Wie wirkt sich die EU auf Ihr Unternehmen aus?

27. Oktober 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Diese Frage war der Titel einer schulübergreifenden Veranstaltung, zu der das Europabüro der Stadt Memmingen unter der Leitung von Alexandra Störl am gestrigen Mittwoch in die FOS/BOS Memmingen einlud.

Über die Auswirkungen der EU auf die Unternehmen vor Ort referierten Harald Post, Vorstandsmitglied der Sparkasse MM-LI-MN und Renato Ramella, Vertriebsleiter für Europa und Nordafrika der Goldhofer AG.

Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger wies in seiner kurzen Begrüßung auf die EU-Krise hin, in der wir uns momentan befinden und betonte daher die Wichtigkeit, sich mit dem Thema EU auseinanderzusetzen. Vor allem die Vertreter der Wirtschaft stünden durch den Binnenhandel in Europa in enger Beziehung zu den direkten Auswirkungen jeglicher Veränderung auf EU-Ebene.

Aus Sicht der Banken

„Es gibt kaum einen Wirtschaftszweig, der im Zuge der EU so weiterentwickelt wurde wie die Finanzbranche“, so Harald Post, Vorstandsmitglied der Sparkasse MM-LI-MN vor etwa 320 Schülerinnen und Schülern des Vöhlin-Gymnasiums, der FOS/BOS, der Johann-Bierwirth-Schule, des BBZ, des Marianums Buxheim, sowie AZUBIs der Goldhofer AG, der Firma Magnet Schultz und der Stadtverwaltung Memmingen.

Für die Geschichte der Euro-Zone nennt er als einschneidendes Ereignis die Finanzkrise um 2007-2008, die als eine globale Banken- und Finanzkrise vor allem mit einer US-Immobilienkrise begann und die „Immobilienblase“ zum Platzen brachte. Der Zusammenbruch der US-amerikanischen Großbank Lehman Brothers 2008 veranlasste im Anschluss mehrere Staaten, die Existenz großer Finanzdienstleister durch enorme Kapitalerhöhungen vor allem durch staatliches Fremdkapital zu sichern.

Wie wirkt sich EU auf Unternehmen aus, Memmingen, 26.10.2016

Auf EU- und deutscher Ebene war damals  klar, dass es nicht angehe, dass durch Fehlentscheidungen innerhalb eines Unternehmens der Staat mit Finanzhilfen retten muss, denn damit sei indirekt auch der Steuerzahler herangezogen worden.

In der Folge wurden durch die „Basel III“ – Beschlüsse zusätzliche Regelungen und die Überwachung beim Internationalen Zahlungsausgleich zur Regulierung von Banken getroffen. („Basel III“ formuliert Vorschriften des „Basler Ausschusses der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich“ (BIZ) zur Regulierung von Banken).

Diese Regelungen beinhalten auch, dass die Substanz von Unternehmen bei der Vergabe von Krediten mehr unter die Lupe genommen wird und mehr Eigenkapital gefordert wird. Von bisher 8 % werden künftig 13 % Eigenkapital neben zusätzlichen, auch individuellen Bedingungen eingefordert. Vor allem aber bewirken diese neuen Regulierungen, dass bei der Abwicklung (Insolvenz) von großen Banken oder Finanzdienstleistern die Auswirkungen vom EU-Abwicklungsfond aufgefangen werden, ohne diese Belastung auf dem Rücken von Staat und Steuerzahler auszutragen, wie es bei der letzten Finanzkrise eben der Fall war.

Sicher eine gute Regelung für die Allgemeinheit, doch weist Harald Post auch darauf hin, dass dies für „kleine“ Banken und Kreditinstitute im Gegensatz zu Aktien-Gesellschaften eine große wirtschaftliche Belastung darstelle, da auch sie in diesen Fond einzahlen müssen, jedoch im Gegensatz zu den Aktiengesellschaften ihre Gewinne nicht über die Ausgabe von Aktien steigern können und zudem bereits über einen eigenen Sicherungsfond verfügten.

