VORHAUT – eine irrwitzige Realsatire

8. Juni 2017 von Christine Hassler - Keine Kommentare

Die letzte Premiere der diesjährigen Spielzeit am Landestheater Schwaben im großen Haus wurde am vergangenen Samstag mit der furiosen Komödie VORHAUT gefeiert. Auch hier dreht sich alles um das Thema Religionen, vor allem vor dem Hintergrund multikultureller Gesellschaften. Bei dieser irrwitzigen und schrägen Komödie von Necati Öziri, Miraz Bezar und Tunçay Kulaoğlu wird jedoch dem ernsten Thema die tragische Spitze mit viel Witz und Ironie Wort für Wort abgefeilt.

Es ist sicher nicht einfach, über dieses heiß diskutierte Thema ein wahrhaft witziges Stück zu schreiben und zudem so zu inszenieren (Inszenierung: Peter Kesten), dass man als Zuschauer auch über Dinge lauthals lachen kann, die eigentlich eher tragisch sind (Dramaturgie: Anne Verena Freybott). Aber genau das ist ja die Kunst.

VORHAUT, Landestheater Schwaben, 04.06.2017

Über der Bühne prangt ein riesiges Schild mit der Aufschrift „Um Gottes Willen!“ und bei noch abgedämmtem Licht gleich zu Beginn werden wir von der Stimme einer Frau, die an den Crew Manager eines Flugzeuges erinnert, gleich einmal vorgewarnt:

„Der Kapitän und die Mitglieder der Crew heißen unsere Gäste auf diesem Höhenflug herzlich willkommen. Wir möchten unsere Gäste darauf hinweisen, dass religiöse Inhalte in dem nachfolgenden Stück ausschließlich und willentlich verzerrt, verunglimpft, überspitzt und humoristisch überarbeitet wiedergegeben werden. Wir bitten unsere Gäste daher um Entschuldigung, falls wir irgendeine ethnische Gruppierung, oder jedwede gesellschaftliche oder religiöse Minderheit oder Mehrheit nicht diskriminiert haben sollten…“ (Wortlaut in etwa wiedergegeben).

VORHAUT, Landestheater Schwaben, 04.06.2017

Wir befinden uns auf einer Station in einem Krankenhaus. Von Schwester Schwenzer und Oberärztin Tarak erfahren wir, dass es sich um eine Entbindungsstation handelt. Zeitpunkt des Geschehens: die Silvesternacht.

Schwester Schwenzer und Oberärztin Tarak haben in der ruhigen Station gerade den ersten Sekt geköpft, als sich doch noch ein neuer Erdenbürger im alten Jahr ankündigt und mit ihm eine grellbunt religiös gemischte Familie im Schlepptau.

In irrwitzigen Dialogen, durchwürzt mit „musicalischen“ Gesangsstücken lernen wir die Familie kennen: Allen voran die hochschwangere Ela Bülükoğlu, die türkischer Abstammung ist und nicht auf den Armen ihres Mannes, sondern denen ihres Bruders Abraham in die Klinik getragen wird, der gerade zum Judentum konvertiert ist, was gleich einmal ordentlich für Verwirrung sorgt.

VORHAUT, Landestheater Schwaben, 04.06.2017

Es folgen ihre dominante Mutter Elif, die eine Reisetasche voll gefüllter Weinblätter mitbringt, mit denen sie bereits die ganze familie großgezogen hat und ständig mit der Familie in Anatolien skypt. Der Schwager Mohamed, der offiziell das Patriarchat hochhält, aber dabei ist, den ersten Christopher-Street-Day in Ramallah zu organisieren. Und nicht zuletzt der Klinik-Clown, der sich als der Kindsvater Christian Eichmann aus Niederpierscheid entpuppt und sich als Vertreter einer Mehrheitsgesellschaft allmählich bedroht sieht.

Besonders, als sich herausstellt, dass seine Schwiegerfamilie die Beschneidung des Stammhalters beschlossen hat, in der Gewissheit, dass es ein Junge wird und die Papiere dafür versehentlich im Tumult bereits unterschrieben wurden.

Und los geht sie, die aufgeheizte Debatte um den drohenden Untergang des Abendlandes angesichts eines kleinen Stückchens (Vor-)Haut. Schamgrenzen und politische Korrektheiten werden geflissentlich umgangen, und zum guten Schluss stellt sich heraus, dass alle Diskussion umsonst war, weil sich diesmal Mutter Natur einen Scherz erlaubt hat.

VORHAUT, Landestheater Schwaben, 04.06.2017

VORHAUT vereint das Beste aus Boulevard, gesellschaftskritischer Farce, politisch absolut unkorrektem Kabarett und ist ein Konversationsstück, das die Entwicklungsschmerzen unserer multikulturellen Gesellschaft rückhaltlos durch die Mangel dreht.

Toll besetzt mit Anke Fonferek (Schwiegermutter), Claudia Frost (werdende Mutter), Elisabeth Hütter (Schwester Schwenzer), Christian Bojidar Müller (Bruder Abraham), Jens Schnarre (Kindsvater Christian Eichmann), Sandro Šutalo (Schwager Mohamed), und Regina Vogel (Oberärztin Tarak) ist VORHAUT grell, schräg und urkomisch. Zugleich ist es eine Realsatire, die kein Vorurteil, kein Klischee, und keine Pointe im Blick auf die Herausforderungen von offeneren Gesellschaftsformen auslässt.

Fotos:
Fotoquelle: © Forster.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kostenlosen Newsletter abonnieren!

Verpassen Sie keine neuen Termine, Stellenangebote und Kleinanzeigen mehr. Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter-Service noch heute!

Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtfeld)

Bitte beachten Sie die Datenschutzbestimmungen. Sie können den Newsletter in der Newsletter E-Mail abbestellen.