Alfons zu Gast bei der Memminger Meile

3. Juni 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

„Darf isch misch vorschtellön: mein Namö istö Alfooons. Isch bin Fronsosö, aber isch lebö in Deutschlond.“

Der sympathische Kultreporter der ARD mit seinem Puschelmikrofon bewies gestern Abend bei seinem Auftritt im Rahmen der Memminger Meile, dass es auch ein einzelner Mensch – zudem ein Franzose! – mit extrem wenig Equipment schaffen kann, das Kaminwerk Kulturzentrum prall zu füllen.

Als einizes Bühnenequipment dienten ihm ein Kinderbild an einer kleinen Trennwand, sein Puschelmikrofon, das dahinter versteckt war, und – ein wenig radioaktiver Abfall aus Frankreich. Natürlich kein wirklicher.

Alfons im Kaminwerk, im Rahmen der memminger Meile, 02.06.2016

Wer Alfons nur aus seinen grotesken Kurzinterviews mit seinem Puschelmikrofon kannte, wurde an diesem Abend überrascht von einem äußerst liebenswerten Alfons, der mit viel menschlicher Wärme und ohne Dramatik auch in die Tiefen der menschlichen Seele tauchen kann.

Doch zunächst bringt uns Alfons furchtbar zum Lachen. In einem ausführlichen Abriss hören wir von ihm die Unterschiede zwischen der französischen und der deutschen Mentalität im Zuge der deutsch-französischen Freundschaft:

„Es gibt vielö Dingö, in denen die Deutschön sehr gut sindö, sum Beispiel Techniiiik, odör Autooos…, abör in einigön Dingön sind die Fransosön einfach bessör.“ – Beim Protestieren zum Beispiel, so Alfons. Bei einer Demonstration in Deutschland müsse sogar die Länge der Stöcke stimmen, an denen die Transparente angebracht sind, denn da kämen die Polizisten mit dem Zollstock. „Oolalaaa!“

Ja, und in Deutschland muss man vorher den Grund angeben für eine Demonstration, in Frankreich – „pffff, in Fronkreusch demonstriert man ebön, ein Grund findöt sisch immör.“

Oder Warnstreik – auch das sei eine deutsche Erfindung. Erst warnt man, dann streikt man genau für 3 Stunden, und dann freut man sich, dass man wieder zum Arbeiten gehen darf. Die Zeitungen schreiben dann, gestern gab es Chaos, weil die Bahn für 3 Stunden die Arbeit niedergelegt hat…, „für einen Fransosön ist das völlisch unverschtändlisch, wenn man vorhör warnt, was ist dann där Sweck von einöm Schtreik?!“

Auch Reformen sei ein Wort, das die Deutschen erfunden haben müssen, so Alfons, denn in Frankreich heißt Reformen „eins auf die Fressö“, während in Deutschland eine Reform einen kurzen Verlauf hat, von nein-doch-nein-ookeee. „Fertiiig. Beschlossön.“

Alfons im Kaminwerk, im Rahmen der memminger Meile, 02.06.2016

François Hollande habe sicher schon zu Angelika Merkel gesagt „Ohhh – bei Dir ist es einfach su regierön, Du machst ein Gesetz und dann, dann setzt man es uum, in Fronkreusch – oooolalaaa, da gibt ös erst Schtreiks und Debattön und ein Riesön-Tamtam, und danach hat man völlisch vergessön, worübör man eigentlisch debattiert hat.“

Aber die Deutschen seien manchmal auch komische Leute: „Sonalgö Angela Merkel gar nischts tat, und keine eigenö Meinung hattö, sagtön allö: Ahh! Tollö Kansleriiin, macht allös gut. Abör als sie dann auf einömal plötzlisch eine Meinung hattö und sagtö, wir sind für Eusch Flüschtingö da, da sagtön plötzlisch alle: Was macht die denn? Unmöglisch! Und allö beschwärtön sisch.

Abör wir könnön gerne tauschön“, sagte Alfons schmunzelnd und merkte an, wie sehr die Polularität von François Hollande mittlerweike gesunken sei. – „Ab jetzt hat jedör fransösische Wein mehr Prozent als Francois Hollande.“

Aber mal ehrlich, fragt er, was würden Sie tun, wenn ihnen in Ihrem Land jeden Tag Bomben auf Ihr Haus fielen? „Ach ja, isch habe vergässön, ein Deutschör würdö wahrscheinlisch einö Klagö auf Mitetpreisminderung einreichön. – Wir Fransosön würden es machen wie die Flüschtlingö: Sachen packen und weg.“

Und da ist sie wieder: Die Stille im Saal, wenn es um die Flüchtlingsfrage geht. „Isch weiss schon“, sagt Alfons und sieht uns geradewegs an, „das Flüschtlingsthema ist ein absoluter Stimmungskillör.“

Alfons im Kaminwerk, im Rahmen der memminger Meile, 02.06.2016

Zwischendurch sehen wir kurze Interviews mit seinem Puschelmikrofon auf der großen Leinwand, und dann beginnt, wie er bereits mehrfach vorab angekündigt hatte, das „eigentliche Programm“ –  „Wiedersehen macht Freunde“.

