Ein äußerst anregender Maiempfang 2016 der IHK-Regionalversammlung

14. Mai 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Am vergangenen Donnerstag lud die IHK Memmingen und Unterallgäu zum traditionellen Maiempfang der IHK-Regionalversammlung in die Sparkasse Memmingen-Lindau-Mindelheim ein. Veranstaltet wurde der Maiempfang gemeinsam mit der benachbarten IHK Bodensee-Oberschwaben, was die enge Zusammenarbeit der beiden Industrie- und Handelskammern in verschiedenen Projekten zur Förderung des landesübergreifenden Wirtschaftsraumes dokumentieren soll.

Dazu eingeladen waren wieder die IHK-Partner aus Politik, Verwaltung, Verbänden, dem Bildungswesen, der Justiz, den Kirchen, Gewerkschaften und Medien.

Thema des Referenten Gerhard Pfeifer, stellvertretender Präsident der IHK Schwaben, Vorsitzender der IHK-Regionalversammlung Memmingen – Unterallgäu und Memminger Unternehmer, war die „Interkulturelle Herausforderung für mittelständische Unternehmen“.

v.li.: Heinrich Grieshaber (Präsident der IHK Bodensee-Oberschwaben), der Moderator, Gerhard Pfeifer (stellvertretender Präsident der IHK Schwaben, Vorsitzender der IHK-Regionalversammlung Memmingen – Unterallgäu und Memminger Unternehmer), Thomas Munding (Vorstandsvorsitzender der Sparkasse MM-LI-MN)
v.li.: Heinrich Grieshaber (Präsident der IHK Bodensee-Oberschwaben), der Moderator, Gerhard Pfeifer (stellvertretender Präsident der IHK Schwaben, Vorsitzender der IHK-Regionalversammlung Memmingen – Unterallgäu und Memminger Unternehmer), Thomas Munding (Vorstandsvorsitzender der Sparkasse MM-LI-MN)

Gastgeber Thomas Munding, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse MM-LI-MN begrüßte neben den anwesenden Gästen Heinrich Grieshaber, der als Präsident die IHK Bodensee-Oberschwaben vertrat, und überließ Gerhard Pfeifer das Vergnügen, den charismatische Gastredner Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern anzukündigen.

Das spannende Thema, über welches der in Memmingen geborene Dr. Heinrich Bedford-Strohm referierte war „Christliches Werteverständnis in einer multi-religiösen Wirtschaftswelt“. – Es versprach ein sehr interessanter Abend zu werden.

Interkulturelle Herausforderung für mittelständische Unternehmen

Gerhard Pfeifer wies in seinem Kurzreferat über die „Interkulturelle Herausforderung für mittelständische Unternehmen“ darauf hin, dass wir als Exportregion, die wir mehr als 50% unserer Leistungen im Ausland vermarkten, mit dieser zentralen Herausforderung täglich zu tun haben. Geschäftsreisende und international handelnde Unternehmen müssen sich den brennenden interkulturellen Fragen stellen, die die internationalen Handelsbeziehungen aufwerfen.

Um uns das Ausmaß dieser Fragen zu veranschaulichen stellt er diese Fragen in den Raum und veranlasst uns Zuhörer dazu, uns ebenso sehr damit auseinanderzusetzen, wie das ein Geschäftsreisender tagtäglich tun muss.

In welches Land wir auch immer gehen, gehen wir zunächst einmal los mit unseren Regeln, mit unseren Gepflogenheiten und mit unserem Wertesystem. Können wir erwarten, dass der Rest der Welt sich an unseren Werten, unseren Regeln und Gepflogenheiten orientiert? Als Geschäftsreisender, wie auch Unternehmer stellen wir schnell fest, dass wir das nicht können. Also drängt sich der Gedanke an Anpassung auf. Doch wie weit soll Anpassung gehen?

Wie verhalten wir uns gegenüber Treue, Vertrauen anderen Geschäftspartnern gegenüber?
Wie verhalten wir uns in einem Land, in dem wir auf fremde Religionen treffen, die deren Wertesystem mittragen?

