Musica Sacra in der Dampfsäg

18. Mai 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Musica Sacra International 2016 ist ein Projekt der Bundesvereinigung Deutscher Chorverbände und ein außerordentlich gelungener Versuch des interkulturellen Austausches durch das Medium Musik. In der Begegnung verschiedener Religionen und Kulturen wird durch die Musik – einer universalen Sprache – kommuniziert. „Musik ist der beste Weg, Gott zu erreichen“, sagte ein zeitgenössischer Tenor. Um Spiritualität dreht sich auch das Festival Musica Sacra, das

unter der Schirmherrschaft vom Präsident des Deutschen Bundestages Prof. Dr. Norbert Lammert, ausgehend von Marktoberdorf (Modfestivals Marktoberdorf) im gesamten Allgäuer Raum stattfindet.

Jazz-meets-Raga

Am vergangenen Pfingstmontag waren wir zu Gast in der Dampfsäg, wo das Landes-Jugendjazzorchester Bayern mit einem Indischen Ensemble in musikalischen Dialog trat, nämlich Shantala Subramanyam und ihrem Ensemble, bestehend aus der berühmten Flötistin Shantala Subramanyam, begleitet von drei weiblichen Mitmusikerinnen in Gesang und Violine und zwei männlichen Begleitern auf der Tabla, der Shruti und dem Mridangam, die drei wichtigsten indischen Perkussionsinstrumente.

Shantala Subramanyam (Mitte)
Shantala Subramanyam (Mitte)

Jazz meets Raga-Musica Sacra, Dampfsäg Sontheim, 16.05.2016

In diesem spannenden Dialogprojekt begegnete Jazz dem südindischen Raga. Der Raga stellt die melodische Grundstruktur der klassischen indischen Musik dar. Der Raga ist sehr gefühlsbetont, die Themen sind meist religiöser Natur. Der Musiker legt seine Emotionen in diese Musik und kommuniziert durch Instrumente und Gesang mit den Mitmusikern und den Zuhörern. Innerhalb einer Gruppe von Tönen entwickelt sich diese sehr individuelle und emotionale Musik, die innnerhalb eines Rahmens bestimmter Regeln gerne improvisiert.

Und genau da sah das Landes-Jugendjazzorchester Bayern einen gemeinsamen Ansatz mit dem Jazz, in dem ein Thema bespielt, aus diesem heraus improvisiert, und zu dem letztlich immer zurückgefunden wird. Karsten Gorzel, Dozent beim Landes-Jugendjazzorchester Bayern beschäftigt sich bereits seit Jahren mit südindischer Musik und war somit genau der Richtige für dieses Projekt.

Dennoch war ich sehr gespannt, wie sich diese traditionelle indische Musik mit einer über 2000 Jahre alten Tradition mit abendländischem, modernen Jazz verbinden wird. Auch deshalb, weil westliche Musiker die „Noten“ der indischen Musik nicht lesen können, nachdem diese eigentlich keine Noten sind, sondern aus 7 Haupttönen bestehen (Sa Ri Ga Ma Pa Dha Ni Sa). Zudem ist die Tonleiter eine gänzlich andere: Während es bei uns Tonleitern mit maximal 12 Tönen pro Oktave gibt, gibt es bei der indischen Raga „Shrutis“: Mikrotöne, die eine Oktave in 22 Schritte unterteilen.

Jazz meets Raga-Musica Sacra, Dampfsäg Sontheim, 16.05.2016

Jazz meets Raga-Musica Sacra, Dampfsäg Sontheim, 16.05.2016

Wie das Karsten Gorzel also bewerkstelligte erfuhren wir erst im Anschluss: Er erstellte „Spielanleitungen“ für das Landes-Jugendjazzorchester. Doch Musik ist zudem eine Sprache, die universal ist, und so waren vor allem die Zwiegespräche zwischen den jungen Musikern auf einem Orchesterinstrument und den traditionellen indischen Instrumenten sehr spannend:

Einmal war es die Klarinette, die in ein Zwiegespräch trat mit der indischen Querflöte, ein anderes Mal war es eine Trompete, die einen indischem Gesang aufnahm und mit ihm kommunizierte, wieder ein anderes Mal fragte das Saxophon und eine indische Violine antwortete mit Tönen der Raga.

Am Lachen der Musiker, an verständnisvollem, nach innen gerichteten Lächeln oder anerkennendem Nicken erkannte man, wie sehr sich diese beiden Welten durch die Musik verstanden. Ich beobachtete mehrmals, wie junge Musiker die Augen schlossen und sich den Tönen hingaben, oder die indischen Musiker sich auf den Rhythmus einstellten mit ihrem einzigartigen Fingerzählsystem. Wie ein Gesang etwas in den Raum stellte und ein Saxophon oder eine Trompete oder eine Klarinette darauf antwortete. Es war einfach – hinreißend, und sehr berührend.

Das einzige, was den indischen Musikern sehr ungewohnt erscheint haben mag, war der Dirigent. Denn in ihrer traditionellen Musik gibt es nicht Einen, der dirigiert, es dirigiert die Emotion eines oder mehrerer Musiker, die sich ausdrücken will, die Gott preisen will, das Sich-auf-die-anderen-Musiker-Einlassen dirigiert das Konzert, und den Rahmen, innerhalb dessen sich die Musiker bewegen, wird von der Raga festgelegt. Wann ein Musiker dabei einsetzt, oder wie intensiv, ist reine Intuition und wird nicht von außen, sondern von innen gesteuert.

Umso erstaunlicher ist es also, dass es dennoch so wundervoll funktioniert hat. Eine weitere Erklärung dafür liegt sicher auch in der indischen Natur, die ich in den 10 Jahren, die ich selbst in Indien verbracht habe, kennengelernt habe als sehr weich, sehr offen und sehr anpassungsfähig. – Sehr schön zu sehen, wie offen und neugierig auch die gut ausgebildeten Musiker des Landes-Jugendjazzorchesters waren. Nicht nur einmal sah ich an diesem Abend einen jungen Musiker, der die Hand auf sein Herz legte.

Es schien, als habe dieser Abend, diese Begegnung, alle berührt und inspiriert: die Musiker, wie auch die Zuhörer, die der interkulturellen Musikergruppe am Ende mit Standing Ovations dankte.

Jazz meets Raga-Musica Sacra, Dampfsäg Sontheim, 16.05.2016

Die meisten Veranstaltungen der Musica Sacra sind bereits vorbei, doch wer noch die beiden Schlusskonzerte erleben möchte, kann das am 10. Juni 2016 um 18:00 Uhr in der Dreifaltigkeitskirche in Kaufbeuren beim Schlusskonzert Teil 1 mit fünf Ensembles tun, oder am gleichen Tag um 20:30 das Schlusskonzert Teil 2 in der gleichen Lokalität sogar noch mit sechs Ensembles des Festivals genießen.

Mehr Infos darüber auf www.modfestivals.org.

Mehr Fotos von diesem Event „Jazz-meets-Raga“ auf unserer Facebookseite.

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