Eine Reise durch das historische Handwerk

1. August 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Das Handwerk mit seinem streng geregelten Zunftwesen war zur Zeit Wallensteins eine tragende Säule der Wirtschaft in der damaligen freien Reichsstadt Memmingen. Hergestellt und verarbeitet wurden Tuchwaren, für die das damals „blaue Allgäu“ (wegen der Farbe der blühenden Flachsfelder) bekannt war. Auch Gerber, Schlosser, Schmiede, Bäcker und Metzger waren in der Stadt stark vertreten, neben Schreiner, Zimmerer und vielen mehr.

Wie in über 40 Handwerksberufen um 1630 gearbeitet wurde, konnten die Besucher der Wallensteinwoche bei einem Spaziergang im Zollergarten, die Schlossergasse und am Stadtbach entlang hautnah erleben. Handwerker führten dort Ihre Arbeit mit originalem Handwerkszeug der damaligen Zeit vor.

Handwerkermarkt zur Wallensteinwoche, Memmingen, Juli 2016

Ein Handwerk, was wir heute gar nicht mehr zum Handwerk einordnen, nämlich das Apothekerhandwerk, wurde vertreten durch die Einhorn Apotheke, als die älteste und die damals erste Apotheke Memmingens, die seit 1489 existiert und seit 270 Jahren in Familienbesitz ist.

Wir schauen den Bäckern der damaligen Bäckerzunft – der heutigen Bäckerinnung – beim Backen zu, amüsieren uns über die Luftballons aus Naturdarm der Metzger, sehen Menzel Vergolder bei der Vergoldung eines kleinen Engels zu und erfahren, dass Ihre Arbeit heute vor allem in der Restauration Anwendung findet.

Deren Instrumente, wie auch die der Goldschmiede Ivo, die seit 193 Jahren in Memmingen angesiedelt ist, und sich in erster Linie an Kunden mit besonderem Geschmack wendet, die das Handwerk und die Individualität schätzen, haben sich seither kaum verändert, ganz im Gegensatz beispielsweise zur Seilmacherei.

Handwerkermarkt zur Wallensteinwoche, Memmingen, Juli 2016

Diese wird von einem der ältesten Familienunternehmen Memmingens mit Hilfe von traditionellen Seilmachergeräten vorgeführt: der Familie Pfeifer. Gerade hier haben sich die Herstellung wie auch die Produkte maßgeblich geändert im Laufe der vergangenen 430 Jahre, seit den Anfängen der Seilerei Pfeifer 1579. Von echten Hanfseilen damals, die von Hand gezogen und mit Hilfe einer einfachen Handkurbel gedreht wurden, spannt sich der Bogen zu moderner Seil- und Hebetechnik heute, die in der Lage ist, Brücken durch Stahlseile zu tragen.

Ein Glas frischen Apfelsaft gönnen wir uns bei der Mosterei am einladenden Stand der Familie Mann aus Dickenreishausen, deren ältestes Mitglied einer der wenigen verbliebenen Küfermeister in der Umgebung Memmingens ist und sein Handwerk heute jedoch von seinem Sohn vorführen lässt. Vorbei kommt ein Norwegischer Besucher und auf schwäbisch-englisch wird eifrig gefachsimpelt, angewandtes Holz für Fässer verglichen und deren heutiger Einsatzbereich diskutiert: die Wein-und Schnapskellerei.

Handwerkermarkt zur Wallensteinwoche, Memmingen, Juli 2016

Sonnenuhren bewundere ich bei Uhrmacher und Juwelier Dreier aus Bad Grönenbach und Kupferkessel, – töpfe, – pfannen und Behälter vom Kupferschmied werden ausgestellt von der Firma Ludwig Kurringer aus Benningen. Damals täglich zum Kochen und Essen verwendet, dienen Kupferprodukte heute vor allem der Dekoration.

Die Stickerin Beatrice Natterer erzählt mir, dass ihre Stickarbeiten noch immer im Hotelgewerbe und Gasthäusern geschätzt werden. Auch Hutmacher Kreuzer beschwert sich nicht über einen Mangel an Kunden, denn neben traditionellen Filzhüten, die damals wie heute mit Hilfe von verschiedenen Holzhutformen und Wasserdampf hergestellt und mit echten Fasanenfedern versehen werden, bieten sie heute eine Vielzahl verschiedener Arten von Kopfbedeckungen, Schirmen und mehr an.

Handwerkermarkt zur Wallensteinwoche, Memmingen, Juli 2016

Ein Handwerk, von dessen Existenz ich bis dato nichts wusste ist der Wachsbildner, der formt, modelliert und verziert oder durch „Kerzenzwicken“ Motive in Kerzen oder Wachsobjekte einarbeitet. Dem Wachszieher sehen wir bei der Herstellung von langen Kerzensträngen auf traditionellen Geräten zu und sehen, wie die geschnittenen Kerzen dann ihre Farbe im Tauchbad erhalten.

Neben dem Metbrauer und dem Seidler besuchen wir die Glaserei Aurbacher mit ihren bunten Glasarbeiten, sprechen mit Schreiner Abler über ausgestelltes, museumsreifes Handwerkszeug und sprechen über moderne Planung und Begleitung beim Innenausbau.

Handwerkermarkt zur Wallensteinwoche, Memmingen, Juli 2016

Vorbei an der Museums-Töpferei Illerbeuren führt mich der Weg zurück zum Einlass mit seinem malerischen Turm, wo ich noch den Steinmetz und Bildhauer Matthias Natterer und die Zimmerei Kolb besuche.

Wallenstein selbst beschäftigte übrigens in seinem Gefolge eine große Zahl verschiedener Handwerker, denen er teilweise höchstpersönlich Order erteilte. Sie waren zuständig für die Instandhaltung von Waffen und Geräten, aber auch für die Modernisierung der Ausstattung seiner jeweiligen Residenzen.

Sicher haben wir nicht alle gesehen, doch interessant und schön anzusehen waren all die vorgeführten Handwerke. Sehr schade ist, dass viele unter ihnen vom Aussterben bedroht sind. Bemerkenswert an dem großen Handwerkermarkt in Memmingen war jedoch, dass fast alle der historisch gekleideten Mitwirkenden aus Memmingen und näherer Umgebung kommen und auch im wirklichen Leben Handwerker sind.

Mehr interessante Fotos über den Handwerkermarkt im Rahmen der Wallensteinwoche auf unserer Facebookseite.

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