NIPPLEJESUS – blasphemisch oder genial?

20. Februar 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Das neue Stück des Landestheater Schwaben NIPPLEJESUS von Nick Hornby ist eine  Kooperation mit der MEWO Kunsthalle und ein Komödiensolo, das seine Kraft jedoch nicht in erster Linie aus komischen Momenten bezieht, die zweifellos vorhanden sind, sondern hat mindestens ebenso viel Tiefgang. Es setzt sich mit der Aufgabe moderner Kunst auseinander und damit, wie moderne Kunst sich dem Thema Religion heute annähern kann.

Bevor das eigentliche Theaterstück beginnt, sind wir zunächst Besucher einer Ausstellung, die „Relikte & Reliquien“ heißt und erfahren in einer kurzen Einführung deren Hintergründe: In der Religion, vor allem in der katholischen Kirche, wird versucht, durch die Ausstellung in Kirchen von Relikten von Heiligen, uns deren Geschichte näher zu bringen. Ein Stück weit ist es, als ob die Heiligen dadurch in unser heutiges Leben kommen und deren Wirken damit greifbar gemacht wird, obgleich sie vielleicht vor ein paar Jahrhunderten gelebt haben. Die Ausstellung „Relikte & Reliquien“ will mit vielschichtigen Werken verschiedener Künstler genau dies nachempfinden.

Nachdem wir in der kurzen Führung einiges über die einzelnen ausgestellten Werke erfahren, werden wir von Museumsbesuchern zu Zuschauern und lernen Dave kennen. Dave ist Museumswächter, der Übergang zum Komödiensolo von Nick Hornby ist fließend: Dave scheint schon die ganze Zeit hier gewesen zu sein, ohne von uns bemerkt zu werden und könnte ebenso ein Wächter in der Kunsthalle sein, der beschlossen hat, uns seine Geschichte zu erzählen.

NippleJesus, Landestheater Schwaben, Memmingen, 20.02.2017

Dave, groß, breitschultrig und stark, erzählt uns vor dem Hintergrund der Ausstellung, dass er nicht immer Museumswächter war. Vorher war er Türsteher in einem Club, wollte dann einen zivileren Job und wurde als Museumswärter „für eine besondere Aufgabe“ engagiert.

An seinem ersten Arbeitstag wird er zu einem vom Rest des Museums separierten Raum geführt, vor dem ein Schild hing mit der Warnung, dass in diesem Raum ein Bild religiösen Charakters hängt mit kontroversem Inhalt und nur Besucher ab 18 Jahren Zutritt haben.

Einfühlsames Portrait mit kontroversem Inhalt

Das Bild zeigte Jesus am Kreuz, das von der Ferne betrachtet aussah wie eine Nahaufnahme. Es zeigte den ganzen Schmerz, den Jesus Christus gelitten haben musste, denn sein Gesicht war schmerzverzerrt und brachte ihn zum Nachdenken, erzählt uns Dave, der bisher wenig Bezug zu Religion hatte.

Als er näher an das Bild herantrat, sah er, dass das Bild aus lauter kleinen Quadraten bestand und als er noch näher hinsah, bemerkte er, dass jedes der kleinen Quadrate den Nippel einer weiblichen Brust zeigte.

Er verstand plötzlich, warum dieses Bild als so `gefährlich` betrachtet wurde. Als er las, dass das Bild von einer Frau geschaffen wurde, war er noch mehr schockiert und fragte sich, wie auch noch eine Frau ein Bild aus ausgeschnittenen Abbildungen von weiblichen Nippeln machen konnte?!

Immer wieder kamen einzelne Besucher oder Besuchergruppen und Dave lauschte neugierig den Unterhaltungen, um mehr über das Werk herauszufinden, doch die Unterhaltungen schienen von allem zu handeln, außer von dem Bild, bis die Künstlerin selbst mit ihrer Familie kam, die ihr zu ihrem Werk gratulierte.

NippleJesus, Landestheater Schwaben, Memmingen, 20.02.2017

Blasphemisch oder genial?

Dave beobachtete Martha, die Künstlerin, und fand sie … eigentlich nett. Sympathisch. Ebenso ihre Familie. Dave begann, neben Sympathie für die Künstlerin und ihre Familie auch etwas wie Verantwortung für das Werk zu entwickeln und als dies am nächsten Tag von den lokalen Zeitungen verrissen wurde, begann er, es innerlich zu verteidigen.

