Die Stadt Memmingen erhält den Titel „Reformationsstadt Europas“

31. Oktober 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Die Evangelisch-Lutherische Kirche feiert heute den Reformationstag. In diesem Jahr wird mit dem Reformationstag ein weiteres besonderes Ereignis gefeiert: Die Stadt Memmingen erhält den Titel „Reformationsstadt Europas“, der im Anschluss an den Gottesdienst bei einem Stehempfang im Rathaus Memmingen verliehen wird.

Die Stadt Memmingen und die Kirchengemeinde St. Martin laden ein zum Gottesdienst am heutigen Reformationstag, 31. Oktober um 19 Uhr in die Kinderlehrkirche Memmingen, Martin-Luther-Platz 6.

Die Predigt hält Professor Dr. Martin Friedrich, Studiensekretär der GEKE (Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa).

Die Reformation in Memmingen – Geschichtliche HIntergünde

Die Reformation in Memmingen begann 1513 mit der Anstellung von Christoph Schappeler an der Vöhlinschen Prädikatur in St. Martin und zog sich bis 1563 hin. In den ersten elf Jahren wurde die Reformation vom Volk vorangetrieben. Im Bauernkrieg wurde die Stadt vom Schwäbischen Bund besetzt und zum Katholizismus zurückgeführt. Danach setzte der Rat der Stadt die Reformation wiederum durch. Zuerst an der Lehre Zwinglis orientiert, bekannte sich die Stadt erst spät zum Protestantismus Luthers.

Wandgemälde am MEWO-Gebäude, Ulmer Straße. Im linken Drittel: Schlüsselfigur der Memminger Reformation Prediger Christoph Schappeler der Vöhlinschen Prädikatur in St. Martin (trägt ein blau-weisses Skript in seiner Hand).
Wandgemälde am MEWO-Gebäude, Ulmer Straße. Im linken Drittel: Schlüsselfigur der Memminger Reformation Prediger Christoph Schappeler der Vöhlinschen Prädikatur in St. Martin (trägt ein blau-weisses Skript in seiner Hand).

Gesellschaftspolitische Zusammenhänge

Wir befinden uns in Memmingen, Ende des 15. Jahrhunderts. Memmingen hatte zu dieser zeit etwa 5000 Einwohner. Die Kirche befand sich wie im gesamten Reich in einem geistlich desolaten Zustand: 5000 Einwohnern standen um das Jahr 1500 zwar 130 Geistliche gegenüber, aber nur wenige von ihnen waren in der Seelsorge eingesetzt.

Die Bevölkerung war in dieser Zeit tief fromm, die Menschen fühlten sich vom Klerus jedoch schlecht betreut: Seelsorge und karitative Aufgaben wurden unzureichend erfüllt, Messen von schlecht ausgebildeten Geistlichen abgehalten. Der Stadtrat mischte sich bereits vor der Reformation des Öfteren in kirchliche Belange ein. Streitigkeiten des Stadtrats mit dem Augustinerkloster und dem Antonierkloster verstärkten dies zusätzlich.

Prädikatur zur Sicherung des Seelenheils

Als neues Mittel für die Sicherung des Seelenheils galt die Prädikatur. 1479 stifteten die Vöhlins eine Prädikatur an der St.-Martins-Kirche. Der Inhaber der Prädikatur sollte wöchentlich mindestens zwei Messen lesen und an Sonn- und Feiertagen mussten weitere Messen gelesen werden.

Die Prädikaturstellen stellten jedoch eine Konkurrenz zu den normalen Pfarrerstellen an der Kirche dar, so dass es zu Streitigkeiten kam. Die Prädikaturinhaber waren meist besser theologisch ausgebildet als die eigentlichen Pfarrer, die dadurch ihre Einflussnahme auf die Bevölkerung gefährdet sahen.

In Memmingen, wo die Hauptpfarrerstelle der Stadtpfarrkirche St. Martin von dem nahe gelegenen Antoniterkloster besetzt wurde, gab es zusätzliche Spannungen. Dem Präzeptor des Klosters wurde immer wieder Unfähigkeit vorgeworfen und die Vernachlässigung seiner seelsorgerischen Tätigkeiten.

Der erste Inhaber der Vöhlinschen Prädikatur, Dr. Jodokus Gay stritt sich schon früh mit dem Rat der Stadt und dem Antoniterkloster und gilt als Wegbereiter für den Reformator Dr. Christoph Schappeler.

