Der Freiheitsweg – „Überall barrierefrei“ in unsere Geschichte eintauchen

24. Mai 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Das Stadtmuseum Memmingen hat viele Hürden: Stufen am Eingang, viele Treppen und keinen Lift. Mit der Aktion „Überall barrierefrei“, Teil des Projektes Zeitmaschine Freiheit, wird das Stadtmuseum barrierefrei in die Stadt gebracht. Die Aktion möchte die Stadtgeschichte mit Ausstellungsstücken an deren Ursprung zurückzubringen und für alle Menschen zugänglich machen. Daraus wurden 3 Wege entworfen: Der Freiheitsweg, die Lieblingsorte und die Lieblingswahrzeichen der Stadt.

Heute sind wir auf dem „Freiheitsweg“ unterwegs, der in 12 Stationen mehr über die 12 Memminger Bauernartikel und die Freiheitsgeschichte der Stadt erklärt. In einfacher Sprache, um weitere Barrieren abzubauen, wird in diesem Inklusionsprojekt des Stadtmuseums Memmingen, im Rahmen des Projekts Zeitmaschine Freiheit den Besuchern ermöglicht, an 12 Orten innerhalb der Stadt der eigenen Geschichte ein Stück näherzukommen.

Überall barrierefrei-Zeitmaschine Freiheit, Memmingen, 23.05.2017

12 Stationen zum Thema Freiheit

Die 12 Stationen des Freiheitsweges führen jeweils mit einer geschichtlichen Bedeutung zum Thema Freiheit ausgehend vom Hexenturm vorbei am Rathaus, dem Hermansbau (Stadtmuseum), dem Martin-Luther-Platz, dem Antonierhaus, dem Schappelerhaus, dem Lotzerhaus, Weber am Bach, der Kramerzunft, dem Freiheitsbrunnen, dem Theater (Landestheater Schwaben) bis letztlich zum Schrannenplatz.

Begrüßt werden wir dabei an der ersten Station, dem Hexenturm, von Margareta Böckh, der zweiten Bürgermeisterin der Stadt Memmingen, die uns gleich einmal vor Augen führt, dass wohl alle Rothaarigen Frauen unter uns damals in diesem Turm gelandet wären, sie und die neben ihr stehende Stadträtin Petra Beer inklusive.

Neben allen an der Aktion beteiligten wie Dr. Hans-Wolfgang Bayer, Leiter des Kulturamts, Ute Perlitz, Leiterin des Stadtmuseums, Regina Gropper, Projektleitung des Projekts Zeitmaschine Freiheit, Anna Karrer, Behindertenbeauftragte der Stadt Memmingen, begrüßte Margareta Böckh Mitarbeiter der Unterallgäuer Werkstätten, die die „Lieblingsorte“ und die „Lieblingswahrzeichen“ ausgesucht haben und die Führungen am 20. Und 22. Juni machen werden.

Die Unterallgäuer Werkstätten fertigten unter Werkstattleiter Gerhardt Pohl auch die begleitenden Vitrinen, die Reinhard Blank für den Freiheitsweg entworfen hat und jeweils an den entsprechenden 12 Orten themenbezogene Ausstellungsstücke bereithalten.

Sehr anschaulich erklärte Regina Gropper auf unserem Weg der 12 Stationen zusammen mit Ute Perlitz (Stadtmuseum), was es jeweils mit den gewählten Orten auf sich hat und welchen Bezug diese Orte zum Thema Freiheit haben.

Überblick über die 12 Stationen des Freiheitsweges

So symbolisiert der Hexenturm als erste Station gleich einmal das Gegenteil von Freiheit: Als einer von ehemals drei Gefängnistürmen barg er neben als „Hexen“ angeklagte Frauen auch andere Gefangene und symbolisiert somit Unfreiheit.

Im nahe gelegenen Rathaus wurde um die 12 Artikel gestritten und etwa die Bezahlung der Bauern, wie auch tief verankerte Glaubensgegensätze geregelt. Zudem ist das Rathaus ein wichtiger Zeitzeuge der geschichtlichen Entwicklung der Stadt.

Der Hermansbau, der heute das Stadtmuseum birgt, steht als Symbol für die Vertreibungen und die Geschichte nach dem 2. Weltkrieg.

Überall barrierefrei-Zeitmaschine Freiheit, Memmingen, 23.05.2017

Am Martin-Luther-Platz erfahren wir, dass dieser in der Zeit der Reformation zum religiösen Zentrum wurde und das Wahrzeichen der „Heiligen Hildegard“ eigentlich ein Portrait vom jungen, schönen Kaiser Konradin war. Vor allem aber lebte der Reformator Schappeler am Martin-Luther-Platz.