Gerhard Pfeifer
Gerhard Pfeifer

Je mehr wir uns im geschäftlichen Leben in andere Länder begeben, umso mehr werden wir konfrontiert mit der Differenziertheit gesellschaftlicher Normen und fragen uns: Welches Wertesystem ist das „richtige“? Oder macht diese Frage überhaupt Sinn in einer Welt eines hoch-individualisierten Potpurri von Traditionen? Wie stellen sich unsere Normen zu anderen? Sind wir in der Position, diese „anderen“ zu beurteilen?

Wir betrachten diese Fragen zu oft aus der Sicht unserer momentanen Flüchtlingsfrage, die zum Teil auch negative Reaktionen wie Fremdenfeindlichkeit auslöst, doch jeder moderne Geschäftsreisende wird das Thema Fremdenfeindlichkeit als solches ablehnen, und ablehnen müssen. – Eine tragende Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Angst, und Angst ist eine der tiefsitzenden menschlichen Schwächen.

Macht es also nicht viel mehr Sinn, fragt Gerhard Pfeifer, uns zuallererst unsere eigenen Ängste anzusehen und unsere Ängste zu hinterfragen? Uns mit unseren Ängsten auseinanderzusetzen und uns ihnen zu stellen?

Wir befinden uns in einer herausfordernden Zeit einer multi-polaren und hoch-individualisierten Welt, die auf der einen Seite reich ist an Vielfalt und Interaktion innerhalb der Vielfalt, dennoch, oder gerade deshalb sollte uns das dazu veranlassen, auch einmal innezuhalten und nach Innen zu gehen, um uns bewusst zu werden, wer wir eigentlich sind, welches unsere grundlegenden Werte sind, auf die wir nicht verzichten wollen, und wie wir also mit den Werten Anderer umgehen wollen.

Mit dieser Frage nach ethischen Grundsätzen und nach dem Wie also mit den anderen Wertesystemen umgehen, übergibt Gerhard Pfeifer das Wort an Dr. Heinrich Bedford-Strohm, von dem er sich einige Antworten auf diese Fragen erhofft.

Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern
Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern

Christliches Werteverständnis in einer multi-religiösen Wirtschaftswelt

Sozial-Ethiker und Doktor, Autor vieler Bücher, Ratsvorsitzender der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und charismatische Persönlichkeit Dr. Heinrich Bedford-Strohm begrüßt uns mit einer ansteckenden Frische und Positivität, die von ihm auszustrahlen scheint.

Sofort greift er die Frage auf, wie wir mit unserem, in der Basis christlichen Werteverständnis umgehen sollen, wenn wir uns in einem globalen Markt behaupten wollen, der geprägt ist von kulturellen Unterschieden.

Denn unser Werteverständnis, unsere Orientierungsgrundlagen stammen ganz eindeutig sehr stark aus unserer christlichen Religion. Menschenrechte, Grundgesetz, … basieren auf christlichen Normen. Nachdem es jedoch auf der ganzen Welt ebenso der Fall ist, dass die grundlegenden Wertenormen von den jeweiligen Religionen geprägt sind, können wir nicht davon ausgehen, dass alle gleich sind. – Wie also Regeln festlegen?

Gedankenexperiment

Dazu lässt er uns teilhaben an einem Gedankenexperiment von Philosoph John Rawls. Zu Beginn dieses Gedankenexperimentes steht die Frage: Was muss für alle Menschen verbindlich sein? Wenn zwei Menschen einer gänzlich anderen Kultur an einem Tisch sitzen und festlegen wollten, welche Grundsätze letztlich für beide gelten sollen, wie würden die aussehen?

In dieser Auseinandersetzung stellen sich zwei verblüffend einfache, rationale Grundsätze heraus:

Zum ersten will jeder der beiden das gleiche Recht auf gleiche Grundfreiheiten haben. Jeder der beiden möchte das Recht und die Freiheit haben, sich selbst, seine Religion und seine Wertvorstellungen zu leben. Denn was ist schlimmer, als die Religion, die Werte, die man vertritt, und seine eigene Freiheit zu verlieren? In kurzen Worten beinhaltet dies das Freiheitsrecht.

Der zweite resultierende Grundsatz mündet in das Unterschiedsprinzip. Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, dass auf vernünftige Weise zu erwarten ist, dass sie zu jedermanns Vorteil dienen. In anderen Worten: Im Vermögen sind wir nur dann gerechtfertigt, wenn auch die Schwächsten davon profitieren. – Ein Grundsatz, der unabhängig von Religionen gegenseitigen Respekt und Respekt dem Schwächeren gegenüber einfordert.

