Rosenkriege – Exit, Bruch und Brexit

28. Juni 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Es lässt sich darüber streiten, ob die Inszenierung von „Rosenkriege“ vor einem äußerst modernen Bühnenbild und unter dem Einsatz moderner technischer Mittel wie Projektionen, sowie vor dem Hintergrund minimalistischer elektronischer Musik, in der Konsequenz nicht auch eine entsprechend moderne Übersetzung und Interpretation des Textes verlangt hätte und damit einen starken Bruch darstellt – der natürlich auch gewollt sein könnte…

Sicher ist, dass Walter Weyers zu seinem Exit, seiner letzten Inszenierung am Landestheater Schwaben, dennoch eine knapp 400 Jahre alte Thematik in die Gegenwart transportiert hat und uns damit eine Offensichtlichkeit, eine unbequeme Realität, aber auch eine Hoffnung aufzeigte:

Offensichtlich hat sich die Menschheit in den letzten 400 Jahren hinsichtlich ihrer Schwächen nicht maßgeblich verbessert. Denn Machtgier, rein materielle Motivationen, Neid, Habgier und als Folge dieser Schwächen, Bestechlichkeit und Entscheidungen aus Eigeninteresse, sind in vielen Ländern sehr, in manchen Ländern zwar weniger, aber dennoch eine ebenso präsente Realität in unserer modernen Welt wie vor 400 Jahren.

Rosenkriege-letzte Inszenierung Walter Weyers-LTS, Memmingen, Premiere, 24.06.16

Hoffnung hingegen macht einmal die Entwicklung unserer modernen Regierungsformen, die trotz menschlicher Schwächen, zumindest in einem Teil der modernen Welt, zu demokratischen Praktiken und der Mitbestimmung des Volkes geführt hat, und bei einem noch geringeren Teil der modernen Welt auch die Vermeidung von Kriegen nach sich zieht.

Zum anderen ist es die Darstellung der Frauenrolle: Wenn Frauen vor 400 Jahren noch einen Handlungsspielraum hatten, der sich darauf beschränkte, zu wählen, ob sie ihren Körper verkaufen als Machthebel oder für die Sicherheit, durch Heirat in das richtige Nest, ist dieser Handlungsspielraum zwar trotz Emanzipation nach wie vor eingeschränkter als der der Männerwelt, dennoch steuern wir im zeitlichen Vergleich, zumindest in einem Teil unserer modernen Welt, einer Gleichstellung entgegen.

In eben diesen beiden Aspekten manifestiert sich die größte Hoffnung: dass wir Menschen nämlich tatsächlich zu mehr als nur einer rein physischen oder technologischen Evolution fähig sind.

Rosenkriege-letzte Inszenierung Walter Weyers-LTS, Memmingen, Premiere, 24.06.16

Ob es Zufall war, künstlerische Intuition, oder einfach nur daran lag, dass William Shakespeare Walter Weyers deklarierter Lieblingsautor ist – Tatsache ist, dass es passender kaum sein konnte, am Tag des Brexit die Premiere des umfassendsten Stückes über das weltliche Mächtegerangel des bekanntesten englischen Dramatikers William Shakespeare zu feiern – wenn auch gedacht als Hommage an ihn, anlässlich dessen 400. Todestages.

Drei Dramen um Heinrich VI. bilden zusammen mit einem Stück über Richard III. die sogenannte York-Tetralogie. Ihr Gesamtwerk beschreibt die englischen Rosenkriege des 15. Jahrhunderts. Shakespeare stellt darin die politischen und gesellschaftlichen Zerwürfnisse in England zur Zeit der Auseinandersetzung zwischen den Häusern Lancaster und York als ein großes Sittengemälde dar.

Rosenkriege-letzte Inszenierung Walter Weyers-LTS, Memmingen, Premiere, 24.06.16

Die Inszenierung von Walter Weyers streicht die drei Teile über Heinrich VI. in eine Fassung straff zusammen, die sich auf politische Machtspiele konzentriert. Weyers wollte damit aufzeigen, wozu Machthunger und ein Mangel an Moral einzelner Menschen führen kann.

Die Inszenierung und Regie von „Rosenkriege“ führte Walter Weyers, das Bühnenbild übernahm Sabine Manteuffel, für die Kostüme sorgte Franziska Harbort.

Die beteiligten Schauspieler sind Josephine Bönsch, Michaela Fent, Anke Fonferek, Peter Höschler, Jan Arne Looss, Greta Lindermuth, Christian Müller, Dino Nolting, Julian Ricker, Fridtjof Stolzenwald, André Stuchlik, Anastasia Tichomir, Chris Urwyler, Barbara Weiß, Joséphine Weyers und Philippe Wolk.

Rosenkriege-letzte Inszenierung Walter Weyers-LTS, Memmingen, Premiere, 24.06.16

Weitere Vorstellungen von Rosenkriege am Landestheater Schwaben können Sie entweder unserem Veranstaltungskalender oder www.landestheater-schwaben.de entnehmen.

Fotos (jeweils v. li. Nach re.):

Foto 1: Michaela Fent (Margarete), Chris Urwyler (Suffolk) Julian Ricker (Heinrich)
Foto 2: Julian Ricker (Heinrich), Jan Arne Looss (Richard) + Foto 3: Michaela Fent (Margarete) + Foto 4: Julian Ricker (Heinrich), Joséphine Weyers (Beaufort)
Foto 3: Anke Fonferek (Lady Warwick), Joséphine Weyers (Beaufort), André Stuchlik (Gloster)
Foto 4: Fridtjof Stolzenwald (Clifford), Dino Nolting (York), Michaela Fent (Margarete)

Fotocredit: Landestheater Schwaben, Fotograf: Karl Forster, www.forsterdesign.de.

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