Kirche und Bürgerschaft

Bereits seit dem Mittelalter nahm die Bevölkerung immer wieder Einfluss auf das kirchliche Leben innerhalb der Stadtmauern. Die beiden großen Stadtpfarrkirchen St. Martin und Unser Frauen wurden beispielsweise nicht von den jeweiligen Klöstern gebaut, in die sie eingegliedert waren, sondern von der Bürgerschaft.

Für viele Gläubige war die Messfeier ein unverständliches heiliges Schauspiel, dem der Gläubige passiv zusah, zudem war die lateinische Liturgiesprache für die Bürger unverständlich. Eine andere Strömung wollte auch Einfluss auf die kirchlichen Belange gewinnen. Dazu kam, dass Arm und Reich in der Reichsstadt nicht dasselbe Recht zuteil kam.

Die Reformation als Volksbewegung

Im Jahr 1513 stellte die Vöhlinsche Prädikatur den Prediger Christoph Schappeler ein. Der in der freien Reichstadt St. Gallen geborene und nach Memmingen zugewanderte Schappeler bezog gesellschaftskritisch, sowie politisch-theoretisch Stellung und fiel dem Rat der Stadt bereits früh auf, der seine Machtstellung durch ihn beeinträchtigt sah.

Aus der rechtlichen Ungleichheit von Arm und Reich folgerte er, dass sich die Gemeinde durchaus gegen den Rat zur Wehr setzen solle. Schappeler erhielt schnell und viel Zuspruch aus der Bevölkerung und hatte weite Kreise hinter sich, zum Teil sogar aus dem Stadtrat selbst.

Schappelers Predigten wurden immer deutlicher. In seinen Predigten sprach er den Geistlichen jegliche theologischen Kenntnisse ab, zudem seinen die Kirchenrechte und die päpstlichen Dekrete allesamt weltlicher Natur, deshalb müsse man ihnen auch nicht folgen.

Dies stieß bei den immer ärmer werdenden Memminger Bürgern auf offene Ohren, so dass der Ruf nach religiöser Erneuerung lauter wurde, während der aristokratische Teil der Stadtbevölkerung allerdings massiv für den Erhalt des alten Glaubens kämpfte.

In einen Brief an Joachim von Watt bekundete Schappeler große Sympathien für Martin Luther. Auch berichtete er in diesem Schreiben von der Disputation mit Johannes Eck. Inwieweit seine Predigten schon damals von der römisch-katholischen Lehre abwichen, ist nicht feststellbar.

1522 beschwerte sich der Pfarrer der Frauenkirche beim Stadtrat, dass die Stiftungen massiv eingebrochen seien. Der Rat wies diese Klage jedoch zurück, lediglich der Stadtschreiber Ludwig Vogelmann erkannte die Gefahr in Schappelers Predigten.

Der Augsburger Bischof Christoph von Stadion forderte die Stadt auf, dem kaiserlichen Mandat unbedingt Folge zu leisten und gegen die Lutheraner vorzugehen. Schappeler, der für sich die Luft dünner werden sah, wollte wieder zurück nach Zürich gehen, jedoch bat der Rat der Stadt Memmingen Schappeler zu bleiben.

Die Haltung des Rates war in dieser Zeit widersprüchlich: Einerseits legte er Wert auf die Anwesenheit Schappelers und lehnte einen Antrag ab, den Verkauf von Luthers Schriften zu verbieten, andererseits ermahnte er die Bürger zur Heiligenverehrung.

Stadtschreiber Ludwig Vogelmann war über das Abstimmungsergebnis empört. Es folgten die ersten Bilderschändungen und Unruhen und in der Folge hielt Schappeler seine erste lutherische Predigt ab, womit er endgültig mit der alten Lehre und der alten Kirche brach.

Um nicht die Ungnade des Kaisers auf sich zu ziehen, musste der Stadtrat auf diese Predigt hin eingreifen. Doch Schappeler wurde wieder nur gemaßregelt. 1523 zwangen einige Bürger Pfarrer Megerich von der Frauenkirche auf offener Straße, eine Klageschrift entgegenzunehmen, in der Leben und Handeln des Pfarrers gerügt wurde. Diese Schrift erreichte über Umwege den Stadtrat, der die Überbringer vorlud, unter denen sich auch der später noch häufig in das Reformationsgeschehen eingreifende Sebastian Lotzer befand.

