Inspirierende Gesprächsrunde über „NippleJesus“

14. März 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Eine interessante und vielschichtige Diskussion über das Komödiensolo NippleJesus des Landestheaters Schwaben entwickelte sich am vergangenen Freitag nach der Aufführung in der MEWO Kunsthalle. Religion, Religion in der modernen Kunst, Provokation, Symbolsprache und die Grenzen der Kunst waren einige der Themen in der offenen Gesprächsrunde mit Vertretern der Kirche und der Kunst, sowie vielen interessierten Besuchern.

Das von Dr. Kathrin Mädler inszenierte Komödiensolo, das aus einer Erzählung von Nick Hornby entstand, ist Teil eines Gemeinschaftsprojektes mit der MEWO Kunsthalle und der parallelen Ausstellung „Relikte und Reliquien“.

Angeregt wurde diese offene Gesprächsrunde von Maria Weiland der Cityseelsorge Memmingen und wurde von Intendantin Dr. Kathrin Mädler, wie auch vom Leiter der MEWO Kunsthalle Axel Lapp sofort und gerne aufgegriffen.

Gesprächsrunde NippleJesus, Landestheater Schwaben, 12.03.2017

Neben interessierten Bürgerinnen und Bürgern waren dazu der katholische Dekan Ludwig Waldmüller, der evangelische Dekan Christoph Schieder eingeladen, wie auch Pfarrer Ralf Matthes der St. Martins Kirche, die Ideengeberin Maria Weiland der Cityseelsorge, der Schauspieler des Komödiensolos Jens Schnarre und natürlich Intendantin Dr. Kathrin Mädler und Kunsthallenleiter Axel Lapp.

Dekan Christoph Schieder nahm gleich einmal denen den Wind aus den Segeln, die erwartet hatten, dass sich hier vielleicht eine hitzige Diskussion zwischen provokativer Kunst und einer grenzenverteidigenden Kirche entfachen könnte. Denn er fand den Titel weit provokativer als den Inhalt des Komödiensolos „NippleJesus“.

Kunst baut Beziehung auf

Natürlich habe der Inhalt viel mit Religion zu tun: Museumswächter Dave, der bis dato weder mit Kunst, noch mit Religion etwas am Hut hatte, beginnt, in seiner Aufgabe, das Werk „NippleJesus“ zu bewachen, Sympathie für die Künstlerin zu entwickeln und auch das Bild lieb zu gewinnen. Dabei habe er auch eine Beziehung zum Inhalt des Bildes entwickelt, finde das Abbild Jesu schön und beginne, sich erstmals wirklich mit dem Thema Religion zu beschäftigen.

Auch für Pfarrer Matthes war „Beziehung“ ein großes Thema in dem Stück. Zu Beginn zeigte sich Museumswächter Dave eher gelangweilt, doch nach und nach baute er eine Beziehung auf zu dem Werk, das er beschützen sollte, zur Künstlerin, ja sogar zum religiösen Inhalt des Bildes. Auch alle großen Gefühle habe Dave anhand dieses Bildes erlebt: Sympathie, Liebe, Hass, Wut, Zerstörung, Schutzbedürfnis, während sich die Künstlerin selbst ja eher beziehungsunfähig bzw. empathielos zeige:

Weder nahm sie die Sympathie des Museumswächters wahr, noch erinnerte sie sich an ihre eigenen Gesten ihm gegenüber und am Bild selbst lag ihr auch nichts, nur an dessen Zerstörung. Sehr eindrucksvoll fand Pfarrer Matthes auch, wie feinfühlig der anfänglich eher grob gestrickt wirkende Dave sich auf die Sache einlässt, bis zum finalen Satz, „Christus ist da, wo man ihn findet“.

