Besuch des Staatssekretär Thomas Silberhorn in Memmingen

7. September 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Thomas Silberhorn (MdB), folgte der Einladung von MdL Klaus Holetschek und besuchte am vergangenen Freitag zusammen mit Herrn Holetschek und OB-Kandidat Dr. Aures zuerst das Memminger Unternehmen PHAESUN und im Anschluss das Gemeindehaus Oase in Lauben.

Besuch bei PHAESUN

Wer oder was ist PHAESUN?

Falls Sie über die Firma PHAESUN mit Firmensitz in Memmingen noch nichts oder wenig wissen sollten, ist das verständlich, denn weder fährt man zufällig daran vorbei, noch kann man ihre Produkte auf regionalen Messen sehen, und ebenso wenig kann man im örtlichen Fachhandel auf sie stoßen. Ein Grund dafür ist, dass das Unternehmen exportorientiert ist und ca. 60 % ihres Umsatzes aus dem Exportgeschäft erwirtschaftet.

Besuch Staatssekretär Thomas Silberhorn in Memmingen, 02.09.2016

Was also macht PHAESUN?

PHAESUN bietet netzunabhängige Solar-und Windkraftsysteme. Oder anders ausgedrückt Off-Grid Systeme für eine netzferne, autarke Stromversorgung, ganz nach dem Motto „Energie ist überall“. Nicht zu verwechseln jedoch mit Mini-Grids, denn da müssten sie als Netzbetreiber auftreten, vielmehr handelt es sich hier um Kleinstsolarsysteme, die entweder stationär sein können, wie etwa zur Stromversorgung einer Schule, oder mobil, wie wir das beispielsweise bei Campern oder Caravans kennen.

PHEASUN produziert selbst keine Systeme oder Komponenten, sondern bietet einmal eine enorme Auswahl an Komponenten und Kits für Photovoltaik- und Windenergie, zum anderen bietet PHAESUN als Systemintegrator Dienstleistungen an, wie spezifische, projektbezogene Lösungen, basierend auf den örtlichen und strukturellen Gegebenheiten des jeweiligen Nutzers. Dazu kommt Training, technischer Support und Installationsdienste.

Die Komponenten bezieht PHEASUN von ausgewählten, internationalen Herstellern von Qualitätsprodukten aus dem Off-Grid Bereich – ein Zulieferer und langjähriger Partner aus der direkten Umgebung ist beispielsweise Steca Electronik.

Anwendung und Projekte

Anwendung finden ihre netzunabhängigen Systeme vor allem in den drei Bereichen Ländliche Elektrifizierung (Pico PV Systeme, Heimsolarsysteme, solare Straßenbeleuchtung…), Wassersysteme (Wasserpumpen, Bewässerung, Wasserfilteranlagen…) und Industrielle Anwendungen (Telecommunikation, Datenübertragung, Kontrollsysteme…).

Realisiert hat das Memminger Unternehmen mit Niederlassungen und Partnerunternehmen in Europa, dem Mittleren Osten, Afrika, dem Sudan, Panama und der Elfenbeinküste in seiner 15-jährigen Firmengeschichte bereits mehr als 550 Projekte in 82 Ländern. 2011 wurde das Unternehmen mit dem Exportpreis Bayern, 2012 und 2014 mit dem Solar Award, 2014 mit dem Environment Award und dem Bayerischen Mittelstandspreis, 2015 mit dem Bayerischen Qualitätspreis und dem Hydro Gaїa Innovation Award, sowie 2016 mit dem Alliance for Rural Electrification Award und dem Industrie Preis 2016 ausgezeichnet.

Besuch Staatssekretär Thomas Silberhorn in Memmingen, 02.09.2016

Eines ihrer Projekte war Staatssekretär Thomas Silberhorn gut bekannt, da Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Gerd Müller das gelungene Projekt bereits besucht hat: Die Orotta Klinik in Eritrea, die größte Geburtenklinik Eritreas, die unter häufigen Stromausfällen litt, was besonders für den OP-Betrieb und die Säuglingsstation ein riesiges Problem darstellte.

PHEASUN lieferte und installierte ihnen ein bedarfsgerechtes, nun unabhängiges Stromversorgungssystem, womit die Klinik den benötigten Strom selbst produzieren und den Bedarf lückenlos decken kann.

Afrika ist aus vielerlei Gründen ein Land, in dem PHEASUN viel Bedarf an kleinen, unabhängigen Stromversorgungssystemen vorfindet. Die Distanzen sind groß, das Stromnetz schlecht ausgebaut und kann vor allem ländliche Gebiete nur schlecht oder überwiegend gar nicht versorgen.

