Immer weniger Pflegende versorgen immer mehr Patienten

24. Mai 2016 von Christine Hassler - 4 Comments

Beim 11. Pflegesymposium in der Memminger Stadthalle wurde in Fachvorträgen erörtert, wie die Anforderungen gemeistert werden können, vor der die Pflege in den Krankenhäusern steht: Immer weniger Pflegende versorgen immer mehr Patienten, die zudem älter und damit chronisch kränker werden.

In Deutschland versorgt eine Pflegekraft pro Schicht über zehn Patienten. In den Niederlanden oder Großbritannien beispielsweise seien es lediglich vier bis fünf Patienten,

klärte Professor Christel Bienstein von der Universität Witten/Herdecke die rund 450 Symposiumteilnehmer auf.

„Eine völlige Schieflage“, benannte es die Pflegewissenschaftlerin Christel Bienstein. „Kollegen aus dem europäischen Ausland schütteln den Kopf, wenn sie hören, wie es bei uns in Deutschland zugeht.“ Noch im Jahr 1999 habe ein Arzt auf vier Pflegende zurückgreifen können, heute sei es nur noch die Hälfte davon und das, obwohl die Anforderungen noch gestiegen seien.

Studien würden belegen, dass das Risiko für die Patienten steige, wenn zu wenig Pflegende und zu wenig qualifizierte Pflegende auf der Station sind. „So entsteht eine Gefahr für die Patienten“, sagte die Wissenschaftlerin und Präsidentin des deutschen Pflegeverbandes. Das Mortalitätsrisiko steige, ebenso das Sturz- und Infektionsrisiko.

11. Pflegesymposium in Memmingen, 23.05.2016

Um der Gefahr von Infektionen im Krankenhaus vorzubeugen, sei die Einhaltung der Hygieneanforderungen absolut notwendig, betonte Hygienefachkraft Carmen Peper vom Klinikum Memmingen in ihrem Vortrag mit dem ironischen Titel: „Steril ist steril, auch wenn es gleich zu Boden fiel“.

Der wichtigste Keimüberträger sei die Hand der Mitarbeiter, so die Hygienespezialistin und hob warnend hervor, dass die meisten Krankheitserreger Wochen bis Monate auf Flächen überleben können.

Wie die Pflege mit der neuen Arbeitsbelastung umgehen kann, versuchte der Regensburger Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut Dr. Stefan Demel zu klären. Großen Studien zufolge seien die Beschäftigen dann mit ihrem Arbeitsplatz zufrieden, wenn sie wertgeschätzt würden und mit sich selbst sorgsam umgingen.

Eine solche Kultur der gegenseitigen Achtsamkeit verbessere die Arbeitsmoral und senke nachhaltig die Betriebsausgaben. Die im Arbeitsleben gängigen Kategorien von „richtig“ und „falsch“, „effektiv“ und „gewinnbringend“ bringen hingegen kontraproduktive und vielfach teure Folgeerscheinungen mit sich wie Misstrauen, ineffektive Arbeitsabläufe und innere Kündigung.

Unter dem Motto „Raus aus dem Jammersumpf“ gab die fränkische Motivationstrainerin Margit Hertlein auf humorvolle Weise Tipps für mehr Zufriedenheit am Arbeitsplatz: Neben der Ansage „Tun sie sich selbst etwas Gutes!“, zeigte die Trainerin und Buchautorin dem begeisterten Publikum, wie man sich selbst voller Anerkennung den Bizeps küsst und mit den Händen ein „Lob-Töpfchen“ formt, in das Mitarbeiter und Vorgesetzte positive Worte füllen können.

11. Pflegesymposium in Memmingen, 23.05.2016

Für viel Begeisterung sorgte auch der Münchner Entertainer und „Gedankenverführer“ Dr. Florian Ilgen am Ende des Symposiums, der als Experte für das Unbewusste die Gedanken der Zuschauer las.

„Die Gesellschaft verändert sich und damit auch die Anforderungen an die Pflege“, resümierte Organisator und Pflegedirektor Hans-Jürgen Stopora vom Klinikum Memmingen am Ende des diesjährigen Symposiums.

Bereits am Vorabend des Symposiums wurden die Organisatoren vom Verband der Pflegedienstleitungen in Schwaben von Memmingens Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger im Rathaus empfangen.

„Die Pflegenden sind das Rückgrat eines jeden Krankenhauses und Altenheims“, betonte Dr. Holzinger und dankte den Organisatoren für ihr Engagement, allen voran Pflegedirektor Hans-Jürgen Stopora.