Der Antoniterorden hingegen kümmerte sich um kranke Menschen und zählt zu den ersten spezialisierten Krankenhäusern, denn vor allem wurde hier die damals stark verbreitete Krankheit behandelt, die durch das sog. „Mutterkorn“ ausgelöst wurde und wegen ihrer schrecklichen Symptome früher auch „Antoniusfeuer“ genannt wurde.

Das Schappelerhaus, in dem einst der Reformator Christoph Schappeler wohnte, steht als starkes Symbol für die Reformation und die Herausstellung des sozialen Gedankens der Bibel.

Sebastian Lotzer, vor dessen einstigem Haus wir nun stehen, hatte Christoph Schappeler unterstützt und die Bundesordnung mit vorangebracht. In diesem Haus fand einst die verfassungsgebende Versammlung für die 12 Artikel statt. Sebastian Lotzer verfasste die fünf reformatorischen Schriften und formulierte 1525 die 12 Memminger Artikel.

„Weber am Bach“ hat ebenfalls eine lange Geschichte: 1320 das erste Mal erwähnt, wurde dort noch nicht Wein, sondern Bildung geschenkt, denn es war einst eine Schule für Latein. Später, um 1570, wurde ein Almosenkasten für die Armen am Haus angebracht: Man teilte Geld und Brot und vielleicht auch Wein schon aus.

Über die Kramerzunft erzählt der Weinmarkt: Verschiedene Handwerke und Berufsgruppen schlossen sich zu Zünften zusammen, die Kramer waren die damaligen Händler. Die Vitrine dort wurde mit einem Foto der Zunfttruhe und weiteren geschichtlichen Gegenständen bestückt, die die Zünfte repräsentieren.

Überall barrierefrei-Zeitmaschine Freiheit, Memmingen, 23.05.2017

Am Freiheitsbrunnen in der Mitte des Weinmarktes wurden im Sockel des Brunnens die 12 Artikel in verständlicher Sprache mit jeweils einem Tableau verewigt.

Das Theater in Memmingen entstand im ehemaligen Zeughaus, d.h. dem Waffenarsenal, zum dem das Gebäude des ehemaligen Elsbethenklosters entfremdet wurde, welches bereits zu Beginn der Reformation aufgelöst wurde. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde es zum Theater ausgebaut, welches heute als Landestheater Schwaben eine hohe kulturelle Bedeutung hat und die Freiheit sowohl im Sinne von künstlerischer Freiheit, als auch im Sinne von kritischer Auseinandersetzung mit relevanten Zeitthemen wiederspiegelt.

An der Schranne, bzw. dem Schrannenplatz als unserer letzten Station begegnen wir einerseits der Gerberzunft, andererseits der historischen Bedeutung des „Gasthaus zum Löwen“. In diesem Gasthaus traf sich einst die sog. Freitagsgesellschaft, um über kritische Themen zu diskutieren und Vorträgen von Gelehrten zu lauschen.

Auch aus Sicht von Kulturamtsleiter Dr. Bayer eine tolle Aktion, die das Thema Freiheit in unserer Stadt der Menschenrechte, in der allgemeine Grundsätze für menschliches Zusammenleben definiert wurden, berührbar und zugänglich macht. Hier auch im Sinne von Freiheit des Zuganges, solle uns die Aktion daran erinnern, dass Barrierefreiheit als täglicher Auftrag zu verstehen ist und Kultur allen zugänglich gemacht werden sollte.

Überall barrierefrei-Zeitmaschine Freiheit, Memmingen, 23.05.2017

Info

Den Flyer mit Karte zum Selbsterkunden des Freiheitsweges gibt es im Stadtmuseum Memmingen und in der Stadtinfo Memmingen (Marktplatz).

Das Projekt Zeitmaschine Freiheit wird gefördert im Fonds Stadtgefährten der Kulturstiftung des Bundes.

Die Stadtführungen „Lieblingswahrzeichen“ am 20. Juni und „Lieblingsorte“ am 22.Juni, jeweils um 13.30 mit Treffpunkt am Hexenturm, können gebucht werden über: rg@zeitmaschine-stadtmuseum-mm.de.

Fotos:
Bild 1: Am Hexenturm: Margareta Böckh begrüßt die Besucherinnen und Besucher: Li. neben ihr: Regina Gropper (Projektleitung des Projekts Zeitmaschine Freiheit), Dr. Hans-Wolfgang Bayer (Leiter des Kulturamts), hinter ihr: Ute Perlitz, Leiterin des Stadtmuseums. Re. neben der Bürgermeisterin: Stadträtin Petra Beer und Anna Karrer (Behindertenbeauftragte der Stadt Memmingen).
Bilder 2-4: weitere Stationen des Freiheitsweges.
Fotos aus eigener Quelle.

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