Kaum jedoch war der EU-Sicherungsfond eingeführt, habe die Forderung einer grenzüberschreitenden Haftung heftige Diskussionen ausgelöst. Dabei geht es um die Frage, ob auch andere EU-Länder es finanziell mittragen sollen, wenn in EU-Land X eine Bank insolvent wird. Die Sparkasse vertrete die Ansicht, deutsche Unternehmen sollten keine Haftung für andere Länder tragen müssen. Präsident des Sparkassenverbands Bayern Dr. Ulrich Netzer habe sich daher dafür ausgesprochen, diese Regelung anzupassen.

Für kleine Banken sei der Aufwand im Zuge dieser Regulierungen beachtlich, zudem haben sie zu kämpfen mit einer „EU-Regelungswut“. Am Beispiel der Wohnimmobilienrichtlinie, bei der Deutschland nicht von den Offenlegungsklauseln Gebrauch gemacht habe, im Ausland aber umgesetzt wurde und sich nun vor allem bei Geschäften mit Auslandskunden bemerkbar mache, zeigte Harald Post auf, dass es dabei nicht allein um die EU-Regelungswut ginge, sondern auch um die Umsetzung der Regierung dieser Regelwerke.

Als weitere negative Auswirkungen der EU für sie nannte Harald Post die unverhältnismäßig gestiegene Dokumentierpflicht: Mit 200-Blatt starken Vertragspapieren haben sich bereits viele Kunden von ihren geplanten Vorhaben zurückgezogen. Der deutsche Gesetzgeber sei hier über das Ziel hinausgeschossen, was sich auch auf jüngere und ältere Kreditnehmer negativ auswirke: Durch übermäßige Detailregelungen und deren mögliche Auslegungen stiegen die Probleme bei der Kreditvergabe proportional.

Die SEPA-Migrationsverordnung, die den europäischen Zahlungsverkehr nun mit der IBAN-Nummer regelt, beschrieb Harald Post ebenfalls als einen großen zusätzlichen Aufwand für die Banken, vor allem bei der Umstellung. Für die, die jedoch bereits vorher mit Geschäftsverkehr innerhalb der EU zu tun hatten, war diese Anpassung längst überfällig, denn seither werden Zahlungstransaktionen zu identischen Kosten und Auszahlungspflichten im gesamten EU-Raum abgewickelt.

Natürlich kamen hier auch die Auswirkungen der einheitlichen Währung zur Sprache: Während für die Banken die Erträge aus Auslandgeschäften und dem Sortengeschäft (Geldwechsel) wegbrachen neben einem massiven Projektaufwand bei der Einführung der neuen Währung Euro, eröffnete sich für die EU-Reisenden, sei es geschäftlich oder privat, eine größere Welt, in der sie problemlos reisen können, keine Verluste mehr beim Geldwechsel einstecken müssen und Preise direkter vergleichen können.

Doch durch die Europäische Währungsunion verlor die Bundesbank auch ihre Rechtsmacht zur Festlegung der Leitzinsen an die Europäische Zentralbank, die seit 1999 für die Bestimmung der Leitzinsen zuständig ist. Der Leitzins bestimmt, zu welchem Preis sich die angeschlossenen Geschäftsbanken bei der EZB Geld leihen und dieses dort anlegen können, was sich sowohl auf den Geldmarkt als auch auf die Volkswirtschaften auswirkt.

Fallen die Zinsen, dann freuen sich Kreditnehmer, auf der anderen Seite ärgern sich die Sparer. Generell bedeute dies, dass sich bei niedrigen Zinssätzen mehr Kunden Geld leihen können. Dieses Geld fließt durch Einkäufe zurück in die Wirtschaft, die weiter wächst und damit die Inflation vorantreibt. Da gleichzeitig Sparer weniger Zinsen erhalten, werden diese tendenziell mehr Geld ausgeben.

Was die EZB mit einem Leitzins von momentan 0 % bewirken möchte ist, die Wirtschaft anzukurbeln und für mehr Inflation zu sorgen. Damit verbunden wurde der Strafzins für Geschäftsbanken nochmals verschärft auf minus 0,4 %. Für die Geldinstitute wurde es dadurch noch teurer, wenn sie überschüssige Gelder bei der Notenbank parken müssen.

