Zukunft der ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum

23. November 2016 von Christine Hassler - Keine Kommentare

war der Titel eines Fachgespräches in Memmingen, zu dem MdL Klaus Holetschek hochrangige Gesprächspartner aus Politik, Ärzten, Ärztevertretern, Vertreter der Krankenkassen, der kassenärztlichen Vereinigung Bayern und Klinikleitern aus dem Landkreis Unterallgäu und der Stadt Memmingen eingeladen hatte.

Mit an der Gesprächsrunde beteiligt war die Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Gesundheit Ingrid Fischbach, die aus Berlin angereist war.

Die zentrale Frage war: Wie kann die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum nachhaltig gesichert werden?

Nur jeder Zehnte möchte Hausarzt werden

Ärzte lassen sich heute lieber in Ballungszentren als im ländlichen Raum nieder und die Allgemeinmedizin ist das Stiefkind unter den Medizinischen Fachbereichen geworden: Nur 10 % der Prüflinge möchte später einmal Hausarzt werden. Zudem sind 30 % der Hausärzte über 60 Jahre alt und werden ihre Praxen demnächst aufgeben.

„Die Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung und die Nachfolgebesetzung bestehender Hauspraxen werden damit zunehmend zum Problem vieler Kommunen“, so Klaus Holetschek, stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Gesundheit und Pflege der CSU-Fraktion des Bayerischen Landtags.

Ärztliche Versorgung Stadt Memmingen und Unterallgäu, Fachgesprächsrunde, Memmingen, 16.11.2016

Antragspaket „Medizinermangel in Bayern verhindern“

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, fördert die Staatsregierung beispielsweise Neuniederlassungen von Ärzten in unterversorgten Gebieten, unterhält ein Stipendienprogramm für Studenten, die sich verpflichten, hausarzt zu werden und fördert innovative Versorgungskonzepte, wie etwa bezirksübergreifende Zusammenarbeit.

„Die Programme des Freistaates kommen gut an“, meint Klaus Holetschek, der die vorgenommene Teilung einer medizinischen Planungsregion als „einen guten Weg“ bezeichnet. Die Planungsregionen sind die Einheiten, innerhalb derer genügend Ärzte für die Versorgung der Bevölkerung zur Verfügung stehen müssen. Bei zu großen Regionen kann es passieren, dass ein Teil der Region unterversorgt wird. Daher müsse, so Klaus Holetschek, noch mehr geteilt werden.

Zur Schließung existierender oder drohender Versorgungslücken in Bayern will der Arbeitskreis „Gesundheit und Pflege“ ein Antragspaket („Medizinermangel in Bayern verhindern“) auf den Weg bringen. Die Forderung nach Einführung einer „Landarztquote“ und eine Ausweitung der Medizin-Studienplätze sind einige vieler Ansätze, die das Paket beinhaltet.

Wichtig sei in diesem Zusammenhang auch, dass die Allgemeinmedizin innerhalb des Medizin-Studiums einen höheren Stellenwert einnehmen sollte, zudem sollte nicht allein die Abiturnote als Kriterium herangezogen werde, so Klaus Holetschek. Denn es gebe viele Menschen, die sich dazu berufen fühlen und das nötige menschliche Grundrüstzeug mitbrächten, nur fallen diese entweder durch das Sieb des Numerus Clausus oder sind genötigt, sich umständlich und zeitaufwendig in medizinischen Dienstleistungen und Seminaren weiterzubilden, die dann auf ein Studium angerechnet werden können, was jedoch viele abschreckt.

Fragen an und Ausführungen der anwesenden Fachleute

Versorgungsgrad, Über- und Unterversorgung

Dr. Wolfgang Krombholz, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) stellte mit Hilfe von Statistiken den aktuellen Versorgungsgrad der Regionen Unterallgäu südlich und nördlich von Memmingen dar.

Aus den Statistiken ging hervor, dass die Versorgungssituation in unserer Region (Stadt Memmingen und UA) an (Allgemeinen) Fachärzten (Augenärzte, Chirurgen, Frauenärzte, Hautärzte, HNO-Ärzte, Nervenärzte, Orthopäden, Psychotherapeuten, Urologen und Kinderärzte) in allen außer einem Bereich (HNO) auf eine Überversorgung schließen lässt. (Siehe Grafik unten).