Die Parallelen zwischen erfolgreichem Exporthandel und moderner Entwicklungspolitik

Dennoch, so erzählt uns Tobias Zwirner, Direktor von PHAESUN in Memmingen, besitzen auch auf dem Land in Afrika viele Menschen ein meist sehr einfaches und günstiges Handy, welches sie auch zu Zahlungszwecken verwenden. Doch wo laden, wenn das Stromnetz weit weg ist oder nicht vorhanden? So kam ihnen die Idee solarbetriebener, mobiler Ladestationen.

PHAESUN Mitarbeiter beobachteten vor Ort, dass der Anreiz, nicht nur seinen Eigenbedarf zu decken, sondern sich mit überschaubaren Investitionen eine Erwerbsmöglichkeit zu schaffen, viel größer ist.

Aus dieser Beobachtung entstanden seitdem eine Reihe von Ideen für lokale Kleinunternehmer und das Kind bekam einen Namen: BOSS – Business Opportunities with Solar Systems und Staatssekretär Thomas Silberhorn wird hellhörig.

Der Staatssekretär für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung findet den Ansatz großartig, da es Eigeninitiative fördert und zusätzliche Verdienstmöglichkeiten schafft, und das sozusagen als Nebenprodukt. Genau so ist es, entgegnet Tobias Zwirner, der uns erzählt, dass aus manchen dieser Nebenverdienste bereits Hauptverdienste geworden sind.

Auf dieser Basis hat PHAESUN in der Folge sich einem weiteren Projekt angeschlossen: AEEP – Applied Education and Entrepreneurship Programme. Vor allem in ländlichen Gegenden soll damit unternehmerisches Denken gefördert werden, um Ideen für neue Geschäftszweige zu entwickeln, die ebenso Arbeitsplätze schaffen wie neue Perspektiven.

MdB Thomas Silberhorn nickt anerkennend und sagt, dass genau diese Ansätze Abhilfe schaffen können in der Landflucht, einem der größten Probleme in allen strukturschwachen Gebieten dieser Welt. Einem Phänomen, das die Spirale von Not und Verelendung in den Slums der Großstädte in der Folge immer enger werden lässt, und die Versorgungsstruktur mit Wasser, Kanalisation und Strom in den zu schnell gewachsenen Großstädten zum Kollabieren bringt, was nur zu noch mehr Elend und Problemen führt.

Innerhalb dieses Programmes AEEP soll auch mit Kooperationen und Wissenstransfer, wie beispielsweise zwischen Studenten und Kleinstunternehmern, oder deutschen und afrikanischen Partnern, eben dieser unternehmerische Anreiz gefördert werden, um vor allem ländliche Gebiete unabhängiger zu machen und neue gewerbliche Strukturen bedarfsgerecht zu entwickeln.

„Entwicklungszusammenarbeit“ ist das neue Zauberwort, erklärt uns Thomas Silberhorn, „denn das Wort ´Entwicklungshilfe´ suggeriert Passivität und Abhängigkeit nach außen, wohingegen eine Entwicklungszusammenarbeit vor allem Wissens-und Technologietransfer beinhaltet. Die Aktion bleibt bei den Menschen vor Ort und bringt dadurch Nachhaltigkeit.“

Das Projekt AEEP startete im Dezember 2013 und soll im Oktober dieses Jahres abgeschlossen sein. Partner in diesem Projekt sind unter anderem die University of Arba Minch und die Hochschule Neu-Ulm, und auf unternehmerischer Ebene PHAESUN, X-Com Afrika und ein ortsansässiger Solarverein.

Gefördert wird das Programm vom BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) zusammen mit dem DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) mit Mitteln des BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung).

Ein paar Ergebnisse dieses Programmes, realisiert von PHEASUN, sehen wir im Anschluss dann an der Projektionswand: Eine Solar-Cafeteria, ein mobiler Friseursalon, eine mobile Ladestation für Handys, und ähnliches.

Witschaftliche Visionen treffen sich mit entwicklungspolitischen Vorstellungen

Doch die Visionen gehen weiter: Um Anreiz zu schaffen in ländlichen, oft isolierten Gebieten sollen zentrale „Marktplätze“ geschaffen werden. Plätze, an denen sich die Menschen der umliegenden Dörfer nicht nur treffen können, um Nahrung zu kaufen, sondern eine Reihe anderer Geschäfte nachgehen können und mehr soziale Interaktion stattfindet.

