Freiheit nach Lars Reichow

6. April 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

In seinem neuen Bühnenprogramm „Freiheit“ geht es bei Kabarettist, Entertainer, Moderator und „Klaviator“ Lars Reichert um die vielen Facetten eben dieses seit Menschengedenken zentrale und sich im ewigen Wandel befindlichen Thema „Freiheit“. Doch Lars Reichow konzentriert sich auf das Heute und bedient sich an einem fast unerschöpflichen Repertoire an reellen Bezügen wie auch gedanklichen Bildern.

Mit viel Charme, brillanter Ironie und aus dem modernen Leben gegriffenen Szenen stellte er im Rahmen der Memminger Kabaretttage die unterschiedlichsten Perspektiven und Interpretationen den „5000 Besuchern der Vöhlin-Aula“ vor – „nach Zahlen aus dem Trump-Institut“.

Manchmal nachdenklich erwägend, dann wieder unter Lachtränen und im ständigen Wandel der Perspektiven durchlebten die Zuschauer durch ihn und mit ihm verschiedene Vorstellungen von Freiheit, ebenso wie die traurigen Konsequenzen von Nicht-Freiheit.

Lars Reichow-Memminger Kabaretttage, 04.04.2017

Dabei ist der liebevolle Ironiker ein Meister brillanter Geflechte: sei es aus realistischen Gegebenheiten und purer Fiktion, die uns die Idealisierungen von Freiheitssymbolen vor Augen hält oder aus gegensätzlichen, erzählerischen Perspektiven, in denen sich uns der wahre Wert von Freiheit offenbart.

Wenn Lars Reichert von einem Familienausflug im Camper erzählt – einem der Symbole moderner Freiheit – beginnt er mit einer realistischen Erzählung eines Familienausfluges nach Norwegen mit seiner eigenen Familie. Zunächst schildert er schillernd die Konsequenzen der Enge im Camper, als sie „nach 1000 Kilometern das erste Mal Rast machten“, nachdem er sich – in Norwegen, im Monat Juni – vornahm, bis zur Dämmerung zu fahren. „Während die Füße unseres noch in der Wachstumsphase befindlichen Sohnes zum hinteren Fenster herausschauen, stinkt es hinten nach Füßen, vorne nach Fisch“, denn in Norwegen hatten sie natürlich Fisch gebraten, vorne in der Küche.

In der Küche, die sich direkt hinter dem Schaltknüppel befindet, man also theoretisch „gleichzeitig fahren und kochen kann“ und sich zudem gleich schräg unterhalb der Alkove befindet, in die man so wie so nur „als Zwillinge nach der Geburt reinpasst“, abgesehen davon, dass man nach dem Kochen darin nicht mehr atmen, also auch nicht mehr schlafen kann. Obwohl es doch auch praktisch sei, wenn man hinten im Bett liegen und sich gleichzeitig in der Küche ein Brot schmieren kann…

Als er dann erzählt, wie er anschließend die Toilette benutzen musste, geht seine bis dahin realistisch wirkende Geschichte nahtlos über in den Angriff von Elchen, der zu einer wilden Flucht führte mit dem Camper und endete damit, dass er genau in dem Moment, als er durch einen Mission-Impossible-Sprung mit dem Camper von einer Klippe fliegend zielgenau auf der nächsten Insel landete – aufwachte.

Gleichzeitig schließt Lars Reicherts Ironie sich selbst oft schmunzelnd mit ein. Etwa, wenn er erzählt, was er letztlich aus dem freien Tag gemacht hat, den er sich mühevoll erkämpft und am Ende durch Unsinnigkeiten gefüllt hat.

Lars Reichow-Memminger Kabaretttage, 04.04.2017

Oder wenn er von den Freiheiten erzählt, die er nun, „im besten Alter von 50 Jahren“ genießt, in dem seine „verhaltensauffälligen Kinder nur noch zum (stundenlangen) Duschen nach Hause kommen“, man selbst in Sachen Ehe nicht mehr der „Löwe“ ist, es „nicht mehr in jeder Nacht um alles geht“, er den Waschbrettbauch schließlich ad Acta gelegt und sein „Frauenabitur“ zum „Frauenversteher“ schon absolviert hat.