Ärztliche Versorgung Stadt Memmingen und Unterallgäu, Fachgesprächsrunde, Memmingen, 16.11.2016

(Die Richtlinien wurden vom „Gemeinsamen Bundesausschuss über die Bedarfsplanung sowie die Maßstäbe zur Feststellung von Überversorgung und Unterversorgung in der vertragsärztlichen Versorgung“ festgelegt, die im Juni 2016 zuletzt geändert wurden und im September 2016 in Kraft traten. (Siehe PDF-Dokument, hier verlinkt.)
Von Überversorgung ist nach § 24 der Richtlinie dann zu sprechen, wenn im Vergleich von Soll und Ist, die lokale Arzt/Einwohnerrelation um 10 % die allgemeine Arzt/Einwohnerrelation übersteigt.)

Diskrepanz zwischen Zahlen und Realität

Nachdem weder während noch nach dem Gespräch zeitlicher Raum für Fragen seitens der Pressevertreter eingeräumt wurde, stelle ich eine meiner Fragen hier an dieser Stelle:

Wie ist es möglich, dass wir auf dem Papier eine Überversorgung in fast allen (Allgemeinen) Fachbereichen in unserer Region haben, meine Mutter aber bei einem neurologischen Problem 3 Monate auf einen Facharzttermin hätte warten müssen, wenn ich nicht initiativ geworden wäre und sie innerhalb eines Monates bei einem Kemptner Neurologen untergebracht hätte? Wie ist es möglich, dass mein Vater mit einem Aneurysma über einen Monat auf einen OP-Termin warten musste?

Wegen eben dieser Diskrepanz habe ich mich in das komplizierte Regelwerk der oben verlinkten Bedarfsplanungs-Richtlinie eingelesen, das unter anderem (unter Abschnitt 5.) zur „Feststellung des allgemeinen Versorgungsgrades als Ausgangsrelation für die Prüfung von Überversorgung und Unterversorgung“ dient, und sicher durch hunderte von hochkarätigen Fachleuten in Jahren oder Jahrzehnten entstanden ist.

Umso mehr stellt sich mir die Frage, wie es sein kann, dass die numerischen Fakten so sehr von der gelebten Erfahrungsrealität abweichen?!

Dabei beziehe ich mich nicht nur auf die eigenen, sondern auch auf die Erfahrungen einer Vielzahl von Menschen in meinem Umfeld, die sich allesamt über viel zu lange Wartezeiten für Termine bei Fachärzten in Memmingen beklagen. Zudem sind die meisten Facharztbesuche akuter Natur, da man vor allem dann zum Arzt geht, wenn bereits etwas spürbar nicht stimmt. Lange Wartezeiten haben daher vor allem eine Folge: sie verschlimmern das Problem.

Hausärztliche Versorgung

Die hausärztliche Versorgung, so Dr. Wolfgang Krombholz, sei in Bayern allgemein ein großes Problem. Auf Basis der gleichen Richtlinien wurde ermittelt, dass im nördlichen Bereich des Unterallgäus um Memmingen nur 0,5 freie Sitze im hausärztlichen Bereich zusätzlich zu besetzen seien, um den Bedarf zu decken, im südlichen Unterallgäu um Memmingen sieben freie Sitze.

Was ebenfalls zunächst gut klingt. Bis man weiß, wie viele Einwohner 1 Hausarzt laut Planungsrichtlinien abdecken soll, nämlich 1.671 Einwohner! Abgesehen davon, dass diese Zahl gefühlt sehr hoch ist, sind das Mal sieben im Moment knapp 11.700 Menschen, die unzureichend abgedeckt sind im südlichen Unterallgäu im hausärztlichen Bereich und das „nur“ auf dem Papier. Sicher sieht auch hier die gelebte Erfahrung noch einmal anders aus.

(Siehe Abschnitt 3. §11 „Die Verhältniszahl wird für die Arztgruppe der Hausärzte einheitlich mit dem Verhältnis: 1 Hausarzt zu 1.671 Einwohnern festgelegt.“)

Der Altersdurchschnitt von Hausärzten, so Dr. Krombholz weiter, liege im Schnitt in Bayern bei 55 Jahren, in Schwaben knapp darunter.

Otto Pöppel, Bürgermeister von Babenhausen und Vorsitzender des Bayerischen Gemeindetags – Kreisverband Unterallgäu, weiß davon ein Lied zu singen: In Babenhausen läge das Durchschnittsalter von Hausärzten sogar bei 60 Jahren und niemand möchte die existierenden Praxen übernehmen. Dies müsste seiner Ansicht nach erleichtert werden, ob durch Investitionsförderungen und Unterstützung in der Kinderbetreuung, oder weitere Maßnahmen.

