Wellpappn und Dauergrinsen

15. November 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Manchmal ist mit einem Dauergrinsen im Gesicht nach Hause zu fahren entspannender und aufbauender als eine Wellness-Anwendung, und über Themen lauthals lachen zu können, die eigentlich gar nicht lustig sind, wie Erderwärmung, klimatische, oder politische Katastrophen, wirkt wie eine Seelenmassage.

Die Wellpappn, mit ihren pikant-satirischen Texten und komplexen Reimen, ihrer familiären Ausstrahlung, dem geballten Talent von Multi-Instrumentalisten und ihrer Gabe,

die Zuschauer mit ihrem trockenen Humor zu „Bitterbösem auf Bayrisch“ mitzunehmen ist immer wieder äußerst erfrischend. So auch in der Sontheimer Dampfsäg am vergangenen Freitag.

„Schau nur wia´s regnt, wia´s regnt, wia´s Wasser von den Dächern in Sturzbächen durch den Vorgarten von der Zens durch die Laube in den Keller rennt…

Schau nur, wia´s rinnt, wia´s rinnt, wia´s dem Huber Max, dem eitlen Fatz, seinen Porsche nimmt und die Hauptsraß runter, an der Kirch vorbei, Richtung Staustuf schwimmt…“ (*), was allerdings nicht ohne Kritik endet, denn von all dem lese man in der Zeitung, wovon man jedoch nichts höre, seien die Folgen von zubetonierten Industriegebieten und begradigten Flüssen.

(* Der Text des Liedes ist ähnlich, aber von mir hier frei erfunden.)

„Die Wellpappn“, das sind die Geschwister Sarah Well, Tabea Well, Jonas Well und Vater Hans Well und die erste Frage, der sie sich bei ihren Vorstellungen stellen ist „wo sind wir denn hier eigentlich?“. Memmingen. Dabei konfrontieren sie uns im ersten Lied als „IKEA-Erwartungsort“ mit allerlei Dingen, die man aus Memmingen erfährt und weiß: Vom dienstältesten Oberbürgermeister, der zum Graus der ortsansässigen „Schwarzen“ „scho wieda von so am roten Sozial-Kommunischt“ abgelöst wird, von dem Ort, an dem man stolz ist auf einen eigenen Flughafen, der der Wirtschaft und dem Tourismus gut tun soll und das Allgäu erschließe, doch nicht ohne kräftige Subventionen funktioniert. Hier, wo der Volkstrauertag mit der Eröffnung des Adventsmarktes zusammenfällt (Bad Grönenbach)…, um nur einiges zu nennen, wofür wir Memminger liebevoll-kratzbürstig auf die Schippe genommen werden.

Doch mit der gleichen Ironie stellen sie sich selbst im zweiten Lied vor und lassen uns teilhaben an den unverwechselbaren Eigenheiten ihres Heimatortes im oberbayerischen Türkenfeld bei Fürstenfeldbruck.

Weiter geht die ebenso musikalische wie satirische Reise aus der Mitte der Gesellschaft mit einem Lied über kampfbereite Mütter der Fußball-Schülermannschaft von Hausen, die Platzverbot auf dem Fußballfeld bekommen und am Ende eine Frauen-Rugby-Mannschaft gründen. Dabei erzählen die drei Junioren, dass „Vatter Well“ bei der U100-Mannschaft in ihrem Heimatort spiele und der Sportlichste unter ihnen sei.

Sie singen über Laktose-Unverträglichkeit, die schlecht ist für die Bauersleit, über Horst Seehofer und Angela Merkel, die seit neuestem nur noch mit „Bodyguards“ unterwegs seien, über politische Köpfe, die erzählen, was sie erreicht haben, man aber den Eindruck habe, dass es ihnen reicht, was sie erzählen.

Wellpappn, Dampfsäg Sontheim, 11.11.2016

Der Abend kulminiert theatralisch mit der „Heoneß-Passion“ und der Lesung aus dem „Buche Bayern“, als Ilse, die Hoffnungslose erscheint und Horst, der Erwählte zu Horst, dem Wandelbaren wird, Alexander der Kurze auf Angela, die Hinterpommerin trifft, die dann Angela, die Barmherzige wird und alsbald von den christlich-sozialen als Sozialschmarotzer verhehmt wurde… Zefix halleluja, Amen. (*)

(* außer dem Schuss sinngemäß wiedergegeben.)

