Ein besonderer Stadtspaziergang mit besonderen Menschen

27. August 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Wie fühlt es sich an, nichts oder wenig zu sehen? Wie findet man sich damit in einer Stadt zurecht? Welche Hürden stehen im täglichen Leben von Menschen mit einer Gehbehinderung und wie behindertengerecht ist Memmingen bereits?
Diesen Fragen stellten sich die vier nominierten OB-Kandidaten Dr. Robert Aures (CSU), Markus Kennerknecht (SPD und FDP), Christoph Maier (AfD) und Gottfried Voigt (Freie Wähler),

(die Reihenfolge ist ohne Priorisierung alphabetisch nach den Nachnamen gewählt), die mit Hilfe des Behindertenbeirates die Stadt am gestrigen Freitag aus den Augen von behinderten Menschen erkundeten.

(v.li.): Verena Gotzes, Gottfried Voigt, Christoph Maier, Markus Kennerknecht, Dr. Robert Aures, und Heidi Dintel
(v.li.): Verena Gotzes, Gottfried Voigt, Christoph Maier, Markus Kennerknecht, Dr. Robert Aures, und Heidi Dintel

Die Behindertenkontaktgruppe hat sich in Memmingen 1984 geformt und seitdem sei in Memmingen bereits viel passiert, so Verena Gotzes, Vorsitzende der Behindertenkontaktgruppe. Dennoch ist der Lebensraum für behinderte Menschen limitiert, was die überparteiliche Arbeit des starken Gremiums der Behindertenkontaktgruppe kontinuierlich zu verbessern sucht.

Bei diesem besonderen Spaziergang durch die Innenstadt wurden die vier OB-Kandidaten nun eingeladen, positives, wie auch negatives aus der Sicht eines behinderten Menschen hautnah und am eigenen Leib zu erleben.

Dazu wurden ihnen Rollstühle und Simulationsbrillen zur Verfügung gestellt, oder die Augen komplett verbunden und ein Blindenstock mit verschiedenartigen Köpfen am Ende zu Testzwecken gegeben. Die Simulationsbrillen simulieren verschiedene Augenkrankheiten wie den Grauen Star oder andere, und unter den Rollstühlen konnten manuell betriebene, wie auch elektrisch betriebene ausprobiert werden.

Das Ergebnis war erstaunlich: Erst, wenn man sich selbst in die Situation dieser Menschen begibt, kann man auch nur eine vage Vorstellung davon erhalten, wie schwierig auch die alltäglichsten Dinge für behinderte Menschen sind, wie groß ein scheinbar kleines Hindernis werden kann und wie limitiert der Lebensraum ist, trotz vieler Bemühungen und bisher erreichten Verbesserungen.

Los geht es vor dem Sanitätshaus Zelt, wo sich Dr. Aures und Christoph Maier gleich je einen Rollstuhl schnappen, während Markus Kennerknecht und Gottfried Voigt mit den Simulationsbrillen beginnen.

Die beiden letzteren müssen geführt werden, da sie beide plötzlich orientierungslos und verunsichert sind, so ungewohnt ist die Sicht eines Sehbehinderten, wie die beiden OB-Kandidaten später erklären. Auf dem Hallhof gibt es gleich die ersten Fragen, die von Verena Gotzes, Regina Sproll, der stellvertretenden Vorsitzenden der Behindertenkontaktgruppe, Gregor Pschorn der Multiple Sklerose Gesellschaft, Dr. Rudolf Weinhart des Caritasverband Memmingen-Unterallgäu, oder Erika Winterwerb des Sozialverbandes VDK geduldig beantwortet werden.