Ärztliche Versorgung Stadt Memmingen und Unterallgäu, Fachgesprächsrunde, Memmingen, 16.11.2016

Sektorenübergreifende Versorgung

Staatssekretärin Ingrid Fischbach klärte auf, dass es im gesamten Bundesgebiet Gebiete mit Unter- Über- und Fehlversorgung gibt. Bei der Bedarfsplanung, mahnt sie, müsse man daher genau hinsehen und sich an den örtlichen Gegebenheiten orientieren. Allgemein gültige Lösungen gebe es daher nicht, womit sie sich der Ansicht von Klaus Holetschek anschloss, in kleineren Einheiten zu denken und zu planen.

Das Hausarzt-Problem sei ein bundesweites Thema, so die Staatssekretärin. Hier müssen Anreize geschaffen werden, um den Mangel an Hausärzten abzubauen. Dabei lobte sie die Initiativen in Bayern, wo bereits heute Förderungsmaßnahmen auf den Weg geschickt wurden. „Bayern ist darin beispielhaft für alle Bundesländer,“ so Ingrid Fischbach. Auch der Innovationsfond sei ein zu nutzendes Instrument, jedoch müssen die Projekte Bodenhaftigkeit haben, um dieses Instrument zu rechtfertigen.

Das Augenmerk müsse, so die Staatssekretärin weiter, auf die Schnittstellen zwischen ambulanter und stationärer Behandlung gerichtet werden und eine sektorenübergreifende Versorgung gewährleistet werden.

Stellenwert des Hausarztes

An Dr. Jakob Berger, Bayerischer Hausärzteverband, richtete Klaus Holetschek die Frage, wie die Attraktivität der Allgemeinmedizin Studenten vermittelt werden könne.

Dr. Berger verwies dabei auf das Primärarztsystem, das in den meisten anderen europäischen Ländern auf freiwilliger Ebene zum Greifen kommt, in Deutschland jedoch nicht. Dadurch verschiebe sich hier in Deutschland der Stellenwert des Hausarztes als zentrale Stelle. Ein Primärarztsystem auf freiwilliger Basis würde auch in Deutschland kosten sparen und die Qualität, wie auch den Stellenwert des Hausarztes steigern.

Relativität von Zahlen und Fakten

Prof. Dr. med. Albrecht Pfeifer, ärztlicher Direktor und Chefarzt Innere Medizin am Klinikum Memmingen bestätigt die Relativität von puren Zahlen. Ab Freitagnachmittag sei im Klinikum ein Ansturm auf die Ambulanz zu verzeichnen, denn ab Freitagmittag würde man kaum noch eine Arztpraxis finden, die geöffnet habe.

Für Dr. Thomas Roth, Oberarzt am Klinikum Memmingen und Leiter der Psychiatrie ist dieses Problem besonders ausgeprägt: während sich die Situation in der Psychotherapie entspannt, nehmen die Notfälle zu und führen zu Wartezeiten von bis zu 6 Monaten. (Was beispielsweise für einen Burn-out Patienten in Memmingen bei diesen Aussuchten fatale Konsequenzen für seinen Beruf haben kann.)

Berufliche Weiterbildung – stärkere Belastung für Allgemeinmediziner

Dr. Rudolf Burger, Hauptgeschäftsführer der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK) wies darauf hin, dass die Allgemeinmediziner besonders dem Auftrag der medizinischen Weiterbildung ausgesetzt seien. Hier in der Region klappe das grundsätzlich sehr gut, jedoch bedeute dies einen zusätzlichen Aufwand für Hausärzte. Er schlug vor, dass mehr Kinderbetreuungsplätze geschaffen würden, sodass die Weiterbildungen für Allgemeinmediziner keine familiäre Hürde darstelle.

Staatssekretärin Ingrid Fischbach klärte auf, dass bereits vermehrt U3-Betreuung, KITAS und Tagesmutterbetreuung, wie auch eine große Zahl an Ausbildungsstätten mit Hilfe von Förderungen geschaffen wurden. Doch plädierte sie dafür, dass noch mehr Lehrstühle geschaffen werden müssten.