„Kommunale Strukturen“, bekräftigt Staatssekretär Silberhorn zustimmend und ist sich eins mit MdL Klaus Holetschek, dass uns Deutschen in anderen Ländern oft und wiederholt nachgesagt wird, unsere kommunalen Strukturen seien vorbildlich.

Unternehmerischen Anreiz schaffen. Die Möglichkeit bieten, unabhängig zu sein und sich selbst zu versorgen in ländlichen Gebieten strukturarmer Länder. Mit Strom und Wasser zum Beispiel durch solarbetriebene Wasserpumpen versorgt zu sein, auf sicheres, gereinigtes Wasser zurückgreifen zu können durch solarbetriebene Wasserfilteranlagen. Verbesserte Gesundheitsversorgung in Krankenstationen auch durch die Versorgung von Energie, Wissenstransfer und kommunale Strukturen sind zusammenfassend nicht nur das Erfolgsrezept für die unternehmerischen Erfolge von PHAESUN, sondern laut Staatssekretär Thomas Silberhorn auch die Grundlage der modernen Entwicklungspolitik und der richtige Ansatz, die Lebensverhältnisse in strukturarmen Ländern vor Ort nachhaltig zu verbessern.

Zudem sei es ein Beitrag, neben der Landflucht in die Städte auch die Abwanderung in andere Länder einzudämmen, die parallel zur Landflucht eine Reihe neuer, ernst zu nehmender Probleme schafft.

Denn die größte Zahl an migrierenden Menschen in unserem Jahrhundert werden nicht die sein, die vor Krieg und Verfolgung flüchten, sondern die, die aus klimatischen Gründen, aus Hunger, oder aus Mangel an Perspektiven ihr Land verlassen, betont Thomas Silberhorn.

Besuch Staatssekretär Thomas Silberhorn in Memmingen, 02.09.2016

Besuch in der „Oase“

Dieses und weitere sind dann auch die Themen in der zweiten Station, die Staatssekretär Silberhorn zusammen mit MdL Klaus Holetschek und OB-Kandidat Dr. Aures besucht: Die „Oase“, das evangelische Gemeindehaus in Lauben, in der uns Dekan Ludwig Waldmüller, Bürgermeister Reiner Rößle, Stadtrat Stefan Gutermann, Eberhard Westhauser von MeWaiKi Memmingen, Gäste aus dem Kirchengemeinderat, Vertreter von Eine-Welt-Läden und weitere Gäste empfangen.

Bei fairem Kaffee und selbstgemachtem Kuchen wird über Migration, Entwicklungsarbeit und -politik, die Flüchtlingsproblematik, aber auch über zahlreiche positive Erfahrungen mit Flüchtlingen in der Gemeinde gesprochen.

Bürgermeister Reiner Rößle lobte die gute Zusammenarbeit, die der Helferkreis, der sich spontan und kurzfristig bildete aus der Kirche und der Gemeinde, als dann doch recht schnell die ersten begleiteten und unbegleiteten Flüchtlinge in ihre Gemeinde kamen.
In dieser fruchtbaren Zusammenarbeit haben sie die anfänglichen Probleme gut in den Griff bekommen. Rückblickend auf das vergangene Jahr sei viel Hilfe aus der Bevölkerung gekommen, doch auch „ihre Flüchtlinge“ trugen ihres dazu bei: Aktuell sind zwei der Flüchtlinge als Azubis in Ausbildungsberufen und ihre Erfahrungen mit den Flüchtlingen seien durchwegs positiv.

Besuch Staatssekretär Thomas Silberhorn in Memmingen, 02.09.2016

Eberhard Westhauser stellte uns das MeWaiKi-Projekt vor und unterstrich die Wichtigkeit von Bildung vor Ort in Entwicklungsländern, da Bildung Perspektiven schafft. Bildung, kleine landwirtschaftliche Projekte, wie auch medizinische Initiativen sind, was MeWaiKi tatkräftig unterstützt. Durch ihre Arbeit wurde unter anderem auch eine Krankenversicherung in Tansania am Fuße des Kilimandscharo eingeführt.

Bevor sich Staatssekretär Silberhorn einigen Fragen der Gäste zum Thema Migration und Entwicklungsarbeit widmete, betonte er, fairer Handel sollte ins Zentrum der Gesellschaft rücken. Im Moment sei es dies leider nicht, und darunter leiden müssten die vielen Arbeiterinnen und Arbeiter in Entwicklungsländern, doch alle Bestrebungen zum fairen Handel seien sehr lobens- und erstrebenswert.

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