Memminger Freiheitspreis – Interview über und Fragen an Preisträger Bischof Erwin Kräutler

23. September 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Bischof Erwin Kräutler ist gebürtiger Vorarlberger und auch in Memmingen kein Unbekannter. Er hat hier Gottesdienste gehalten, war Festprediger beim Patrozinium in Sankt Josef und hat die Firmung gespendet. Immer wieder konnte man sein Engagement für die indigenen Völker Lateinamerikas oder sein Eintreten für die Schöpfung auch in den Medien verfolgen.
Nun erhält Bischof Kräutler den „Memminger Freiheitspreis 1525“ – Grund genug nachzufragen, was er für ein Mensch ist, wie er denkt, wie er handelt, was ihm wichtig ist.

Alexandra Wehr, Pressesprecherin der Stadt Memmingen und Stadtarchivar Christoph Engelhard haben in Maria Baumgärtle mit Pater Alois Schlachter gesprochen, dem Rektor des Missionshauses der Missionare vom Kostbaren Blut (CPPS), einer Kongregation, der auch Bischof Kräutler angehört.

Pater Alois, wie ist Erwin Kräutler nach Brasilien gekommen?

Pater Alois:

In den 1930er Jahren war der Norden Brasiliens noch schwer zugänglich. Damals wurde das Gebiet am Xingu- Fluss, einem Nebenfluss des Amazonas, zum Missionsgebiet unserer Gemeinschaft bestimmt. Erwin Kräutler ist 1965 als junger Priester unserer Kongregation nach Brasilien gegangen. Dort war auch schon sein Onkel Erich Kräutler, der schließlich 1971 Bischof von Xingu wurde. Von daher gab es auch einen familiären Bezug.

Erzählt Bischof Kräutler bei Besuchen in Maria Baumgärtle manchmal von der Kirche oder dem Leben in den Gemeinden am Amazonas?

Pater Alois:

Er schildert eine lebendige Kirche, in der es zu wenig Priester gibt und wo Laien selbstverständlich viele Dienste übernehmen. Die Entfernungen sind so groß, dass die Gläubigen vor Ort selbst Initiative ergreifen und ihre Gemeinschaft untereinander gestalten. Da können wir lernen von Brasilien. Aber wir müssen auch sehen, dass die Realitäten andere sind. Gleichzeitig klagt Bischof Erwin darüber, dass es dort zu wenig Priester gibt. Er drängt deshalb auf eine Veränderung der Zulassungsbedingungen zum Priesteramt.

Pater Alois Schlachter CPPS, und Festnahme von Dom Erwin Kräutler 1983 während der Zeit der Militärdiktatur in Brasilien (1964-1985)
Pater Alois Schlachter CPPS, und Festnahme von Dom Erwin Kräutler 1983 während der Zeit der Militärdiktatur in Brasilien (1964-1985)

Wie haben Sie den Bischof erlebt?

Pater Alois:

Ich würde ihn als mutig beschreiben, voller Energie. Er kann zupacken und etwas bewegen. Vieles beeindruckt an ihm. Als junger Bischof hat er ein neues Wort geprägt, er hat von Mitwelt gesprochen, nicht von Umwelt. Das finde ich ganz stark. Schöpfung als Mitwelt wird aufgewertet, es steckt die Hochachtung gegenüber dem anderen Geschöpf darin. Die indigenen Völker, so hat er früher mal erzählt, jagen nur für ihren Eigenbedarf, nicht darüber hinaus.

Was ist eigentlich der Grundgedanke Ihrer Kongregation, der Missionare vom Kostbaren Blut?

Pater Alois:

Der Name kommt nicht von Auslandsmission, wie man zunächst annehmen könnte. Der Orden hat sich der Mission in unseren Gemeinden verschrieben. Wir setzen uns dafür ein, das Glaubensleben in den Gemeinden in Schwung zu bringen. Früher hieß das Volksmission.

