Der Memminger Tag der Pflege – Aufgaben und Aussichten in der Pflege

26. Mai 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Der Memminger Landtagsabgeordnete Klaus Holetschek hatte gemeinsam mit seinen beiden Bundestagskollegen Dr. Georg Nüßlein und Stephan Stracke zum „Memminger Tag der Pflege“ am vergangenen Dienstag ins Pavillon des Altenheims St. Ulrich in Memmingen eigeladen. Gemeinsam mit dem Patienten- und Pflegebeauftragen der Bayerischen Staatsregierung, Hermann Imhof drehte sich das Gespräch unter anderem über die Situation der pflegenden Angehörigen,

aber auch über das Thema Pflegekräftemangel und darüber, welche Aufgaben in der Pflege künftig angegangen werden müssen.

Ohne die Pflege von Angehörigen ist die Pflege schon heute nicht möglich

Veronika Schraut, Professorin für Pflege und Rehabilitation an der Hochschule Kempten sensibilisierte mit einigen Fakten für die Dringlichkeit, den Bereich der Pflege zu stärken und sich auf eine arbeitsintensive Zukunft vorzubereiten:

Wenn heute 2,5 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig sind, von denen 70 % von Angehörigen gepflegt werden, werden es im Jahr 2060 fast doppelt so viel sein. Ohne die Pflege der Angehörigen wäre somit eine Pflegeversorgung von alten und pflegebedürftigen Menschen nicht möglich, betonte die Professorin.

Tag der Pflege Memmingen, 23.05.2017

Die veränderten Familienformen zusammen mit weiter steigender Lebenserwartung stelle die Gesellschaft vor schwieriger und anspruchsvollere Versorgungsformen, so Veronika Schraut. Vor allem die zusätzlichen Erkrankungen bei zunehmendem Alter (Multimorbidität) und die Begleiterscheinungen bzw. Wechselwirkungen medikamentöser Behandlungen dieser zusätzlichen Erkrankungen (Polypharmazie) führe zu mehr Pflegebedarf. Zudem würden die unterschiedlichen Versorgungsbedarfe komplexer und verlangen nach einer stärker qualifizierten Pflege.

Daher sei es sehr wichtig, pflegende Angehörige mit professionellen Anlaufstellen zu unterstützen. Gerade der Umgang mit altersbedingten Krankheiten wie etwa Demenz würde erleichtert, wenn mehr Wissen über die Krankheit vermittelt und Hilfestellungen im Umgang damit gegeben würden, so die Spezialistin für Pflege und Rehabilitation.

Sie ist der Ansicht, dass die Pflege weg gehen müsse von der reinen Verrichtungsorientiertheit und hin zu Bedarfsorientiertheit. Dabei sei eine Qualitätssteigerung ebenso notwendig wie eine Steigerung der Attraktivität der Pflegeberufe, in denen auch eine berufliche Entwicklung ermöglicht werden solle.

Zudem fordert die Professorin einheitliche Berufsabschlüsse und ist der Meinung, eine einheitliche Finanzierung ohne Schulgeld müsse in diesem Bereich ermöglicht werden.

Politische Rahmenbedingungen für die Pflege der Zukunft

Die Frage, die aus politischer Sicht über all dem stand, formulierte Landtagsabgeordnete Klaus Holetschek zuvor in seiner einführenden Begrüßung: „Was können wir tun, um geeignete politische Rahmenbedingungen zu schaffen, um uns auf die großen Herausforderungen in der Pflege vorzubereiten, die in Hinsicht auf die demografische Entwicklung auf uns zukommen?“

Information und Kommunikation seinen hier ebenso wichtig wie die Gewährleistung von Kurzzeitpflegekräften: Viele pflegende Angehörige seien sich nicht über die Hilfen bewusst, die sie in Anspruch nehmen könnten, da es zwar eine Vielzahl an Hilfsdiensten gebe, es jedoch schwierig sei für die Betroffenen, die geeigneten Stellen zu identifizieren, so Klaus Holetschek, der mehr Kommunikation der Hilfsdienste untereinander anregt und mehr Aufklärung für die Betroffenen fordert.

Zudem möchte sich der Landtagsabgeordnete verstärkt dafür einsetzen, dass die Bürokratie rund um das Thema Pflege stark zurückgefahren wird, die zwar einerseits den Pflegekräften durch entsprechende Nachweise ihrer Arbeit in ihrer Verantwortlichkeit helfen soll, andererseits jedoch die Betroffenen oft zur Verzweiflung bringe und zur Folge habe, dass existierende Hilfs- bzw. Pflege-Angebote nicht beim Betroffenen ankommen.

