Interview mit Memminger Pianistin Julia Rinderle beim 1. Internationalen Meisterkurs in Memmingen

3. März 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Noch bis Sonntag, 5. März findet in den Räumlichkeiten der Sing- und Musikschule Memmingen der erste internationale Meisterkurs „Klangperspektiven“ im Allgäu statt mit 17 hochbegabten jungen Pianistinnen und Pianisten aus der ganzen Welt, unterrichtet von Professor Roland Krüger. Die Proben sind öffentlich, Konzertabende und ein festliches Abschlusskonzert warten auf das klavierbegeisterte Publikum. Wir sprachen darüber mit der Memminger Pianistin Julia Rinderle.

Beim ersten Konzertabend am Mittwoch hatte ich bereits Gelegenheit dabei zu sein und war wie alle anderen Zuhörer überwältigt von der Klasse der Meisterschüler und deren allerhöchstem Niveau, das hier von Professor Roland Krüger der Musikhochschule Hannover noch verfeinert wird. (Bericht über den ersten Konzertabend folgt.)

Die erste Frage, die mir in der Pause in den Sinn kam war, wie es wohl möglich ist, solch hochkomplexe Stücke wie die, die wir an diesem ersten Konzertabend hören durften, frei und ohne Noten zu spielen. Nachdem sich daran viele weitere Fragen in meinem Inneren anschlossen, beschloss ich, die Memminger Pianistin Julia Rinderle um ein Interview zu bitten.

Denn Julia Rinderle ist nicht nur selbst Pianistin und studierte sieben Jahre bei Professor Roland Krüger in Hannover, sondern sie war es, die die zündende Idee für diesen Meisterkurses hatte und dafür die künstlerische Leitung übernahm.

Interview mit Julia Rinderle beim 1. meisterkurs für Klavier in Memmingen, 02.03.2017

Fangen wir von vorne an: Wie alt sind Sie? Wo sind Sie geboren, aufgewachsen und wie kamen Sie zum Klavierspielen?

Julia Rinderle: Ich bin 26 Jahre alt, in Memmingen geboren, in Bad Grönenbach aufgewachsen und habe am Vöhlin Gymnasium Abitur gemacht. Danach bin ich nach Hannover gegangen und habe an der Musikhochschule sieben Jahre bei Professor Krüger studiert…

Moment, nicht so schnell, Sie haben ja sicher nicht erst in Hannover mit dem Klavierspielen begonnen. Das Vöhlin Gymnasium ist zudem nicht unser musisches Gymnasium, wie also kam es dazu, wie kamen Sie ans Klavier, in welchem Alter haben Sie begonnen und wer hat sie unterrichtet?

Julia: Ich habe mit sieben Jahren angefangen Klavier zu spielen und wurde in der Sing- und Musikschule Memmingen unterrichtet. Eine große Rolle spielte sicher, dass ich aus einer musikalischen Familie komme: Meine Mutter ist Musikerin und hat mich von Kindesbeinen an sehr gefördert. Es wurde bei uns zu Hause viel klassische Musik gehört, meine Geschwister spielen auch beide Instrumente und mein Bruder ist studierter Musikwissenschaftler.

Das sind ja schon einmal tolle Voraussetzungen, und wie ging es dann weiter?

Julia: In der Sing- und Musikschule in Memmingen hatte ich eine sehr ehrgeizige Lehrerin. Sie hieß Ludmilla Lissovaia und kam aus Russland. Ihr habe ich sicher eine sehr solide Grundausbildung zu verdanken. Nach dem Abi war klar, dass ich Musik studieren würde, also ging ich nach Hannover an die Musikhochschule.

Dann habe ich ein Erasmusjahr in Wien (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, nach eigenen Angaben die größte Musikuniversität weltweit) gemacht und dort unter Professor Jiracek von Arnim studiert. Jetzt studiere ich in Salzburg und mache den 2. Master bei Professor Imre Rohmann aus Ungarn.