Für Schauspieler Jens Schnarre, der Dave darstellte, war es spannend, wie sich langsam eine Annäherung an Kunst und künstlerischem Inhalt aus der Sicht eines Mannes entwickelte, der über keine hohe Bildung verfügt und mit Kunst eigentlich nichts am Hut hatte. Dennoch präsentierte sich gerade Dave als sehr klug und ging zudem ohne Vorbelastung auf alles zu. Gerade mit dieser Haltung habe Dave seine eigene spirituelle Erfahrung gemacht.

Dekan Waldmüller Akteur in NippleJesus

Dekan Ludwig Waldmüller, auf den wir nun alle sehr gespannt waren, brachte uns gleich einmal zum Lachen: Nicht nur sei er in dem Stück vorgekommen – als der Pfarrer mit schwarzen Hemd und Priesterkragen über der Jeans getragen (genauso, wie er selbst an diesem Abend zur Diskussionsrunde angezogen war) – sondern auch die große Aufregung im Vorfeld in diesem Stück hatte eine Parallele zu seinem Leben. Denn noch bevor das Stück NippleJesus Premiere feierte, bekam er, wie auch Dekan Schieder zahlreiche aufgeregte Anrufe und Briefe von gläubigen Christen, die hier eine Bedrohung ihres Glaubens befürchtet hatten.

Gesprächsrunde NippleJesus, Landestheater Schwaben, 12.03.2017

Doch, so Dekan Waldmüller, auch diese Provokation im Vorfeld sei vor allem durch durch den Titel gelungen und man werde ins Stück hineingezogen. Dabei passiere etwas, es bilde sich eine Verbindung zwischen Zuschauer und dem Stück, und das Stück mache etwas mit dem Zuschauer. Er fühlte sich dabei an die Statue erinnert, die in der Kirche St. Johann am Eingangsbereich zu finden sei: Er habe sehr oft beobachtet, dass viele Besucher diese Statue berühren wollten, dass dieses Kunstobjekt also etwas mit dem Betrachter mache. Es sei sehr beeindruckend, wie sehr Kunst und Mensch miteinander kommunizieren und miteinander zu tun haben.

Was soll Kunst und was soll Kunst nicht?

Eines dürfe ja Kunst vor allem nicht sein: langweilig, trug Maria Weiland zum Gespräch bei. Kunst habe ja auch das Ziel, viele verschiedene Perspektiven zu beleuchten und dem Betrachter zu erlauben, einen neuen Horizont zu gewinnen durch die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten. Kunst bringe die Dinge in die Schwebe und helfe damit bei der Selbstorientierung. Wenn Kunst dies gelinge, passiere viel beim Betrachter. In diesem Stück sei dies gelungen, es sei etwas übergesprungen zum Zuschauer, und mit dieser Diskussionsrunde schrieben die Teilnehmer das Stück weiter.

Museumsleiter Axel Lapp fragte sich an dieser Stelle, wie das Verhältnis zwischen Kunst und Provokation sei. Kunst müsse alles dürfen. Kunst sei ein wichtiges „Spielfeld“ in unserer Gesellschaft, um Gedankenexperimente zu machen, um Gedanken auszuprobieren. Ihm sei aufgefallen, dass die Zuschauer des Theaterstückes NippleJesus oftmals nach dem Stück sich die Bilder der Ausstellung „Relikte und Reliquien“ nochmals ansehen. Es fände auch durch das Theaterstück eine Auseinandersetzung mit der Kunst statt.

Dave beschreibe, so Axel Lapp weiter, verschiedene Gesichtspunkte, zeige verschiedene Perspektiven auf und man frage sich am Ende, „was macht das Stück mit mir?“. Diese Provokation sei notwendig, um Gedankenprozesse anzustoßen.

Konflikt Kunst und Kommerz

Ein Besucher fragte, ob in diesem Stück wohl auch der Konflikt zwischen Kunst und Geschäft bzw. Kommerzialisierung von Kunst angesprochen werde?

