Nacherlebt – Zwischen Geschichtserfahrung und Karneval

5. Juli 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Die Arbeiten der am vergangenen Freitag eröffneten Ausstellung Nacherlebt in der MEWO Kunsthalle befassen sich mit recht unbequemen historischen Fakten. Sie versuchen zur Klärung beizutragen, wie Genozide, Massaker und Bürgerkriege entstanden, indem sie diese Geschichten einmal aus einer ganz anderen Perspektive betrachten:

Die Betrachtungsweise erfolgt hier nicht, wie man es beispielsweise aus Geschichtsbüchern kennt, aus einer Außensicht heraus, sondern

beschreibt, indem sie die Perspektive der Akteure einnimmt – in der Kunstwelt nennt man das auch Reenactment.

Nacherlebt-MEWO Kunsthalle Memmingen, Juni 2016

Über die spielerische Form des Reenactment werden die historischen Ereignisse dabei zu menschlichen Handlungen. Das macht zwar das Geschehen nicht leichter zu verstehen, doch macht es die Gründe nachvollziehbarer, und die Tragik, das Unfassbare umso hautnaher. Zahlen und Schlagzeilen, die zur verkürzten Floskel geworden sind, werden durch das Nacherleben erneut in ihrer Ungeheuerlichkeit erfasst.

Die Ausstellung Nacherlebt zeigt Arbeiten in Form von Videostandbildern von Shezad Dawood (UK), Jeremy Deller (UK), Arwed Messmer (D), Milo Rau (CH), Jai Redman (UK), Collier Schorr (USA) und Philippe Schwinger & Frederic Moser (CH), als auch einige malerischen Arbeiten, denen meist eine Fotografie zugrunde liegt.

Nacherlebt-MEWO Kunsthalle Memmingen, Juni 2016

Einige bekannte Regisseure und Schauspieler haben an diesen Arbeiten mitgewirkt. Zur Veranschaulichung wollen wir im Folgenden 3 Beispiele herausgreifen:

Jeremy Deller´s Battle of Orgreave (2001):

Ausgangspunkt ist der Minenarbeiterstreik von 1984, der sich in Orgreave in England am 18. Juni 1984 zugetragen hat. Dieser Streik oder wurde durch die Polizei – man muss es so drastisch sagen – zusammengeknüppelt. Es gibt dazu einige Aussagen: es wird von legalisierter Staatsgewalt gesprochen und von unkontrollierter Polizeigewalt.

Deller lässt nun dieses historische Geschehen nachstellen und nacherleben. Die Schauspieler sind Laien und teilweise Personen, die dieses brutale Zusammentreffen damals selbst miterlebt haben.

Die Regie zum Film führte Mike Figgis, ein bekannter Regissuer, der u.a. in Leaving Las Vegas Regie geführt hat.

Nacherlebt-MEWO Kunsthalle Memmingen, Juni 2016

Milo Raus Hate Radio:

Milo Rau ist einer der angesehensten Regisseure dieser Tage. Vielfach prämiert, entwickelt er vor allem Stücke für das Theater, aber auch Aktionen und Filme.

Teilweise arbeitet er als Regisseur an Theatern und mit dem dortigen Ensemble. Teilweise hat er eine Schauspielgruppe um sich, mit denen er freie Projekte umsetzen kann.

Hierzu wurde 2007 auch das IIPM – International Institute of Political Murder gegründet zur internationalen Verwertung seiner Produktionen.

Das Reenactment Hate Radio zeigt den schlimmsten Genozid seit dem 2. Weltkrieg: Ruanda, im April 1994. Hutus ermordeten in 100 Tagen mehr als 800.000 Menschen der Tutsi, der Bevölkerungs-Minderheit.

Die Unterscheidung der Bevölkerung in Hutu und Tutsi geht zurück auf die Kolonialzeit. Das Land konnte über die konstruierte Elite der Tutsi besser beherrscht werden. Nach Abzug der Kolonialmächte brachen jahrelang immer wieder Bürgerkriege aus. – Die Folge dieser rassistischen Einteilung der Bevölkerung.

Orchestriert wurde der Völkermord durch das private Radio RTLM, Radio-Télévision Libre des Mille Collines. Mit einem gekonnten Mix aus Popmusik, guter Laune, Sportnachrichten und klassischer Musik war RTLM das beliebteste Radio in Ruanda. Wie eine Werbekampagne wurde hier der Völkermord vorbereitet und begleitet.

Milo Rau gilt als Pionier des Reenactments, der künstlerischen Rekonstruktion realer historischer Ereignisse im Theater. Er studierte Tausende von Dokumenten, sprach in Ruanda mit Tätern und Opfern, und kondensierte seine Recherchen auf knapp zwei Stunden Theater.

Mit «Hate Radio», dem Theaterstück zum Völkermord in Ruanda, tourte er erfolgreich durch über 15 Länder. Später ist daraus ein Film entstanden.

Der Zuschauer erlebt einen «typischen» Radioabend. Dieser ist unterschnitten mit Aussagen von Opfern und Tätern des Genozids. Die Rolle der «Hass-Moderatoren» wird von Überlebenden des ruandischen Genozids gespielt.

Nacherlebt-MEWO Kunsthalle Memmingen, Juni 2016

Arwed Messmers Reenactment MfS (2013):

Sein Kunstwerk thematisiert das MfS, das Ministerium für Staatssicherheit der DDR.

Er fotografierte tatsächliche Orte des Geschehens, tatsächliche Objekte aus den Archiven und andere Fotografien.

Das eigentliche Projekt ist das Buch, das auch in der Ausstellung eingebunden ist. Teile dieses Buchprojektes werden in Installationsform ausgestellt, so wie in der MEWO Kunsthalle nun auch.

Die Geschichten hinter den Fotos handeln oft von Flucht oder Fluchtversuchen.

Tipps zur Ausstellung

Bringen Sie Zeit mit. Nehmen Sie an den Führungen Teil, die die Hintergründe der Videos sehr viel besser näherbringen, und Ihre Fragen direkt beantworten können.

Die Ausstellung ist noch bis zum 11. September 2016 in der MEWO Kunsthalle Memmingen zu besichtigen.

Einen permanenten Veranstaltungshinweis finden Sie auf unserem Portal unter Stadtinfos – Laufende Kulturveranstaltungen, und die Führungen werden auf unserem Veranstaltungskalender angekündigt.

Weitere Infos über die MEWO Kunsthalle finden Sie auf www.mewo-kunsthalle.de.

Ein paar mehr Fotos der Ausstellungseröffnung finden Sie auf unserer Facebookseite.

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