Die Personen wurden vom Rat heftig gerügt. Die Lage spitzte sich weiter zu, so dass sich der Stadtrat genötigt sah, an alle Geistlichen in der Stadt ein Schreiben zu senden, in dem sie mahnten, ihre Predigten sanfter zu formulieren, was ihm jedoch nicht gelang.

Der Prediger des Elsbethenklosters trat zur lutherischen Lehre über, verließ aber aus Furcht bald daraufhin die Stadt. 1524 wurde Schappeler aufgefordert, vor dem Augsburger Bischof zu erscheinen, was im Stadtrat zu großen und heftigen Auseinandersetzungen führte. Der größte Teil der Mitglieder unterstützte Schappeler jedoch.

In seinem Antwortschreiben bat der Rat um freies Geleit für Schappeler und um die Erlaubnis, dass ihn zwei Ratsherren begleiten dürften. Der Bischof lehnte diese Bitten ab, woraufhin Schappeler nicht beim Bischof erschien und ihm als Folge der Kirchenbann verhängt wurde.

Die Folgen der Memminger Reformation

Die Reformation war seitdem kein reines Memminger Thema mehr. Die Stadtoberen wären nun eigentlich gezwungen gewesen, Schappeler aus der Stadt zu weisen und ihm das Predigen zu verbieten, worüber es in der Ratsversammlung zu großen Flügelkämpfen kam. Mehrfach mussten der altgläubige Bürgermeister Conrater und der fanatisch altgläubige Stadtschreiber Ludwig Vogelmann die Sitzung verlassen.

Doch der Rat entschied, Schappeler nicht aus der Stadt zu verweisen und Schappeler durfte zudem weiterhin als Prediger an St. Martin und am Augustinerinnenkloster wirken. Der Rat hatte damit erstmals eindeutige Stellung zugunsten der Reformation genommen.

Aus einem Schreiben, das kurze Zeit später an den Kaiser gesandt wurde, geht hervor, dass die Meinung des Rates war, dass man nur die Sache des reinen Evangeliums vertrete und der Kaiser ihnen das wohl kaum übelnehmen könnte. Die Messe werde geändert, das Sakrament des Abendmahls Christi werde in beiderlei Gestalt gefeiert. Ansonsten habe man keinerlei Veränderungen vorgenommen, keine Altäre oder Bilder aus den Kirchen entfernt.

Der Rat versuchte so, alles was nicht direkt mit der Theologie zu tun hatte, beim Alten zu belassen und so den Schein zu wahren, um Kaiser und Bischof zu besänftigen und auf der anderen Seite einen Aufruhr in der Stadt zu verhindern. Somit führte der Rat keine eigentliche Reformation durch, sondern handelte so, wie es den Bürgern der Stadt gefiel und bezog diese mit ein.

1524 legte der Stadtschreiber Ludwig Vogelmann sein Amt nieder, weil er die Reformation nicht mittragen konnte und bei der Neuwahl des Bürgermeisters im Jahr 1524 übernahm Hans Keller das Amt von dem altgläubigen Bürgermeister Ludwig Conrater. Die beiden einflussreichsten Ämter der Stadt waren damit an die Neugläubigen gefallen.

Hans Keller war zwar ein Freund der Reformation, jedoch nicht voreilig und aller Überstürzung abgeneigt. Der neue Stadtschreiber Georg Maurer blieb es bis 1548.

Im Jahr 1524 traf die Reformation auch die Klöster der Stadt, was dazu führte, dass immer mehr Nonnen des Elsbethenklosters, später auch des Augustinerklosters, nicht mehr im Kloster bleiben, sondern heiraten wollten.

Bis zu diesem Zeitpunkt war die Reformation, von kleineren Unruhen abgesehen, relativ friedlich verlaufen. Nachdem Schappeler und sein Laiengehilfe Sebastian Lotzer – Schappeler in Predigten, Lotzer in Schriften – die Bürger aufforderten, ihre Freizeit mit Bibelstudium zu verbringen, wuchs seit der Übergabe des Protestschreibens an Pfarrer Mergerich eine starke Anteilnahme der Laien.

