Perspektivenwechsel

18. Oktober 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Mit dem Stück KRIEG. STELL DIR VOR, ER WÄRE HIER nimmt uns das Landestheater Schwaben mit auf eine ungewollte Flucht in ein unbekanntes Land mit unbekannten Folgen. Nicht ohne Humor, vor allem aber mit sehr viel Einfühlungsvermögen ermöglicht uns dieses Stück, einmal die eigene Perspektive komplett umzudrehen und selbst zum Flüchtenden zu werden.

KRIEG. STELL DIR VOR, ER WÄRE HIER, nach dem Jugendbuch von Janne Teller, stellt uns die Frage: Was wäre, wenn unser System der europäischen Demokratien auseinanderbräche, brutale Massenvertreibungen an der Tagesordnung wären und uns zum nackten Überleben kein anderer Ausweg bliebe als die Flucht?

Doch wohin flüchten?, stellt sich uns gleich als nächste Frage. Vielleicht in den Nahen Osten oder nach Afrika? Wie komme ich dort hin? Und was antworte ich, wenn ich von skrupellosen Schleppern, Menschenhändlern und Schleusern gefragt werde: „Wie viel ist Dir Dein Leben wert und wie viel kannst Du dafür bezahlen?“

KRIEG. STELL DIR VOR, ER WÄRE HIER, Landestheater Schwaben, 16.10.2016

Was nehme ich mit, wenn ich von Schleusern, Schleppern, Menschenhändlern aufgefordert werde, nur diesen kleinen Rucksack mitzunehmen und außer etwas Kleidung zum Wechseln nur einen Gegenstand mitnehmen dürfte? Einen einzigen?

„Du! Was nimmst du mit?“ fragen uns die Darsteller Jan Arne Looss und Sandro Šutalo, die uns – einmal nicht Zuschauer, sondern Beteiligte, Betroffene – quer durch das Haus des Theaters schleusen, Treppen rauf, Treppen runter, durch den Keller, in dem wir uns verstecken müssen vor den Bombenangriffen – Wie leise kannst du atmen, wenn du dich versteckst? – in dem wir Schutz suchen, weil das Dach unseres Hauses zerstört wurde, es hineinregnet und keine Heizung mehr funktioniert. Mit einer Mutter, die an Bronchitis leidet und von der der Doktor sagt, sie würde es im feuchten Keller nicht lange aushalten, bevor sie Lungenentzündung bekäme…

Die gleiche Mutter – deine Mutter – fordert dich, ihren einzigen Sohn, ihre geliebte Tochter auf, zu fliehen vor all dem, dich in Sicherheit zu bringen. Während eine andere Mutter ihr vermisstes Kind sucht…

KRIEG. STELL DIR VOR, ER WÄRE HIER, Landestheater Schwaben, 16.10.2016

Durch einen beeindruckenden Schlagabtausch der beiden Akteure werden wir offen ins Gesicht gefragt: Welche Mutter setzt ihr Kind in ein Boot, wenn das Boot nicht die bessere Option darstellt als das Land, in dem Krieg und Hunger regiert? Wer verlässt seine Heimat, wenn nicht, weil seine Heimat ihn weggejagt hat? Wer verkauft, verschenkt, lässt alles zurück, außer dem, dem es um pures Überleben geht? Wer setzt sich den Erniedrigungen und den Strapazen einer Flucht aus, außer jemand, der in seinem Land keine Überlebensperspektive hat?

Stell dir vor, du würdest auch das schaffen und endlich in einem Flüchtlingslager ankommen – wir stehen in einem Zelt, in irgendeinem Zwischengeschoß des Hauses, durch die vielen Treppen und Wege von A nach B nach C haben wir längst die Orientierung verloren, wo wir uns eigentlich befinden – und zuerst freust du dich: Endlich etwas zu essen, endlich eine warme Decke, endlich nicht mehr frieren. Doch dann – ein Akteur liegt auf dem Boden und atmet schwer und auch du bekommst kaum mehr Luft in dem engen Zelt, willst raus.

Aber du darfst nicht weg. Du verstehst die Sprache nicht, es werden dir Fragen gestellt. „Bist du ein richtiger Flüchtling? Bist du wirklich ein richtiger Flüchtling?“

Dann wird dir erklärt, dass du Anträge ausfüllen musst, du warten musst. Endlich, so erfährst du, wird dein Antrag angenommen – befristet. Du wirst dir bewusst, dass Sicherheit noch weit weg ist.

KRIEG. STELL DIR VOR, ER WÄRE HIER, Landestheater Schwaben, 16.10.2016

Du schaffst es – Dein Antrag wird angenommen und du machst erste Schritte – nach draußen. Was aber, wenn du dort als Migrant auf massive Fremdenfeindlichkeit und Ablehnung stößt? Und: Bist du bereit auch als Straßenkehrer zu arbeiten oder Kuchen auf der Straße zu verkaufen, obwohl du vielleicht einmal Medizin studieren wolltest? Oder merkst, dass du nach zwei Jahren Flucht, Flüchtlingslager, Warten und traumatischen Erlebnissen den Zug zu einer Ausbildung verpasst hast? Und dir klar wird, dass es kein Zurück gibt?

Mit einem einfachen Perspektivenwechsel wird der Zuschauer zum Betroffenen, zu einem von weltweit über 60 Millionen Flüchtlingen, die sich genötigt sehen, ihre Heimat zu verlassen. KRIEG ist ein aufrüttelndes, eindringliches Gedankenexperiment der vielfach ausgezeichneten Autorin von „Nichts. Was im Leben wichtig ist.“ Hier zu einem Stück am Landestheater Schwaben verarbeitet, in dem wir eindrucksvoll inszeniert von Christina Gegenbauer auf einer dynamischen, erlebnisnahen Bühne von Isabell Wibbeke das Schicksal dieser Menschen teilen, unterstützt durch eine berührende Dramaturgie von Anne Verena Freybott und umgesetzt von zwei Akteuren, die nicht ohne Humor, jedoch mit viel Sensibilität uns mit auf die Flucht nehmen.

Doch bevor das Licht ausgeht, stellen sich die beiden Akteure, die es geschafft haben, sich nach Jahren eine neue, bescheidene Existenz aufzubauen und eine Familie gegründet haben in der neuen „Heimat“ noch eine letzte Frage: „Vielleicht kann ich ja schon bald wieder nach Hause gehen“, sagt der eine. „Nach Hause?“ fragt der andere. Eine Frage, die sich nur allmählich in der Dunkelheit verliert…

Die einzige weitere öffentliche Aufführung ist übrigens am 05.11.2016 um 20:00 UHR. Möglicherweise werden noch weitere angeboten, im Falle werden diese auf www.landestheater-schwaben.de. angekündigt.

Fotos:

Fotos 1-3 (und Titelbild): © Forster

Foto 4: aus eigener Quelle

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