Kopfwäsche und zum Nachtisch alternative Küche – aus „Zwetschge sucht Streusel“ vom Memminger Autoren-Duo Petra Klotz & Susanne Schönfeld

11. Mai 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Zum Debüt unserer neu eingeführten wöchentlichen Kolumne, die ab jetzt jeden Mittwoch erscheinen wird, und eine Plattform sein soll für professionelle Schriftsteller, als auch für Nachwuchs- und Hobby-Schriftsteller von Memmingen und Umgebung, setzen wir hier die erste Kolumne für Euch auch als Beitrag ins Portal. Ab nächster Woche findet Ihr die Kolumne immer rechts, unter „Wöchentliche Kolumne“, direkt unterhalb „Aktuelle Veranstaltungen“. Die jeweiligen Kurzgeschichten, Textabschnitte aus veröffentlichten Büchern,

oder andere schriftstellerischen Werke sind dann eine Woche lang einsehbar und werden jeden Mittwoch von neuen abgelöst. Der folgende Textabschnitt stammt aus dem Roman „Zwetschge sucht Streusel“ vom Memminger Autoren-Duo Petra Klotz & Susanne Schönfeld.

Kolumne auf Memmingen-sind-wir, Mai 2016

„Durch die geschlossene Tür hörte ich meine drei immer noch diskutieren. War es nicht erst gestern, als sie sich noch um Schaufel und Förmchen im Sandkasten stritten? Bald würden sie ihre eigenen Wege gehen. Bei diesem Gedanken beschlich mich nicht das kleinste Unbehagen. Ich sah vor mir Einkaufswagen, über die ich schauen konnte. Wäschemengen, die den Boden meines Waschkellers noch erkennen ließen. Bügelwäsche, die man noch ohne Stützstrümpfe bewältigen konnte– ich bügelte im Stehen – und Töpfe in der Küche, die nicht die Größe von Sudkesseln hatten. Am deutlichsten änderte sich in meinen Tagträumen allerdings die Farbe der Zahlen auf meinem Kontoauszug – von rot nach schwarz.

Ein Blick auf meinen Wandkalender brachte mich zurück in die Gegenwart. «9 Uhr Böller», «10.15 Uhr Margit» stand dort für morgen vermerkt. Beides waren Termine zur Kopfwäsche. Margit war meine Friseurin, Dr. Böller Bennis Klassenlehrer.

Dr. Böller saß ich einen Tag später im Elternsprechzimmer der Schule gegenüber, gesundheitlich noch immer angeschlagen, aus dem Kribbeln in der Nase war inzwischen ein richtiger Schnupfen geworden. Ich wappnete mich, denn dieser Lehrer war bei seinen Schülern durch seine ausgeprägte, gnadenlose Offenheit verrufen.
Mir erschien genau das Gegenteil der Fall zu sein. Er kniff alles zusammen, die Augen nur noch Schlitze, die Lippen schmale Striche, seine ganze Körperhaltung ließ auf ein Analleiden schließen.

«Frau Hecht», nuschelte er, blätterte dabei in einem Ordner und schlug eine Seite auf, die mit Namen und Noten versehen war. Mein Blick folgte seinem vom Rauchen gelb verfärbten Zeigefinger, der sich langsam nach unten bewegte. Nach «Hartmann» und «Hebel» – «lauter Fünfen, die Nieten» – stoppte er bei «Hecht». Was ich da im ersten Moment sehen konnte, relativierte die Noten von Hartmann und Hebel, die beiden waren rehabilitiert.

«Frau Hecht», wiederholte er, «ich muss Ihnen sagen, Ihr Sohn hat wenig, um genau zu sein, gar kein Interesse mehr an der Schule.» «Wie ungewöhnlich für einen 16-Jährigen», wollte ich schon entgegnen. Natürlich war ich mit dem Lernverhalten Bennis vertraut, auch seine Noten waren mir bekannt, dachte ich zumindest. Aber musste der Verkniffene gleich mit der Tür ins Haus fallen? Er hätte erst erwähnen können, dass mein Kind in Musik und Religion den Anforderungen noch ausreichend entsprach, um später schonend zum Leistungsstand in den restlichen Fächern zu kommen.

«Die Versetzung ist wohl nicht gefährdet?», fragte ich energisch, saß dabei ganz aufrecht und richtete meinen Blick fest auf Dr. Böller. «Nein, gefährdet ist sie nicht.» Ich atmete auf. «Sie ist bereits ausgeschlossen.» Dabei zeigte er auf Fächer, in denen Bennis Leistung so mangelhaft war, dass schon ein «Ungenügend» dahinter stand. «Oh!», sagte ich kleinlaut und hoffte inzwischen auf eine Verwechslung mit dem mir unbekannten Hartmann oder zur Not auch noch mit Hebel. Ausgerechnet jetzt musste ich zu meinem Taschentuch greifen und mich schnäuzen.