Stadtspaziergang mit den 4 OB-Kandidaten und dem behindertenbeirat Memmingen, 26.08.2016

Bereits auf dem Weg zum Marktplatz kommen unsere vier Herren bereits mächtig ins Schwitzen, was nicht nur an den Temperaturen liegt: Verena Gotzes könnte es durch das tägliche Training am manuell betriebenen Rollstuhl, im Armdrücken mit so einigen Männern aufnehmen, so kräftig ausgebildet ist ihr Bizeps. Für einen „Anfänger“ ist es sehr anstrengend. Für die beiden Simulationsbrillenträger hingegen sind die veränderten Dimensionen und die Orientierung sehr anstrengend, da sie ihre Sinneswahrnehmung komplett umstellen müssen, um nicht völlig im Dunkeln zu tappen.

Am Marktplatz angelangt, stoßen wir auf ein unüberwindbares Hindernis für gehbehinderte Menschen: Der Zugang zum Einwohnermeldeamt. Herr Ziener, der einen Schlaganfall erlitten hatte und seither auf den Rollstuhl angewiesen ist, steht vor der Eingangstreppe und sieht hilflos die Treppe hinauf. Er erklärt uns die Problematik: Bei bestimmten Vorgängen muss die antragstellende Person selbst vorsprechen, eine Autorisierung einer dritten Person ist also nicht möglich. Eine Rampe gibt es nicht, und auch im Gebäude sind zu viele Treppen, der Aufzug unerreichbar. Es bliebe also nur, sich Hilfe zu holen, um in das Gebäude getragen zu werden. Zwei starke Passanten zu finden, die sich darüber hinaus keine Sorgen über die Versicherung machen, im Falle, dass doch etwas passiert, ist schwierig. Wenn man jedoch das Rote Kreuz zu Hilfe rufen muss für solch eine Situation, muss man die Kosten dafür selbst tragen.

Zum Glück, wendet die freundliche Heidi Dintel in ihrem elektrisch betriebenen Rollstuhl ein, gibt es das Bürgertelefon: Im Hauptgebäude des Rathauses, dessen schwere Eingangstür sich automatisch öffnet, befindet sich gleich im ebenerdigen Eingangsbereich ein Telefon, mit dem man sich direkt mit bestimmten Ämtern in Verbindung setzen kann, unter anderem auch mit dem Einwohnermeldeamt. Auf Anruf kommen dann die entsprechenden Amtspersonen ins Hauptgebäude.

So weit, so gut. Nur, was hilft es, wenn die Amtsperson kommen kann, jedoch beispielsweise ein Personalausweis abgescanned werden muss? Auch hier gab es bereits die entsprechende Reaktion, und es wurde ein mobiler Scanner angeschafft, eben für diesen Zweck.

Dieses ist nur ein Beispiel von unendlich vielen, das aufzeigen soll, wie aus einem scheinbar kleinen ein großes und weitreichendes Problem für einen behinderten Menschen werden kann.
Nur durch den Anstoß der Behindertenkontaktgruppe, der Kooperation des Behindertenbeirates und kooperierender Gruppierungen können diese Problematiken erst aufgedeckt und beseitigt werden. Denn so lange man nicht selbst konfrontiert ist mit all diesen Problematiken, so lange hat man keinerlei Vorstellungsvermögen, wie viele „kleine“ Dinge im alltäglichen Leben körperlich beeinträchtigter Menschen zu großen, zeitraubenden, kostspieligen oder unüberwindbaren Hindernissen werden können.

In der Fußgängerzone erfahre ich dann, dass das für mich bisher lediglich elegant gelöste, schmale Regenrinnensystem, das in der Mitte der Fußgängerzone verläuft, auch noch eine weitere Funktion innehat: Es stellt ein Blindenleitsystem dar. Mit einem Blindenstock, der mit einem runden, konischen, oder anders geformten Kopf endet, kann sich ein blinder oder stark sehgeschädigter Mensch anhand dieses Leitsystems orientieren. Zumindest jetzt.

Stadtspaziergang mit den 4 OB-Kandidaten und dem behindertenbeirat Memmingen, 26.08.2016

Denn zu Beginn wurde das Leitsystem in der neuen Fußgängerzone an jeder Seitenstraße durch große Lücken unterbrochen. Eine Lücke, die auch nur größer ist als die Reichweite des Stockes führt jedoch bei einem sehbehinderten Menschen zur Orientierungslosigkeit. Sich um die eigene Achse drehend, auf der Suche nach einer Weiterführung des Leitsystems, läuft man schnell Gefahr, den gleichen Weg wieder zurückzugehen, um dann völlig die Orientierung zu verlieren.

