Sind geklonte Menschen nicht auch Menschen?

11. Oktober 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Ist eine der Fragen, die das Landestheater Schwaben stellt in der deutschen Erstaufführung von Kazuo Ishiguros Roman ALLES, WAS WIR GEBEN MUSSTEN, dessen Premiere am vergangenen Samstag gefeiert wurde. Doch das berührende Stück über menschliche Klone, das vor dem Hintergrund eines Elite-Internats im England des 20. Jahrhunderts spielt, wirft noch weitere, tiefgehende und existentielle Fragen auf, die unser Mensch-Sein betreffen.

Was fange ich mit meinem Leben an? Wie nutze ich die Zeit, die ich hier verbringe?

Das erste Mal, an dem man sich diese und ähnliche Fragen stellt ist sicher die Phase des Erwachsenwerdens. So auch Tommy, Ruth und Kathy im Elite-Internat Hailsham.

Alles was wir geben mussten, landestheater Schwaben, Memmingen, 11.10.2016

Wie konnte also für dieses Stück ein besserer Moment gewählt werden als der von Schülern, die zu Jugendlichen reifen und ganz allmählich ihr Leben bewusst wahrnehmen? Die beginnen, Entscheidungen zu fällen über das, was sie mit ihrem Leben beginnen möchten. Jugendliche, die ihre Sexualität entdecken und sich fragen, was Glücklich-Sein wohl bedeutet, mit wem sie zusammen sein wollen und warum. Eine Phase, in der man beginnt, Zukunftspläne zu schmieden und sich sein Leben einzurichten.

„Ja, Misses Winworth“ * ertönt es als Antwort auf die strenge Schulleiterin von den gehorsamen Schülern, stimmlich und auch auf der Bühne unterstützt durch Schüler der Theatergruppe des Marianums in Buxheim, die sich einmal auf der Empore, dann im Parterre seitlich gruppieren, oder Teil des Hintergrundes werden. Doch nachts und abends und unter sich tauschen sich die heranwachsenden drei Freunde aus, fragen und entdecken.

Genau in dieser Zeit wird den drei Freunden Tommy, Ruth und Kathy eines Tages offenbart, dass Sie Klone sind und eigentlich erschaffen wurden als eine Art menschliches Ersatzteillager, als lebende Organspender. Dass Ihre Zeit auf dieser Welt beschränkt ist und ihr Schicksal unausweichlich vorbestimmt.

Ein Thema, das noch immer futuristisch klingt, jedoch bereits konkrete Namen hat: Reproduktionsmedizin, wissenschaftliche Hybris, biotechnologischer Fortschritt. Wir sind auf dem besten Wege dorthin, allerhöchste Zeit also, uns Gedanken zu machen:

Was ist an einem Klon anders, als an anderen Menschen? Was macht das Mensch-Sein aus? Was ist es wert? Und wie weit können wir gehen im Namen der Wissenschaft und des medizinischen Fortschrittes?

Alles was wir geben mussten, landestheater Schwaben, Memmingen, 11.10.2016

Alles was wir geben mussten, landestheater Schwaben, Memmingen, 11.10.2016

Die drei Freunde erfahren von der Schulleiterin und von anderen Klonen, dass sie eines Tages abgeholt werden und erst ein Organ spenden müssen, dann bei einer zweiten OP ein zweites, und die ganz ausgezeichneten Klone schaffen es bis zu vier Organen bis zu ihrer „Vollendung“…

Was würden Sie tun? Würden Sie loslassen können und Ihr Schicksal annehmen? Oder würden Sie schreien, weinen, wegrennen, kämpfen? Um am Ende vielleicht sagen zu müssen „Ich habe das Gefühl, nicht genug Zeit gehabt zu haben“?

All dies versuchen auch unsere Klone, um sich am Ende ihrem Schicksal hinzugeben, jeden Moment als Geschenk wahrzunehmen, und uns mit einer verletzlichen Zartheit zu konfrontieren, die durch Mark und Bein geht.
Und, um uns mit den gleichen Fragen zu entlassen, denen sie sich so komprimiert stellen mussten: Was fange ich mit meiner Zeit an, die ich zur Verfügung habe? Was macht den Menschen aus? Und was ist der einzelne Mensch wert?

Alles was wir geben mussten, landestheater Schwaben, Memmingen, 11.10.2016

Regie: Thomas Ladwig
Bühne und Kostüme: Ulrich Leitner
Dramaturgie: Kathrin Mädler

* Der Name der Schulleiterin ist erfunden.

Fotos (DarstellerInnen von li. nach re.):
Foto 1 (und Titelbild): Regina Vogel, Rudy Orlovius, Miriam Haltmeier
Foto 7: Rudy Orlovius, Regina Vogel, Anke Fonferek, Miriam Haltmeier
Foto 5: Miriam Haltmeier, Statisten
Foto 3: Claudia Frost, Anke Fonferek, Miriam Haltmeier, Rudy Orlovius

Fotocredit: © Monika Forster

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kostenlosen Newsletter abonnieren!

Verpassen Sie keine neuen Termine, Stellenangebote und Kleinanzeigen mehr. Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter-Service noch heute!

Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtfeld)

Bitte beachten Sie die Datenschutzbestimmungen. Sie können den Newsletter in der Newsletter E-Mail abbestellen.