Heute gibt es diese klassische Volks- und Gemeindemission nicht mehr, bei der Patres für einige Tage in eine Pfarrei kommen und predigen. Heute versuchen wir hellhörig zu sein für die Zeichen der Zeit und andere Formen zu finden. Wir in Baumgärtle bauen Kirche mit allen, die zu diesem Wallfahrtsort kommen.

Wie viele Menschen gehören der Kongregation an?

Pater Alois:

In Maria Baumgärtle leben vier Patres, also Priester, zwei Brüder und zwei Schwestern. Weltweit sind wir 530.

Ist Bischof Erwin Kräutler oft bei Ihnen in Baumgärtle?

Pater Alois:

Er war schon oft hier – und kann sich bei uns ohne Sicherheitsbegleiter bewegen. Man muss sehen, dass er in Brasilien immer zwei Bodyguards um sich hat. Es wurde ja mal ein Mordanschlag auf ihn verübt und ein hohes Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Durch seine politische Tätigkeit und seinen Einsatz für die indigenen Völker ist er für manche sehr lästig.

Er weist mit Nachdruck auf Ungerechtigkeiten hin. Die Gefährdung ist natürlich eine spürbare nervliche Belastung. Wenn er in Baumgärtle war, hat er es genossen, ganz frei einen Spaziergang zu machen. Jede Europareise hat seine Bekanntheit gesteigert und ihm dadurch Sicherheit gegeben.

Wie haben Sie ihn als Seelsorger erlebt?

Pater Alois:

1981 wurde Erwin Kräutler in Altamira zum Bischof geweiht. Zwei Jahre später hat er mit den streikenden Zuckerrohrarbeitern, die ihren Lohn nicht erhalten hatten, die Transamazônica- Straße besetzt. Als versucht wurde, die Streikenden auszuheben, wurde auch er geschlagen.

Die Arbeiter haben das gesehen und versucht ihn zu schützen. „Lasst ihn los. Er ist unser Bischof!“, haben sie geschrien. Er hat uns das erzählt und gesagt, das war für ihn wie eine zweite Bischofsweihe. Bischof Erwin ist ganz anders als ein europäischer Amtsträger. Er ist jovial, mit allen in Kontakt und schnell per Du. Manches, was Papst Franziskus uns zeigt, erinnert an ihn. Das ist sein Stil.

Erwin Kräutler hat sich sehr eingesetzt gegen das Staudammprojekt Belo Monte, das drittgrößte Staudammprojekt der Welt, bei dem viele Tausend Menschen in seiner Diözese umgesiedelt werden sollen und durch die vorgesehenen Flutungen der Lebensraum von Mensch und Tier schwer geschädigt wird.

Wie haben Sie das mitgekriegt?

Pater Alois:

Er hat Jahre dagegen gekämpft. Vielleicht kann etwas, was er uns erzählt hat, beschreiben, wie es ihm gegangen ist. Von seinem Zimmer in Altamira konnte er immer eine Insel sehen. Durch das Staudammprojekt ist sie geflutet worden, sie ist weg. Als das passiert war, kam er wegen einiger Verpflichtungen nach Europa. Er wurde krank, musste alle Termine absagen und kam für eine Woche ins Krankenhaus. Das Ereignis damals hat ihn bei aller Robustheit mitgenommen. Wenn man eine Landschaft und die Menschen so liebt, steckt man das nicht einfach so weg.

Was wird der Bischof in Zukunft tun, er ist jetzt in Rente?

Pater Alois:

Er wohnt weiterhin im Haus des Bischofs und der Priester von Altamira und der näheren Umgebung – Tür an Tür mit seinem Nachfolger. Er hält Exerzitien für Priester und Ordensleute in verschiedenen Regionen Brasiliens, das hat ihm immer schon gelegen. Und er dichtet, er hat eine poetische Ader. Vielleicht hat er jetzt mehr Zeit dazu.

Portrait Bischof Erwin Kräutler und Begegnung mit einem Häuptling der Kajapo, eines indigenen Volkes am Rio Xingu
Portrait Bischof Erwin Kräutler und Begegnung mit einem Häuptling der Kajapo, eines indigenen Volkes am Rio Xingu

Fragen an Bischof Erwin Kräutler

Sie sind 1965 nach Amazonien gegangen und geblieben. Was hat Sie dort gehalten?