Angeblich eine wahre Geschichte ist die, an der wir nun teilhaben: Die Freundschaft zwischen ihm, Jerome und François. Sie lernen sich als Kinder beim Nachsitzen kennen, im 13. Arrondissement von Paris, einem Banlieue (verstädterter Außenbereich einer Großstadt), als er bei einem der langweiligen Schulausflüge zum Rathaus des 13. Arrondissements in eben diesem (Rathaus) Fußball spielte. Jerome saß nach, weil er seine Hausarbeit in der Metro liegengelassen hatte, wie so ziemlich alles, was er mit sich trug, während François dabei ertappt wurde, wie er Bärte auf die Plakate des Bürgermeisters malte.

Eine unzertrennliche Freundschaft entstand. Ebenso war es der Fußball, der sie zum Spielen auf ein Stück verwahrlostes Brachland trieb, auf dem, in einer brüchigen Hütte ein Clochard (Bettler) lebte. Dem wurde nachgesagt, ein menschenfressendes Monster zu sein, doch sehr bald stellt sich heraus, dass dem gar nicht so war. Sie nannten ihn Archimedes.

Dieser äußerlich ruppige Geselle sagte immer solche – Dinge, erzählt Alfons. Solche Dinge, die man erst nicht versteht, jedoch instinktiv weiß, dass das etwas Wichtiges war. Man erinnert sich daran, vergisst es nie, und irgendwann später versteht man es plötzlich.

Zum Beispiel sagte er einmal, dass in jedem Menschen ein kleines Kind stecke, und zu einem spreche, auch, wenn man älter wird. Man solle auf diese Stimme hören, denn dies sei man selbst als kleines Kind, das schon alles Wichtige über einen selbst wisse. Man solle keine Mauern bauen, und nicht versuchen, diese Stimme zu ersticken, doch die Meisten würden genau dies tun.

Alfons im Kaminwerk, im Rahmen der memminger Meile, 02.06.2016

Ein andermal fragte er sie, ob sie wissen, was das Geheimnis sei, dass es einem nie langweilig wird. Die drei wollten es unbedingt wissen, doch er sagte, es sei noch zu früh.

Eines Tages besuchten die drei zusammen mit Archimedes eine Ausstellung und „wir stehön so vor einöm Riesönbild, mit einöm riesigön rotön Punkt auf weissöm Untergruuund – stiiinklangweiliiig, wir wussten nischt, was das soll“, da drehte sich Archimedes plötzlich um und sagte laut: „Die Führung beginnt in 5 Minuten!“

Aus dem Stegreif erfand Archimedes Geschichten zu jedem Bild und eine Schaar Zuhörer drängte sich um ihn, um jedes Wort zu verstehen, und nickten und staunten. – Da verstanden die drei Jungs, was er meinte: Man muss Freude kreieren mit dem, was man tut, denn dann hat man wieder Freude an dem, was man tut, und es wird einem nie langweilig werden.

Kurz darauf trennten sich die Wege der drei Freunde wegen der Bundeswehrpflicht: Der eine ging zur Bundeswehr, der andere machte Sozialdienst in Toulouse, und er selbst ging nach Deutschland – „freiwillisch – als Fransosö!“ sagte Alfons schmunzelnd. Doch bevor sie sich trennten, vereinbarten sie, sich genau hier, auf dem verwahrlosten Grundstück des 13. Arronissements in genau 20 Jahren wieder zu treffen.

Genau 20 Jahre später stand Alfons also auf dem Gelände – Archimedes war verschwunden – und wartete auf seine alten Freunde. Nach 40 Minuten Warten kam Jerome, der Vergessliche – „für einen Fronsosön also äußerst pünktlisch“. Sie umarmten sich, freuten sich. Dann eröffnete ihm Jerome, dass François nicht kommen wird und antwortet auf die Frage Alfons, das sei weil er, François, nun Bürgermesiter des 13. Arrondissements sei. Sie besuchten ihn im Rathaus, freuten sich sehr, fielen sich um den Hals, und – beendeten das Fußballspiel im Rathaus, wo vor 20 Jahren ihre Freundschaft begann…

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