1523 veröffentlichte Lotzer eine Schrift mit der Aufforderung, nur das gelten zu lassen, was sich aus der Bibel rechtfertigen lässt, was viel politischen Sprengstoff erzeugte. In der Folge wollte eine Gruppe von Bürgern den Kirchenzehnt nicht mehr zahlen, da dies nicht in der Bibel vorgesehen sei.

Der Stadtrat konnte diesmal nicht darüber hinwegsehen und musste handeln, wollte er nicht auf die Einnahmen des Zehnts verzichten, zumal auch die städtischen Dörfer und Stiftungen zur Zahlung des Zehnts verpflichtet waren. Der Stadtrat ließ dieses Problem auf dem schwäbischen Städtetag in Ulm beraten, woraufhin verkündet wurde, dass jeder zur Zahlung des Zehnts verpflichtet sei, ansonsten drohten empfindliche Strafen.

Als sich nur der Bäckermeister Hans Heltzlin weigerte, den Zehnt zu zahlen, wurde er inhaftiert. Die Bevölkerung protestierte und bildete einen Ausschuss, der nach Zünften organisiert war. Wortführer Ambrosius Baesch protestierte beim Rat und verlangte im Namen der Bevölkerung die sofortige Freilassung des Bäckermeisters, sowie die Zusicherung, künftig niemand mehr wegen Verweigerung des Zehnts einzusperren. Des Weiteren wurde der Rat aufgefordert, sich nicht mehr in Fragen der kirchlichen Abgaben, Jahrtage, Seelgeräte und Sonstiges einzumischen, sondern dafür sorgen, dass in den Kirchen nur noch das Wort Gottes gepredigt werde. Auch sollte er gegen diejenigen Geistlichen vorgehen, die gegen Schappeler predigten.

Unter dem Druck der Bevölkerung ließ der Rat den Bäckermeister wieder frei, über die anderen Punkte musste der Stadtrat mit den Elfern und der Gemeinde verhandeln. Aufgrund dieser Niederlage war der Rat gezwungen, auch zukünftig wichtige Entscheidungen nicht mehr alleine, sondern im Zusammenwirken mit der Stadtgemeinde zu treffen. Die Macht des Rates war somit gebrochen.

Kurze Zeit später wurden die Geistlichen unter städtische Gerichtsbarkeit gestellt und in ihren Pflichten und Rechten, auch hinsichtlich der Steuerpflicht, den Bürgern gleichgestellt.

Schappeler beantragte, das Abendmahl in St. Martin nach der neuen Lehre in beiderlei Gestalt feiern zu lassen, sowie die Stundengebete und die Seelenämter abzuschaffen. Der Rat antwortete ausweichend, denn nun stand er zwischen den beiden Fronten: auf der einen Seite waren die Kirche und der Kaiser, die die alte Lehre beibehalten wollten, auf der anderen die Bevölkerung, die die neue Lehre einführen wollte.

Der Rat war durch die Schwächung in der Auseinandersetzung um den Bäckermeister Hans Heltzlin zur Bewegungslosigkeit verurteilt. So konnte sich eine neue Abendmahls- und Taufordnung herauskristallisieren, ohne dass etwaige Einzelheiten darüber niedergeschrieben wurden.

Schappeler war zu einer Berühmtheit im näheren und weiteren Umkreis geworden und predigte weiter an St. Martin und in der Kirche des Elsbethenklosters. Während er einen enormen Zulauf hatte, nahm der Druck auf den Rat innerhalb der Stadt zu, kirchliche Reformen durchzuführen.

Immer mehr „Neugläubige“ verlangten, an der Frauenkirche ebenfalls die Reformation einzuführen, doch der dortige Pfarrer Mergerich stand zum alten Glauben und ließ es nicht zu. Die Bevölkerung drohte, ihn gewaltsam als Pfarrer zu entfernen, Mergerich und Schappeler bekämpften sich nun in den Predigten. Der Rat versuchte in dem Streit zu vermitteln, jedoch ohne Erfolg.

Die Bevölkerung drängte weiterhin zur neuen Lehre. Beim Weihnachtsgottesdienst 1524 kam es in der Frauenkirche zu einen Tumult. Pfarrer Mergerich wurde mit Fäusten und Füßen in die Sakristei getrieben, erst die herbeigerufenen Ratsmitglieder konnten den Streit schlichten. Mergerich musste daraufhin versprechen, 1525 an einer Disputation teilzunehmen.