Pflegende Angehörige seien wahre Helden unseres Alltags, betonte Klaus Holetschek, und die gelte es zu unterstützen und in ihrer Leistung für die Allgemeinheit mehr anzuerkennen.

Tag der Pflege Memmingen, 23.05.2017

Pflege ist ein Stück Sozialstaat

In seinem Impulsreferat sprach der Patienten- und Pflegebeauftrage der Bayerischen Staatsregierung Herman Imhof zum Thema „Eine Gesellschaft der Zukunft braucht eine Pflege und pflegende Angehörige mit Zukunft“.

Die neuen Pflegestärkungsgesetze seien ein erster Schritt in die richtige Richtung gewesen, so Herman Imhof, die nächste wichtige Frage aber sei, wie man diese umsetze.

Pflege sei ein Stück Sozialstaat, „in Würde alt zu werden“ sei ein ernst zu nehmendes und wichtiges Anliegen der Menschen und es wäre fatal, jetzt nicht die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen, um dies zu gewährleisten, betonte der bayerische Patienten- und Pflegebeauftrage.

Eines der großen Probleme, die sich bereits heute abzeichnen, sei der Mangel an Pflegepersonal und die daraus resultierende Überforderung der existierenden Pflegekräfte. Der Personalschlüssel in der Pflege sei in Deutschland zwar vergleichsweise hoch, reiche jedoch schon heute bei weitem nicht aus.

Dem soll ein Pflegestellenförderprogramm nun Abhilfe schaffen. Zudem sei ein flächendeckender Tarifvertrag nötig, der die großen Unterschiede in der Entlohnung zwischen wirtschaftlichen und pflegenden Berufen abschwäche und Pflegeberufe auch finanziell attraktiver mache, so Herman Imhof.

Vor allem müssen pflegende Angehörige gestärkt und unterstützt werden, betone auch Herman Imhof und schlägt vor, mehr Verantwortung auch an die Kommunen zu übertragen.

Zudem gebe es großen Handlungsbedarf in der Kurzzeitpflege, die das Gesetz zwar als Entlastung von pflegenden Angehörigen etwa zur eigenen Erholung, für Urlaub oder ähnliches vorsieht, den Bedarf jedoch momentan nicht in der Lage ist abzudecken.

„Das darf nicht sein!“ betont Herman Imhof. Es müsse ermöglicht werden, innerhalb von idealerweise 24 Stunden Unterstützung durch ambulante oder auch stationäre Kurzzeitpflegeeinrichtungen zu erhalten.

„Städte und Kommunen müssten hier zusammen mit dem Bund, den Krankenkassen und den Kostenträgern ins Boot geholt werden, um gemeinsam Lösungen zu finden“, fordert Herman Imhof und schließt sein Impulsreferat ab mit einer offenen Frage an uns alle: „Was ist uns humane Pflege wert?“

Tag der Pflege Memmingen, 23.05.2017

Offene Gesprächsrunde

Interessierte, Pflegekräfte, pflegende Angehörige und Betroffene waren im Anschluss unter BR-Moderator Christoph Scheule eingeladen, sich aktiv an der Podiumsdiskussion zu beteiligen mit MdL Klaus Holetschek, den Bundestagsabgeordneten Stephan Stracke und Dr. Georg Nüßlein, sowie dem bayerischen Patienten- und Pflegebeauftragen Hermann Imhof, der Professorin für Pflege und Rehabilitation Veronika Schraut, dem Chef des Altenheims St.Ulrich Albert Madlener, Irene Richter (Diakonie Memmingen), Pflegeberater der AOK Memmingen Achim Kunz und stv. Geschäftsführerin des MDK bayern (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung in Bayern) Dr. Ottilie Randzio.

Ausbildung und Attraktivität von Pflegeberufen

Ein Altenpfleger aus Bad Wörishofen forderte mehr Werbemaßnahmen für die Pflegeberufe und vor allem für junge Menschen die Möglichkeit, sich innerhalb von Pflegeberufen weiterqualifizieren zu können.

Herman Imhof ist sich sicher, dass es vor allem in der Ausbildung einen Schub geben wird, wenn ein generalistisches Ausbildungsprinzip zum Greifen kommt, während Dr. Ottilie Randzio dafür plädiert, dass Pflegekräfte tariflich bezahlt werden. Ihrer Meinung nach müsste jedoch gleichzeitig bei der Auswahl an geeigneten Pflegekräften bereits bei der Ausbildung angesetzt werden.

Stephan Stracke, gesundheitspolitischer Sprecher der CSU im deutschen Bundestag plädierte bei diesem Thema dafür, gesetzliche Änderungen vorzunehmen und Tariflöhne anzuerkennen, denn es gehe tatsächlich nicht an, dass Altenpflege schlechter bezahlt werde als andere Berufe mit vergleichbarer Ausbildungsdauer.