In Zahlen: 1 Bio Euro lägen heute als Einlagen auf der EZB, was bedeutet, dass Banken, Sparkassen und andere Geldinstitute zusammen jährlich 4 Mio Euro an Strafzins bezahlen müssen. Eine Situation, so Harald Post, die noch nie da gewesen ist und viel Anlass zur Diskussion gebe.

Wie wirkt sich EU auf Unternehmen aus, Memmingen, 26.10.2016

Die Sicht der Wirtschaft

Renato Ramella, Vertriebsleiter für Europa und Nordafrika der Goldhofer AG stellte den Zuhörern zunächst die vier Segmente vor, für welche die Goldhofer AG Spezialfahrzeuge produziert und weltweit verkauft: Anhänger, Sattelanhänger, Schwerlastmodule und Flugzeugschlepper. Ihr Absatz innerhalb der EU macht 45 % aus, außerhalb der EU dementsprechend 55 %, was bereits aussagt, wie wichtig für eine Firma wie Goldhofer der europäische Binnenmarkt ist.

Wie hat die Goldhofer AG vom Binnenmarkt profitiert?

Durch die Etablierung der Euro-Zone können sich Personen, Waren und Dienstleistungen frei innerhalb dieser Zone bewegen.

Der Nutzen liegt auf der Hand: In einem Binnenmarkt gibt es keine Währungsrisiken, ein freier Zahlungs- und Kapitalverkehr wird ermöglicht, deren Bedingungen geregelt sind, Zollgrenzen und – gebühren wurden damit abgeschafft. Zudem ergab sich eine Harmonisierung technischer Normen und Zertifizierungen, wie auch Planungssicherheit für die Unternehmen und zu guter Letzt weniger Bürokratie und damit verbundene Kosten.

In kurzen Worten haben europäische Firmen heute problemlosen Zugang zum welweit größten Binnenmarkt, in dem sie ebenso problemlos Geschäfte betreiben können. Aus ökonomischer Sicht sei das Fallen dieser Handelsschranken gut, da größere Unternehmen „Marktanteile kleinerer Firmen übernehmen können“, sich ein schärferer Wettbewerb entwickelt und dadurch die Preise auf einem geringeren Niveau halten.

Als Nachteile nennt Renato Ramella die „Konvergenzkosten“, d.h. eine Annäherung der Kosten an die Kosten schwächerer Länder. Ein weiteres Problem sei die vergleichsweise extreme wirtschaftliche Stärke Deutschlands innerhalb der EU-Gruppe: Das Ungleichgewicht innerhalb der Euro-Zone wird immer größer und damit die Instabilität der Währungsunion.

Für ein Unternehmen wie die Goldhofer AG, so Renato Ramella abschließend, habe der Euro und der offene Binnenmarkt zu großem Wachstum geführt und er hofft, dass sie diesen Euro-Raum weiterhin so leben können.

Wie wirkt sich EU auf Unternehmen aus, Memmingen, 26.10.2016

Auf Ermunterung von Edwin Kunz, Schulleiter der FOS/BOS Memmingen wurden im Anschluss noch einige interessante Fragen von Schülern gestellt:

  • Zum Thema Strafzins:

Muss nun auch der kleine Einleger bereits mit Strafzinsen rechnen? Fragt ein Schüler.

Harald Post antwortet darauf: „Stand heute: nein.“ Und sie, die Sparkasse, werde dies auch „so lange vermeiden, wie es vermieden werden kann.“

  • Thema BREXIT:

Hat der BREXIT auf das Unternehmen Goldhofer Auswirkungen gehabt?, fragt ein weiterer Schüler.

Renato Ramella antwortete darauf, bisher habe es auf sie keine Auswirkungen gehabt. Vor allem bei Großgeschäften müsse man jetzt jedoch mit Auswirkungen rechnen, denn aus britischer Sicht müsse nun in Euro bezahlt werden. Große Projekte seien daher bei vielen Firmen momentan „on hold“ und unsicher. Daher sehen auch sie im Moment den Markt Großbritannien als kritisch an. Zudem wisse man noch nicht, ob nun in Großbritannien die harte Linie gefahren wird, oder wie sich der Brexit langfristig auswirke.

  • Thema CETA:

Eine Schülerin fragte, wie sie der CETA gegenüberstehen. Renato Ramella sagte dazu klar, dass es für sie als Unternehmer grundsätzlich gut ist, wenn Handelsbarrieren wegfielen.