Bischof Erwin:

Schon vor meiner Priesterweihe hatte ich den Entschluss gefasst, mich dem Bistum am Xingu, im Amazonasgebiet, zur Verfügung zu stellen. Es war meine rein persönliche Entscheidung. Ich wurde also keineswegs an den Xingu beordert. Zwei Dinge waren für mich ausschlaggebend. In Österreich und Deutschland gab es damals noch genügend Priester.

So wollte ich meinen priesterlichen Dienst dort ausüben, wo wirklich Priestermangel herrschte. Ich wollte für Menschen da sein, die von der Welt vergessen irgendwo am Rande der Gesellschaft leben. Kardinal Bergoglio sprach im Vor-Konklave davon, dass die Kirche hinaus, an die Peripherien gehen soll. Diese Aussage war wohl auch einer der Gründe, warum er zum Papst gewählt wurde.

Genau das war mir 1965 schon ein besonderes Anliegen. Es war das Jahr, in dem das II. Vatikanische Konzil zu Ende ging. Und der erste Satz der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes – Die Kirche in der Welt von heute“ beeindruckte mich außerordentlich: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi“ (GS 1).

Ich war überzeugt, dass die Kirche sich endlich öffnen, auf die Menschen zugehen und sie dort abholen muss, wo sie sind. Es geht dabei nicht um ein nur geographisches Hinausgehen bis ans Ende der Welt, sondern um einen Einsatz an den existenziellen Peripherien, an denen arme oder verarmte Volksgruppen leben oder – wie im Falle der indigenen Völker – Menschen aufgrund ihrer Rasse und Kultur diskriminiert werden. Der zweite Grund war, dass zwei meiner Onkel schon im Jahre 1934 an den Xingu gekommen waren, einer als Priester, der andere als Laienhelfer. Ich wollte so etwas wie in ihre Fußstapfen treten.

Sind die Katholiken in Amazonien anders als die in Schwaben oder Vorarlberg?

Bischof Erwin:

Natürlich sind sie anders, aber nicht weil sie einen anderen Glauben bekennen. Wir sprechen dasselbe Glaubensbekenntnis, lesen dieselbe Heilige Schrift, selbstverständlich in portugiesischer oder in einer indigenen Sprache und feiern Eucharistie wie auf der ganzen Welt „vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang“. Aber in Amazonien leben wir schlicht und einfach in einem anderen Kulturkreis.

Ich verabscheue Vergleiche, weil Vergleichen meist ein Nebengeschmack von Arroganz anhaftet. Vorarlberger und Schwaben sind Alemannen und ich bin auch einer von ihnen, wenn ich auch schon seit 51 Jahren in Brasilien bin. Alemannen haben im Laufe der Jahrhunderte ihre kulturellen Ausdrucksformen entfaltet. Sie haben ihre eigene Lebensart, ihre Werteskala geschaffen. Seien wir stolz darauf, aber nicht überheblich.

Kulturelle Ausdrucksformen anderer Länder und Kontinente nachahmen zu wollen, wirkt manchmal lächerlich. Wenn es auch für viele „cool“ erscheinen mag, geht es wohl nicht darum, in allen Kirchen Deutschlands oder Österreichs nach südamerikanischen Rhythmen zu tanzen. Da tun mir gleich schon die älteren Alemanninnen und Alemannen leid. So etwas darf sicher zu einer Eucharistiefeier mit Jugendlichen gehören.

Und dennoch, diese Art von Gesängen und liturgischen Tänzen ist nicht auf alemannischem Boden gewachsen und wirkt dann eben wie Importware. Das sage ich auch im Hinblick auf die Gospel-Gesänge. Ich liebe sie und singe sie auch unendlich gerne. Aber ich hatte schon Firmungen in Deutschland und Österreich, bei denen kein einziges Lied in der Muttersprache der Firmlinge gesungen wurde.