Der Tumult löste Empörung in der Stadt und im weiteren Umland aus und Sebastian Lotzer, einer der Anführer, entschuldigte sich in einer Flugschrift, bei der er erstmals das Wort evangelisch benutzte.

Die meisten Anhänger der neuen Lehre müssen arme Bürger gewesen sein, die zu einer urchristlichen Gütergemeinschaft zurückkehren wollten, was Lotzer in einer Flugschrift zugab.

Reformation nach der Memminger Disputation

Unter dem Vorsitz von Dr. Ulrich Wolfhart fand die Memminger Disputation um Pfarrer Mergerich 1525 im Memminger Rathaus statt, bei der sich der altgläubige Pfarrer Mergerich von der Frauenkirche und der Reformator Schappeler von St. Martin gegenüberstanden.

Bei der Memminger Disputation, zu der Vertreter aus allen zwölf Zünften als Beisitzer benannt wurden, stellte Schappeler sieben Artikel auf. Nachdem vorher entschieden wurde, nur Argumente aus der Bibel gelten zu lassen, stand bereits fest, dass Mergerich verlieren würde. So wurde bereits zu Beginn die Zuständigkeit des Bischofs, des Papstes und der Konzile in Glaubensfragen geleugnet.

Nachdem Schappeler die Disputation gewonnen hatte, konnte der Rat den drängenden evangelischen Volksgruppen nicht mehr ausweichen, somit stand der grundsätzlichen Umgestaltung des Memminger Kirchenwesens nichts mehr im Wege.

Dennoch war der Rat vorsichtig in seinen Handlungen und informierte sich nach allen Seiten, bevor Reformen eingeführt wurden: Der Prediger Conrad Sam aus Ulm musste ein Gutachten anfertigen und Großzunftmeister Hans Schulthaiss wurde nach Augsburg geschickt, um sich dort mit dem Prediger Dr. Urbanus Rhegius und den Rechtsgelehrten Konrad Peutinger und Rehlinger zu beraten.

Als diese zustimmten, begann man das Memminger Kirchenwesen von Grund auf zu reformieren: Die Heilige Messe wurde abgeschafft, anstelle dessen wurde täglich ein Altargottesdienst in beiden Stadtpfarrkirchen abgehalten und das Abendmahl wurde in beiderlei Gestalt gereicht. Geistliche erhielten die gleichen Rechte und Pflichten wie normale Bürger, es war ihnen nun erlaubt zu heiraten, die geistliche Gerichtsbarkeit wurde abgeschafft und Streitigkeiten wurden von nun an vor den weltlichen Gerichten verhandelt. Zudem mussten die Geistlichen Steuern zahlen und den Bürgereid leisten. Sämtliche kirchlichen Einkünfte wie Messstiftungen und Seelgeräte überließ man ihnen, erledigte Messpfründe wurden jedoch nicht neu besetzt.

Der Rat empfahl den Bürgern den Kirchenzehnt zu zahlen, verbot jedoch die Verweigerung des Laienzehnts. St. Martin, die Hauptkirche der Stadt, war zwar nach wie vor in das Antoniterkloster eingegliedert, faktisch jedoch von Schappeler geleitet, der Rat und die Zünfte wählten gemeinsam die Pfarrer.

Die Unruhen in der Stadt gingen jedoch auch nach Einführung dieser Reformen weiter. Zudem gab es ein Attentat auf Schappeler durch den Augsburger Bischof, der jedoch fehlschlug.

Das Ende der Reformation als Volksbewegung

Im Bauernkrieg unterstützte die Memminger Bevölkerung die aufständischen Bauern. Die Bauern im städtischen Gebiet legten dem Rat die Memminger Artikel vor. Nach einem Verbot des Rates, Waffen an die Aufständischen zu verkaufen, trafen sich die oberschwäbischen Bauernhaufen in Memmingen. Sie gründeten in der Kramerzunft die Christliche Vereinigung und verfassten die Zwölf Artikel und die Bundesordnung.