Für Prof. Veronika Schraut gibt es Bedarf an mehr Qualifikation in den Pflegeberufen und auch an akademisch ausgebildeten Pflegekräften, was gerade für Jugendliche ein zusätzlicher Anreiz sein könnte.

Stefan Stracke warnt in diesem Zusammenhang vor einer Akademisierung von Pflegeberufen: Um die Management Qualität zu verbessern seien auch akademische Ausbildungen in diesem Bereich sicher sinnvoll, „aber glauben Sie nicht, dass die akademische Kraft dann am Patientenbett stehen wird.“

Zu viel Bürokratie

Auch wenn ein weiterer Teilnehmer sich positiv über den Ausgang seiner Anträge in Sachen Unterstützung bei häuslicher Pflege äußerte, kamen doch überwiegend Klagen von Seiten der Teilnehmer und pflegenden Angehörigen über eine zu komplizierte und zeitraubende Bürokratie: Gegen abgelehnte Anträge müsse man meist über Wiedersprüche gehen und oftmals führe dies zu Resignation, und gleichzeitig auch zur Überforderung der pflegenden Antragsteller.

Eine weitere Pflegekraft aus Mindelheim beklagte sich, dass die Dokumentationsaufgaben ein solches Ausmaß angenommen hätten, dass man als Pflegender kaum mehr an den Patienten herankäme.

Bezeichnend, dass gerade diese Einwände Beifall von Seiten der anwesenden Pflegekräfte und Betroffenen ernteten.

Tag der Pflege Memmingen, 23.05.2017

Angehörige Pflegende

Zum Thema Pflege durch Angehörige hob Irene Richter (Diakonie Memmingen) hervor, wieviel Liebe, Empathie und Zuwendung in der Pflege stecke. Gleichzeitig würde jedoch die emotionale Bindung bei angehörigen Pflegenden zu einer großen emotionalen Belastung führen. Daher könne man nicht grundsätzlich sagen, dass die Pflege von Angehörigen besser sei als die von ausgebildeten Pflegern.

Klaus Holetschek betonte hier noch einmal, dass pflegende Angehörige durch Kurzzeitpflege entlastet werden müssten. Das Land müsse hier Anreize schaffen und sich die Frage stellen: Was brauchen pflegende Angehörige?

Auf der Suche nach Lösungswegen für eine funktionierende Pflegeversorgung wurde gerade zum Thema Seniorenheime auch die Möglichkeit diskutiert, ob und wie gerade Seniorenheime auch ein Stück weit wirtschaftlich arbeiten können, ohne die Pflege dabei zu vernachlässigen. Ein interessantes, modellhaftes Beispiel dafür nannte Albert Madlener: Der Maria-Martha-Stift in Lindau sei nicht nur sehr attraktiv für die Gäste wie auch gleichzeitig für die Pflegekräfte, sondern schriebe zudem schwarze Zahlen, trage sich demnach also auch ein Stück weit selbst.

Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Dr. Georg Nüßlein begrüßte, dass die Diskussion hier tatsächlich um den Menschen gehe, wo sie in Berlin oft ohne die Menschen geführt werde. Pflegeberufe leben von Empathie ebenso wie von Fachlichkeit, betonte er.

Um mehr Personal für die Altenpflege zu gewinnen und die Pflegeberufe wieder attraktiver zu machen hatte sich Dr. Nüßlein beim Thema Ausbildung gegen eine generalistische und damit dafür eingesetzt, den Einzelabschluss in der Krankenpflege abzuschaffen.

In den Pflegeschulen beginnt die Ausbildung somit mit einer zweijährigen generalistischen Pflegeausbildung und nach zwei Jahren entscheiden die Auszubildenden dann, ob sie im dritten Jahr die allgemeine Ausbildung mit einem bestimmten Schwerpunkt fortsetzen oder im Bereich der Kinderkranken- oder der Altenpflege den klassischen Abschluss wählen. Fachkräfte mit der generalistischen Ausbildung, die dann einen Schwerpunkt in der Kranken-, Alten- oder Kinderkrankenpflege haben, sollen damit künftig in allen drei Berufsfeldern einsetzbar sein.

Die Akademisierung von Pflegeberufen sieht auch er – abgesehen von speziellen Segmenten – für den falschen Ansatz.

Ein großes Thema mit vielen Lösungsansätzen. Fakt bleibt, dass es ohne pflegende Angehörige auch weiterhin nicht gehen wird und dass diese jede mögliche Unterstützung verdient haben und auch brauchen werden, darüber waren sich alle einig.

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