Er beschreibt die finanziellen Möglichkeiten, sich in diesem Alter Freiheiten zu erlauben, wie etwa „noch eine Spülmaschine zu kaufen, obwohl man schon eine hat“, sich endlich die Segelyacht leisten zu können um dort an „Frauenworkshops“ teilzunehmen…

In einem Lied, das er auf dem Piano begleitet, besingt er einen Mann, der in einem schönen Haus auf seiner schönen Couch sitzt und sich ein Stück Pizza in den Mund schiebt, während er in seinem schönen Flachbildschirm Bilder eines kleinen Bootes voller Menschen auf dem Mittelmeer sieht. Er sieht Verzweiflung in den Gesichtern der Menschen in dem Boot – in dem Boot, das langsam sinkt, langsam und unaufhaltsam in Richtung Grund.

Durch wirklichkeitsnahe Verflechtungen krasser Gegensätze erzeugt Lars Reichow etwas beim Zuschauer: man setzt Dinge in Relation, unterscheidet wichtig von unwichtig oder beginnt, Dinge anders einzuordnen.

Seine ist zudem eine Ironie, die nicht mit dem Finger auf andere zeigt – außer natürlich, wenn es sich nicht vermeiden lässt: „Nachdem unsere amerikanischen Nachbarn nun einen humorvollen Präsidenten mit einer netten Frau“ – er pausiert kurz – „eingetauscht haben mit einem Immobilienarsch mit Barbiepuppe“, musste VW in Amerika all seine neuen Modelle streichen: den VW Sombrero, den VW Tequila und den VW Gringo zugunsten vom neuen VW Ivanko Sportcoupe´, einem nur in metallic-braun erhältlichen Panzerfahrzeug und dem „SUV Trumper“.

Lars Reichow-Memminger Kabaretttage, 04.04.2017

Seit wir uns „in postfaktischen Zeiten mit Lügengebäuden, Trumpgebilden und dem Selbstverständnis von Persönlichkeiten wie Erdogan herumschlagen müssen“, plädiert er für ein „freies Europa ohne Kleingartenfaschisten, Geschichtsfälscher und Mauerbauer – Ich sage: nehmt Eure selbst errichteten Zäune und geht auf einen der 7 Planeten, die sie gerade als erdähnliche Planeten entdeckt haben – da ist doch sicher etwas für Euch dabei!“

In einem weiteren Lied besingt er den Mangel an Freiheit unter Diktatoren: „Diktatoren leben länger als man denkt.“ Diktatoren, die oft noch einen Sohn haben, der kommt und nach dem Thron verlangt und „am Ende der Barbarei waren sie nie dabei“, oder „hatten noch ein anderes Ziel und gingen in aller Ruhe ins Exil.“

Unseren zugewanderten Mitbürgern anderer Kulturen zugewandt gibt er indes humorvoll praktische Tipps in Sachen Freiheit: „Frauen dürfen hier mit Männern sprechen und haben das Recht, das Gespräch jederzeit abzubrechen.“ Und: „Wenn Frau zu Mann sagt ´wir gehen jetzt´, dann wird gegangen.“

Humorvoll, doch mit einem ernsten Auge macht er uns so darauf aufmerksam, wie leichtfertig wir mit der uns in unserer Demokratie zur Verfügung stehenden Freiheit umgehen und trotz aller Möglichkeiten nur die Hälfte aller Wähler zur Wahl gehen, was sich in einem weiteren Lied wiederspiegelt:

„Freiheit ist… doch was ist das Besondere dabei? Wenn wir nichts daraus machen, ist es irgendwann vorbei – ich hab die Nase voll von der Jammerei.“

Lars Reichow-Memminger Kabaretttage, 04.04.2017

Geschickt und doch sensibel gelingt es Lars Reichert die Perspektive der Zuschauer zu verändern. Aus all seiner stellenweise zum Biegen komischen Ironie spricht sehr viel Empathie und eine unwiderstehliche menschliche Wärme.

So schließt er – nach einigen urkomischen Episoden mit sprachlichen Ausflügen, sowie Apps für alles und Apps für die Freiheit und dem Wunsch nach einer App, die Frieden stiftet – mit einem Lied, dessen Refrain lautete: „nur durch deine Liebe fühl ich mich befreit“.

Die letzte Vorstellung innerhalb der Memminger Kabaretttage wartet übrigens schon morgen (7. April) auf die Besucher, wenn „Die Memminger Mäuler“ zu Hatzius „Echstasy“ ins Landestheater Schwaben einladen. Weitere Infos auf auf www.mm-kabarett-tage.de.

Fotos: aus eigener Quelle.

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