Und dennoch, ohne eine Kirche eines anderen Kontinentes nachahmen zu wollen, kann jede Ortskirche und jede Kultur von der Kultur und der Kirche in anderen Ländern lernen. Ich denke da an die tausenden „Kirchlichen Basisgemeinden“. Ich denke auch an die Verantwortung für ihre Gemeinde, die unzählige Laien in Amazonien, Frauen, Männer und Jugendliche ehrenamtlich übernehmen. Und vielleicht könnten die Alemannen auch ein bisschen von der ungezwungenen Herzlichkeit lernen, die gerade in unseren Gottesdiensten in Amazonien zum Ausdruck kommt.

Schließlich sind wir alle, die wir an einer Eucharistiefeier teilnehmen, doch Schwestern und Brüder und beten gemeinsam das Vaterunser. Die Leute in Amazonien haben keine Berührungsängste. Das zeigt sich ganz besonders beim Friedensgruß, aber auch schon bei der freundlichen Begrüßung, die Gottesdienstteilnehmer/innen schon am Kirchenportal von Seiten des Liturgieteams oder des Priesters erfahren.

Firmung, und Gemeinsames Mittagessen mit Bischof Erwin Kräutler
Firmung, und Gemeinsames Mittagessen mit Bischof Erwin Kräutler

Wenn Sie Papst wären, was würden Sie als erstes ändern?

Bischof Erwin:

Vielleicht darf ich die Frage anders formulieren: „Welche Erwartungen setzen wir in Amazonien in unseren Papst aus Lateinamerika?“

Ein besonderes Problem sind die eucharistielosen Gemeinden. Dieses Problem beschränkt sich allerdings nicht nur auf Amazonien und einige andere Regionen mit eklatantem Priestermangel, sondern wird in kürzester Zeit auch die Kirchen in Europa betreffen. Die jährlichen Priesterweihen stehen in keinem Verhältnis zu den in den Ruhestand tretenden oder jedes Jahr von Gott in die Ewigkeit abberufenen Priestern. Die Zulassungsbedingungen zum Weihepriestertum müssen überdacht werden.

Es geht nicht um eine Debatte für oder gegen den Zölibat, sondern um die Erfüllung des Auftrages Jesu: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19; 1 Kor 11,25). Sich für ein eheloses Leben zu entscheiden, um ganz für Gott und sein Volk da sein zu können, ist eine besondere Gnade und soll nie „abgeschafft“ werden. Aber die sonntägliche Eucharistiefeier soll nicht davon abhängen, ob ein zölibatär lebender Priester vorhanden ist. Jede Gemeinde hat ein Recht auf die Eucharistiefeier am Tag des Herrn und zudem hat Jesus im obigen Satz nicht einen guten Rat erteilt, sondern einen unmissverständlichen Befehl gegeben. Das kommt im griechischen Urtext der angeführten Bibelstellen ganz klar zum Ausdruck. Nicht Erwägungen für oder gegen den Zölibat, sondern genau dieser Auftrag, dieser Befehl Jesu muss der Ausgangspunkt jeder Diskussion über die Zulassungsbedingungen sein.

Erwartungen setzen wir auch in Papst Franziskus im Zusammenhang mit der Stellung der Frau in der Kirche. Es ist einfach unzulässig, dass im einundzwanzigsten Jahrhundert Frauen in der Kirche immer noch zurückgesetzt werden, wenn es um Leitungsfunktionen oder Mitverantwortung geht. Vor ein paar Wochen hat Papst Franziskus verfügt, den Gedenktag der Heiligen Maria Magdalena am 22. Juli zum liturgischen Fest zu erheben.

Er will damit diese Frau, von der uns die Evangelien berichten, „rehabilitieren“ und den Aposteln gleichstellen. Eigentlich nichts Neues, denn schon Thomas von Aquin (1225-1274) bezeichnete die Frau aus Magdala, die als erste die Auferstehung Jesu verkündete, als „Apostolin der Apostel“. Ich hoffe, dass die Kommission, die die Möglichkeit der Weihe von Frauen zu Diakoninnen studiert, endlich darauf kommt, welchen Stellenwert Frauen tatsächlich in der Urkirche eingenommen haben.

