Ein starkes Stück über den GLAUBEN

6. Juni 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Ein weiteres „Piece of Art“ feierte am Landestheater Schwaben am vergangenen Samstag Premiere. Mit GLAUBEN inszenierte Ana Zirner aus Fragmenten zum Thema Glauben ein meisterhaftes, gleichzeitig ein sehr persönliches Bühnenstück, das unterstützt durch ein mystisches Bühnenbild von Cäcilia Verweyen und ausdrucksstarkem Lichtdesign von Rainer Ludwig, dem Thema Glauben eine andere Dimension zu verleihen vermag.

Wir blicken auf ein geheimnisvolles Gebilde, das an eine Pyramide erinnert. Aus verschiedenfarbigen Glasscheiben zusammengesetzt und mit Durchgängen versehen ist es transparent und färbt die drei Akteure in verschiedene Farben. Es spiegelt Fragmente der Personen wieder – mal verzerrt, mal klar – und lässt Räume offen, lässt Übergänge zu.

GLAUBEN, Landestheater Schwaben, Memmingen, 03.06.2017

„Man sollte meinen, dass der Mensch aus seinem Glauben heraus handelt“, hören wir eine der drei Personen sagen. „Doch der Mensch handelt vor allem aus seinen Zweifeln heraus. Glaube braucht keine Aktion, Zweifel schon.“

So beginnt das Theaterstück GLAUBEN im Studio des Landestheater Schwaben, durch das uns drei Charaktere führen: Eine Frau, die über den jüdischen Glauben spricht, ein Mann, der aus dem islamischen Glauben erzählt und ein weiterer Mann, der laut über den christlichen Glauben nachdenkt.

Die drei scheinen aus ihrem Leben zu erzählen, sprechen in scheinbar unabhängigen Sprachfolgen von ihren religiösen Vorstellungen, stellen offene Fragen, sprechen von ihren Überzeugungen, von Werten, von Gott und der Welt und dem Menschen. Dem Menschen, der zwischen Himmel und Erde steht – gleich und doch so unterschiedlich, auch aufgrund seiner religiösen Erziehung, seinem kulturellen Umfeld und dem daraus entstandenen Wertesystem.

GLAUBEN, Landestheater Schwaben, Memmingen, 03.06.2017

In Wirklichkeit wurden all die gesprochenen Fragmente gesammelt: Das Künstlerkollektiv satellit produktion machte sich in Memmingen und Umgebung auf die Suche nach persönlichen Glaubenserlebnissen oder -bekenntnissen und sammelte unzählige persönliche Aussagen, Fragen und Vorstellungen von Menschen wie Du und ich.

Von Ana Zirner inszeniert, choreografiert von David Russo und dramaturgisch aufgearbeitet von Martina Missel, setzt dieses ebenso ausdrucksstarke wie sensible Stück all diese Fragmente zu einem ebenso politischen, wie auch persönlichen Theatererlebnis zusammen, über das wieder so heftig diskutierte Thema GLAUBEN.

Die Gedanken und Erzählfragmente der drei Akteure bringen uns immer tiefer hinein in die Glaubens- und Vorstellungswelten hauptsächlich dreier verschiedener Glaubensrichtungen.

Doch auch die unterschiedlichen „Lager“, die sich innerhalb von einem Glauben entwickelt haben kommen hier auf den Tisch: „Ich bin in Israel aufgewachsen. Auf der einen Seite der Straße lebten die orthodoxen Juden, auf der anderen die eher liberalen Juden. Und ich fragte mich immer, ob ich auf der falschen Straßenseite aufgewachsen bin.“

GLAUBEN, Landestheater Schwaben, Memmingen, 03.06.2017

Dennoch entwickeln sich die Gedanken gleichwertig und die verschiedenen Gedankenwelten entfalten sich parallel, ohne eine im Besonderen hervorzuheben.

„Gott ist nicht weit weg, er ist hier. Jetzt.“

„Wenn Du betest, bist Du in Kontakt mit dieser Kraft.“ – „Sechsmal am Tag beten.“ – „Wir kriegen alles, was wir wollen, wenn wir darum beten, darum bitten, und Bitten geht nur neutral.“ – „Oder muss ich aktiv sein? Und fünfmal am Tag beten?“ – „Ich kann alles so machen, wie es vorgeschrieben wird, und trotzdem ein schlechter Mensch sein.“

Manchmal scheinen Aussagen Antworten zu sein auf eine Frage, die ein anderer stellte, dennoch stehen die Aussagen für sich.

Die Rolle der Frau im Koran – im Christentum – im Judentum.

„Muss die Heilige Schrift beim Wort genommen werden?“ – „Muss der Koran nicht im Kontext der Zeit verstanden werden?“ – „Warum DER Heilige Geist? Warum nicht drei oder fünf?“ – „Er kam allein.“ – „War er allein?“

„Sünde, Beichte, Absolution.“

„Wann haben Terroristen den Glauben verloren? Wann haben sie die Suche nach dem guten Grund aufgegeben?“

„Alles ist beseelt: Hund, Katze, Erde, Blume.“ – „Verbundenheit.“

Symbole, Glaube, Aberglaube…

Ein inhaltliches Stichwort eines Akteurs findet eine thematische Resonanz in den beiden anderen Akteuren. Jede einzelne Anschauung dieser drei Seiten scheint in sich ebenso schlüssig wie offen zu sein. Und umso mehr wir uns als Zuschauer aus der Eindimensionalität heraus auf die verschiedenen, persönlichen Erlebniswelten, Anschauungen und Fragen einlassen, umso mehr relativiert sich die Frage nach dem „richtigen“ Glauben.

GLAUBEN, Landestheater Schwaben, Memmingen, 03.06.2017

Und letztlich fragt man sich als Zuschauer, ob sich diese drei Charaktere eher widersprechen, oder ob die jeweils drei Seiten nicht vielmehr ein einziges, ganzes Gebilde ergeben, das nur als ein harmonisches Gesamtkonstrukt wirklich Sinn macht, das nur zusammen einen Raum für alle Menschen schafft, in dem sich alle bewegen können, egal, woran sie glauben – wie die verschiedenfarbige, transparente Pyramide, um die und in der sich die Akteure das gesamte Stück über bewegen.

Prädikat: sehr empfehlenswert!

Fotos: aus eigener Quelle.

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