Hier trat vor allem Sebastian Lotzer in den Vordergrund, der als Verfasser der Schriften gilt. In den Schriften geht es darum, das weltliche Recht mit der Heiligen Schrift in Einklang zu bringen. Deshalb sollen alle Pflichten, welche nicht in der Bibel aufgeführt werden, abgeschafft werden. Da der Rat sich nicht anders mehr zu helfen wusste, wurde der schwäbsiche Bund um Hilfe gebeten.

Der schwäbische Bund hatte damit die langersehnte Gelegenheit, die neue Lehre in Memmingen auszurotten. Die Hauptleute zeigten bei Ihrer Begrüßung durch den Großzunftmeister Hans Schulthaiss bereits an, dass sie gegen die Anführer und die Prediger vorzugehen hätten und auch dies durch die Stände des Bundes abgesichert sei. Zahlreiche Menschen wurden verhaftet und eingesperrt, viele wurden auch hingerichtet.

Dem Prediger Schappeler war zusammen mit vielen anderen, darunter auch Sebastian Lotzer, die Flucht aus Memmingen gelungen, die in St. Gallen in der Schweiz Asyl fanden.

Die Stadt geriet in Bedrängnis durch die belagernden aufständischen Bauern und wurde vom Truchsess von Waldburg aus ihrer Umklammerung befreit. Der Kaufbeurer Pfarrer legte beim schwäbischen Bund Klage gegen die Stadt ein, da sie gegen die päpstliche Bulle und die kaiserlichen Mandate verstoßen habe und gegen das Verbot den Verkauf von lutherischen Schriften und die lutherischen Predigten zugelassen habe.

Auf Wunsch des aus seinem Exil zurückgekehrten Antoniterpräzeptors musste die Messe wieder eingeführt werden, was die neugewählten Ratsherren 1525 den vom Bund abgeordneten Hauptleuten schwören mussten. Der evangelische Prediger Simprecht Schenck wurde entlassen und der Stadt verwiesen, ebenso wie die Mönche, welche aus den Klöstern ausgetreten waren.

Die Besteuerung der Geistlichen und die Ablegung deren Bürgereids wurden aufgehoben. Mit diesen und weiteren Maßnahmen stellte der schwäbische Bund alle reformatorischen Maßnahmen wieder auf Null zurück und die Reformation als Volksbewegung war beendet.

Die Reformation durch den Rat der Stadt

Nachdem der schwäbische Bund sämtliche Reformationen rückgängig gemacht hatte, war das religiöse Leben zunächst wieder in katholischer Hand. Doch die Bevölkerung Memmingens konnte durch den Bund nicht gegenreformiert werden, daher holte sich der Rat 1525 wieder einen evangelischen Prediger. Da aber nun die Angst des Rates auf eine neuerliche Einmischung des schwäbischen Bundes oder aber gar des Kaisers groß war, wurde der Konstanzer Dr. Hans Wanner als Prediger nicht eingestellt.

Ebenso wurde der neue Prediger Georg Gugy immer wieder ermahnt, dass er nichts predigen solle, was die altgläubigen Kleriker gegen ihn aufbringen konnte.

1526 wurde Eberhart Zangmeister von der Stadt zu dem Speyerer Reichstag entsandt, bei dem er eine Schrift über die geistlichen Beschwerden übergab. Der Reichstag kam jedoch nicht zu einer Einigung, weswegen er beschloss, zu warten, bis es zu einem Konzil kam.

Aufgrund dieser Abschlussschrift des Reichstages wurde die Aufforderung des schwäbischen Bundes, den neuen Prediger Georg Gugy zu entlassen, nicht befolgt und der ausgewiesene Prediger Sigmar Schenck wurde wieder zurückgeholt.

Der Rat nahm wohl aufgrund dieses Schriftstückes die Reformation von nun an selbst in die Hand: Er ging verschärft gegen die sogenannten „Pfaffendirnen“ vor und setzte fest, dass all diese die Stadt verlassen mussten. Zudem vergab der Rat die eigentlich schon an Altgläubige vergebenen Predigten an St. Martin, Unser Frauen und dem Elsbethenkloster, worauf der Antoniterpräzeptor Widerspruch einlegte.

Nachdem diesem nicht stattgegeben wurde, verließ der Präzeptor die Stadt, neben zahlreichen konservativen Bürgern, die damit ihr Bürgerrecht aufgaben, darunter angesehene Bürger wie Hans Vöhlin und Hans Schulthaiss, welcher wiederholt Bundesrat und Abgeordneter auf Städte- und Reichstagen war. Der Rat bedauerte deren Entschluss außerordentlich, denn dadurch gingen der Stadt meist hohe Steuereinnahmen verloren. Die Beschwerden darüber seitens des Augsburger Bischof sowie des schwäbischen Bundes ließen den Rat allerdings unbekümmert.

