menschen, nicht nur eine privilegierte Gruppe. „Bischof Kräutler verkörpert somit den Originalton der Bauernregeln“, schloss Dekan Kräß.

Memminger Freiheitspreis 1525 geht 2016 an Bischof Erwin Kräutler, 15.04.2016

Der „Memminger Freiheitspreis 1525“ wurde im Jahr 2005 ins Leben gerufen und Menschen verliehen, die sich nachhaltig für Freiheit, Recht und Gerechtigkeit verdient gemacht haben. Den mit 15 000 Euro dotierten Preis stiftet der Memminger Unternehmer Fritz Brey.

Die erste Preisvergabe 2005 erfolgte an den ehemaligen ungarischen Außenminister Dr. Gyula Horn, der maßgeblich an der Öffnung des Eisernen Vorhangs beteiligt war.

Im Jahr 2009 folgte der deutsche Schriftsteller und Autor Reiner Kunze, der in der ehemaligen DDR aufwuchs und sich kritisch für literarische, als auch menschliche Freiheit einsetzte, dafür zuerst Repressalien hinnehmen musste und letztlich aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde. Wegen einer drohenden Haftstrafe für sich und seine Frau wurde sein Antrag auf Ausbürgerung aus der DDR genehmigt.

2013 wurde die pakistanische Frauenrechtsaktivistin Malala Yousafzai ausgewählt, die sich bereits seit jungen Jahren maßgeblich auch für das Recht auf Bildung in ihrem vom Taliban tyrannisierten Land eingesetzt hat und einem Mordversuch nur knapp entging.

Memminger Freiheitspreis 1525 geht 2016 an Bischof Erwin Kräutler
Memminger Freiheitspreis 1525 geht 2016 an Bischof Erwin Kräutler

Der diesjährige Preisträger Erwin Kräutler trat nach dem Gymnasium in die Kongregation der Missionare vom Heiligen Blut ein, studierte Philosophie und Theologie und wurde in Salzburg 1965 zum Priester geweiht. Im gleichen Jahr ging er nach Brasilien und war über die ersten Jahre hinweg als Wandermissionar am Rio Xingu und dem Amazonas unterwegs. In der Hafenstadt Vitoria do Xingu, später auch in Souzel, übernahm er die Seelsorge und war daneben 15 Jahre lang Lehrer für Erziehungspsychologie und – philosophie an der einzigen Lehrerbildungsanstalt des Xingu-Tales.

Im Jahr 1980 wurde Erwin Kräutler von Papst Johannes Paul II. zum Bischof der größten brasilianischen Territorialprälatur Xingu ernannt und zwei Monate später von Erzbischof Carmine Rocco geweiht. Die Prälatur umfasste 350.000 Quadratkilometer und unter den 400.000 Einwohnern leben etwa 4.000 Indianer verschiedener Sprachgruppen.

So lernte Bischof Kräutler die Probleme dieses riesigen Landes hautnah kennen und prangerte immer wieder politische, soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeiten an mit der Folge, dass er verleumdet, bedroht und tätlich angegriffen wurde. Er wurde Zeuge der Zerstörung des Regenwaldes, der Rechtlosigkeit der Kleinbauern und Indianer, deren mangelnder Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung und der Landflucht, damit einhergehend Armut, Hunger, Drogensucht und Kriminalität.

Als er sich 1983 an einer Demonstration von Zuckerrohrpflanzern beteiligte, die seit 9 Monaten keinen Lohn mehr erhalten hatten, wurde er von der Militärpolizei niedergeschlagen, verhaftet und verhört. Doch er ließ sich nicht einschüchtern und wurde im gleichen Jahr zum Präsidenten des Indianermissionsrates der Brasiliansichen Bischofskonferenz gewählt und setzte sich mit mehr Gewicht für die Rechte der Indianervölker ein.

Bei seiner Wiederwahl 1987 setzte er sich zum Ziel, Einfluss auf die Abgeordneten im Nationalkongress zu nehmen, um die Rechte der indigenen Völker in der neuen brasilianischen Verfassung zu verankern. Die Antwort seitens der politischen Gegner mündete in eine Diffamierungskampagne gegen den Indianermissionsrat und dessen Präsidenten Bischof Kräutler und einen bis heute nicht aufgeklärten Verkehrsunfall Ende 1987, bei dem Erwin Kräutler schwer verletzt und ein Mitbruder getötet wurde. Klar war, dass der „Unfall“ dem Bischof gegolten hatte.

1988 wurde die neue Verfassung Brasiliens verkündet und die Rechte der Indianervölker wurden darin festgeschrieben. Seitdem widmet der Bischof seine Energie und Aufmerksamkeit der Einhaltung dieser Rechte, machte auf den Überlebenskampf dieser Völker in Latainamerika aufmerksam und setzte sich für ihre Rechte, sowie die Bewahrung ihres Lebensraumes ein.