Axel Lapp antwortete darauf, ja, Nick Hornby beziehe sich im Stück auch auf viele existierende Kunst-Geschäfte dieser Zeit. In der Zeit, in der die Erzählung von Nick Hornby entstand und die dem Stück zugrunde liegt, seien durch Kunst viele Skandale produziert worden, Kunst musste vor allem Aufsehen erregen. Nick Hornby stehe dem durchaus auch kritisch gegenüber. Provokation der Provokation wegen sei ja im Grunde eine sehr eitle Angelegenheit, was Nick Hornby auch in gewisser Weise kritisch aufgreife.

Eine Besucherin warf ein, dass neben vielen weiteren Gedanken auch aufgezeigt werde, wie der Betrachter manipuliert werden könne. Denn die Künstlerin Martha in dem Stück habe ja alles darauf angelegt, einen Betrachter so zu provozieren, dass er das Bild zerstöre.

Was darf Kunst?

Dekan Schieder griff etwas auf, was Axel Lapp zuvor ansprach und fragte ihn, ob Kunst wirklich alles dürfe, oder ob Kunst nicht auch Grenzen habe?

Axel Lapp erklärte dazu zunächst, dass beispielsweise eine Ausstellung bestimmter Objekte immer durch Kontrollmechanismen in der öffentlichen Kultur ginge. Eine Institution müsse ein Thema oder den Inhalt einer Ausstellung spannend genug finden, aber auch präsentierbar. Das Ziel sei immer, Menschen mit Kunst zu erreichen, sie durch Kunst anzusprechen und auch, um etwas bei den Menschen anzustoßen.

Gesprächsrunde NippleJesus, Landestheater Schwaben, 12.03.2017

Dekan Waldmüller fragte an dieser Stelle nach moralischen Grenzen. Ja, es gebe immer auch Gesetze, die bestimmte Inhalte verbieten oder Grenzen vorgeben, antwortete Axel Lapp darauf, doch die würden sich auch mit der Zeitgeschichte ändern. So gebe es bestimmte Bilder, die vor 20 Jahren noch verboten waren für öffentliche Ausstellungen, heute vielleicht nicht mehr. Vor Jahrhunderten sei Portraitmalerei beispielsweise etwas völlig Revolutionäres gewesen, später lächelte man darüber. Auch die Gesellschaft gebe hierfür Maßstäbe.

Für Dekan Schieder war an dieser Stelle dort die Grenze, wo Kunst menschenverachtend werde, wo der Mensch oder Gott verspottet werde.

Dr. Kathrin Mädler griff den Ansatz auf und fragte, was wohl unter Blasphemie zu verstehen sei und ob es so etwas gebe wie blasphemische Kunst?

Aus der Warte von Dekan Waldmüller ist Kunst dann blasphemisch, wenn sie religiöse Gefühle verletze. Er habe „Eva noch nie im Bikini abgebildet gesehen“ und für ihn wären beispielsweise pornografische Momente im Zusammenhang mit Religion nicht in Ordnung. Oder wenn Gegenstände zerstört würden, die Menschen heilig sind, wie eine Heiligenstatue oder ähnliches. Eine Grenze sehe auch er in menschenverachtenden oder religionsverachtenden Inhalten.

Wo liegt die eigentliche Provokation?

An diesem Punkt griff ich die Symbolik der weiblichen Brust auf. Nach einiger Überlegung im Anschluss an die Premiere fragte ich mich, wo die eigentliche Provokation hier wohl liegt? Denn die Symbolik von weiblichen Brüsten, die zu einem Abbild Jesu zusammengesetzt wurden, finde ich eigentlich weniger provokativ als im Gegenteil sehr passend. Denn wenn ich an eine weibliche Brust denke – und nicht an Pornohefte, aus denen sie vielleicht ausgeschnitten wurden – was fällt mir da spontan ein? Mutterbrust – nähren – Kind – Reinheit – bedingungslose Mutterliebe.