1527 wurde bei einer Versammlung mit anderen Städten des schwäbischen Bundes beschlossen, dass der schwäbische Bund in religiösen Themen nicht weisungsbefugt sei, bis ein allgemeines Konzil abgehalten würde.

Im gleichen Jahr beschloss der Rat, von Ambrosius Blarer aus Konstanz ein Gutachten einzuholen. In der neuen Zuchtordnung, welche 1528 von den Kanzeln der Memminger Kirchen verlesen wurde, wurde die Augsburger ehegerichtliche Judikatur ausgeschlossen. Außer den Feiertagen Weihnachten, Neujahr, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, Maria Verkündigung und Maria Himmelfahrt wurden alle anderen kirchlichen Feiertage abgeschafft und die Gottesdienstordnung wurde neu gefasst.

Das Abendmahl war von nun an ein Gedächtnismahl, musste mindestens viermal im Jahr in beiderlei Gestalt gereicht werden und die Taufen wurden nun auf Deutsch gehalten.

Die Stadt begann unterdessen auch, die Kirchenherrschaft zu erringen: Der Augustinerabt musste den Rat als Schutz- und Schirmherren anerkennen und das bewegliche Kirchengut wurde inventarisiert. Erste Kirchenstiftungen wurden aus dem Kirchengut herausgelöst, der Gegenwert in den allgemeinen Korb gelegt.

Gleichzeitig nahm der Rat Gespräche mit anderen neugläubigen Reichsstädten auf und ein Eintritt in das eidgenossenschaftliche Bündnis wurde bereits in Erwägung gezogen.

1528 schaffte der Rat die Messe in den Memminger Stadtkirchen ab, die Messgewänder und sonstige Kirchengeräte wurden von den Pflegern in Verwahrung genommen. Als Nächstes machte sich der Rat an die Reformierung der Klöster in der Stadt. Den Augustinern wurden zwei Ratsmitglieder als Pfleger vorgesetzt. Die Schwestern des Elsbethenklosters konvertierten, traten aus dem Kloster aus und übergaben ihren gesamten Klosterbesitz der Unterhospitalstiftung. Das einzige Kloster, welches der Reformation widerstand, war das Franziskanerinnenkloster.

Der Augsburger Bischof protestierte gegen die Abschaffung und der Vertreter Memmingens wurde beim Bundestag ausgeschlossen. Vier Beschwerdeschriften wurden ihm vorgelegt, auf welche die Stadt innerhalb von vier Tagen antworten sollte. Nur die Städte Augsburg, Konstanz und Ulm sagten Memmingen ihre Unterstützung zu, da die Stadt die Bundesexekution fürchten musste.

Nachdem auch Straßburg die Messe 1529 abschaffte, gewann man einen weiteren Unterstützer. Auf dem Bundestag von 1529 forderte lediglich Esslingen, dass die Messe wieder eingeführt werden solle, doch herrschte keine Einigkeit unter den Städten. So wurde das Problem, das mehrere Städte betraf, auf einen späteren Bundestag verschoben.

Gleichzeitig entließ die Stadt den lutherischen Prediger Gugy und verbat ihm das Predigen innerhalb der Stadt.

1529 wurde der Bundesversammlung eine Memminger Rechtfertigungsschrift vorgelegt, jedoch verlief der Reichstag nicht wie vom Rat erwünscht, daher fürchtete man einen Einfall des Schwäbischen Bundes oder des Herzogs von Bayern.

Durch den Reichstag ermuntert, stellte der Antoniterpräzeptor den Antrag, die Messe wieder lesen zu dürfen, welcher vom Rat abgelehnt wurde. Wieder kam es zu Streitereien zwischen alt- und neugläubig Geistlichen. Die Frage der Täufer war zwar vorhanden, sie wurden aber im Gegensatz zu anderen Städten nicht verfolgt oder verbrannt. Der Rat verbot sie lediglich.