Hilfe bei der Bürokratie für Allgemeinmediziner

Dr. Christian Alex, u.a. Landesvorsitzender des gesundheitspolitischen Arbeitskreises (GPA) der CSU, wünscht sich eine bessere Vernetzung, eine bessere Zusammenarbeit, mehr technische Assistenz und eine Abnahme von Nicht-Primärtätigkeiten für die Allgemeinmediziner, um so zusätzlichen Anreiz zu schaffen. Denn ein Allgemeinmediziner müsse viel mehr Bürokratie stemmen, auch da gelte es, ihn zu unterstützen.

Die Notwendigkeit veränderter Strukturen in der ärztlichen Versorgung

Wolfram Firnhaber, Verwaltungsleiter des Klinikum Memmingen sprach von einer „zerfledderten Versorgungsstruktur“. Für ihn gilt es, genau dort anzusetzen, wenn es um eine Verbesserung der ärztlichen Versorgung in unserer Region ginge.

MdL Klaus Holetschek setzte hier noch einen oben drauf und betonte, Krankenhäuser müssten nicht geschlossen werden, viel mehr seien die Strukturen zu verändern. In gegenseitiger Absprache müsse man sich um bedarfsgerechte Umstrukturierungen des ambulanten wie auch stationären Versorgungsangebotes in der gesamten Region bemühen.

Auch Staatssekretärin Ingrid Fischbach sieht darin großes Potential: Vernetzung und Infrastruktur könne verbessert, IT-Bereiche zusammengeführt werden.

Für Dr. Wolfgang Krombholz wäre mehr transparenz in den Strukturen wünschenswert, zudem ist er der Meinung, man habe die Augenhöhe zu den Kassen verloren, die Bereitschaftsdienste müssten umgestellt und die Faktoren für eine Niederlassung vor allem junger Ärzte müssten verbessert werden.

Ärztliche Versorgung Stadt Memmingen und Unterallgäu, Fachgesprächsrunde, Memmingen, 16.11.2016

Ein großer Wunsch, den Staatssekretärin Ingrid Fischbach mit nach mit nach Berlin nehmen soll

„Wenn Sie einen großen Wunsch aussuchen müssten aus all dem Besprochenen heute, welchen würden Sie mir mit auf den Weg nach Berlin geben?“ fragte Staatssekretärin Ingrid Fischbach am Ende der Gespräche.

Der allgemeine Konsens: Das Problem mit dem Mangel an Hausärzten sei wohl das Brisanteste.

Für MdL Klaus Holetschek ist dies eine Zeitbombe, doch seien es viele Faktoren, die beitragen können, die Versorgungsstruktur von Mermmingen und dem Unterallgäu zu verbessern.

Gesundheitsregion Plus

„Um die medizinische Versorgung und Prävention in Memmingen und der Region weiter zu verbessern, habe ich bereits im Juni dieses Jahres einen leider noch nicht behandelten Antrag als Stadtrat eingebracht, der darauf abzielt, dass sich die Stadt gegebenenfalls unter Einbeziehung des Landkreises als Gesundheitsregion Plus bewirbt.“.

Zielsetzungen der Gesundheitsregion Plus sind es, unter besonderer Berücksichtigung der örtlichen Gegebenheiten, regionale Netzwerke zur Verbesserung und Optimierung der Gesundheitsversorgung zu erreichen. Mehr Effizienz und Qualität im Gesundheitswesen, sowie eine verbesserte Vernetzung der Präventions- und Versorgungsangebote und der Akteure sind die Schwerpunkte. Der Freistaat unterstützt die Gesundheitsregion Plus durch Beratung und Fördermittel.

Info

Hier noch ein Tipp für all die, die Probleme haben, Termine bei Fachärzten zu bekommen:

Die KVB (Kassenärztlichen Vereinigung Bayern) unterhält eine Terminservicestelle, die helfen kann bei der Terminvergabe. Sie erreichen die Terminservicestelle unter Tel. 0921 787765 – 55020 Montag, Dienstag und Donnerstag von 08:00 – 17:00 und Mittwoch bis Freitag von 8:00 – 13 Uhr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kostenlosen Newsletter abonnieren!

Verpassen Sie keine neuen Termine, Stellenangebote und Kleinanzeigen mehr. Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter-Service noch heute!

Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtfeld)

Bitte beachten Sie die Datenschutzbestimmungen. Sie können den Newsletter in der Newsletter E-Mail abbestellen.