Ein Satz zum Staudammprojekt Belo Monte – ein verlorener Kampf?

Bischof Erwin:

Immer wieder werde ich gefragt, ob ich nicht total enttäuscht, frustriert sei und nicht endgültig aufgeben wolle, weil Belo Monte nun trotz aller Gegenkampagnen und Demos gebaut wurde. Es gibt Leute, die meinen, die Entscheidung der Regierung Belo Monte zu bauen sei für mich der endgültige Knock-out gewesen. Ich fühle mich aber absolut nicht als „Besiegter“, als „Verlierer“.

Als Bischof habe ich getan, was ich tun musste. Meinen Einsatz habe ich nie von einem schon im Vorfeld garantierten Erfolg, von der Gewissheit eines Sieges abhängig gemacht. Als Bischof kann ich nicht zunächst eine Input-Output-Analyse erstellen und erst dann etwas zu tun, wenn der Erfolg gesichert ist. Ein Wort von Mahatma Gandhi hat mich stets beeindruckt: „Das Ziel weicht ständig vor uns zurück. Genugtuung liegt im Einsatz, nicht im Erreichen. Ganzer Einsatz ist ganzer Erfolg“.

Übrigens, der Tod Jesu am Kreuz ist auf den ersten Blick ein untrüglicher Beleg für den totalen Misserfolg seiner Sendung. Und dennoch ging vom Kreuz die größte Revolution aller Zeiten aus, die bis heute andauert.

Waldbrandrodung und Demonstration gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen indigener Völker am Rio Xingu
Waldbrandrodung und Demonstration gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen indigener Völker am Rio Xingu

Die Katholikenzahlen gehen auch in Memmingen deutlich zurück – allein in den vergangenen fünf Jahren um etwa fünf Prozent. Wir machen uns Sorgen. Was sollen wir tun?

Bischof Erwin:

Ich möchte keine Rezepte schreiben nach der Formel: „Man nehme“ oder „Man möge dies oder jenes tun oder veranlassen“. Noch schlimmer finde ich, etwa „Schuldige“ an diesem Rückgang der Kirchenbesucher identifizieren zu wollen und dabei auch gleich einmal bei der Amtskirche zu beginnen. Das Wort „Amtskirche“ allein ist schon verwirrend.

Es gibt nur eine Kirche und in dieser Kirche gibt es nun einmal Menschen, die für einen besonderen Dienst erwählt oder geweiht wurden. Es gibt aber keine anordnende und eine ausführende Kirche. Laien sind keine Konsumenten dessen, was sie von der kirchlichen Obrigkeit vorgesetzt bekommen. Als getaufte und gefirmte Christinnen und Christen sind alle mitverantwortlich für die Kirche.

Statistiken sind wichtig. Und dennoch, in unserem Zusammenhang, sollten sie nicht überstrapaziert werden. Die religiöse Dimension der Menschen lässt sich nämlich nicht statistisch bewerten. Ob jemand nun tatsächlich Katholik ist, darf auch nicht vom Kirchenbeitrag abgeleitet werden. Es ist wahr, dass in den vergangenen Jahrzehnten viele Menschen aus der Kirche ausgetreten sind. Die Frage ist nur, ob sie auch innerlich von der Kirche total Abschied genommen haben. Statistiken geben darüber eben keine Auskunft.

Zweifellos sind die Kirchenbesucher weniger geworden, aber die Menschen, die heute am Sonntagsgottesdienst teilnehmen, tun das gewiss bewusster als dies bei früheren Generationen der Fall war.

Noch vor wenigen Jahrzehnten gehörte es einfach zum traditionell guten Ton, am Sonntag in die Kirche und nachher zum Frühschoppen ins Wirtshaus zu gehen.