1529 kam es in Memmingen zu einer Besprechung der Städte Ulm, Biberach, Isny, Lindau und Kempten durchgeführt mit dem Ziel, ein Bündnis dieser Städte mit einem Anschluss an Zürich und Bern mittels Konstanz zu schließen. Beim nächsten Treffen, ebenfalls in Memmingen, verschob man eine solche Entscheidung auf den nächsten Städtetag.

Nachdem Ulm Abstand von dem schweizerischen Bündnis genommen hatte, tat Memmingen es ihnen gleich. Während die meisten Städte Oberdeutschlands sich für die Annahme der Augsburger Konfession entschlossen, ging Memmingen zusammen mit Straßburg, Konstanz und Lindau ein eigenes Bündnis ein, welches das Vierstädtebündnis genannt wurde.

Der Rat fürchtete jedoch, dass der Kaiser die Stadt belagern würde. Deshalb stellte der Rat dieses Bündnis den Elfern zur Abstimmung in den Zünften vor. Alle Zünfte, mit Ausnahme der Großzunft, stimmten dem Bündnis zu.

Das Ende des schweizerischen Einflusses auf die Memminger Reformation begann mit dem Augsburger Reichstag 1530, woraufhin Memmingen 1531 dem Schmalkaldischen Bund beitrat. Nur wenig später verhandelte der Rat auf dem Memminger Städtetag mit Predigern aus Ulm, Lindau, Biberach, Isny, Reutlingen, Konstanz und Memmingen über den Schmalkaldischen Bund.

Sie erklärten sich einstimmig für die Freiheit „der zur Seligkeit nicht notwendigen kirchlichen Zeremonien“ und verwarfen ein gewaltsames Vorgehen gegen die Täufer. Durch mehrere Beschlüsse mit anderen oberdeutschen Städten versuchte Memmingen ein Bündnis zwischen den Schweizer Städten und dem Schmalkaldischen Bund herzustellen. Als Zwingli 1531 starb, wurde dieser Weg jedoch versperrt.

Vollendung der Reformation

1531 war der Rat vor allem mit der Außenpolitik beschäftigt. Im gleichen Jahr ging er an den Sturz der Memminger Klöster. Der ehemalige Stadtschreiber Ludwig Vogelmann verfasste mehrere Schriften gegen den Memminger Rat, weshalb er verhaftet, gefoltert und im gleichen Jahr auf dem Marktplatz öffentlich enthauptet wurde. Mit dieser Maßnahme schaltete der Rat den größten Feind der Memminger Reformation aus.

Das Vermögen des Antoniterhospitals verwaltete die Stadt seit dem Verlassen der Stadt des Präzeptors 1537. Zur selben Zeit griff die Stadt auch auf das Oberhospital zu, die Kreuzherren durften ohne Zustimmung des Rates keine Novizen aufnehmen, mussten dem Rat untertänig sein und jährlich den Bürgereid schwören.

Den Augustinern wurden ähnliche Auflagen gemacht, nur die Franziskanerinnen ließen sich auf keine Konfrontation ein, sondern flohen mit ihrem Hab und Gut nach Kaufbeuren.

Durch diese Maßnahmen hatte der Rat nun sämtliche Zügel in der Hand und beherrschte das geistliche wie auch das weltliche Leben.

Literaturhinweise

Wolfgang Schlenck: Die Reichsstadt Memmingen und die Reformation (Sonderdruck aus: Memminger Geschichtsblätter, 1968). Verlag der Heimatpflege Memmingen, Memmingen 1969 (zugleich Dissertation, Universität Erlangen-Nürnberg, 1969).

Barbara Kroemer: Die Einführung der Reformation in Memmingen. Über die Bedeutung ihrer sozialen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren. In: Memminger Geschichtsblätter, 1980, ISSN 0539-2896, S. 101–112.

Peter Blickle: Memmingen – Ein Zentrum der Reformation. In: Joachim Jahn (Hrsg.): Die Geschichte der Stadt Memmingen. Band 1: Von den Anfängen bis zum Ende der Reichsstadt. Theiss, Stuttgart 1997, ISBN 3-8062-1315-1, S. 351–418.

Gudrun Litz: Die reformatorische Bilderfrage in den schwäbischen Reichsstädten (Spätmittelalter und Reformation. N. R. Bd. 35). Mohr Siebeck, Tübingen 2007, ISBN 978-3-16-149124-5.

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