Verbrennungen

24. April 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Mit Verbrennungen inszenierte Intendantin Dr. Kathrin Mädler ein neues Stück am Landestheater Schwaben, das besticht durch seine Verdichtung, seine Intensität, wie auch die erzeugte Nähe, die das Ausmaß an Verletzungen durch Kriege ebenso eindrücklich darstellt, wie die treibende Kraft von Hoffnung, Mut und Liebe. Mit einem lang anhaltenden Applaus wurde das Stück vom Publikum gewürdigt.

Der Theatersaal wird dunkel. Das einzige, was wir sehen ist ein Gesicht. Auf eine riesige, halb-transparente Leinwand ist das Gesicht einer Frau projiziert, das uns mit ernsten, vom Leben gezeichneten und dennoch entschlossenen Augen klar und direkt ansieht.

Es ist das Gesicht einer Mutter, wie wir bald erfahren. Einer Mutter mit der aufwühlenden Vergangenheit eines Krieges, der aus Töchtern Opfer, aus Söhnen Mörder und Meuchler machte und in einer endlosen Kette von Rache, Hass und Vergeltung sein eigenes Land zerfleischte. Einer Frau, die angetrieben durch die Kraft von Liebe, Mut, Hoffnung und einem einst gegebenen Versprechen, den Krieg auf wundersame Weise überstand – verletzt und gezeichnet.

Verbrennungen-Landestheater SChwaben, Memmingen, 24.04.2017

Die Frau und Mutter heißt Nawal, schaffte es letztlich, ins Ausland zu flüchten, ihre Kinder mit ihr in Sicherheit zu bringen und ihnen das wirksamste Instrument weiterzugeben, um Krieg und Wahnsinn zu begegnen: Bildung.

Doch die Frau, deren Gesicht wir lange ansehen, lebt zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Nawal verstarb, nachdem sie sich fünf Jahre lang in Schweigen gehüllt hatte. Doch sie hinterließ ein Testament, das ihren beiden Zwillingskindern Simon und Jeanne deren wahre Herkunft und die leidvolle Geschichte ihrer selbst in einem vom Krieg zerrütteten Land nahebringen sollte, an das die beiden sich kaum erinnern können.

In einer äußerst gelungenen Inszenierung erleben wir die Gegenwart der beiden nun erwachsenen Kinder parallel zur Vergangenheit der Mutter in zwei Ebenen, die sich gleichzeitig vor unseren Augen entfalten. Zur selben Zeit lernen wir die Gedankenwelt und die Motivation von Nawal kennen, die uns immer wieder von der Leinwand anblickt und aus einem zeitlosen Jenseits erzählerisch die losen Enden sinngebend verknüpft.

Verbrennungen-Landestheater SChwaben, Memmingen, 24.04.2017

Zusammen mit den zu Anfang vom Testament der Mutter ungehaltenen Zwillingskindern, die mit der fiktiven Geschichte eines liebenden und im Krieg gestorbenen Vaters aufgewachsen waren und nun im letzten Willen ihrer Mutter Nawal die Aufgabe erhielten, zwei Briefe auszuhändigen, tauchen wir mehr und mehr in die Geschichte der Mutter ein.

Der längst erwachsenen Jeanne wurde im letzten Willen der Mutter aufgetragen, ihrem bis dahin tot geglaubten Vater einen Brief auszuhändigen, während Simon einem gemeinsamen, älteren Bruder einen Brief aushändigen sollte, von dessen Existenz sie bis dahin nichts wussten.

Dort, in der Vergangenheit, beginnt die Geschichte mit einer liebenden Frau und einem Versprechen. Die junge Nawal verliebt sich mitten im Bürgerkrieg und wird schwanger. Von ihrer Familie wird sie gezwungen, sich von ihrem ersten, aus Liebe entstandenen Kind und dessen Vater zu trennen, um es später bitter zu bereuen.

Verbrennungen-Landestheater SChwaben, Memmingen, 24.04.2017

Doch bevor sie ihre Familie verlässt und sich auf die Suche nach ihrem Kind begibt, entreißt ihre sterbende Großmutter ihr ein Versprechen: Lesen und Schreiben zu lernen, um den endlosen Faden von Rache, Hass und Vergeltung, der den Krieg befeuert, zu durchbrechen und dem Wahnsinn Vernunft entgegenzustellen.