«Entschuldigung, ich bin ein wenig erkältet», erklärte ich mit nasaler Stimme. Nicht dass der noch dachte, ich würde heulen wegen der Nichtversetzung meines faulen Sohnes! Ich begann den Umstand der Nichtversetzung positiv zu sehen. Ja, ich war sogar von einem großen Druck befreit. Benni hatte ein Jahr länger Zeit, um einen Ausbildungsplatz zu finden. Ich beschloss, der Muttersprechstunde ein schnelles Ende zu bereiten: «Herr Böller, ich danke Ihnen für die gute Nachricht und wünsche Ihnen einen schönen Tag», sagte ich, stand auf, drückte ihm kräftig die Hand mit den gelben Fingern und verließ das Zimmer.

Für Herrn Böller ging der Schuss nach hinten los. Zwei Tage später fiel sein Unterricht wegen eines grippalen Infektes für eine Woche aus. Benni dankte mir für die erfolgreiche Virenübertragung.

Kolumne auf Memmingen-sind-wir, Mai 2016

Den Friseursalon Uhrle erreichte ich zwanzig Minuten vor meinem Termin. «Eine tolle Bepflanzung», stellte ich am Eingang fest und zeigte auf den Vorplatz. «Eine grüne Oase in einer Parkplatzwüste.» «Danke», sagte Margit, die mich freundlich begrüßte. «Ich hab noch eine Kundin, nimm noch ein paar Minuten Platz.» «Ich würde mich gern etwas umschauen, danke.»

Ich schlenderte durch die Galerie, die in das Friseurgeschäft integriert war. Hier gab sich jemand große Mühe, den Salon zu etwas Besonderem zu machen. Bei welchem Friseur konnte man gleichzeitig sich und dazu noch sein Heim verschönern lassen? Der Chef hatte ein Händchen für außergewöhnliche Deko- und Kunstgegenstände. Ich hatte dafür schon ein Vielfaches mehr ausgegeben als fürs «Haaremachen».

«Wir Künstler müssen zusammenhalten», dachte ich und wünschte mir, ich könnte dort einmal meine Bilder ausstellen. «Die rostigen Sachen, die Du beim Uhrle kaufst, hat bei uns früher der Schrotthändler abgeholt», hatte Harry verwundert bemerkt, als er meinen letzten Einkauf gesehen hatte, ein großes Windspiel aus Metall, das ich im garten aufhängte. «Hoffentlich klimpert das nachts nicht zu laut.» «Keine Angst, Dein Schnarchen wird es schon nicht übertönen», hatte ich verärgert gekontert.

Nachdem Margit ihre Kundin und ihren neuen trendigen Bob zum Ausgang begleitet hatte, kam sie auf mich zu. Schon seit Jahren wurde ich von ihr bedient. Eine super Friseurin, die bei mir leider nur mit «angezogener Handbremse» arbeiten konnte, wie sie immer bedauernd feststellte. Bei jeder Terminvereinbarung fragte sie resigniert: «Wie immer nur waschen – schneiden – föhnen?» «Ja, wie immer WSF: wenig weg – schnell schneiden – flott fertig.» «Und Farbe!», ermunterte sie mich. «Deine vereinzelten grauen Haare wären abgedeckt, sie hätten insgesamt mehr Glanz und würden lebendiger wirken», beharrte sie. «Kastanie wäre sehr apart, vielleicht mit ein paar Glanzpunkten, sprich helleren Strähnchen am Oberkopf, was hältst du davon?»

«Wie die Prinzessinnen der Wüste: Hyäne, Schakal, Kojote, nein! Vielen Dank!» Mit dieser abwegigen Ausflucht entschuldigte ich meine Angst vor Veränderung. Ich ärgerte mich, dass ich nicht den Mut für etwas Neues fand. Ich nahm auf dem bequemen Sessel am Waschbecken Platz und genoss das Einmassieren des Shampoos. Meine Friseurbesuche liefen immer gleich ab: «Gerne eine komplette Umgestaltung, Hauptsache, es bleibt alles unverändert.» Genauso verhielt es sich beim Klamottenkauf, auch dort ging ich mutig zur Sache. Ich liebte Farben…grau, schwarz, braun.

«Von der Länge nehmen wir diesmal ordentlich was weg. Kurz und peppig?» «Beim nächsten Mal…vielleicht», vertröstete ich Margit. Mit meiner frischen, aber gewohnten Frisur verabschiedete ich mich von ihr und ging in das Reformhaus hinter dem Handyladen. Ich brauchte Beratung für den Speiseplan und dessen Umsetzung am Freitagabend. Meine Kochkünste erschienen mir immer unvollkommen, in alternativer Küche gingen sie gegen null.

Ich betrat ein Geschäft, der Größe nach ein «Reformhäusle», in dem es nach einer Mischung aus Lebensmittelsupermarkt und Apotheke aussah und roch wie im Wäscheschrank meiner verstorbenen Oma, irgendwie pflanzlich, mottig. Ich hatte vergessen, ob ich den Geruch damals gemocht hatte oder nicht. «Suchen Sie etwas Bestimmtes?», flötete die Stimme einer jungen Frau, als ich mich verunsichert im Laden umschaute. Auch das noch, ich alter Hausfrauenhase musste mich von diesem Mädchen, das ich auf höchstens zwanzig schätzte, bedienen und möglicherweise belehren lassen.