Alexandra Störl, Leiterin des Europabüros dankte den Referenten für ihre Ausführungen und den Schülern für ihr Kommen. „Wir haben heute viele Vorteile der EU gehört“, so Alexandra Störl, „und sicher ebenso viele Gründe gefunden, dafür zu kämpfen“.

Wie wirkt sich EU auf Unternehmen aus, Memmingen, 26.10.2016

Infos über das Europa Büro Memmingen

Europa, besonders die Europäische Union, gewinnt auf kommunaler Ebene immer mehr an Bedeutung. Beispielsweise durch die europäische Gesetzgebung, die sich in erheblichem Umfang direkt oder indirekt auf die Kommunen auswirkt.

Dem Oberzentrum Memmingen ist es daher ein besonderes Anliegen, die Entwicklungen auf europäischer Ebene aufmerksam zu verfolgen und auf ihre Bedeutung für die Stadt hin zu überprüfen; denn nur wer frühzeitig über Informationen verfügt, kann sich auch richtig positionieren und angemessen handeln. Aufgrund des starken europäischen Engagements der Stadt Memmingen, zeichnete die Europäische Kommission das Europabüro Memmingen als „assoziierten Partner des Europe direct“ Netzes aus. Das Europe Direct Informationszentrum Memmingen gehört zum Europe Direct-Netzwerk und ist für die Bürgerschaft vor Ort und in der Umgebung zuständig. In ganz Deutschland gibt es insgesamt 59 solcher Europe Direct Informationszentren. Europaweit sind es rund 480. Alle Europe Direct Informationszentren sind zusammengeschlossen im Europe Direct Netzwerk.

Die Europe Direct Informationszentren dienen auf lokaler Ebene als Verbindung zwischen den Bürgerinnen und Bürgern und den Institutionen der EU.

Interessierte haben damit vor Ort die Möglichkeit, Informationen rund um die Europäische Union bequem und auf kurzen Wegen zu erhalten. Die Europe Direct Informationszentren werden von den Kommunen getragen und werden aus dem Haushalt der Europäischen Union gefördert.

Das Europabüro Memmingen informiert Sie über

  • unsere Arbeitsschwerpunkte
  • Wissenswertes im Zusammenhang mit Europa und der EU
  • direkte Antworten auf Ihre allgemeinen Fragen zu EU-Themen oder Hinweise auf weitere Informationsquellen
  • Adressen von Einrichtungen, die Sie ggf. kontaktieren können
  • Antworten auf Ihre Fragen zu den politischen Aktivitäten der Europäischen Union
  • vielfältige praktische Hinweise beispielsweise zur Anerkennung von Berufsabschlüssen

Fragen zu Europa? Kontaktieren Sie Europe Direct!

Wir helfen Ihnen gerne vor Ort im Europe Direct Informationszentrum Memmingen weiter.

Rufen Sie uns an, schreiben Sie uns eine E-Mail oder kommen Sie vorbei!

Darüber hinaus haben Sie die Möglichkeit, sich an die „Zentrale“ des Europe Direct-Netzwerkes, das so genannte Kontaktzentrum, zu wenden.

Sie erreichen das Kontaktzentrum von Montag bis Freitag von 9:00 Uhr bis 18:30 Uhr europaweit unter der gebührenfreien Rufnummer: 00 800 6 7 8 9 10 11. Oder im Internet unter: www.ec.europa.eu.

Siehe auch unter: www.memmingen.de.

Fotos:

Foto 1: Etwa 320 Schülerinnen, Schüler und AZUBIs nahmen an dieser schulübergreifenden Veranstaltung teil.
Bild 2 : (Foto links:) Renato Ramella, Vertriebsleiter für Europa und Nordafrika der Goldhofer AG, (Foto rechts:) Harald Post, Vorstandsmitglied der Sparkasse MM-LI-MN.
Foto 3: (v. li.): Harald Post, Renato Ramella, Edwin Kunz, Schulleiter der FOS/BOS Memmingen
Foto 4 und Titelbild: Die AZUBIs der Goldhofer AG zusammen mit Renato Ramella.

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