Das Pflegesymposium soll als Plattform dienen für Pflegeberufe aus ganz Schwaben und findet seit 1996 alle zwei Jahre in Memmingen statt. Sie ist die größte Veranstaltung dieser Art in Bayern.

11. Pflegesymposium in Memmingen, 23.05.2016

Fotos:
Foto 1: In den Pausen konnten sich die Sympsiumsteilnehmer im Foyer der Memminger Stadthalle über Neuerungen bei Kompressen,  Medikamentendosierern oder Desinfektionsmitteln beraten lassen.
Foto 2: „Sich selbst nicht so ernst nehmen“ lautete das Motto von Trainerin Margit Hertlein, die beim Symposium Motivationstipps für den stressigen Krankenhausalltag gab
Foto 3: Am Vorabend des Symposiums wurden die Organisatoren um Pflegedirektor Hans-Jürgen Stopora (Dritter von links) von Memmingens Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger (rechts) im Rathaus empfangen.

Fotoquelle: Häfele/Pressestelle Klinikum Memmingen

4 Antworten zu “Immer weniger Pflegende versorgen immer mehr Patienten”

  1. Einen wunderbaren Bericht haben Sie da verfasst, sehr verehrte Frau Hassler, mein Kompliment! Im sozialwissenschaftlichen Zweig des Gymnasiums wird neben Sozialkunde auch zweistündig das Fach „sozialpraktische Grundbildung“ unterrichtet. Weil es dafür im bildungspolitisch ach so „gesegneten“ weiß-blauen Freistaat nicht einmal ein Lehrbuch gibt, leisten mir Texte wie der Ihrige wertvolle Dienste. Deshalb wünsche ich mir, dass Sie auch weiterhin solche Texte mit sozialpraktischer Relevanz schreiben. Es würde mich freuen!

    • Sehr geehrter Herr Hacker, haben Sie vielen Dank, das freut mich sehr!
      Wir bemühen uns, ein sehr breit gefächertes Themenspektrum auf unserem lokalen Portal zu präsentieren, von einem Unbekannten Mitbürger, der etwas Tolles geleistet hat angefangen, über Kultur, Wirtschaft, Sport, Gesundheit und eben alles, was mit unserer hübschen Stadt Memmingen zu tun hat.
      Zu lehren ohne Bücher – das stelle ich mir auf jeden Fall sehr schwierig vor und erfordert sicher große Eigeninitiative, die Sie allem Anschein nach jedoch haben, das ist sehr schön.

      Nachdem sich mein Bericht sehr stark an einer Presseinformation des Memminger Klinikums orientiert hat, und Sie diese Thematik besonders interessiert, wäre es für Sie vielleicht hilfreich, sich mit dem Memminger Klinikum in Verbindung zu setzen. An wen genau Sie sich dort wenden könnten kann ich nicht sagen, aber sicher könnte Ihnen die Pressebeauftragte Frau Eva Maria Häfele weiterhelfen. – Ich hoffe, ich konnte irgendiwe behilflich sein. Mit besten Grüßen, Christine Hassler, Memmingen-sind-wir

      • Und hier noch ein Termintipp, der vielleicht interessant sein könnte für Sie:
        Professor Dr. Axel Focke hält am Dienstag, 14. Juni 2016, um 19.00 Uhr im Konferenzraum im Sozialpädiatrischen Zentrum (2.OG)des Memminger Klinikums einen Gastvortrag mit dem Titel „Sind die Krankenhäuser noch zu retten?“
        Der Verein der Freunde und Förderer Klinikum Memmingen e.V. lädt zu diesem Vortrag ein.
        – Krankenhäuser in Zeiten des medizinischen Fortschritts, Fachkräftemangels, der Y-Generation und Finanzierbarkeit – sind die Hauptpunkte.
        Kontakt: Verein der Freunde und Förderer Klinikum Memmingen e.V. | http://www.klinikum-memmingen.de

        Diese und viele andere Veranstaltungen kündigen wir regelmäßig auf dem Veranstaltungskalender unseres Portals an. Nochmals Beste Grüße, Christine Hassler, Memmingen-sind-wir

  2. Ihre Hilfsbereitschaft, liebe Frau Hassler, ist ja geradezu umwerfend rührend.
    Ich danke Ihnen sehr und gebe Ihnen natürlich gerne mal Einen aus, sollte uns
    irgendeine Kulturveranstaltung wieder einmal zusammenführen. Vorausgesetzt
    natürlich, dass Sie sich auch Einen ausgeben lassen! 🙂

    Gruß aus Altusried
    H. Hacker

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