«Ich möchte meine Ernährung umstellen und weiß gar nicht, wo ich anfangen soll», schwindelte ich ihr vor. «Worauf konkret umstellen: vegetarisch oder frei von…?» «Fastfood… nein, einfach auf gesund», unterbrach ich sie. «Oh, das ist ein sehr umfangreiches Thema, haben Sie schon einmal an einem Volkshochschulkurs oder einen Vortrag Ihrer Krankenkasse zum Thema Gesunde Ernährung` gedacht?»

Sie führte die Fingerspitzen beider Hände in Brusthöhe zusammen. Dabei sah ich ihre abgekauten Nägel. Na, Mädel, wohl Teil deines naturbelassenen Speiseplanes … ? «Nein, darauf bin ich gar nicht gekommen.» Ich wollte sie nicht damit abschrecken, dass sich meine Ernährungsumstellung auf einen Abend beschränken würde. «Hmm … dann werde ich Ihnen ein klein wenig über die Grundsätze einer gesunden Ernährung erzählen», sagte sie eifrig. Oh nein …!

Ich hatte eine Lawine losgetreten und wurde begraben unter konventionell, biologisch, ökologisch, vollwertig, unter Pestiziden, Fungiziden, Gentechnik, Säure-Basen, Verdauung, Tierhaltung und Masthilfsmitteln. Zwischendurch drückte sie mir immer wieder verschiedene Päckchen, Tüten und Gläser in die Hand und machte mich auf die Herstellerangaben aufmerksam. Dabei bemerkte ich, dass ich sehr Kleingedrucktes nicht lesen konnte.

Kurzsichtig war ich schon im Kindergartenalter gewesen, seit meinem achtzehnten Lebesjahr glich ich diese Sehschwäche durch Kontaktlinsen aus. Jetzt auch das noch. Immer wieder veränderte ich den Abstand zwischen meinen Augen und der Dose «Gefro Bio Africa Style», die ich in Händen hielt, doch am Ende meines ausgestreckten Armes blieb immer noch jede Menge verschwommener Text übrig. Ich fixierte das Regal schräg hinter meiner Gesprächspartnerin, um zu testen, wie sich meine Augen bei Umstellung von nah auf fern und umgekehrt verhielten. Dann kehrte ich zurück zu meiner gluten- und lactosefreien Würze.

Ob beide Augen gleichermaßen betroffen waren, konnte ich nur durch das Abdecken jedes einzelnen Auges feststellen. Während meine persönliche Ernährungsberaterin kompetent weiterdozierte, deckte ich im Wechsel das rechte und das linke Auge ab. Nach fünf Versuchen stand fest: eindeutig weitsichtig beidseits! Ich wusste, das bedeutet, ich brauchte…

« … Veganismus.» Veganismus. Das Wort holte mich zurück zu den Ausläufern der Erklärungslawine. «So, ich denke, ins Detail sollten wir gehen, wenn Sie das eben Gehörte verinnerlicht haben», schloss die allwissende Dozentin ihre fünfzehnminütige Ausführung. «Sie haben Recht, gehen wir zur Praxis über, mit ein paar Kochrezepten vielleicht», drängte ich.

«Ja dann kommen Sie mal, wir haben hinten Bücher, die dieses Thema mehr oder weniger umfangreich behandeln, auch welche mit ganz konkreten Rezeptvorschlägen». Sie ging geradewegs auf einen Drehständer zu. «Haben Sie denn einen Garten, in dem Kräuter, Gemüse oder Obst wachsen?» «Nein, nur Rasen mit Unkraut und eine Hecke.» «Sagen Sie nicht Unkraut, wer weiß, wie viele Naturkräuter sich darunter befinden. Gänseblümchen zum Beispiel, hervorragend als Suppe geeignet, sage ich Ihnen.»

Ich wurde hellhörig. Noch nie hatte ich aus meiner Grünfläche mit Randgestrüpp etwas geerntet, geschweige denn auf den Tisch gebracht. «Zeigen Sie mir das Buch, in dem dieses Rezept steht, ich kaufe es!» Sie drehte am Ständer, stoppte und griff zielsicher zu. Direkt neben «Hanfrezepte – rauschfrei» zog sie das gewünschte Büchlein heraus. Ich blätterte kurz darin, sah dass von Suppe bis Dessert alles abgedeckt war, nickte und ging zielstrebig auf die Kasse zu. «Haben Sie noch einen Wunsch oder irgendwelche Fragen?» «Nein, vielen Dank, ich habe alles kapiert.»

Zuhause ging ich die Kochanleitung sorgfältig durch, fühlte mich der Gänseblümchensuppe sowie den Rezepten auf Seite 17 und 36 gewachsen und schrieb eine Einkaufsliste.“

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Der Abschnitt stammt aus dem Roman „Zwetschge sucht Streusel“ vom Memminger Autoren-Duo Petra Klotz & Susanne Schönfeld. Erhältlich ist dieser und ihr Folgeroman „Spätzles-Yoga“ überall im Buchhandel. Veröffentlicht wurden ihre beiden Romane vom Silberburg-Verlag.

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