Was brachte Sie auf die Idee dieses Meisterkurses in Memmingen?

Die Idee entstand vor etwa eineinhalb Jahren. Memmingen ist meine Heimatstadt und es liegt mir am Herzen, etwas für Kultur zu tun. Die Sing- und Musikschule bietet sehr viel, sie hat tolle Säle und viele gute Klaviere und Flügel, und ich habe nach wie vor eine gute Beziehung zu dieser Schule. Also trat ich mit meiner Idee an Musikschulleiter Ottfried Richter heran und der war sofort davon angetan.

Zudem hatten auch Professor Krüger und ich seit langem den Wunsch, etwas zusammen auf die Beine zu stellen, so ergab sich daraus die Idee eines Meisterkurses mit ihm in Memmingen in den Räumlichkeiten der Sing- und Musikschule.

Und in einer historischen, malerischen Stadt wie Memmingen erhalten die Teilnehmer viel Inspiration für ihre künstlerische Arbeit. Sie üben in den prächtigen Räumlichkeiten des ehemaligen Kreuzherrnklosters inmitten der Altstadt, das ist ein sehr schöner Rahmen.

Offensichtlich fand das auch eine tolle Resonanz auf beiden Seiten: Schon beim ersten Konzertabend gestern war der Saal voll und Musikschulleiter Ottfried Richter sagte, dass Sie sogar Bewerber für den Kurs ablehnen mussten, da sich 25 internationale Klaviertalente beworben haben, der Kurs jedoch 17 Personen zählt.

Julia: Ja, eigentlich hatten wir ihn sogar auf weniger Teilnehmer ausgerichtet, aber wir haben ihn so gut es ging erweitert, einen Probentag am Sonntag angehängt und die Proben enger getaktet. Wir haben nicht erwartet, dass es eine so große Resonanz geben würde, das freut uns natürlich sehr.

Interview mit Julia Rinderle beim 1. meisterkurs für Klavier in Memmingen, 02.03.2017

Was macht denn diesen Meisterkurs so attraktiv, dass Klavier-Meisterschüler aus der ganzen Welt hier nach Memmingen anreisen?

Julia: Ja, es ist erstaunlich, von wie weit die Kursteilnehmer kamen (neben Deutschland, Österreich und Italien): aus China, Japan, Korea, Polen, Türkei, Rumänien und sogar aus Kanada! Der Hauptgrund ist wohl Professor Roland Krüger, er hat international eine enorme Ausstrahlungskraft. 2001 gewann er den 1. Preis des großen Genfer Klavierwettbewerbes, nachdem neun Jahre lang dort kein erster Preis vergeben worden war.

Ich wusste gar nicht, dass es Wettbewerbe gibt, an denen kein erster Preis verliehen wird…

Julia: Ja, die Jury an diesem Wettbewerb ist unglaublich streng. Jahrelang wurden nur zweite Plätze als beste Auszeichnung vergeben. Deshalb hat es natürlich international Wellen geschlagen, als Professor Krüger es nach neun Jahren als erster schaffte, den ersten Preis zu gewinnen.

Aber auch das Konzept dieses Meisterkurses ist sehr ansprechend für die Teilnehmer: Der Kurs ist sehr intensiv. Neben dem Unterricht sind die Proben öffentlich, es gibt jeden Abend interne Vorspiele und die Möglichkeit, an drei Konzerten vorzuspielen. Das ist viel. Insgesamt gibt der Kurs viel Raum für Bühnenerfahrung, d.h. die Bühnensituation zu üben.

Viele bringen bereits etwas mit, um daran mit Professor Krüger zu arbeiten. Das können bereits Stücke sein, die für ein Konzert geplant sind, oder auch ein neues Stück, an dem sie mit ihm arbeiten möchten.

