Premierenwochenende: Zwei starke Stücke mit politischem Gegenwartsbezug

19. April 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Mit VERBRENNUNGEN von Wajdi Mouawad und ICH BIN DAS VOLK von Franz Xaver Kroetz feiern am Landestheater Schwaben am 21. und 22. April zwei Stücke Premiere, die mit Wucht, Stärke und Emotion unter die Haut gehen. Angesichts von Krieg, Flüchtlingsbewegungen und Fremdenfeindlichkeit entfalten beide Produktionen auf unterschiedliche Weise politisch-gesellschaftliche Brisanz.

Vorbericht Premierenwochenende Landestheater Schwaben, Memmingen, 21., 22.04.2017

VERBRENNUNGEN

Drama von Wajdi Mouawad – (Premiere, Freitag 21.04.2017, 20 Uhr, Großes Haus).

Mouawad beschreibt in seinem Stück VERBRENNUNGEN eindrucksvoll die individuellen Folgen von Krieg und Vertreibung in Form eines Familiendramas von archaischer Wucht: Die Zwillinge Simon und Jeanne werden durch das Testament ihrer Mutter Nawal auf eine Reise in die Vergangenheit geschickt: In Nawals bürgerkriegsgeschüttelter Heimat im Nahen Osten erfahren sie die verstörende Wahrheit über ihre eigene Identität.

Bevor Nawal Marwan in einem kanadischen Krankenhaus stirbt, hat sie fünf Jahre lang geschwiegen. Warum? Ihre Kinder Simon und Jeanne erhalten als Hinterlassenschaft zwei Briefe: Der eine sei dem Vater zu übergeben, von dem sie glauben, dass er tot ist. Der andere einem Bruder, von dessen Existenz sie nie gehört haben.

Nur widerstrebend nehmen die Zwillinge den Auftrag der Mutter an, reisen getrennt in die verlorene Heimat im Nahen Osten und tauchen in Nawals Lebensgeschichte ein. Während der Odyssee durch die fremde Welt vermischen sich Gegenwart und Vergangenheit und die Kinder stehen ihrer Mutter als junger Frau gegenüber, die aus einem Bürgerkrieg als politische Aktivistin hervorging und nach dem Krieg in den sicheren Westen floh.

Schließlich stehen sie dem Geheimnis ihrer eigenen Herkunft gegenüber – und damit einer Wahrheit, die kaum zu ertragen ist…

Der Frankokanadier Wajdi Mouawad, selbst vor dem Bürgerkrieg im Libanon geflohen, erzählt in seinem Familiendrama von den Grausamkeiten und Verletzungen durch Kriege, aber ebenso von Hoffnung, Mut und der erstaunlichen Kraft der Liebe.

Inszenierung: Kathrin Mädler – Bühne & Kostüme: Frank Albert – Dramaturgie: Anne Verena Freybott.
Es spielen: Claudia Frost – Miriam Haltmeier – Regina Vogel – Jan Arne Looss – Christian Bojidar Müller – Rudy Orlovius – Fridtjof Stolzenwald – André Stuchlik.

Die Vorstellungstermine finden Sie auf www.landestheater-schwaben.de/spielplan.

Karten sind erhältlich an der Theaterkasse, Tel. 08331 / 94 59 16, vorverkauf@landestheater-schwaben.de.

Vorbericht Premierenwochenende Landestheater Schwaben, Memmingen, 21., 22.04.2017

ICH BIN DAS VOLK

Volkstümliche Szenen aus dem neuen Deutschland von Franz Xaver Kroetz, Fassung von Max Claessen und Silvia Stolz – (Premiere, Samstag 22.04.2017, 20 Uhr, Studio).

1993 fetzte Franz Xaver Kroetz seine Szenenfolge zu „Ausländerhaß, Neonazitum, Not und Feigheit“ aufs Papier. Von ihm selbst als Gebrauchsstück für den Augenblick gedacht, entfalten diese Szenen heute eine gnadenlos aktuelle Wucht – ICH BIN DAS VOLK ist ein scharfer Zeitkommentar und ein allzu deutsches Volksstück.

Die Flüchtlingsheime brannten und Kroetz schrieb „aus aktuellem Anlass“ seine „volkstümlichen Szenen aus dem neuen Deutschland“: Demonstrationszüge haben sich den Slogan „Ich bin das Volk“ zu eigen gemacht, der NSU-Prozess lenkt den Blick auf ein jahrelang und deutschlandweit operierendes rechtes Netzwerk, die AfD gehört inzwischen scheinbar zum politischen Inventar, und die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte sind dramatisch gestiegen.

Kroetz legt mit den aggressiv tumb auftretenden Neonazis und den scheintoleranten Politikern den Finger in die deutsche Wunde: Was ist das für ein merkwürdiges Volk, das aus dem Dritten Reich zu viel und zugleich zu wenig gelernt zu haben scheint?

In seiner atmosphärischen Inszenierung hat der Regisseur Max Claessen die Kroetzsche Szenenfolge in ein grünbraunes Familienidyll verlegt und die einzelnen Szenen zusammen mit der Dramaturgin Silvia Stolz zu einem Ganzen für vier Schauspieler verwoben. Sie entlarven, dass in jedem von uns die Angst vor dem Fremden, der kleine Rassist lauert.

Franz Xaver Kroetz, einer der meistgespielten und gleichzeitig  umstrittensten deutschen Dramatiker, ist ein theatraler Nachkomme von Marieluise Fleißer, Brecht und Horváth. Sein neues Volkstheater spült den Dreck aus den Kellern des kollektiven Bewusstseins hoch und gibt sprachunfähigen Menschen eine aggressive Expressivität.

Inszenierung: Max Claessen – Bühne und Kostüme: Ilka Meier – Dramaturgie: Silvia Stolz.

Es spielen: Anke Fonferek – Elisabeth Hütter – Jens Schnarre – Sandro Šutalo

Die Vorstellungstermine finden Sie auf www.landestheater-schwaben.de/spielplan.

Karten sind erhältlich an der Theaterkasse, Tel. 08331 / 94 59 16, vorverkauf@landestheater-schwaben.de

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