In der Essenz sind somit die einzigen weltweit geltenden ethischen Grundlagen die Menschenrechte.

Verschieden kulturell geprägte Marktwirtschaften verbinden sich also durch die gleichen grundlegenden ethischen Prinzipien des Freiheitsgedankens, des gegenseitigen Respektes, somit der Menschenrechte, in der die Wirtschaft dem Menschen dienen soll, und nicht der Mensch der Wirtschaft.

Dabei erinnert Dr. Heinrich Bedford-Strohm an das Doppelgebot der Liebe im christliche Glauben, der Liebe zu Gott und der Liebe zu seinem Nächsten, indem er aus der Bibel zitiert: Alles, was ihr wollt, was man Euch tut, das tut auch Eurem Nächsten. Man selbst bedingt also die Antwort seines Gegenübers mit, und erzeugt, was man selbst für sich möchte, indem man es tut, und damit eine Gegenseitigkeit generiert.

Voraussetzung

Dazu muss jedoch eines vorausgesetzt werden, so Dr. Heinrich Bedford-Strohm: Es muss die Bereitschaft vorhanden sein, sich in den Anderen hineinzuversetzen. Der Gegenseitigkeitsgedanke, wie auch der Fremdenschutz, könne nur damit ermöglicht werden. Und diese einfache, ethische Grundlage, so Dr. Heinrich Bedford-Strohm, ist nicht zu viel verlangt.

Sie zielt ab auf die Menschenwürde, die den Menschen nicht als Mittel zum Zweck reduziert, sondern den Menschen als solchen würdigt. In der Wirtschaft sei diese Achtung des Menschen hochrelevant in der Unternehmensführung, wenn es um Themen geht wie eine anständige Bezahlung in ausländischen Produktionsländern, oder wenn ein Angestellter Angst haben muss seine Arbeit zu verlieren bei Krankheit, oder wenn es um das Thema Entlassung geht, das ein letztes Mittel, nicht aber zur Erhöhung des Geschäftsgewinnes gesehen werden muss.

Globale Rahmenordnung

Ein wichtiger Punkt sei hierbei eine globale Rahmenordnung, die nötig sei, um nicht Player am Markt zu bestrafen, die sich daran halten.
Verstöße gegen die Menschenrechte in der Wirtschaft spiegelt eine Studie der Universität Mastricht wieder, bei der in Sachen Menschenrechtsbeschwerden die USA im Negativ-Ranking auf Platz 1 stünden, die Bundesrepublik auf Platz 5.

Wie kann man dafür gesetzliche Rahmen schaffen? – Als Beispiel nennt Dr. Heinrich Bedford-Strohm den Ansatz des Dodd-Frank-Acts, der neben zahlreichen regulatorischen Maßnahmen des Finanzmarktes und der Finanzmarktstruktur, sowie Bestimmungen zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs und dem Verbraucherschutz auch eine Regelung enthält, durch die die Finanzierung von ethisch fragwürdigen Rohstoffabbaumethoden in Entwicklungsländern verhindert werden soll. Die zusätzlichen Kosten für ein solches Verfahren seien dabei verschwindend gering, nämlich ca. 0,01 % vom Jahresumsatz eines Unternehmens.

Das Fazit Dr. Heinrich Bedford-Strohms war: Eine Orientierung an ethischen Grundsätzen nimmt uns nichts weg, sondern macht uns glücklicher und macht aus einer Weltwirtschaft eine nachhaltige Weltwirtschaft.

Gerne hätte ich Dr. Heinrich Bedford-Strohm noch stundenlang zugehört, doch mittlerweile war der Saal durch die zahlreichen Gäste sehr warm und stickig geworden, sodass die abschließende Illusions-Show des Berliner Künstlerduo Sonambul eine gelungene Abwechslung und ein anregender Ausklang eines sehr interessanten IHK-Maiempfanges 2016 war.

Gedankenlesen-Experiment der Illusionisten Sonamlbul
Gedankenlesen-Experiment der Illusionisten Sonamlbul

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