Deshalb wurden – auf Drängen dieses Behindertengremiums – Rillen in das Pflaster gefurcht, die das Ende des Leitsystems an einer Seitenstraße mit der Fortführung des Systems an anderer Stelle verbinden sollen.

Genau das versucht als erster Markus Kennerknecht, der uns dann erzählt, dass man als „Laie“ keine Ahnung hat, welche Strecke man bereits zurückgelegt hat, man die Verbindungsfurchen als Laie kaum ertasten kann, eine kurze Strecke sich anfühlt wie ein Marathonlauf und Geräusche plötzlich stark an Dimension zunehmen, was wiederum die Konzentration beeinträchtigt.

Auch diese Leitsyteme sind bereits eine tolle Errungenschaft, die die Memminger Innenstadt für einen sehbehinderten Menschen erschließt. Doch müssen Menschen mit Sehbehinderung dafür erst einmal geschult werden: Speziell ausgebildete Kräfte werden hierfür – bis zu einem bestimmten Maß – von der Krankenkasse gestellt, und ein blinder Mensch kann sich so seine eigene „Stadtkarte“ erstellen und einprägen.

Nachdem jedoch nicht die gesamte Stadt mit Leitsystemen ausgestattet ist, erschließt sich für einen blinden oder sehbehinderten Menschen auch nie die ganze Stadt, sondern nur ein kleiner Bereich – ein kleiner, begrenzter Lebensraum.

Eine weitere Hilfe für sehbehinderte Menschen ist der Blindenhund. Doch lernen wir auch hier bei diesem Spaziergang gleich den Nachteil davon kennen: Ein Mädchen aus unserer Gruppe, die mit einem Blindenhund unterwegs ist, verliert den Anschluss an die Gruppe, die sich oftmals in zwei Teile teilt, und verläuft sich prompt. Denn der Hund kann sie nur um Hindernisse herumführen, weiß aber nicht, wohin es gehen soll. Für sie ist daher eine genaue Planung notwendig: Wir gehen von Punkt 1 zu Punkt 2 zu Punkt 3. Zum Glück wurde vorher vereinbart, dass der letzte Treffpunkt der Antoniersaal sein wird, denn dort erwartet uns das verirrte Schäfchen bereits.

Am Antoniersaal erwartet und begrüßt uns auch der Leiter des Kulturamtes Dr. Hans-Wolfgang Bayer, der die Errungenschaften in der Behindertenfreundlichkeit des Komplexes des Antonierhauses und der Stadtbibliothek hervorhebt, die sich als kulturelle Einrichtungen dadurch auch körperlich eingeschränkten Menschen erschließen.

Stadtspaziergang mit den 4 OB-Kandidaten und dem behindertenbeirat Memmingen, 26.08.2016

Im kühlen Inneren des Saales ziehen dann alle vier OB-Kandidaten das Fazit aus dieser Erlebniswanderung durch die Stadt: Dr. Robert Aures, der auf diesem Gebiet einen Wissensvorsprung hat durch seine Tochter, die im Bereich der Heilerziehungspflege tätig ist, stellt hervor, es wäre anmaßend zu behaupten, dass man auch nach einem solchen Experiment die Dimension der Problematiken eines behinderten Menschen nachvollziehen könne. Sehr wichtig, und ein Anfang sei jedoch die schiere Bemühung, sich in eine solche Situation hineinzudenken und Verständnis zu entwickeln. „Die Belange von behinderten Menschen sind unsere Belange, denn sie sind Teil unserer Gesellschaft.“