Auf der Suche nach dem tot geglaubten Vater erfahren wir zusammen mit der heute studierten Mathematikerin Jeanne, über deren Mutter Nawal, die auf der Suche nach ihrem ersten Kind die Schrecken des Krieges kennenlernt und letztlich als politische Aktivistin im Gefängnis landete.

In einem Gefängnis, in dem Frauen keine Namen hatten und jahrelang von einem, den sie nur den Henker nannten, geschändet, vergewaltigt und gefoltert wurden, während all die durch Vergewaltigung entstandenen Kinder in einem Fluss „entsorgt“ wurden. Fast alle.

Auf der Suche nach einem älteren Bruder, von dem er bis dahin nichts wusste, lernen wir zusammen mit Zwillingsbruder Simon einen abgehärteten, durch den Krieg verrohten, kalten und gewissenlosen jungen Mann kennen, der zuerst als Heckenschütze, dann in einem Gefängnis arbeitete als Aufseher, und nur Der Henker genannt wurde…

Verbrennungen-Landestheater SChwaben, Memmingen, 24.04.2017

Fassungslos stehen wir am Ende zusammen mit den beiden Zwillingsgeschwistern der gleichen Person gegenüber und damit der Wahrheit ihrer Herkunft, die wie ein dunkler Nebel den Atem nimmt.

Umso mehr treffen die Worte der Mutter aus einem der Briefe mitten ins Herz, die einst ihrem ersten Kind ewige Liebe schwor: „Wo Liebe ist, kann Hass nicht sein, deshalb schwieg ich.“ Worte mit einer Wucht, die selbst den scheinbar gewissenlosen, kalten und Verrohten in die Knie zwingen.

Unterstützt durch ein eindrückliches und technisch ausgeklügeltes Bühnenbild, das mit Lichtlinien und Raumtiefe spielt und durch Projektionen Ebenen und Umgebung erzeugt, inszenierte Intendantin Kathrin Mädler mit dem Familiendrama VERBRENNUNGEN von Wajdi Mouawad ein meisterhaft verdichtetes Stück: Aus erzählerischen Perspektiven entstehen Erlebnisperspektiven, so hautnah ist die Berührung mit den unterschiedlichen Erlebniswelten der einzelnen Charaktere.

Gleichzeitig werden hier inhaltliche und emotionale Ebenen erschreckender und aufwühlender Realitäten derart eng miteinander verknüpft, dass Zeit verschmilzt, und sich die Sicht auf das verdichtet, was Kriege über Generationen hinweg anrichten, und nur Vernunft, angetrieben von der Kraft von Liebe, Mut und Hoffnung zu durchbrechen vermag.

Sicher trugen alle beteiligten Schauspieler zu einer sehr gelungenen Umsetzung des Stückes bei, doch ein besonders Lob von unserer Seite gilt Claudia Frost, die die Aussagekraft der Mutter über alle zeitlichen Etappen hinweg sehr überzeugend verkörperte.

Details zum Stück

VERBRENNUNGEN ist ein Drama von Wajdi Mouawad, Frankokanadier und selbst vor dem Bürgerkrieg im Libanon geflohen. In seinem Familiendrama VERBRENNUNGEN erzählt er von den Grausamkeiten und Verletzungen durch Kriege, aber ebenso von Hoffnung, Mut und der erstaunlichen Kraft der Liebe.

In den letzten Jahren auf zahlreichen deutschen Bühnen gespielt, bleibt das Stück angesichts andauernder Bürgerkriege und Flüchtlingsströme von trauriger Aktualität.

Inszenierung: Kathrin Mädler – Bühne & Kostüme: Frank Albert – Dramaturgie: Anne Verena Freybott.

Besetzung: Claudia Frost – Miriam Haltmeier – Regina Vogel – Jan Arne Looss – Christian Bojidar Müller – Rudy Orlovius – Fridtjof Stolzenwald – André Stuchlik.

Weitere Vorstellungstermine finden Sie auf www.landestheater-schwaben.de/spielplan.

Fotos: © Karl Forster.

Ein paar mehr Fotos vom Stück auf unserer Facebookseite.

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