So vertrat er diese Völker auf der Vollversammlung des lateinamerikanischen Episkopates 1992 in Santo Domingo, im gleichen Jahr als Berater der österreichischen Delegation auf dem Weltgipfel in Rio de Janeiro, und 1995 beim World Summit for Social Development in Kopenhagen. Im gleichen Jahr wurde er in die Bischöfliche Patoralkommission gewählt und vertrat dort das gesamte brasilianische Amazonien.

Sein Engagement für die Rechte der Völker Nordbrasiliens, gegen die Ausbeutung und Plünderung Amazoniens, sowie gegen das gigantische Staudammprojekt Belo Monte mit verheerenden Folgen für etwa 1.000 Quadratkilometer Regenwald und die Stadt Altamira, brachten Bischof Kräutler eine Vielzahl von Ehrungen und Auszeichnungen vor allem in Europa ein, und gipfelte 2010 in der Verleihung des „Right Livelihood Award“, einer Art alternativen Nobelpreises.

Gerade mit seinem Widerstand gegen das Staudammprojekt zog er sich jedoch auch die Feindschaft von vielen auf sich, wie Großgrundbesitzern, Firmen der Agrarindustrie und sogar der des damaligen Staatspräsidenten Lula da Silva. Nach zahlreichen Morddrohungen und dem Aussetzen eines 6-stelligen Dollarbetrages Kopfgeld auf seine Ermordung lebt Erwin Kräutler seit 10 Jahren unter Polizeischutz.

Memminger Freiheitspreis 1525 geht 2016 an Bischof Erwin Kräutler, 15.04.2016

Das Preisgeld des Memminger Freiheitspreises bezeichnete Bischof Kräutler als „eine ganz große Hilfe“, das er für die Menschen in Amazonien einsetzen werde „für alles, was mit ihrem Lebensrecht und Lebensraum zu tun hat.“

Auf sein Gesuch hin wurde Bischof Kräutler aus Altersgründen nach 35 Jahren vom Amt des Bischofs von Xingu entbunden und beabsichtigt zukünftig teils in Brasilien, teils in Österreich zu leben und seinem Orden, den Missionaren vom Heiligen Blut zur Verfügung zu stehen. Auch auf der Agenda stehen die Ordnung des Diözesenarchivs in Altamira und eine „Geschichte des Xingu“ – und: Die Brasilianische Bischofskonferenz hat ihn für weitere 4 Jahre als Sekretär der Bischöflichen Kommission für Amazonien benannt.

Mit dem „Memminger Freiheitspreis 1525“ soll die der Erinnerung an das Bauernkriegsjahr 1525 und das Erbe der in Memmingen von den aufständischen Bauern verfassten zwölf Bauernartikeln wachgehalten werden. Dieser Forderungskatalog der Bauern um Memmingen von 1525 gilt heute als erste Formulierung der Grund- und Menschenrechte auf deutschem Boden, die heute im deutschen Grundgesetz fest verankert sind.

Bischof Erwin Kräutler konnte bei dieser Presse-Veranstaltung selbst nicht anwesend sein, doch wird er die Auszeichnung bei der öffentlichen Veranstaltung am 25. September 2016 in Memmingen entgegennehmen. Die Veranstaltungsorte werden zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgegeben.

Memminger Freiheitspreis 1525 geht 2016 an Bischof Erwin Kräutler, 15.04.2016

Foto 1: (v. li.) Dekan Ludwig Waldmüller, Beirat im Kuratorium, OB Dr. Ivo Holzinger, Mitglieder der Jury, Stadtrat und Vorsitzender des Kuratoriums Memminger Freiheitspreis Herbert Müller, Dekan Christoph Schieder und der frühere Dekan Kurt Kräß, beide Mitglieder der Jury.

Titelbild und Foto 2: (v. li.): Herbert Müller, der frühere Dekan Kurt Kräß, OB Dr. Ivo Holzinger, Dekan Ludwig Waldmüller und Dekan Christoph Schieder.

Foto 3: Bischof Dr. Erwin Kräutler

Foto 4: Die symbolische Münze des Memminger Freiheitspreises 1525.

Foto 5: Ein Originaldruck der Zwölf Artikel von 1525 aus dem Stadtarchiv Memmingen.

Fotoquelle Foto 3: Harald Oppitz/KNA, die restlichen Fotos sind aus unserer Redaktion.

Textquelle für den Beitrag über Erwin Kräutler: Eintrag „Kräulter, Erwin“ in Munzinger Online/Personen – Internationales Biografisches Archiv, www.munzinger.de.

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