Die Genialität des Ausländermauts stößt auf den Gegenwind bei der Energiewende und die Folgen der globalen Erderwärmung werden besungen mit „Aloa-hee, die Zukunft Hamburgs liegt in der Nordsee…“ und Holländern, die nach dem Urlaub nicht mehr nach Hause gehen wollen…

Dabei mischt sich Heimatsound auf vielerlei Instrumenten, und bayrisches Gefühl mit intelligenter Satire, bei der sich die vier Wellpappenheimer in bester Manier über sich selbst, ihre Mitmenschen oder verantwortliche politische Köpfe lustig machen. „Rotzfrech und unbekümmert, urbayerisch und widerborstig“, wie die Süddeutsche Zeitung einmal über sie geschrieben hat.

Wellpappn, Dampfsäg Sontheim, 11.11.2016

Die Wellpappn über sich selbst

Hans Well (geb. 1953) wuchs schuldlos als  9. von 15 Kindern auf. Mit 24 wurde er schlagartig berüchtigt durch seine Umtextung der Bayernhymne in: „Gott mit Dir Du Land der BayWa.“ Nach 35 erfolgreichen Jahren als Autor der Biermösl Blosn samt Gstanzltexter-Job für die Toten Hosen verdammte ihn schließlich das Schicksal zur nächsten Familienbande mit den „Wellbappn“, an deren Existenz er mitschuldig ist.  Er dilettiert auf Gitarre, Steirischer, Alphorn oder Tuba. Sein Nachwuchs wollte die CD aus ihm unerklärlichen Gründen „Betreutes Singen“ betiteln.

Vor 40 Jahren gründete er mit Michael und Christoph Well die Biermösl Blosn, 35 Jahre lang begeisterten sie ihr Publikum, zum Teil mit Dieter Hildebrandt, Jörg Hube und Gerhard Polt auf der Bühne. Hans Well schrieb bis zum Ende 2012 nicht nur alle Texte der Biermösl Blosn, sondern zusammen mit Gerhard Polt auch gemeinsame Programme für die Kammerspiele und das Residenztheater. Hier wie dort wurden sie dafür von Publikum und Presse enthusiastisch gefeiert. Der Erfolg an großen Theatern im deutschsprachigen Raum ebenso wie in Bierzelten oder an der Münchner Oper ist sicherlich nicht zuletzt auch den scharfzüngig witzig satirischen Texten von Hans Well zu verdanken.

Tabea Well (geboren 1993) studiert an der Musikhochschule in München Volksmusik mit Schwerpunkt Geige. Auf der Bühne begleitet sie auf der Steirischen, auf Mandoline, Gitarre, Bariton und Alphorn. Sie arrangiert mit Sarah und Jonas die chaotischen Texte ihres zur Senilität neigenden Vaters.

Sarah Well (geboren 1991) absolvierte nach der Schule und anschließendem halbjährigen Kalkutta- Aufenthalt zunächst den beruflich höchst aussichtsreichen Studiengang „Indologie“. Nach Beendigung dieses Faches und einer sich abzeichnenden Hartz 4 – Karriere entschloss sie sich zum weiterführenden Studium „Interkulturelle Kommunikation“.  Sie bearbeitet auf der Bühne Bratsche, Akkordeon, Saxofon, Ukulele und brilliert auf dem Regenmacher. Außerdem hilft sie beim Arrangieren und singt immer schöner!

Jonas Well (geboren 1996) spielt Kontrabaß, Trompete, Tuba, Scherrzither, Ukulele, Bouzouki, Gitarre und Alphorn. Seine musikalische Grundausbildung begann im Alter von 5 Jahren mit Geige, mit 7 Jahren wechselte er zum Cello, mit 10 Jahren zum Kontrabaß. Schon mit sieben lernte er Trompete, sein Hauptinstrument. Er machte zu seiner und der Erleichterung aller 2015 erfolgsreich das Abitur und anschließend die Fliege zu einer Weltreise.

Mehr über die Wellpappn, Videos, CDs und Bücher finden Sie auf www.hans-well.de.

Mehr Infos über die Dampfsäg auf www.dampfsaeg.de.

Ein paar mehr Fotos vom Abend mit den Wellpappn in der Sontheimer Dampfsäg auf unserer Facebookseite.

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