`Schließlich war ja draußen ein Warnschild gestanden`, denkt sich Dave, ´es ist ja niemand dazu gezwungen, reinzugehen. Und schließlich weiß ja nun jeder, woraus das Bild besteht, wer also ist hier vulgär: das Bild, das sich aus lauter mühsam ausgeschnittenen Nippeln zusammensetzt, aber ein eindrucksvolles Portrait eines schmerzgezeichneten Jesus darstellt, oder der, der absichtlich nah hingeht, um die Nippel zu sehen?´ denkt sich Dave.

Mit zunehmenden Besuchern aus verschiedensten Lagern wird Dave klar, dass er mehr über das Bild nachgedacht hat, als jeder andere und nimmt mehr und mehr die Position des Verteidigers des Werkes ein. Während er es sogar physisch vor einem Zerstörungsversuch verteidigt, wird dies tatsächlich von anderer Hand demoliert.

Als Dave das demolierte Bild ansah, das auf dem Boden lag, das Gesicht von Jesus kaputt und… geschändet, fragte er sich, was blasphemischer war: Das Portrait von Jesus zusammengesetzt aus Nippeln oder die Zerstörung des Abbildes von Jesus? ´Jesus ist Jesus und – Christus ist dort, wo man ihn findet`, reflektierte Dave. Und vielleicht ist gerade die Provokation, das Erzeugen einer Reaktion, die Fragen, die aufgeworfen werden, die Auseinandersetzung das, was moderne Kunst ausmacht?!

NippleJesus, Landestheater Schwaben, Memmingen, 20.02.2017

Über NippleJesus

Das Komödiensolo von Nick Hornby wurde inspiriert von den Werken von Andres Serrano, von denen eines auch Teil der Ausstellung Relikte & Reliquien ist und sich mit dem Leidensweg von Jesus Christus und Körperflüssigkeiten beschäftigt.

Das Stück bezieht seine Kraft jedoch nicht in erster Linie aus komischen Momenten, die zweifellos vorhanden sind, sondern hat mindestens ebenso viel Tiefgang, setzt sich mit der Aufgabe moderner Kunst auseinander und damit, wie moderne Kunst sich dem Thema Religion annähern kann.

Jahrhunderte lang war Religion der einzig anerkannte Inhalt von Kunst und Kunst bezog seine Existenzberechtigung allein aus der Darstellung religiöser Themen. – Wie diese Beziehung heute aussehen kann, wie vielschichtig Kunst heute Fragen behandelt, Fragen stellt, Nachrichten transportiert oder relativiert und wie persönlich Kunst heute dadurch wird, bereichert das von Intendantin Dr. Kathrin Mädler inszenierte Komödiensolo von Nick Hornby mit einer inspirierenden Tiefe.

Komödiensolo von Nick Hornby in Kooperation mit der MEWO Kunsthalle. – Inszenierung: Kathrin Mädler. – Besetzung: Jens Schnarre.

Nick Hornby – Kurzbiografie

Nick Hornby studierte englische Literatur, arbeitete im Anschluss als Englischlehrer und nebenberuflich als Journalist. Mit seinem Romandebüt FEVER PITCH über einen Fußball-Fan gelang ihm 1992 der literarsiche Durchbruch.

Auch sein zweiter Roman HIGH FIDELITY (1995) über einen Musikfan ohne Zukunftspläne schaffte es auf die englischen Bestsellerlisten. ABOUT A BOY erschien 1998 und wurde mit Hugh Grant verfilmt.

In A LONG WAY DOWN, seinem fünften Roman, erzählt er mit schwarzem Humor von vier Selbstmordkandidaten, die sich zufällig treffen und schließlich ins Leben zurückfinden.

Nick Hornby unterstützt die Organisation TREE HOUSE, eine Schule für autistische Kinder, die sein Sohn besuchte.

Relikte & Reliquien

Die Ausstellung ist noch bis zum 21. Mai 2017 in der MEWO Kunsthalle Memmingen zu besichtigen.

Mehr Infos über die Ausstellung finden Sie auf www.mewo-kunsthalle.de.

Weitere Vorstellungstermine von NIPPLEJESUS finden Sie auf www.landestheater-schwaben.de/spielplan.

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