Und ist nicht auch der Glaube etwas, das Menschen nährt? Seit über 2000 Jahren nährt der christliche Glaube die Menschen mit dem Glauben an das Gute, mit dem Glauben an Liebe und Respekt und bildet bis heute die Grundwerte unseres Rechtssystems. Und Jesus, verkörpert der nicht Reinheit und bedingungslose Liebe? Also eigentlich doch recht passend, wenn man die Brüste als etwas Symbolisches betrachtet, warf ich ein.

Pfarrer Matthes war überzeugt, dass die wahre Provokation eher von der Absicht der Künstlerin ausginge, die es darauf anlegte, einen Betrachter dazu zu bringen, es zu demolieren. Das sei offene Provokation und es zeige die gefährliche Dynamik von Gewalt als Mittel. Doch, so Pfarrer Matthes, wer Gewalt anwende, tue sich selbst auch etwas an und geriete in eine Gewaltspirale.

Dr. Mädler schaltete sich nochmals ein und fragte in die Runde, ob sich denn sonst jemand verletzt gefühlt habe und wenn ja wovon?

Provokation als Weg aus gedanklicher Starre

An dieser Stelle brach Dekan Waldmüller eine Lanze für Provokation: „Provokare“ bedeute „herausrufen“. Provozieren bedeute also nichts anderes, als uns aus unserer Komfortzone herauszuholen, uns aufzurütteln. Es hole uns aus der gedanklichen Starre und bringe uns dazu, Stellung zu nehmen, unsere Position zu überdenken oder uns selbst zu positionieren. Daher sei Provokation nicht grundsätzlich etwas Schlechtes. Was Provokation letztlich bewirkt sei individuell, wir selbst haben die Kontrolle darüber.

Eine Besucherin sagte, für sie habe sich etwas geändert, als gesagt wurde, dass die Brüste aus Pornoheften stammen. Das habe sie gestört. (Jedoch hätte es sehr viel weniger provokativen Charakter, ohne die Erwähnung der Pornohefte und der Erzähler wollte ja, dass seine Figur der Künstlerin Martha es provoziert, dass das Bild zerstört wird. Ohne diese Provokation hätte die Geschichte ein anderes Ende genommen, doch genau dieses Ende war vom Erzähler erdacht. – Das sagte ich jedoch nicht, füge es hier nur als Gedanken mit ein).

Gesprächsrunde NippleJesus, Landestheater Schwaben, 12.03.2017

Dekan Schieder brachte an dieser Stelle noch einen interessanten Einwand: Die Provokation eines Künstlers müsse offen sein. Wenn ein Künstler das Ziel seiner Provokation vorgebe, und Mittel so einsetze, dass es den Betrachter dazu bringe, das gesetzte Ziel zu erreichen, sei dies gefährlich und ginge fast in die Richtung, in der sich Fundamentalisten bewegen, die Symbolik gezielt einsetzen, Klischees gezielt einsetzen und damit Kriege auslösen können oder zu Gewalt aufrufen.

Eine Besucherin erinnerte sich in diesem Zusammenhang an den Mord am Karikaturisten Charlie Hebdo in Frankreich im Jahr 2015, als sich jemand so von seinen Karikaturen provoziert fühlte, dass er deshalb einen Mord beging.

An dieser Stelle würden die Grenzen zwischen Leidenschaft und Fanatismus verschwimmen, ergänzt Dekan Schieder den Gedankengang.

Bevor Intendantin und Moderatorin Dr. Mädler dann das Ende dieser Gesprächsrunde einläutete, hob Dekan Waldmüller hervor, welche Aufgabe religiöse Kunst habe: „Religiöse Kunst“ als solches habe die Aufgabe, dem Menschen zur Transzendenz zu verhelfen, durch die Kunst über den Menschen hinauszuwachsen. Vielleicht, so Dekan Waldmüller, sei Provokation als modernes Mittel der Transzendenz zu sehen.

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