Man sagt, das Klavier ist auch deshalb sehr anspruchsvoll, weil man praktisch immer Solist ist und bei einem Konzert alles mit dem Pianisten steht und fällt…

Julia: In der Kammermusik ist das Klavier gleichberechtigt, aber als klassischer Konzertpianist ist da schon etwas dran, als Pianist ist man immer mehr ein Einzelkämpfer und muss sich als Solist präsentieren können. Um sich darin zu üben gibt es in diesem Meisterkurs viel Gelegenheit.

Zur Organisation: Organisiert haben Sie das alles?

Julia: Zusammen mit Anastassia Tkachenko. Wir haben das alles gemeinsam organisiert. Wir haben dazu einen Verein gegründet, „Klangperspektiven Allgäu“ und sind seit eineinhalb Jahren am organisieren. Angefangen bei der Ausarbeitung der Kursstruktur über die Gründung des Vereins, das Erstellen der Webseite bis hin zu Plakatwerbung, Verbreitung auf den Medien, über Facebook und fachspezifischen Blogs, und haben die Unterkünfte organisiert.

Interview mit Julia Rinderle beim 1. meisterkurs für Klavier in Memmingen, 02.03.2017

A Propos Unterkünfte: Die Teilnehmer sind ja überwiegend in Gastfamilien untergebracht, wie nehmen die Teilnehmer das auf, wie ist das für die Teilnehmer?

Julia: das kommt sehr gut an! Man ist ja sonst einfach nur fremd in einer Stadt und baut keinerlei Beziehung auf, wenn man in einem Hotel wohnt. Man spielt und fährt wieder nach Hause. So kommt man in Kontakt mit Menschen vor Ort und die meisten der Gastfamilien sind auch musikbegeisterte Menschen. So findet ein schöner Austausch statt und die Teilnehmer fühlen sich aufgenommen. Auch für die Gastfamilien ist es toll, einmal solch hochkarätige Musiker aus anderen Ländern als Gast zu haben.

Beim Konzert gestern fragte ich mich, was denn Meisterschüler dieses Niveaus noch dazulernen können?

Julia: (lächelt) Man lernt nie aus. Und man wächst auch an den Stücken, über die Auseinandersetzung. Natürlich ist Professor Krüger auch sehr angetan vom Niveau dieses Kurses, er sagte, es sei das höchste Niveau, das er je unterrichtet hat.

Wie ist es möglich, dass beispielsweise eine 20-Jährige die tiefen Emotionen eines Prokofiev wiederzugeben vermag, um nur ein Beispiel zu nennen… Wie alt sind denn die Kursteilnehmer?

Julia: Die Kursteilnehmer sind zwischen 17 und 36 Jahre alt. Die meisten sind Anfang 20. Und ja das stimmt, ein Stück lebt nicht nur von Technik, Professor Krüger hilft den Teilnehmern, einen exklusiven Einblick in die Stücke zu erhalten, deren Ausdruck, Inhalt, Tiefgang näherzubringen, sich klar zu werden was will der Komponist? Mit der Auseinandersetzung wächst man in die Stücke hinein.

Nachdem dieser Meisterkurs sehr erfolgreich ist, wird es diese nun öfter geben?

Julia: Ja, der Kurs wird eventuell wiederholt, Folgeprojekte sind in Planung…

Und wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus?

Julia: Im Moment konzertiere ich schon regelmäßig und wünsche mir das für die Zukunft fortzusetzen und auszubauen und auch nebenbei zu unterrichten.

Frau Rinderle, herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit für ein Interview genommen haben! Natürlich wünsche ich Ihnen weiterhin ganz viel Erfolg!

Mehr Infos über den Meisterkurs und die „Klangperspektive Allgäu“ finden Sie auf www.klangperspektiven-allgaeu.de.

Mehr Infos über Julia Rinderle auf www.juliarinderle.de.

Weiterer Verlauf des Meisterkurses und Abschlusskonzert:

Die öffentlichen Proben sind täglich von 10 – 19 Uhr (Mittagspause: 13- 15 Uhr). Sonntag von 10 – 17:30 Uhr.

Festliches Abschlusskonzert mit allen Teilnehmern ist am Samstag, 4. März um 19 Uhr.

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