Des Weiteren habe er beobachtet, dass „man über einen Rollstuhlfahrer hinwegsieht, ihn gar nicht wirklich wahrnimmt, oder nicht als Mensch wahrnimmt“. – Ein Effekt, von dem die anwesenden Menschen im Rollstuhl Geschichten zu erzählen wussten, wie beispielsweise die, als eine der Anwesenden im Zug vom Bahnangestellten gefragt wurde: „Und, wo fährt dieser Rollstuhl hin?“

Auch Markus Kennerknecht kann auf Erfahrungen zurückgreifen, die er als Zivildienstleistender gemacht hatte. Nur, sagt er aufrichtig, als junger Mensch sieht man diese Dinge, doch begreift die Tragweite noch nicht so ausgeprägt, wie in reiferem Alter. Vor allem habe ihn diese Erfahrung am heutigen Tag eines gelehrt: Es reicht nicht, sich an Vorschriften zu halten, sondern man muss den Dialog mit den Betroffenen suchen, denn nur diese wissen durch ihren praktischen Erfahrungsschatz, wie die gelebte Realität wirklich aussieht und wo es anzusetzen gilt, um Dinge zu verbessern und ein fruchtbares Miteinander zu ermöglichen.

Für Christoph Maier ist klar: Er wird sich in Zukunft bewusster durch die Stadt bewegen. „Man hat so gar keine Vorstellung, wie sich das Leben für einen behinderten Menschen darstellt und womit sie täglich zu kämpfen haben“. Er dankte den Verantwortlichen für diese bereichernde, hautnahe und praktische Erfahrung, die ihn sehr beeindruckt habe. Behinderte Menschen würden zu wenig beachtet, doch sind sie, wie alle anderen auch, Memmingens Bürger, die die gleiche Beachtung verdient haben und ins soziale Leben miteinbezogen werden müssen.

Auf die Frage, was für Gottfried Voigt die schlimmste Empfindung war, antwortet er „nicht sehen zu können“. Gar nicht sehen zu können, für jemanden, der den Vergleich hat, sei beunruhigend und ein Dimensionsverlust, wenig sehen zu können mache die Welt grau und trostlos.

Der Rat von behinderten Menschen müsse eingebaut werden, denn „wir alle, alle Memminger Bürger, leben miteinander in dieser Stadt.“ Die Menschen müssten aufmerksamer werden – hier stelle jemand ein Fahrrad achtlos ab und verstelle den Weg, hier parke ein Anderer ein Auto unachtsam und blockiere einem behinderten Menschen die Passage. Er bedankte sich für den großartigen Dialog, der für die Problematik sensibilisiert habe und dafür, dass die Betroffenen sie ein Stück weit in ihr privates Leben mitgenommen haben.

Stadtspaziergang mit den 4 OB-Kandidaten und dem behindertenbeirat Memmingen, 26.08.2016

Die Behindertenkontaktgruppe Memmingen e. V.

Die Behindertenkontaktgruppe Memmingen besteht seit 1984 als eingetragener Verein.
Ihr Ziel ist die Kontaktförderung und -herstellung zwischen Menschen mit Behinderung und Nichtbehinderten. Sie will Menschen mit Behinderung aus der Isolation herausholen.
Dazu finden Informationsveranstaltungen sowie Beratungen und Vorträge statt.

Es werden Ausflüge, gemeinsame Veranstaltungen, Feiern und vieles mehr organisiert. Die Öffentlichkeit wird über die Situation von Menschen mit Behinderung aufgeklärt. Betroffenen wird Hilfestellung bei Behördengängen angeboten. Bei Bedarf werden Helfer und Fahrdienste vermittelt.

Mitgliedschaften und Kooperationen

VKIB (Vereinigung kommunaler Interessenvertreter von Menschen mit Behinderung in Bayern e. V.),
Netzwerk Allgäu,
und die Projektgruppe Barrierefreie Stadt.

Mehr Infos zum Behindertenbeirat Memmingen finden Sie auf www.behindertenbeirat.memmingen.de.

Mehr Fotos über diesen besonderen Spaziergang auf unserer Facebookseite.

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