Ein Nordindischer Sänger zu Gast in Memmingen

5. Juli 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

In der Ankündigung lese ich Nordindische Musik. Dhrupad. – Was stellt man sich unter Nordindischer Klassischer Musik vor? Vielleicht Tabla-Klänge und der Klang der Sitar und Gesänge, die so ganz anders sind, als wir es gewohnt sind und das wäre schon viel für jemanden, der vielleicht noch nie in Indian war. Und was ist wohl Dhrupad?
Ich trete durch das große Tor des Yogazentrums YogaIn in der Fuggergasse und habe den Eindruck, dass Lärm, Hektik und Stress in dem malerischen Innenhof des Gebäudes keinen Platz haben.

Genau, was ich jetzt brauche, denke ich, und erklimme die Treppen bis in den kleinen Saal unter dem Dach.

Links neben mir sitzt ein Herr, sicher auch von der Presse, mittlerweile erkennt man sich. Sein Blick ist erwartungsvoll nach vorn gerichtet. Zu meiner Rechten nimmt ein junger Mann Platz, sicher nicht von der Presse, und, es ist jemand, der weiß, was ihn hier erwartet. Wahrscheinlich war er schon einmal in Indien. Oder macht Yoga.

Gedanklich gehe ich zurück zu den anfänglichen Fragen. Durch die traditionelle kulturelle Nord-Süd-Unterscheidung des indischen Subkontinents, spätestens aber seit dem Einfluss des Islam im indischen Mittelalter (zwischen dem 6. und dem 12. Jh.) hat sich die klassische indische Musik in zwei Richtungen entwickelt: der hindustanischen Musik im Norden und der karnatischen Musik im Süden.

An diesem Abend erwartet uns also hindustanische Musik aus dem Norden. Die hindustanische klassische Musik hat jedoch verschiedene Gattungen hervorgebracht, darunter der Raga, der Alap, der Jor und Jhala, der Gat, der Bandish, der Dhrupad und als Gegenpol zum Dhrupad der Khyal. Was wir an diesem Abend hören werden ist also Dhrupad.

Nordindische Musik im YogaIn Memmingen, 01.07.2016

Zunächst hören wir einleitend Govinda Schlegel aus Memmingen, der seit über 30 Jahren klassische Indische Musik studiert. Er spielt einen Nachmittags-Raga auf einem aus der Dhrupad-Tradition entstammenden Saiteninstrument: der Sursringar. Begleitet wird er von einem Instrument namens Tanpura.

Govinda Schlegel
Govinda Schlegel

Wir gehen zurück in das 12.- 13. Jahrhundert an den Hof des kunstsinnigen Hindu-Fürsten von Gwalior: Raja Man Singh Tomar. Dort erhielt der Dhrupad seine heutige Form durch das Wirken des berühmten Sänger Tansen, durch dessen Prägung Dhrupad eine Blütezeit erfuhr.

Dhrupad ist in der klassischen indischen Musik der strengste Gesangsstil der hindustanischen Musik. Der Begriff, wie auch die entstehende Musik ist zusammengesetzt aus „feste Form“, eine genau festgelegte Komposition, und „Vers“, „Versmaß“, also ein Gedicht zu einer vorgegebenen Musik.

Bis ins 18. Jahrhundert galt er als dominante musikalische Form der Vokalmusik. Interessant ist auch, dass Dhrupad trotz seiner strengen Form ab dem frühen 19. Jahrhundert an den Fürstenhöfen zur elitären „Sache des Herzens“ wurde, die hohe Kennerschaft erforderte.

Im Gegensatz dazu stand die Khyal-Musik, die im 17. Jahrhundert entstanden war. Der meist von Sarangis und Tablas unterstützte, leichte, weibliche Gesang im Khyal-Stil begleitete an den Herrscherhäusern Tanzmädchen. Hinzu kamen im 19. Jahrhundert romantische und devotionale Stile. Auch die Instrumentalmusik von Sitar und Sarod bevorzugte die anderen Stile, sodass der Dhrupad nahezu in Vergessenheit geriet.

Vor nicht allzu langer Zeit wurde die Dhrupad-Musik von der UNESCO als schützenswertes Kulturgut deklariert. Umso außergewöhnlicher ist es, dass wir heute, in Memmingen, einen fast vergessenen klassischen Musikstil aus dem Indien des 13. Jahrhunderts hören dürfen. Der Sänger Ashish Sankrityayan aus Bopal macht sich bereit. Begleitet wird er von der Tanpura, ein Borduninstrument mit 4 Saiten in Grundton, Oktave, Quinte und Oktave, die hinter dem stimmlich Vortragenden den Grundton erklingen lässt.

Dhrupad Sänger Ashish Sankrityayan aus Bopal
Dhrupad Sänger Ashish Sankrityayan aus Bopal

Der Vokalstil des Dhrupad gilt als ernst, männlich und gravitätisch. Er verlangt vom Sänger große Kontrolle des Atmungsapparates und hervorragende stimmliche Variationstechnik. Dhrupad dient vor allem dem Lob von Helden, Göttern und Herrschern.