Ich habe eingangs gesagt: Wir müssen die Menschen dort abholen, wo sie sind! Vielleicht sind gerade in unserer hektischen Welt Feiern anlässlich von Wendepunkten im Leben von Familien eine besondere Gelegenheit seelsorglicher Begegnung mit Menschen, die sonst nie da sind. Vielleicht können wir gerade bei solchen Gelegenheiten ihr persönliches religiöses Empfinden ansprechen und sie kirchliche Gemeinschaft erleben lassen.

Ich denke auch, dass heute eine eher familiäre Seelsorge gefordert ist. Erfahrungen, die wir in Brasilien machen, sind vielleicht ein kleiner Denkanstoß. Sicher gibt es in Deutschland viele Gottesdienstbesucher, die bereit wären an einem Wochentag ein paar befreundete und bekannte Familien zu einem Abend der Besinnung, Meditation und anschließender Eucharistiefeier einzuladen. Ein solcher Abend könnte dann auch in einem gemütlichen Beisammensein ausklingen.

Auf eine solche Weise kann kirchliche Gemeinschaft ganz persönlich und intensiv erfahren werden. Leute sind bei solchen Gelegenheiten viel ansprechbarer, offener und können sich auch selbst einbringen.

Massenveranstaltungen haben bestimmt viel Gutes an sich und begeistern insbesondere junge Leute, wie wir es unlängst in Krakau wieder gesehen haben. Aber Eucharistiefeiern und Meditationsabende in kleinen familiären „Basisgemeinden“ haben auf alle Fälle eine nachhaltigere Wirkung.

Lassen wir uns nicht von der Sorge um die Zukunft unserer Kirche lähmen! Sie wird die Krisen unserer Zeit überdauern. Wenn wir auch weniger geworden sind, ist das noch lange kein Grund, mutlos zu werden. Jesus selbst hat am Abend vor seinem Leiden uns allen zugerufen: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis, aber habt Mut, ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16,33).

Und vergessen wir auf keinen Fall seine Worte von der kleinen Herde: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn es hat eurem Vater gefallen, euch das Reich zu geben“ (Lk 12, 32).

Altamira, 1. August 2016

Bischof Erwin Kräutler

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Programm zur Verleihung des Memminger Freiheitspreises 1525

Fr, 23.09.2016

19:00 Uhr Vortrag von Prof. Dr. Hans Maier: Romano Guardini und das „Memminger Triduum“. Eine Erinnerung an 1945, Ort: Sankt Johann Baptist.

Sa, 24.09.2016

18:00 Uhr „Count Down am Xingu V“. Der Dokumentarfilm aus dem Jahr 2016 zeigt den Kampf gegen Megastaudämme und Korruption in Brasilien und nicht zuletzt den Einsatz von Bischof Kräutler gegen die Entrechtung der Menschen im Amazonasgebiet. Im Anschluss Möglichkeit zum Gespräch mit Regisseur Martin Keßler. Ort: Kaminwerk Kulturzentrum Memmingen. Eintritt: 6 Euro

So, 25.09.2016

15:30 Uhr Öffentliche Preisverleihung auf dem Memminger Marktplatz, bei schlechtem Wetter in Sankt Josef. Laudator: Evang.-luth. Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender Prof. Dr. Bedford-Strohm

Mitwirkende: Szenische Darbietung „Zwölf Bauernartikel“, Allgäuer Bauernchor, Bläserchor St. Martin, Stadtkapelle Memmingen, Tanzgruppe des Bernhard-Strigel-Gymnasiums.

Kuratorium: Herbert Müller MdL a.D., Moderation: Dekane Christoph Schieder und Ludwig Waldmüller.

Alle Bürgerinnen und Bürger sind herzlich eingeladen!

19:00 Uhr Eucharistiefeier mit Bischof Erwin Kräutler in Sankt Josef.

20:00 Uhr „Meine Freiheit – Deine Freiheit. Hat Freiheit einen Preis?“ Begegnungsabend mit Bischof Erwin im Pfarrsaal von Sankt Josef

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