Als Mittel der inneren Einkehr, als spirituelle Disziplin, als die sich der Dhrupad ursprünglich versteht, befindet sich der Dhrupad heute wie damals im Spannungsfeld zwischen der öffentlichen Darbietung und dem inneren Erleben. Die Weigerung renommierter Dhrupad-Sänger überhaupt öffentlich aufzutreten oder Aufnahmen zu gestatten, erklärt sich aus dieser Furcht vor Profanierung.

Der Sänger Ashish Sankrityayan, den wir an diesem Abend hören, scheint jedoch- zumindest zu einem Teil – im Kontrast dazu zu stehen. Er beginnt zunächst mit einem sehr verinnerlichten Gesang. Sein Blick ist nach unten, nach innen oder ins Unendliche gerichtet, seine Hände formen Gesten und ich sitze da und versuche Worte auszumachen. Nachdem ich 10 Jahre in Indien gelebt habe, spreche ich etwas Hindi, aber was ich höre, hört sich an wie unzusammenhängende Silben.

Als ich mich umsehe, sehe ich links neben mir einen nervös wippenden Herrn, der es nicht erwarten kann, dass eine Melodie gesungen wird, etwas, das er nachvollziehen kann. Aber es passiert nicht. Der junge Mann zu meiner Rechten hat es sich im Schneidersitz bequem gemacht und lächelt entspannt in sich hinein.

Irgendwann meine ich tere nam zu verstehen (Dein Name), jedoch in die Silben te – re – nam aufgeteilt und jede Silbe für sich sehr lange und scheinbar endlos stimmlich variiert. Als ob es nicht darauf ankäme, die Worte zu sagen, oder einen Sinn zu erzeugen, sondern wie, woraus, womit die Worte gesagt oder die Klänge erzeugt werden.

Der Gesang des Dhrupad beginnt mit weiten Glissandi (kontinuierliche, gleitende Veränderung der Tonhöhe) und steigert sich zu schnellen dynamischen Verzierungen in streng festgelegter Form.

Der formale Aufbau besteht aus einem Alap als Eröffnung, gesungen mit sinnlosen Silben, dann die Sthayi (auch Asthayi), die erste Liedzeile in der unteren Hälfte des drei Oktaven umfassenden Tonbereiches, es folgt der Antara, die zweite Liedzeile, jetzt in der oberen Hälfte des Tonbereiches, und schließlich die Samcari, die beiden letzten Liedzeilen, deren melodisches Material auf Sthayi und Antara basiert und jetzt in Variationen über alle drei Oktaven entwickelt wird. Den Abschluss bildet der Abhoga, eine Wiederholung des Sthayi in rhythmisch beschleunigter Form.

Nordindische Musik im YogaIn Memmingen, 01.07.2016

In einem zweiten Teil beginnt uns der indische Sänger Ashish Sankrityayan zu erklären, warum er was wie singt und macht es uns vor. Er erklärt uns, dass der Musik ein Grundton zugrunde liegt, der von einem Instrument (hier von der Tanpura) während des gesamten Stückes als Leitton zum Klingen gebracht wird, meist in zwei Oktavlagen und zusammen mit einer Quinte.

Die Oktave ist in 22 verschieden große Mikrointervalle (Shruti), eingeteilt. Von einem Dhrupad spricht man bei einer Taktzahl von 7, 10 oder 12 Schlägen… Es ist kompliziert auch für einen Nicht-Laien.

Ashish Sankrityayan spricht von einer diatonischen Skala, und einem emotionalen Effekt, den die Zwischentöne erzeugen. Mein Blick nach links zeigt Unruhe als emotionalen Effekt, mein Blick nach rechts zeigt das Gegenteil, und ich fühle mich wie zurück in Indien, inmitten einer Welt der extremen Gegensätze.

Auch die Gesten des Sängers haben einen Sinn, denn, so erklärt er uns, sie helfen, an einem inneren Bewusstsein zu arbeiten, um eine entsprechende Resonanz im Körper zu erzeugen.

Der Sänger Ashish Sankrityayan lernte diesen Gesangsstil mehr als 20 Jahre lang bei einer der ältesten und bedeutendsten Musikerfamilien der klassischen Musik in Indien. Heute leitet er selbst eine renomierte Hochschule für Dhrupad -Musik und veröffentlichte jüngst eine Forschungsarbeit zum Thema Dhrupad-Geschichte.

Govinda Schlegel lebt in Memmingen, studiert seit über 30 Jahren klassische Indische Musik unter anderem bei dem legendären Sarodvirtuosen Maestro Ali Akbar Khan. Er spielt ein aus der Dhrupad-Tradition entstammenden Saiteninstrument: der Sursringar. Die Sursringar ist bestens geeignet, den Gesangspassagen und Stimmeffekten der mittleren Passagen des Dhrupad zu folgen und ist selbst in Indien heute selten zu hören.

Mehr Infos über das YogaIn Memmingen auf www.ashtanga-mm.de.

Ein paar mehr Fotos vom Konzert auf unserer Facebookseite.

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